Kapitel 1

„Sie rannte die belebte Straße entlang. Sie lief nicht einfach so zum Spaß, sondern sie rannte um ihr Leben. Wie hatten sie sie nur gefunden? Ihr überdimensionaler Rucksack lastete schwer auf ihren Schultern. Ohne ihn währe sie natürlich schneller voran gekommen, aber darin befand sich immerhin ihr ganzes Leben, das warf man nicht einfach so weg. Ihre Lungen brannten und die Beine waren bleischwer. Lange konnte sie dieses Tempo nicht mehr...“ ein lautes Klopfen an der Zimmertür unterbrach mich. Ungehalten rief ich „Was ist?“
Meine Schwester Tammy steckte den Kopf herein „Robin, ich fahre dann jetzt zum Flughafen, A.J. abholen. Bitte vergiss das Essen nicht, ja?“ Genervt rollte ich mit den Augen. Wie hätte ich das vergessen können? Seit Tagen gab es kein anderes Thema mehr. Der neue Freund meiner Schwester kam uns besuchen und ihre größte Sorge schien dabei zu sein, daß das Essen rechtzeitig auf dem Tisch stand.
„Danke Tammy, das Du mich daran erinnerst. Wir haben das ja auch nicht die letzten zwei Wochen jeden Tag durchgekaut,“ entgegnete ich sarkastisch. Ich war einfach nicht gut drauf, wenn mich jemand beim Schreiben unterbrach.
Ein um Entschuldigung bittendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Tut mir leid, ich bin wohl übernervös,“ sie zuckte mit den Schultern und ich war schon wieder halb versöhnt. Es war wirklich eine große Sache für sie. A.J. der Übermensch, Musiker und Sexgott kam uns hier in diesem entlegenen Winkel der Welt besuchen und Tammy schwankte minütlich zwischen Vorfreude und Panik.
„Ist schon in Ordnung Große,“ sagte ich also in wesentlich sanfterem Ton „ich kümmere mich um das Essen und das der feine Herr es hier gemütlich hat. Aber jetzt mach das Du weg kommst, sonst verpaßt Du noch seine Ankunft.“ Erschrocken blickte sie auf die Uhr. Ich war mir ziemlich sicher, das sie das erst vor fünf Minuten getan hatte, aber momentan hatte sie wohl vor lauter Aufregung jegliches Zeitgefühl verloren. „Du hast recht, bin schon weg,“ sagte sie und mit einem letzten skeptischen Blick auf mich und den Computer schloß sie die Tür. Kurz darauf hörte ich die Haustür zuschlagen und Tammys Wagen starten. Zwei Minuten später herrschte wieder beruhigende Stille.
Mit einem leisen Seufzer legte ich meine Finger zurück auf die Tastatur und las noch einmal die letzten Worte, die ich geschrieben hatte. Mit Müh und Not beendete ich den letzten Satz und starrte dann frustriert auf den Bildschirm. Anstatt der Bilder von Sex und Crime entstanden vor meinem geistigen Auge Kopfsalat und Nudeln. Das war nicht fair! Doch ich wußte aus Erfahrung, das es jetzt keinen Sinn mehr hatte, weiter schreiben zu wollen. Manchmal erschreckte es mich, wie schnell meine Inspiration kam und ging. Im Moment war sie eindeutig gegangen und hatte auch nicht vor, in der nächsten Zeit zurück zu kehren. Also tat ich das einzig Vernünftige. Ich speicherte das gerade Geschriebene ab und schaltete den Computer aus.
Ich war noch nicht wirklich eine Größe in der Autorenzunft. Ich hatte einige Kurzgeschichten in diversen Magazinen veröffentlicht und letztes Jahr war tatsächlich ein Buch von mir erschienen, das aber nicht wirklich der Renner auf dem Markt war. Doch immerhin finanzierte es uns die erste Anzahlung für das kleine Häuschen, in das ich mit meiner Schwester vor einem halben Jahr eingezogen war.
Ansonsten sorgte Tammy dafür, das wir immer etwas im Kühlschrank hatten und die Raten für das Haus bezahlt wurden. Im Gegenzug kümmerte ich mich um den Haushalt, Einkaufen und was sonst noch so anfiel. Manchmal hatte ich trotzdem ein schlechtes Gewissen, doch Tammy beruhigte mich jedes Mal „Schreiben ist Deine Berufung,“ sagte sie immer „es hat doch keinen Sinn, Dich hinter irgendeinen Schreibtisch zu hocken. Du würdest vertrocknen wie die Pflanzen in unserem Garten. Ich pack das schon. Ich verdiene genug für uns beide und irgendwann, wenn Du der Star bist und ich die doofe ältere Schwester, kannst Du mir etwas davon zurück geben.“ Sie konnte wirklich sehr überzeugend sein.
Tammy arbeitete als Fotografin für ein Teeniemagazin und auf diesem Weg hatte sie auch A.J. kennen gelernt. Ich erinnere mich noch daran, wie sie an diesem Tag nach Hause kam. Ich sah sofort, das irgendetwas passiert sein mußte. Sie strahlte über das ganze Gesicht und lief den restlichen Abend summend durch die Gegend. Irgendwann ging mir ihre gute Laune tierisch auf den Wecker. Ich hing gerade mitten in meiner neuen Stroy fest und war entsprechend gefrustet. Da konnte ich dieses Geseusel einfach nicht ertragen. „Was?“ fragte ich dann schließlich genervt, als sie bestimmt zum hundersten Mal an der Couch vorbeilief, auf der ich mit meinem Laptop auf dem Schoß hockte. Sie drehte noch eine ziemlich dämlich wirkende Pirouette und lies sich dann neben mich fallen.
„Ich habe heute den Mann fürs Leben kennen gelernt,“ platze sie heraus. Scheinbar hatte sie nur darauf gewartet, das ich sie ansprach, denn die folgenden zehn Minuten redete sie ohne Punkt und Komma. So erfuhr ich, das sie die Backstreet Boys einen Tag lang bei ihrer Arbeit begleitet hatte. Sie hatte wohl Millionen von Fotos geschossen (hauptsächlich von IHM) und zum Schluß hatte A.J. sie auf einen Drink an der Hotelbar eingeladen. Sie schwärmte in den höchsten Tönen von ihm „er ist so warmherzig, ein bischen verrückt aber auch sehr sensibel. Er ist unglaublich witzig und aufmerksam...“ und so weiter und so fort. Ich gönnte es ihr. Natürlich. Ich hatte nur Angst, das sie malwieder enttäuscht wurde. Hörte man nicht immer, wie die Männer aus dem Showbizz mit ihren Frauen umgingen? Jeden Tag eine Andere, Hauptsache sie hatten ihren Spaß? Doch meine Befürchtungen schienen sich als unbegründet herauszustellen. Es folgten Wochen voller stundenlanger Telefonate, ab und zu ein kurzes Treffen, wenn er es zeitlich einrichten konnte und jetzt sollte er für eine ganze Woche hier her kommen. Ich hatte mich gefragt, warum Tammy nicht einfach zu ihm flog. Immerhin währen sie da sicher ungestört gewesen, aber Tammy meinte, es währe an der Zeit, das er und ich uns kennen lernten.
Wenn ich ehrlich war, war ich schon ziemlich neugierig auf den Burschen. Es kam ja nun auch nicht alle Tage vor, das ein Mitglied der Prominenz in unserer bescheidenen Hütte vorbei schaute. Doch ich befürchtete, das ich seine Erwartungen, die Tammy ohne Frage in ihm geweckt hatte, nicht erfüllen würde. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie meine Schwester von mir, der talentierten Schriftstellerin, geschwärmt hatte.
Rein äußerlich hätte man uns sicherlich niemals für Geschwister gehalten. Tammy war groß gewachsen, hatte eine sportliche Figur und eine lange, blonde Lockenmähne, für die manch andere Frau töten würde. Ich hingegen war fast einen Kopf kleiner als sie, hatte glatte, kupferrote Haare, die, wenn ich nicht mit Spülung und Haarkur daran arbeitete, mir wie Spaghetti ins Gesicht hingen. Das faszinierenste an mir, waren wohl meine Augen. Sie waren von einem tiefen Blau, das nicht so recht zu meiner Haarfarbe zu passen schien. Außerdem liebte ich meine feingliedrigen Hände. Tammy war zwei Jahre älter als ich, doch oft wirkte ich um einiges älter. Das lag wohl an meinen altklugen Sprüchen, Tammy nannte das „innere Weisheit“. Was auch immer sie damit meinte.
Wir hatten eigentlich schon immer ein gutes Verhältnis zueinander gehabt, doch als unsere Eltern vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kamen, kamen wir uns näher, als jemals einem anderen Menschen zuvor. Eine Zeit lang hatten wir Schwierigkeiten über die Runden zu kommen. Wir mußten uns erst daran gewöhnen, das niemand mehr da war, der sich um unsere Probleme, in welcher Art auch immer, kümmerte. Doch schließlich haben wir es wohl doch ganz gut hingekriegt und dieses Häuschen hier war der Schlußpunkt auf dem Weg in unsere Selbstständigkeit.
Ich stand von meinem Schreibtischstuhl auf und streckte mich. Meine Schultern waren mehr als verspannt, ein Zeichen dafür, das ich heute einen guten „Schreiber-Tag“ gehabt hatte. An einem schlechten Tag starrte ich einfach nur eine Ewigkeit auf den Bildschirm und hoffte auf eine Eingebung, die dann nicht kam. Dazwischen stand ich immer wieder auf, um mir etwas aus der Küche zu holen, eine neue CD herauszusuchen oder mich sonst irgendwie abzulenken. Keine Chance also für verspannte Schultern.
Ich lies meinen Blick über das CD-Regal wandern und mit geübtem Griff zog ich die Linkin Park CD hervor. Mit dieser und meinem Tabakbeutel bewaffnet machte ich mich auf den Weg, hinunter in die Küche. Es konnte wohl nicht schaden, rechtzeitig mit den Vorbereitungen anzufangen.
Nachdem ich die CD in der Küche in die winzige Stereoanlage eingelegt hatte und Papercut in voller Lautstärke durch das Haus schallte, machte ich einen kurzen Kontrollgang durch das untere Stockwerk.
Das Wohnzimmer sah aufgeräumt, aber nicht überordentlich aus. Die beiden riesigen, cremefarbenen Sofas hatten wir recht günstig bei einem Trödler im Ort erstanden und neu beziehen lassen. Tammy meinte hinterher, sie sähen aus, wie aus einem Prospekt von „Schöner wohnen“. Wir platzen fast vor Stolz.
Eine Glasschiebetür mit weißen Holzsprossen führte in den angrenzenden Wintergarten. Dort, in dem großen Korbsessel in der Ecke, umgeben von Pflanzen und dem Geruch nach feuchter Erde, hatte ich meine besten Ideen. Es war einfach der schönste Platz im ganzen Haus. Abgesehen von meinem Bett vielleicht. Über eine Terassentür gelangte man in den Garten, um den wir uns bisher allerdings noch nicht so ausgiebig hatten kümmern können. Entsprechend verwildert sah er auch aus. Aber ich schaffte es immer, darüber hinweg zu sehen. Wer brauchte schon einen Garten, wenn man ein Glashaus um sich haben konnte?
An das Wohnzimmer grenzte das Esszimmer an. Auf dem massiven Esstisch aus hellem Holz stand eine Vase mit frischen Blumen. Wir hätten es beinahe nicht geschafft das Monstrum von Tisch hier her zu bringen, da er noch schwerer war, als er so schon aussah. Doch unsere Dickköpfigkeit hatte gesiegt. Wir liesen uns doch nicht von so einem blöden Tisch unterkriegen!
Abschließend warf ich noch einen kurzen Blick in das winzige Gästebad. Seit wir es gestern geputzt hatten, oder besser gesagt, Tammy hatte geschrubbt und ich hatte zugesehen, traute ich mich nicht einmal mehr, mir die Hände darin zu waschen. Tammy hatte mir ganz deutlich klar gemacht, was passieren würde, wenn sie auch nur einen Wasserflecken entdecken würde. Erwähnte ich schon, das sie ab und zu in Panik verfiel? Hätte ich damals schon gewußt, was A.J. von Ordnung hielt, hätte ich mir die ganzen Mühen der letzten Woche wohl gespart. Aber so versuchte man natürlich, einen möglichst guten ersten Eindruck zu hinterlassen.
Mittlerweile stand ich wieder in der Küche. Auch hier helles Holz und Schränke bis zur Decke. Das hier war mein Reich, in dem ich nach Lust und Laune schalten und walten konnte. Tammy hatte noch nie viel für das Kochen übrig gehabt. Ich dagegen hatte es geliebt, mit meiner Mum zusammen am Herd zu stehen und stundenlang zu kochen und zu reden. Nach ihrem Tod hatte ich wochenlang unsere Küche nicht betreten, bis ich feststellte, das ich mich ihr in diesem Raum irgendwie nahe fühlte. Die schönen Erinnerungen verliehen diesem Raum irgendwie einen ganz besonderen Glanz, auch wenn ich natürlich wußte, das sie gerade diese vier Wände nie betreten hatte.
Leise singend machte ich mich nun an die Vorbereitung des Abendessens. Zwischendurch warf ich einen kurzen Blick auf die große Küchenuhr an der Wand und stellte befriedigt fest, das ich noch mehr als genug Zeit hatte, bis Tammy mit unserem Gast zurück sein würde.

Kapitel 2