Kapitel 23
Sarah saß in ihrem Büro und gähnte. Wie sie vorausgesehen hatte, hatte sie keinen Schlaf mehr gefunden. Nach einer Stunde, in der sie sich von einer Seite auf die Andere gewälzt hatte, war sie schließlich entnervt aufgestanden und hatte A.J. zum hunderten Mal innerlich verflucht. Nach einem kurzen Frühstück hatte sie beschlossen, dass sie genau so gut ins Büro fahren konnte, anstatt noch länger an diesem Tisch zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren, während sie daran dachte was die Jungs wohl gerade machten. Jetzt war es neun Uhr und ein wenig ängstlich wartete sie darauf, dass Chandler auftauchen und sie ins Gebet nehmen würde. Sie hoffte, dass sie am Ende dieses furchtbaren Tages noch einen Job hatte. Wie aufs Stichwort steckte Annie den Kopf durch die Tür und sah sie mitleidig an. Chandler ist gerade aufgetaucht, mit der schlechtesten Laune seit Menschen Gedenken. Er will Dich sofort sehen. Na großartig, murmelte Sarah genau so habe ich mir das vorgestellt. Sie stand von ihrem Stuhl auf und straffte sich. Wenn sie schon untergehen sollte, dann wenigstens mit Stil. Mit festem Schritt ging sie über den Flur zu Chandlers Büro. Vor seiner Tür blieb sie einen Moment stehen und atmete ein paar mal tief durch. Plötzlich stand Logan neben ihr Du schaffst das schon, sagte er und tätschelte aufmunternd ihre Schulter um gleich darauf seine Hand zurück zu ziehen, als hätte er sich verbrannt. Ohne ein weiteres Wort verschwand er in seinem Büro gegenüber. Na super, dachte Sarah genau die Art Aufmunterung die ich jetzt gebrauchen kann. Ein liebeskranker Freund auf der einen und ein wütender Chef auf der anderen Seite. Sie nahm all ihren Mut zusammen und klopfte leise an die Tür. Herein, brüllte Chandler und mit hoch erhobenem Kopf trat sie ein. Tür schließen und setzen, fuhr er sie an und deutete dabei auf die kleine Sitzgruppe neben der Tür. Wortlos nahm sie in einem der Ledersessel platz und wartete auf das Donnerwetter, das gleich über sie hinwegrollen würde. Chandler baute sich vor ihr auf Kannst Du mir erklären, warum ich einen Anruf von Jive bekommen habe in dem mir mitgeteilt wurde, dass meine Mitarbeiterin einfach so ihren Posten verlassen hat? Ja, kann ich. Die Frage ist, ob Du das wirklich hören willst, entgegnete sie und sah ihm dabei fest in die Augen. Verdammt nochmal Sarah, sei nicht so hochnäsig. Ich erkenne Dich garnicht wieder. Jetzt will ich Dir mal etwas sagen, fuhr Sarah auf. Sie war von ihrem Sessel aufgesprungen und ihre ganze Wut sprudelte aus ihr heraus ich habe Dich nie enttäuscht, ich habe immer mein Bestes gegeben. Ich habe mir für Dich den Arsch aufgerissen. Dann kommen so ein paar möchtegern Superstars daher und beschuldigen mich, dabei zeigte sie mit einem zitternden Zeigefinger auf ihre Brust ich hätte Geheimnisse an die Presse verraten. Mich! Kannst Du Dir das vorstellen? Sie haben mir Dinge an den Kopf geworfen, die völlig aus der Luft gegriffen waren und sie haben mir nichteinmal zugehört, was ich dazu zu sagen habe. Und dann fragst DU mich, ob ich dazu irgendetwas zu sagen habe? Ja, ich habe tatsächlich etwas dazu sagen. Die Entscheidung meinen Posten, wie Du es nennst, zu verlassen, war unumgänglich. Jetzt kannst Du mich feuern oder sonst etwas mit mir machen, aber ich bleibe dabei, meine Entscheidung war die einzig mögliche. Entsetzt fühlte sie Tränen in sich aufsteigen. Jetzt bloß nicht anfangen zu heulen. Doch es war schon zu spät. Die Tränen liefen ihr über die Wangen und ein Schluchzer entrang sich ihrer Kehle. Sie war so wütend, so verletzt. Entgeistert sah Chandler sie an. Das war nicht die beherrschte, immer freundliche Sarah die er kannte. Diese fünf Typen mussten ihr wirklich zugesetzt haben. Er zog ein Taschentuch aus seiner Brusttasche und reichte es ihr. Mit zitternden Händen nahm sie es entgegen. Ihre Wut war verraucht. Tut mir leid, murmelte sie in das Taschentuch, bevor sie sich ausgiebig schnäuzte. Ist schon in Ordnung, entgegnete Chandler nachdenklich und Sarah blickte ihn erstaunt an. Was kam jetzt? Setzen wir uns erstmal, und sanft drückte er sie wieder zurück in ihren Sessel. Er setzte sich auf das kleine Sofa neben sie und faltete die Hände unter dem Kinn. Er wartete, bis sie sich etwas beruhigt hatte und sich mit einem leisen Seufzer zurück in die Polster sinken lies. Ihre Hände spielten nervös mit dem Taschentuch. So wie es jetzt ist, kann es aber unmöglich bleiben, sagte er dann Neal hat zwar einen guten Ruf in der Szene, aber er gehört nicht zu dieser Firma. Also, was soll ich jetzt Deiner Meinung nach tun? Sarah überlegte einen Moment schick Kim hin. Er hat an dem Projekt mitgearbeitet und kennt sich mittlerweile ganz gut aus. Chandler schüttelte den Kopf er hat nicht genug Erfahrung im Umgang mit Kunden. Ich möchte ihn nicht auf diese Sache ansetzen und eine weitere Katastrophe erleben. Der Kommentar traf sie, doch sie hielt sich zurück. Wenn sie fair war, hatte Chandler allen Grund, auf sie sauer zu sein. Immerhin war das der wichtigste Auftrag seit bestehen der Firma und sie hatte ihn vermasselt. An wen denkst Du? fragte sie stattdessen. Ich denke, ich werde Logan hinschicken. Du kannst ihm eine kleine Einführung in Dein Programm und die Arbeit mit den Jungs geben. Dann bekommt er das schon hin. Logans Bemerkung schoß ihr durch den Kopf Ich weiß nicht, ob ich zu diesen Idioten überhaupt freundlich sein kann. Sollten sie wirklich ausgerechnet ihn dorthin schicken? Allerdings hatte der Vorschlag auch durchaus seine guten Seiten. Vielleicht brauchten sie momentan gerade diesen Abstand zueinander. Die Szene vorhin vor Chandlers Tür hatte ihr gezeigt, das es für Logan nicht so einfach war, einfach da weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten. Dein Vorschlag klingt akzeptabel, sagte sie deshalb an Chandler gewandt. Akzeptabel? Chandler runzelte die Stirn. Das hättest Du auch netter ausdrücken können, doch ein leichtes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht und die Augen hinter den Brillengläsern begannen ein wenig zu leuchten. Sarah wagte zu hoffen, dass sie ihren Job vielleicht doch noch eine Weile behalten konnte. Was passiert mit mir? fragte sie deshalb gerade heraus. Du bist mir einen großen Gefallen schuldig und eines Tages werde ich vor Deinem Schreibtisch stehen und ihn einfordern. Dann will ich kein wenn und aber hören. Ansonsten werden wir den Vorfall vergessen und ihn unter dumm gelaufen abhaken. DAS klingt auf jeden Fall akzeptabel, entgegnete Sarah und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Danke. sagte sie schlicht und Chandler wehrte ab. Jeder hat einen Fehler gut. Du hast Deinen jetzt in vollen Zügen ausgelebt. Ich möchte, dass so etwas in Zukunft nicht mehr vorkommt. Versprochen. Gut, dann kannst Du gehen und schicke mir doch bitte Logan herein, damit ich ihm die freudige Botschaft überbringen kann. Sarah nickte und erhob sich. Nocheinmal sah sie ihrem Chef tief in die Augen und sie wussten beide, dass dieser Vorfall nicht mehr erwähnt werden würde. Sie hatte es tatsächlich ohne größere Blessuren überstanden. Wortlos verließ sie Chandlers Büro und zog leise die Tür hinter sich zu. Ihr erster Blick viel auf die Rezeption, hinter der sie Annie fragend anblickte. Sarah hob den Daumen und ein strahlendes Lächeln erhellte Annies Gesicht. Gott sei Dank, lachte sie und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Sarah klopfte leise an Logans Zimmertür und nach seinem Herein trat sie ein. Und wie ist es gelaufen? fragte er sofort. Ich wußte schon immer, das unser Boss ein großes Herz hat, entgegnete Sarah lächelnd. Ich kann bleiben und der Vorfall ist vergessen. Logan seufzte erleichtert Na Gott sei Dank. Ich habe Euch brüllen gehört und habe schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Es ist alles gut gegangen. Allerdings möchte er Dich jetzt gerne sehen. Oh nein. Er will mich doch nicht etwa in die Höhle des Löwen schicken? Ich fürchte doch. Logan schüttelte enttäuscht den Kopf ich dachte, Kim könnte fahren. Ich bin nicht wild darauf die Herrschaften persönlich kenne zu lernen. Kim ist nicht qualifiziert genug, da musste ich Chandler leider recht geben. Kopf hoch. Wenn man die Geschichte mit dem Artikel mal beiseite lässt, waren sie eigentlich ganz nett. Hatte sie das eben wirklich gesagt? Hatten sie ihr nicht das Messer von hinten in die Brust gerammt und es dann noch ein paar mal genüsslich herum gedreht? Wie kam sie jetzt auf den Gedanken, dass sie garnicht so übel waren? Logan schien das Gleiche zu denken, denn er runzelte verwirrt die Stirn. Doch er sagte nichts, sondern erhob sich seufzend von seinem Stuhl. Na dann auf in den Kampf, sagte er, fuhr sich noch einmal mit den Fingern durchs Haar, ging an ihr vorbei und verschwand nach einem kurzen Klopfen in Chandlers Büro. Sarah sah ihm nach. Ein Gedanke schoß ihr durch den Kopf, der sie zutiefst erschreckte. Eigentlich währe ich gerne gefahren. Wütend auf sich selbst verließ sie Logans Büro und begab sich wieder an ihren eigenen Schreibtisch. Diese Mistkerle hatten nicht einmal mit der Wimper gezuckt und sie aufs übelste beschuldigt. Warum sollte sie sie also vermissen? Kaum hatte sie sich in ihren Sessel gesetzt, klingelte das Telefon. Chandler.net, Sarah OConner am Apparat. Hi Sarah, hier ist Jessy. Jessy, hey, es tut gut Deine Stimme zu hören. Für einen Moment blieb es still am anderen Ende der Leitung. Ich dachte, Du währst vielleicht auch sauer auf mich, sprach Jessy dann nach einer kleinen Ewigkeit weiter Nein, Du hattest mit der Sache ja nichts zu tun. Das alles haben sich die Jungs ganz alleine zu zu schreiben. Wobei wir auch schon beim Thema währen, Sarah horchte auf. Was kam jetzt? Hier ist die totale Panik ausgebrochen. Alle bereuen, was sie getan haben, inklusive A.J., falls es Dich interessiert, und Sie würden gerne mit Dir reden um es wieder gut zu machen. In Sarah kochte sofort wieder die Wut hoch. Jetzt trauten sie sich noch nichtmal, selbst anzurufen. Den Anruf von A.J. heute Nacht unterschlug sie absichtlich Das ist ja wirklich rührend, erwiderte sie sarkastisch aber ich will mit ihnen nichts mehr zu tun haben. Aber Sarah...., Vergiss es Jessy. Sie waren so gemein zu mir. Wie soll ich ihnen je wieder vertrauen? Warum willst Du Dir nicht wenigstens anhören, was sie zu sagen haben? Weil ich keine Lust dazu habe. Ich bin sogar versucht Dir zu glauben, dass es ihnen wirklich leid tut, aber das macht das Geschehene auch nicht rückgängig. Aber einfach auf stur zu schalten und ihnen nicht wenigstens eine Chance zu geben, macht es besser, oder wie? Jess... Nein Sarah, hör mir einfach eine Minute zu o.k.? Jeder hat das Recht, mal einen Fehler zu machen, hatte sie das nicht eben schon einmal gehört? wichtig ist doch, dass sie ihren Fehler erkannt haben und falls das eine Rolle spielt, kam die Reue auch ziemlich schnell. Sie möchten einfach nur mit Dir reden und sich entschuldigen. Ich denke, wenigstens dass haben sie verdient. Maria wurde ohne große Umschweife gefeuert und wir wünschen uns alle... Maria? Ihr wisst jetzt wer es gewesen ist? Jessy hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen, das war nicht klug gewesen. Jetzt dachte Sarah bestimmt, dass sie es nur bereuten, weil sie wussten, wer der wirkliche Schuldige war. Doch so war es ganz und garnicht. Ja, wir wissen es, aber das ist unerheblich, weil sie schon davor... Danke, das reicht. Ich will nichts weiter hören. Ist doch klar, dass sie jetzt angekrochen kommen. Jetzt wissen sie ja, dass ich nichts damit zu tun hatte. Sarah, jetzt wirst Du wirklich unfair. Hast Du mir nicht richtig zugehört? Sie haben es schon davor bereut, hörst Du mich, bevor sie wussten, wer es wirklich war. Doch Sarah schaltete auf stur. Ein Teil ihres Gehirns sagte ihr, dass sie jetzt wirklich nicht mehr gerecht war, doch sie wollte davon nichts wissen. Sie hatten ihr weh getan und das sollten sie zu spüren bekommen. Hör zu Jess. Es ist völlig unerheblich, was Du jetzt noch sagst. Ich will mit ihnen nie wieder etwas zu tun haben. Ich möchte gerne weiter mit Dir befreundet sein, sofern Du Dich aus dem ganzen heraushalten kannst und nicht immer versuchen willst, mich umzustimmen. Also? Am anderen Ende blieb es still. Bitte lieber Gott, mach das sie ja sagt, betete Sarah im Stillen. O.k., sagte Jessy dann und erleichtert atmete Sarah auf ich kanns Dir allerdings nicht fest versprechen. Es ist nicht so einfach zwischen den Fronten zu stehen, weißt Du? Das verstehe ich. Gibt es da eigentlich etwas, das ich wissen müsste? Sarah hatte bei Jessys letzter Bemerkung aufgehorcht. Es schien mehr dahinter zu stecken. Nunja, Sarah hörte Jessy leise lachen Howie und ich...also... Dein Gespräch mit ihm erübrigt sich sozusagen. Ist nicht wahr? Du und Howie? Man, ich freue mich ja so für Dich. Danke, danke. Ich hoffe Du kannst jetzt verstehen, warum ich mich so in diese Geschichte reinhänge. Sarahs Freude bekam sofort einen Dämpfer. Führte das denn immer wieder zum selben Punkt? Ja, ich kann Dich verstehen und nein, es macht es nicht besser für mich. Ist schon in Ordnung, komm wieder runter. Lass uns einfach Freunde bleiben, o.k.? Sarah nickte, bis ihr bewusst wurde, dass Jessy das wohl nicht sehen konnte. In Ordnung. Aber ich muss dann jetzt auch weiter machen. Ich habe hier noch eine Menge Arbeit. Nur noch eine letzte Frage, dann lass' ich Dich auch schon in Ruhe. Schieß los. Wie hat es Dein Chef aufgenommen, ist bei Dir soweit alles in Ordnung? Ja, alles in bester Ordnung. Er hat es sogar verhältnismäßig gut aufgenommen. Er wird Euch wohl Logan vorbei schicken. Er ist wirklich ein ganz Netter, also, behandelt ihn anständig, o.k.? Machen wir. Freut mich, dass es für Dich so gut ausgegangen ist. Das für Dich hatte Jessy für Sarahs Geschmack zu sehr betont, doch sie kam nicht mehr dazu noch irgendetwas in dieser Richtung zu sagen. O.k. Sarah, ich muss dann Schluss machen. Die Proben gehen gleich los. Wir hören wieder voneinander, ja? Sicher. Also machs gut und... grüß mir die Anderen hätte sie beinahe hinzugefügt, stattdessen sagte sie Kopf hoch. Jessy war das Zögern nicht entgangen, doch sie beschloss nicht weiter darauf einzugehen. Mach ich, also bis bald Süße. Ja, machs gut Sunshine. Enttäuscht legte Jessy den Hörer auf. Das war ganz und garnicht so gelaufen, wie sie es sich gewünscht hatte. Fünf Augenpaare starrten sie fragend an, doch in ihren Gesichtern war zu lesen, dass sie bereits wussten, was auf sie zukam. Jessy schüttelte nur den Kopf sie braucht noch eine Weile, bis sie sich beruhigt hat, glaube ich. Momentan haben wir keine Chance. A.J. sprang von seinem Stuhl auf und verließ fluchtartig das Zimmer. Laut knallte die Tür hinter ihm zu. Der Arme. Er hatte so gehofft, dass alles gut werden würde, sagte Jessy traurig. Howie legte ihr einen Arm um die Schulter. Wir müssen Sarah ein bisschen Zeit geben. A.J. war noch nie besonders geduldig. Aber er kommt auch noch dahinter. Hoffen wir es. entgegnete Jessy skeptisch.
Kapitel 24