Kapitel 22

A.J. lies sich erschöpft auf sein Bett fallen. Ein harter Tag lag hinter ihm. Erst die Sache mit Maria, dann hatte ein Termin den Nächsten gejagt und bei der Show hatte er sich nicht richtig konzentrieren können. Das war ihm noch nie passiert. Egal was vorher auch gewesen war, ob er sich mit einem der Jungs gestritten hatte oder, noch schlimmer, mit seiner Freundin, er war auf der Bühne immer 1000 %tig A.J. McLean von den Backstreet Boys. In diesem Moment zählte nur er, die Bühne und die jubelnde Masse. Doch heute Abend waren seine Gedanken so oft abgeschweift, dass er sich wunderte, dass er sich kein einziges Mal im Text vertan hatte. Der Höhepunkt war dann „Show me the meaning...“ gewesen. Er hatte andauernd Sarah vor sich gesehen und sich gefragt, wie es ihr ging und was sie wohl gerade machte. Er fragte sich, ob sie die Nachricht abgehört und beschlossen hatte, nicht zurück zu rufen, oder ob sie sie einfach ungehört gelöscht hatte. „Du wirst es nie erfahren, wenn Du nicht endlich anrufst,“ sagte er zu sich selbst und hob entschlossen den Hörer ab. Er wählte ihre Nummer zu Hause und wartete. Eine Ewigkeit tat sich garnichts doch als er gerade wieder auflegen wollte, hörte er ihre verschlafene Stimme „Ja?“ „Hi Sarah, ich bin’s A.J.. Bitte leg jetzt nicht gleich...,“ klack. „Na toll, besser hätte es ja garnicht laufen können,“ dachte er sarkastisch. Doch so schnell wollte er nicht aufgeben. Erneut wählte er ihre Nummer.

Jetzt klingelte es schonwieder. Sarah stand vor dem Telefon und starrte es böse an. Was dachte der Idiot sich eigentlich dabei, mitten in der Nacht hier anzurufen? Mittlerweile war sie hellwach und sie wußte genau, dass heute Nacht auch nicht mehr an Schlaf zu denken war. „Nun hör’ schon auf zu klingeln,“ fuhr sie das Telefon an, doch es dachte garnicht daran. Zögernd streckte sie die Hand nach dem Hörer aus. Sollte sie sich wenigstens anhören, was er zu sagen hatte und ihn dann mit einem „Leck mich,“ abspeisen? Sie zog die Hand wieder zurück. Nein, sie wollte nicht mit ihm reden, nie wieder. Entschlossen ging sie zurück ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Nach einer Weile hörte das Telefon auf zu klingeln.

Enttäuscht legte A.J. den Hörer auf. Er hatte sich gedacht, dass sie wütend sein würde, aber dass sie garnicht mit ihm sprechen wollte? Entmutigt schüttelte er den Kopf. „Es tut mir wirklich leid,“ sagte er in Richtung Telefon. Doch das machte es natürlich auch nicht besser. Ob es nur an ihm lag? Oder würde sie die Anderen genau so abspeisen? Immerhin war er der Einzige, der wie ein Gestörter auf sie losgegangen war. Er schöpfte wieder neuen Mut und überlegte, welcher der vier Jungs wohl am geeignetsten war, um mit ihr in Ruhe zu reden. Wem würde sie am ehesten zuhören? Sofort dachte er an Kevin. Die beiden hatten sich von Anfang an am besten verstanden. Doch dann schüttelte er den Kopf. Nein, gerade deswegen war sie wahrscheinlich von Kev am meisten enttäuscht. Mal abgesehen von ihm natürlich. Nick? Der schied eigentlich auch aus. Selbst wenn sie mit ihm sprach, würde er wahrscheinlich mit seiner flapsigen Art alles versauen. Er hatte bei der Geschichte mit der Tasche nicht gerade Pluspunkte gesammelt. Blieben Brian und Howie. Und dann traf ihn die Erleuchtung. Wieso war er nicht eher darauf gekommen? Es gab jemanden, der auf ihrer Seite stand, mit dem Vorfall an sich aber garnichts zu tun hatte. Jessy würde sie bestimmt zuhören! Aufgeregt stand er auf und hatte mit ein paar schnellen Schritten sein Zimmer durchquert. Einen Moment später stand er schon vor Jessys Zimmertür. Diesmal war er so schlau und klopfte vorher an, bevor er nach einem kurzen „es ist offen,“ das Zimmer betrat. Howie und Jessy saßen engumschlugen auf dem Sofa und sahen sich einen alten Film im Fernsehen an. Für einen Moment spürte er einen Stich der Eifersucht. Wenn er nicht so dämlich gewesen währe, hätte er das jetzt vielleicht auch.... Moment, was dachte er da eigentlich? Jessy unterbrach seine Gedanken „willst Du da wie festgewachsen stehen bleiben, oder setzt Du Dich zu uns?“ A.J. konzentriere sich wieder auf das, weshalb er eigentlich hier her gekommen war. „Weder noch. Jessy, ich habe eine Bitte an Dich.“ Sie zog eine Augenbraue hoch und sah ihn fragend an. „Ich habe eben versucht, nochmal mit Sarah zu sprechen, aber sie hat einfach aufgelegt. Da dachte ich, dass Du vielleicht...,“ Jessy sah ihn entgeistert an. Was hatte er jetzt wieder falsch gemacht? „Du hast sie eben gerade angerufen, verstehe ich das richtig?“ fragte sie ihn. „Ja. Wieso?“ „Dir ist schon klar, dass es bei Sarah jetzt vier Uhr morgens ist?“ Ach Du Schande, das erklärte natürlich so Einiges. „Oh...ähm...Mist!“ Entmutigt lies er sich jetzt doch neben Jessy und Howie auf das Sofa fallen. Verzweifelt fuhr er sich mit den Händen über das Gesicht. Warum lief alles, was mit Sarah zu tun hatte, so furchtbar schief? Jessy strich ihm mitfühlend über den Arm. „Hey Bone, mach Dir keine Sorgen, wir kriegen das wieder hin.“ A.J. schüttelte nur den Kopf. „Aber sicher,“ schaltete sich jetzt auch Howie ein, dem sein Freund auch langsam leid tat. „Wir werden morgen in aller Ruhe mit ihr sprechen. Sie wird uns zuhören, glaub mir.“ A.J. seufzte. „Ich wünsche mir so, dass ihr beiden recht habt.“ „Sie fehlt Dir, was?“ fragte Jessy sanft. „Das kann man wohl sagen. Mal ganz abgesehen von meinem schlechten Gewissen. Ich habe ihr Unrecht getan und bin dabei mit Pauken und Trompeten untergegangen. Ich vermisse ihr Lachen und ihren Rat. Ich vermisse, dass sie mir immer zugehört hat und das sie mich von Anfang an wie einen normalen Menschen behandelt hat. Ich vermisse sogar ihre bissigen Bemerkungen, wenn ich mir mal wieder einen Burger von Micky D. reingezogen habe.“ Jessy musste lächeln. In ihren Ohren klang das fast wie eine Liebeserklärung. Oder war sie einfach gerade in der Stimmung, weil sie mit Howie so glücklich war? „Klingt, als währe sie für Dich mehr als nur eine Freundin,“ sagte Howie, als hätte er Jessys Gedanken erraten. „Howie, mach Dich doch nicht lächerlich,“ entgegnete A.J. schroff „sie ist einfach nur eine gute Freundin. Du weißt doch, dass ich mit Frauen im allgemeinen einfach besser klarkomme, als mit Männern. Ich mag sie einfach, Punkt.“ „Schon gut,“ Howie hob beschwichtigend die Hände. „War ja auch nur so ein Gedanke.“ „Aber ein sehr abwegiger,“ brummte A.J. und fragte sich gleichzeitig, warum sich Howies Worte so richtig anfühlten. Vor seinem inneren Auge sah er sie bei ihrer ersten Begegnung im Club tanzen. Wie sie die Augen geschlossen hatte und ganz in der Musik aufgegangen war. Das war etwas, was sie gemeinsam hatten. Die Musik. Mit dem Unterschied, das er sie machte und sie sie einfach nur genoss. Wie oft hatte er sie beobachtet, wenn sie im Tourbus ihre unvermeidlichen Kopfhörer aufgehabt hatte und ihre Lippen tonlos den Text mitgesungen hatten. Einmal hatte er sie in der kleinen Bordküche überrascht, doch durch die laute Musik in ihrem Ohr, hatte sie ihn nicht bemerkt. Während sie sich ein Sandwich machte, hatte sie leise irgendetwas von Nickelback mitgesungen und ihr Kopf hatte ihm Takt der Musik auf und ab gewippt. Als sie die Sachen zurück in den Kühlschrank geräumt hatte, war sie mit schwingenden Hüften nach unten geglitten und er hatte sich zurück halten müssen um nicht einfach zu ihr zu gehen und sie fest in seine Arme zu nehmen. Er hätte so gerne mit ihr getanzt. Sie so nahe bei sich zu haben war eine unglaublich verlockende Vorstellung. Doch das war ja von Anfang an so gewesen. Damals im Club war sie ihm auch wegen ihrer geschmeidigen Bewegungen aufgefallen. Außerdem schien sie wie das Licht eines Leuchtturms geleuchtet und ihn angezogen zu haben. Vom ersten Moment an, als er sie gesehen hatte, konnte er seine Augen nicht mehr von ihr abwenden und seine Beine hatten sich ohne sein Zutun in ihre Richtung bewegt. Doch es bestand ja wohl immernoch ein himmelweiter Unterschied zwischen körperlicher Anziehung und Liebe, oder?

Kapitel 23