Kapitel 20

Während die Backstreet Boys friedlich schlummerten, oder, wie A.J., hellwach dem Morgen entgegenfieberten, saß Sarah alleine zu Hause auf der Couch. Wenn sie die Stelle neben sich auf dem Sofa berührt hätte, hätte sie noch Logans Wärme spüren können. Wie hatte das eben so schief gehen können? Wieso hatte sie nicht vorher gemerkt, was mit ihm los war? Er liebte sie, kaum zu glauben, dass ihr das bisher entgangen war. Das erste Mal seit sie sein Bild an die Wand geknallt hatte, dachte sie wieder an Danny. Doch dieses Mal fehlte der ziehende Schmerz in ihrem Herzen. Das war auch so eine Sache, die scheinbar ohne ihr Zutun abgelaufen war. Es hatte aufgehört weh zu tun. Natürlich vermisste sie ihn noch, doch sie konnte an ihn denken, ohne gleich befürchten zu müssen, die Kontrolle zu verlieren. Was hätte er wohl zu Logans Geständnis gesagt? „Das ist wieder typisch Sarah,“ hätte er mit diesem schiefen Grinsen, dass sie so sehr geliebt hatte, gesagt „immer den Kopf in den Wolken und niemals annehmen, dass etwas nicht nach Deiner Nase läuft.“ Wo er recht hatte, hatte er recht. Manchmal lebte sie wirklich in ihrem eigenen Universum, ohne zu wissen, dass es noch weitere neben ihrem gab und dass diese sogar ab und zu miteinander verschmolzen. Doch im Moment half ihr diese Erkenntnis herzlich wenig. Sie fühlte sich allein, allein und verlassen. Der letzte Mensch dem sie vertraut hatte, der immer für sie da gewesen war, war gerade durch ihre Tür verschwunden und höchstwahrscheinlich würde er auch nicht mehr zurück kommen. Müde fuhr sie sich mit den Händen über das Gesicht. „Eigentlich sollte ich jetzt Rotz und Wasser heulen,“ dachte sie. Doch es waren keine Tränen mehr da, die sie vergießen konnte. Ein Teil ihres Herzens war immernoch betäubt von den gestrigen Ereignissen. Sie sah A.J.s wutverzerrtes Gesicht vor sich und sie schüttelte den Kopf, um das Bild zu verscheuchen. „Bringt ja nichts, sich selbst zu quälen.“ Unruhig stand sie auf. „Ich muss hier raus,“ sagte sie laut und schon war sie dabei, ihre Turnschuhe wieder anzuziehen. Sie schnappte sich ihren Haustürschlüssel und die Handtasche und leichtfüßig sprang sie die Stufen im Treppenhaus hinunter. Gleich darauf saß sie in ihrem Auto und lenkte den Wagen geschickt durch den abendlichen New Yorker Verkehr. Sie schaltete das Radio ein

I’ll never break your heart
I’ll never make your cry

schnell schaltete sie auf einen anderen Sender. Das war ja jetzt wohl der blanke Hohn, oder? Ich werde Dir niemals das Herz brechen, ha, was ein Witz. Im Herzen brechen waren sie doch die unumstrittenen Meister. „Hey N’SYNC,“ das war doch was. „Wenn sie mich jetzt sehen könnten, das währe cool. Durch Manhatten fahrend, mit den Rivalen in voller Lautstärke, die Gesichter würde ich gerne sehen.“ Die Genugtuung hielt leider nicht lange an. Nach kurzer Zeit konnte sie das Gedudel nicht mehr ertragen und schaltete das Radio aus. Wie von selbst hatte ihr Auto den Weg zum Büro gewählt und als sie jetzt davor anhielt, blickte sie lächelnd die Fassade hinauf. „Endlich wieder wirklich zu Hause,“ dachte sie. Beschwingt stieg sie aus dem Wagen und wenig später stand sie in ihrem dunklen Büro. Einen Moment blieb sie einfach vor ihrem Schreibtisch stehen, schloss die Augen und sog den vertrauten Duft in sich auf. Wer brauchte schon Freunde, wenn er ein Büro wie dieses hatte? Zärtlich strich sie über ihren Schreibtisch und über den Ledersessel. „Ich habe Euch ganz schön vermisst,“ sagte sie und kicherte. „Ich glaube jetzt drehe ich ganz durch. Ich unterhalte mich schon mit der Büroeinrichtung.“ Entspannt lies sie sich in ihren Sessel fallen und schaltete den Computer ein. Während er hochfuhr, schaltete sie die kleine Kompaktanlage in der Ecke ein und drückte am CD-Spieler auf Play. Die sanfte und ungemein beruhigende Stimme von Alicia Keys erfüllte den Raum und das bläuliche Schimmern des Monitors war die einzige Lichtquelle. Zu erst öffnete sie ihren E-Mail-Briefkasten und verbrachte die nächsten zwei Stunden mit der Beantwortung der unzähligen Posteingänge. Dann öffnete sie ihre Favoriten-Liste und überlegte, auf welcher Webseite sie denn jetzt vorbeischauen sollte. Ganz unten las sie www.backstreetboys.de. Der Mauszeiger verharrte über dieser Adresse. Sollte sie sich das wirklich antun? „Nur kurz schauen, ob Neal seine Sache gut macht,“ sagte sie laut und klickte die Adresse an. Schnell baute sich die Seite auf und die Gesichter ihrer sogenannten Freunde lachten sie an. Sie seufzte und strich sanft mit den Fingern über jedes einzelne Gesicht. „Ihr wisst garnicht, was ihr mir bedeutet habt,“ flüsterte sie „Ihr wart mir so wichtig.“ Ihr Blick blieb an A.J.s Gesicht hängen. Sie hatte damals absichtlich ein Bild gewählt, auf der er seine heißgeliebte Sonnenbrille nicht trug. Mit einem liebevollen Augenaufschlag blickte er in die Kamera und damit direkt in Sarahs Herz. Unbewusst fasste sie sich an die Kehle. Was war denn das nun wieder? Er war ein Typ, wie alle anderen auch. Gut, sie hätte ihn fast vernascht, aber eben nur fast. Wie kam es, das allein sein Foto eine solche Wirkung auf sie hatte? Plötzlich hörte sie, wie ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde und gleich darauf einen erstaunten Laut, als die Person bemerkte, dass die Eingangstür nicht abgeschlossen war. Ohne darüber nachzudenken schloss sie schnell die Seite und starrte angestrengt auf ihre offene Bürotür. Eine schwarze Siluette erschien im dämmrigen Flur und blieb in ihrem Türrahmen stehen. „Hätte ich mir denken könne, dass Du hier bist,“ hörte sie Logans vertraute Stimme. „Da hatten wohl zwei die gleiche Idee,“ entgegnete sie. Er kam näher und setzte sich auf einen Stuhl ihr gegenüber. Der blasse Schein des Monitors erhellte sein Gesicht nur notdürftig und es wirkte in diesem diffusen Licht verzerrt und beinahe unmenschlich. Schnell knipste sie die kleine Schreibtischlampe an und für einen Moment mussten sie beide gegen die plötzliche Helligkeit anblinzeln. „Wow, das nächste Mal hätte ich gerne eine Vorwarnung,“ sagte Logan und rieb sich die Augen.“Tut mir leid. Überhaupt tut mir alles leid.“ „Alles?“ „Naja, ist vorhin nicht besonders gut gelaufen, oder?“ „Das war zu erwarten gewesen,“ entgegnete er und die Resignation in seiner Stimme machte ihr schon fast Angst. „Und jetzt?“ fragte sie vorsichtig. Logan zuckte mit den Schultern „darüber denke ich nach, seit ich bei Dir aus der Haustür gestürzt bin.“ „Bist Du zu einem Ergebnis gekommen?“ „Jedenfalls zu keinem wirklich befriedigenden. Ich weiß nur, dass mir unsere Freundschaft auch sehr wichtig ist. Ich weiß nur nicht, ob wir einfach wieder Freunde sein können.“ „Es währe zumindest einen Versuch wert,“ entgegnete sie hoffnungsvoll. „Glaubst Du, dass das gut gehen kann?“ „Kommt darauf an, ob Du Dich mit mir wieder wohlfühlen kannst.“ Erneut zuckte Logan mit den Schultern. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht „ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Warum muss das alles so kompliziert sein?“ Sarah schluckte. Vor einigen Tagen war sie genau das Selbe auf einem zugigen Dach gefragt worden. „Liebe ist niemals einfach,“ entgegnete sie auch dieses Mal und schnell schluckte sie die aufkommenden Tränen herunter. Warum musste alles immer so kompliziert sein fragte sie sich. Bei diesem Gedanken musste sie unwillkürlich lächeln. Vielleicht sollte sie ab und zu auf ihre eigenen Worte hören.

Kapitel 21