Kapitel 19

„Weißt Du, was mich beschäftigt?“ fragte Jessy an Howie gewandt, als sie als Letzte in Richtung Fahrstuhl die Bar verließen. „Was?“ „Wenn nicht Sarah der Presse den Tip gegeben hat, wer dann?“ Howie hielt mitten im Schritt inne und sah sie entgeistert an. Dann schüttelte er den Kopf „Kannst Du glauben, dass ich mir in diesem ganzen Durcheinander noch keine Gedanken gemacht habe?“ Jessy lachte über seinen bestürzten Gesichtsausdruck. „Das ist doch verständlich D.,“ und mit diesen Worten hakte sie sich bei ihm unter und zog ihn weiter Richtung Fahrstuhl. „Was glaubst Du, wer es gewesen sein könnte?“ Jessy dachte einen Moment über seine Frage nach. „Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Vielleicht sollten wir einfach die letzte Geschichte mit A.J.s Trennung beiseite schieben und uns auf die Plattenlabel-Story konzentrieren.“ Gemeinsam bestiegen sie den Fahrstuhl und fuhren hinauf in die zehnte Etage. Wie selbstverständlich folgte Howie Jessy auf ihr Zimmer und machte es sich auf dem Bett bequem. Auf den Ellenbogen gestützt, die Beine genüsslich weit von sich gestreckt beobachtete er Jessy, wie sie im Raum auf und ab ging und laut ihre Gedanken mit ihm teilte. „ Also, Punkt Nummer eins, wer war alles im Bus? Vanessa und Carla,“ sie hob zwei Finger „Joe und Mandy,“ weitere zwei Finger kamen hinzu. „Nicht zu vergessen Maria,“ fügte Howie hinzu „Richtig. Was war mit der Security?“ „Nur Maik und Sean, aber von denen war es bestimmt keiner.“ „Die Anderen kommen genau so wenig in Frage,“ entgegnete Jessy heftig und setzte ihre Wanderung durch das Zimmer fort „also sind wir genau so weit wie vorher.“ „Nicht ganz,“ entgegnete Howie und erwischte gerade noch ihre Hand, als sie zum hundertsten Mal am Bett vorbei lief. „Setzt Dich,“ und sanft zog er sie zu sich herunter. Entmutigt lies sich Jessy neben ihn sinken. „Wir wissen zumindest, dass es einer von denen gewesen sein muss.“ „Dann könntest Du genau so gut mich verdächtigen,“ entgegnete sie und sah ihm dabei fest in die Augen. „Dich? Niemals.“ antwortete Howie bestimmt. Er hielt noch immer ihre Hand und begann sanft mit dem Daumen ihren Handrücken zu streicheln. „Ich bin nicht so blöd wie A.J.. Es reicht wenn einer seine große Liebe verjagt hat.“ Jessy schluckte. Hatte sie das jetzt richtig verstanden? Nein, das konnte er nicht ernst meinen. Ungläubig suchte sie in seinen wunderschönen braunen Augen nach der Antwort. „Jetzt schau mich nicht so entgeistert an, bitte. Ich ...,“ er wurde unsicher. Vielleicht war er da doch ein Stück zu weit vorgeprescht. „Ja?“ fragte Jessy erwartungsvoll. „Ich dachte, Du spürst es auch.“ „Was?“ „Dieses Besondere zwischen uns. Ich meine, wir hängen Tag und Nacht zusammen, erzählen uns unsere geheimsten Gedanken. Ich dachte, Du magst mich auch.“ Auf Jessys Gesicht stahl sich ein vorsichtiges Lächeln. Wie hatte sie so blind sein können. Howie holte Luft um noch etwas zu sagen, doch schnell verschloss sie seinen Mund mit einem zärtlich Kuss. Alle Gedanken an die Probleme und Rätsel des vergangenen Tages wurden von diesem wundervollen Gefühl hinweg gespült. Zurück blieben Howie und Jessy, in ihrem eigenen, kleinen Universum.

Währenddessen saß A.J. einsam und alleine auf dem Dach des Hotels. Es sah hier so ähnlich aus, wie auf dem Dach vor einigen Tagen, als seine Welt noch in Ordnung gewesen war. Er saß im Schneidersitz auf dem kleinen Mäuerchen, das den Rand des Daches umgab, eine leichte Brise wehte ihm ins Gesicht und die Lichter strahlten genau so hell. Sogar der leise Verkehrslärm, der zu ihm hinauf getragen wurde, klang gleich. Mit einem Seufzer zündete er sich eine Zigarette an. Die erste seit Tagen. „Wenn ich schon wieder damit anfange,“ dachte er „ist das auf jeden Fall die passende Gelegenheit.“ Tief inhalierte er den Rauch und sah hinaus in die Nacht. Wo sie jetzt wohl war? Er sah auf seine Uhr. Wohl noch im Flieger. Er wünschte, sie währe schon zu Hause und hätte die Nachricht abgehört. Dann würde sie sich jetzt nicht mehr so schlecht fühlen. Zum hundertsten Mal verfluchte er sein Temperament und seine Angewohnheit, erst zu handeln und dann zu denken. Es war alles so schnell gegangen. Kaum hatte er richtig verstanden, was in dem Artikel stand, war er auch schon zu Kev unterwegs gewesen und der hatte malwieder in seiner unglaublichen Gelassenheit und Ruhe die Fäden in die Hand genommen. Kaum eine viertel Stunde später war sie schon im Raum gestanden und er war einfach explodiert. Ungläubig schüttelte er den Kopf und nahm einen erneuten Zug von seiner Zigarette. Er war ein riesen Vollidiot. Wahrscheinlich der größte der auf Erden wandelte. Er war Abschaum, nicht wert.... Gekicher unterbrach seine Selbstbeschimpfung. Verwirrt blickte er sich um. Doch er konnte niemanden hinter sich auf dem Dach entdecken. Leises Geflüster vermischte sich nun mit dem etwas lauter werdenden Gelächter. Es schien von unten zu kommen. Aufgeregt warf er seine Zigarette hinter sich und beugte sich vorsichtig nach vorne. Unter sich konnte er die Straße erkennen, auf der kleine Spielzeugautos entlang fuhren. Schnell lehnte er sich wieder zurück. „Wow, ganz langsam McLean. Wir wollen nicht als matschiger Brei da unten enden.“ Er schwang die Beine auf die andere Seite der Mauer, bis er wieder festen Boden unter den Füßen spürte. Dann stand er auf und legte sich mit dem Bauch auf den kalten Stein. Vorsichtig robbte er sich Stückchen für Stückchen weiter nach vorne, bis er direkt auf den Balkon unter sich blicken konnte. Ein Pärchen war gerade mit intensiven Doktorspielchen beschäftigt und für einen Moment schaute er grinsend zu. Doch dann durchfuhr es ihn wie ein Blitz. „Mein Gott. Das ist es!“ Hätte er sich getraut eine Hand von der Mauer zu lösen, hätte er sich an die Stirn gefasst, doch so robbte er wieder zurück und stand auf. Das musste er den Anderen erzählen. In windeseile war er die Stufen hinunter in ihr Stockwerk gehastet und riss die erste Tür auf, die ihm begegnete. Jessy und Howie fuhren erschrocken auseinander, als er so einfach ins Zimmer platzte. Mit hochrotem Kopf raffte Jessy ihr Bluse zusammen und Howie starrte A.J. wütend an „Schon mal was von anklopfen gehört?“ fuhr er ihn an. „Tschuldigung, wirklich, aber ich habe riesige Neuigkeiten.“ „Ich hoffe sie sind wirklich wichtig, sonst kannst Du was erleben,“ brummte Howie, inzwischen neugierig geworden. „Ich weiß jetzt, wer die Geschichte an die Presse verraten hat, besser gesagt, ich weiß in welchem Zimmer diese Person gewohnt hat.“ „Ist nicht wahr?“ Jessys Gesichtsfarbe hatte sich mittlerweile normalisiert und ihre Bluse saß wieder am richtigen Platz. „Erzähl!“ rief sie dann ungeduldig, als A.J. nicht weiterredete. „Moment mal, ich glaube ich bin hier wirklich in einem ziemlich unpassenden Moment hereingeplatz, kann das sein?“ ein spitzbübisches Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Howie, Du Casanova, ich habe doch immer gewusst, dass Dir irgendwann die Richtige über den Weg läuft. Gratuliere Euch beiden,“ mit diesen Worten schlug er Howie anerkennend auf die Schulter. „Das ist doch jetzt erstmal unwichtig,“ unterbrach Jessy ihn, die kurz davor stand, vor Neugier zu platzen „erzähl endlich.“ „Ja also, dass war so...“ und er erzählte ausführlich von seiner Entdeckung auf dem Dach. „Das heißt also,“ meinte Howie nachdenklich, als A.J. geendet hatte „wir müssen nur noch herausfinden, wer das entsprechende Zimmer hatte.“ „Sag ich doch! Bin ich nicht genial?“ „Das bist Du,“ Jessy drückte ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange. „Wir müssen es gleich den Anderen erzählen. Das wird sie umhauen.“ Howie hatte schon den Telefonhörer in der Hand und wenige Minuten später hatten sich alle in Jessys Zimmer versammelt. Ungläubig lauschten sie, als A.J. seine Entdeckung zum zweiten Mal erzählte. Als er geendet hatte, redeten alle wild durcheinander. „Ruhe,“ sagte Kevin irgendwann und erhob dabei noch nichteinmal wirklich die Stimme, doch sofort kehrte tatsächlich Stille im Zimmer ein. „Wir werden das morgen früh erst klären können. Es ist jetzt schon zu spät um in dem Hotel in Frankfurt anzurufen. Ich werde mir morgen gleich von Maria die Nummer geben lassen und dann kläre ich das, o.k.?“ Alle waren einverstanden. „Morgen werden wir endlich wissen wer hinter der ganzen Sache steckt,“ dachte A.J. „und derjenige sollte sich dann wirklich warm anziehen.“

Kapitel 20