Kapitel 18

Neal saß etwas abseits von den Anderen auf dem Bett und lauschte ihrer Unterhaltung. So langsam konnte er sich ein Bild davon machen, was hier passiert war. Die fünf Jungs wirkten ehrlich bestürzt. „Wir müssen sie zurückholen,“ sagte Nick gerade. „Glaubst Du, sie würde uns überhaupt eine Chance geben, nachdem, was wir ihr angetan haben?“ entgegnete Kevin erbost. „Ich kann es ihr noch nicht einmal verdenken, wenn sie nie wieder ein Wort mit uns spricht,“ setzte er hinzu und blickte düster in die Runde. A.J. stand auf und wanderte unruhig im Zimmer umher. Es musste eine Lösung geben. Plötzlich knirschte etwas unter seinen Turnschuhen. Er bückte sich und erblickte kleine Glassplitter. „Was ist denn hier passiert?“ murmelte er und warf einen Blick in den Mülleimer, der gleich daneben stand. Ein blonder, gut aussehender Mann blickte ihm entgegen. Vorsichtig zog er das Bild zwischen den Glasscherben und dem einfachen Holzrahmen hervor und starrte einige Augenblicke auf das lächelnde Gesicht in seinen Händen. War er das? Der Mann aus ihrem Song? Warum hatte sie ihn hier zurückgelassen? „Was hast Du da Bone,“ fragte Brian und schaute ihm neugierig über die Schulter. „Ein Foto. Von ihrem Freund vermute ich mal.“ „Zeig mal,“ auch Kevin stand jetzt neben ihm und runzelte die Stirn. „Sie hat nie etwas von einem Freund erwähnt.“ „Ich glaube, er lebt nicht mehr,“ entgegnete A.J. und konnte seinen Blick dabei nicht von dem Foto abwenden. Vor seinem geistigen Auge tauchte eine schwarze Tasche auf, aus der Sarah besorgt etwas hervor zog. Er hatte nur eine Ecke erkennen können. Bisher hatte er es für ein Aufnahmegerät gehalten. Doch wenn er sich den Holzrahmen so anschaute, konnte es auch gut dieses Bild gewesen sein. „Wieso tod? Wie kommst Du darauf?“ fragte Nick. „Sie hat mir ...,“ er schluckte „einen Song da gelassen.“ „Was?“ Kevin sah ihn entgeistert an. „Ja, ich habe ihn bekommen und bin danach gleich hierher gerannt, nur um festzustellen, dass sie nicht mehr da ist.“ A.J. schüttelte resigniert den Kopf. Das durfte doch alles nicht wahr sein. „Wartet,“ sagte er dann, rannte zurück in sein Zimmer und kam mit den Noten in der einen und seiner Gitarre in der anderen Hand zurück. Er setzte sich aufs Bett, breitete die Noten aus und begann zu singen. Fasziniert hörten ihm die Anderen zu. Seine warme, rauchige Stimme erfüllte den Raum und seine Hände spielten die traurigen Akkorde wie in Trance dazu. Als der letzte Ton verklungen war, blieb es für einige Minuten ganz still im Raum. Nur Jessys Schniefen durchbrach ab und an die Stille. „Das ist das traurigste, was ich seit langem gehört habe,“ sagte Howie schließlich leise und legte Jessy tröstend einen Arm um die Schulter. „Das kannst Du laut sagen,“ hauchte Nick. „Jungs, wir müssen etwas unternehmen.“ sagte A.J. bestimmt und stand vom Bett auf. Vorsichtig stellte er die Gitarre daneben ab und ging geradewegs zum Telefon. Mit zitternden Händen wählte er ihre Handynummer. Der gewünschte Teilnehmer ist zur Zeit.... klack, er drückte die Gabel des Telefons herunter und versuchte es bei ihr zu Hause. Er wußte, dass sie noch nicht zu Hause sein konnte, aber sie sollte so schnell als möglich wissen, dass es ihnen leid tat. Nach dem dritten Klingeln schaltete sich das Band ihres Anrufbeantworters ein. Er hörte ihre süße Stimme und sofort erfüllte ihn eine Sehnsucht, wie er sie bisher noch nicht gekannt hatte. Tränen schnürten ihm die Kehle zu und er reichte den Hörer schnell an Kevin weiter. Verwundert sah dieser ihn an, hielt sich aber dennoch den Hörer ans Ohr. „Ähm...hallo Sarah....bitte nicht gleich löschen. Wir wollen uns wirklich bei Dir entschuldigen. Es tut uns so leid.“ Brian entriss ihm den Hörer „Sarah, Du musst unbedingt wieder her kommen. Wir vermissen Dich. Wir haben einen großen Fehler gemacht.“ „Genau,“ brüllte Nick über Brians Schulter in den Hörer. Danach wurde der Hörer an Howie weiter gereicht „Bitte Sarah, kannst Du uns verzeihen? Wir waren wirklich nicht ganz bei Sinnen, als wir Dich beschuldigt haben, es tut uns so leid.“ Danach drückte er A.J. den Hörer in die Hand und sah ihn aufmunternd an „Hi Sarah...ähm...A.J. hier. Es tut mir so verdammt leid. Wirklich. Ich hätte besser erstmal nachgedacht, bevor ich so ausgerastet bin. Bitte, melde Dich. Ich will mit Dir reden, Deine Stimme hören. Bitte.“ Jessy entwand ihm sanft den Hörer „Hey Süße, die Jungs sind wirklich total am Ende, das kannst Du mir glauben. Gib ihnen noch eine Chance, o.k.? Machs gut. Bis hoffentlich bald.“ Sie legte auf und blickte dann der Reihe nach in die betretenen Gesichter um sie herum. „Also, es wird mindestens noch zehn Stunden dauern, bis sie diesen Anruf erhält. Ich würde vorschlagen, wir begrüßen jetzt erstmal Neal ordentlich und gehen mit ihm hinunter an die Bar. Ein bisschen Ablenkung tut uns jetzt allen ganz gut.“ „Du weißt immer was zu tun ist,“ sagte Howie mit einem sanften Lächeln im Gesicht, legte den Arm und sie und küsste sie sanft auf die Wange. Jessy errötete. Hatte er sie tatsächlich geküsst? Wenig später saßen sie zusammen an der Hotelbar und jeder hatte einen Drink vor sich stehen, in den jeder mehr oder weniger angestrengt hineinstarrte. „Wie kommt es, dass Du so schnell zur Stelle warst?“ fragte A.J. an Neal gewannt. „Ein Freund von mir rief mich an und fragte, ob ich den Job hier für ein paar Tage übernehmen könnte. Da ich momentan nichts besseres vorhatte, willigte ich ein. In ein paar Tagen kommt jemand von Chandler.net und löst mich ab. Ich bin also nur eine Übergangslösung.“ „Kennst Du Sarah,“ fragte Nick neugierig. „Ich habe sie nie persönlich kennen gelernt, nein. Aber Logan, der Freund, der mich angerufen hat, erzählt viel von ihr. Er schwärmt sogar richtiggehend von ihr. Ich denke, er wird der Einzige sein, der sich freut, dass sie wieder zu Hause ist.“ Diese Worte trafen A.J. wie ein Faustschlag. Ein anderer Mann? Das wurde ja immer besser. Logan ... Logan...wo hatte er den Namen schonmal gehört? Hatte nicht Sarah täglich mit ihm telefoniert? Bei dem Gedanken, dass sie jetzt vielleicht in seinen Armen liegen könnte, drehte sich ihm der Magen um. Warum erkannte man solche Dinge immer erst wenn es schon zu spät war? „Hat er jemals von dem Mann auf dem Foto gesprochen,“ fragte Nick weiter. „Nick!“ rief Jessy empört „das geht Dich ja nun wirklich nichts an.“ „Ich frag’ doch bloß. Willst Du nicht wissen, wer das ist?“ „Ich weiß sowieso nicht viel. Logan hat mal erwähnt, dass ihr Mann bei einem Motorradunfall umgekommen ist. Ich vermute mal, dass das der Typ ist.“ Betretenes Schweigen senkte sich über die kleine Gruppe. „Noch neun Stunden,“ dachte A.J..

Kapitel 19