Kapitel 15

Unschlüssig stand Sarah einige Schritte von der Rezeption entfernt, in der Hand einen großen braunen Umschlag. Darin befand sich ihr Lied. Sie wußte nicht mehr wie sie auf die Idee gekommen war, es A.J. zukommen zu lassen. Sie hatte einfach das Bedürfnis ihm zu zeigen, wie es in ihr aussah. Er sollte erfahren, was sie durchgemacht hatte, ohne das sie es ihm ins Gesicht sagen musste. Er würde es verstehen, da war sie sich sicher. Ein letztes Mal zog sie die Seiten aus dem Umschlag hervor und las noch einmal den Zettel, den sie oben auf geheftet hatte. Hallo Bone. Du weißt, ich bin nicht besonders gut mit Worten, wenn es darauf ankommt. Vielleicht kannst Du mit dem beiliegenden Song etwas anfangen. Ich glaube, danach wirst Du mich besser verstehen. Liebe Grüße Sarah Entschlossen holte sie tief Luft und ging die paar Schritte auf die Rezeption zu. Eine junge Frau lächelte ihr dahinter freundlich entgegen. „Ms. O’Conner, was kann ich für sie tun?“ „Würden sie das bitte in A.J. McLeans Fach legen?“ „Aber gerne doch.“ Die junge Frau nahm den Umschlag an sich und verstaute ihn in einem großen Fach hinter ihr an der Wand. Sarah schluckte. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Etwas später saß Sarah am Schreibtisch ihres Hotelzimmers und überarbeitete gerade die Homepage der Backstreet Boys, als das Telefon klingelte. Sie hatten den Nachmittag frei und alle hatten diese kurze Verschnaufpause sehr begrüßt. Als sie nun zum Hörer Griff war sie überzeugt davon, dass einer der Jungs am anderen Ende der Leitung war um sie zu einem gemütlichen Plauderstündchen in sein Zimmer einzuladen. Oder hatte A.J. etwa schon den Umschlag erhalten? Ihr Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen. Tatsächlich war Kevin am Telefon, doch sein ernster Tonfall klang nicht nach gemütlichem Plauderstündchen „Hey Sarah, könntest Du bitte mal zu mir rüber kommen? Es gibt etwas, das wir besprechen müssen.“ „Sicher, bin schon unterwegs.“ Beunruhigt legte sie den Hörer auf und machte sich auf den Weg zu Kevins Zimmer am anderen Ende des Flurs. Sie klopfte leise und nach einem barschen „Herein“ trat sie zögernd ein. Die Jungs saßen mit ernsten Gesichtern auf den beiden großen Sofas. Neben A.J. saß eine junge Frau, die Sarah irgendwie bekannt vorkam. Als sie genauer hinsah erkannte sie das Mädchen aus A.J.s Brieftasche, Amanda. Sie hatte rotgeweinte Augen und ihre Hände spielten fahrig mit einem Papiertaschentuch. A.J. hatte das Gesicht in den Händen vergraben, vor ihm lag eine aufgeschlagene Zeitung auf dem Tisch. „Ist etwas passiert?“ fragte sie vorsichtig. „Das kann man so sagen,“ entgegnete Kevin ernst und sah sie durchdringend an. Sarah sah von einem zum Anderen, doch niemand schien ihr direkt in die Augen sehen zu wollen. Was war nur passiert? Plötzlich hob A.J. den Kopf und die Wut und Enttäuschung die sie darin sehen konnte, ließen ihr das Blut in den Adern gefrieren. „Hat es sich wenigstens gelohnt?“ fragte er gefährlich leise. „Was hat sich gelohnt?“ fragte Sarah verständnislos. „Na das hier,“ und mit diesen Worten schleuderte er ihr die Zeitung entgegen. Die Blätter verteilten sich zu ihren Füßen und sie beeilte sich, sie aufzuheben. Zuerst sah sie nicht, was er meinte, doch dann viel ihr die Schlagzeile ins Auge Backstreet Boy wieder zu haben, A.J. McLean hat sich von seiner langjährigen Freundin Amanda Martin getrennt. Wie wir erfahren haben, schien sie sich hauptsächlich an ihm bereichern zu wollen. Nun ist der Weg wieder frei, zum Herzen des bekannten Teenieidols. Sarah drehte sich der Magen um. Wie war das denn so schnell publik geworden? A.J. hatte nichts davon gesagt, dass er schon mit Amanda geredet hatte. Er wollte es ihr nächste Woche sagen, wenn sie ihn besuchen kam. Sie schaute auf und direkt in A.J.s funkensprühende Augen. „Wie konntest Du nur,“ knurrte er. „Ich habe Dir das im Vertrauen gesagt. Nicht, damit Du damit gleich zur Presse läufst.“ „A.J. ich schwöre Dir, ich habe damit nichts zu tun.“ „Ja klar, genau so wie mit der Geschichte von Brians Plattenlabel“ antwortete er und seine Stimme triefte vor Sarkasmus. „Ich weiß nicht wovon Du redest!“ langsam spürte sie, wie in ihr die Wut hochkroch. Wie konnte er nur annehmen, dass sie zu so etwas fähig war? „Du kannst mir glauben, ich war das nicht.“ versuchte sie es erneut. „Du denkst doch nicht, dass ich Dir das abkaufe, oder? Wir waren alleine auf dem Dach, kein Mensch weit und breit. Ich habe sonst niemandem davon erzählt, also?“ „Was, also? Es ist mir egal, ob jemand dabei war oder nicht, ich war es nicht.“ A.J. schnellte von seinem Sitz empor und mit drei schnellen Schritten hatte er sie erreicht „sei wenigstens so ehrlich und gebe es zu. Das ist so erbärmlich,“ brüllte er. Unbewusst hatte er die Fäuste geballt und stand drohend vor ihr. „Das reicht jetzt,“ schaltete Kevin sich ein und zog A.J. behutsam ein Stück von Sarah weg. „Du musst doch zugeben,“ meldete sich Nick zu Wort „dass das doch ein sehr großer Zufall ist. Erst erzählt Dir A.J. die Geschichte, niemand ist dabei und wenig später steht es in der Zeitung.“ „Sie wollte mir bestimmt nur eins auswischen,“ flüsterte plötzlich Amanda mit tränenerstickter Stimme „sie will ihn bestimmt für sich.“ „Bullshit,“ schrie Sarah nun aufgebracht, wohlwissend, dass Amanda zumindest mit dem Schluss nicht ganz unrecht hatte „ich glaube es nicht. Ich denke, ihr seid meine Freunde. Wie könnt ihr glauben, dass ich so etwas tun könnte?“ Sie spürte, wie ihr die Tränen vor Wut und Enttäuschung in die Augen schossen. Betretenes Schweigen antwortete ihr. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte aus dem Zimmer. Mit einem lauten Knall schlug sie die Tür hinter sich zu. A.J. blickte starr auf die Tür. Konnte es sein das er sich irrte? Nein, er hatte wieder und wieder hin und her überlegt. Es passte einfach alles perfekt zusammen. Angefangen mit der Geheimniskrämerei um ihre Person, wer von ihnen wußte schon Genaueres über sie? Dann dieser Vorfall mit ihrer Tasche. Er hatte nicht sehen können, was für sie so wichtig darin gewesen war, aber er vermutete jetzt, dass es ein Aufnahmegerät gewesen war. Und dann die Mappe, die sie so krampfhaft in der Hand gehalten hatte. Aufzeichnungen über die intimen Details der Backstreet Boys? Außerdem waren sie alleine auf dem Dach gewesen, das wußte er genau. Nein, er konnte sich nicht irren. Das Schlimme war, dass sie ihm trotz allem so viel bedeutete. Es zerriss ihm fast das Herz wenn er daran dachte, dass er sie nun für immer verloren hatte.

Sarah erreichte ihr Zimmer und begann hektisch ihre Kleider in den Koffer zu schmeißen. Unterwegs schnappte sie sich das Telefon und wählte Logans Nummer. „Chandler.net, Logan Winter am Apparat.“ „Logan? Hier ist Sarah.“ „Hallo Sarah, was ist denn los? Du klingst sehr aufgebracht.“ „Aufgebracht? Aufgebracht ist die Untertreibung des Jahrhunderts.“ „Was ist den passiert?“ „Erkläre ich Dir später. Hör zu. Bitte setz’ Dich in die nächste Maschine und komm’ hier her. Du musst meinen Platz einnehmen.“ „Was? Sarah, sag mir sofort was passiert ist.“ Die lange zurückgehaltenen Tränen bahnten sich ihren Weg und erschöpft lies sie sich auf das Bett fallen. Schluchzend erzählte sie Logan die ganze Geschichte. „Mein Gott Sarah, das ist ja furchtbar,“ sagte er, als sie geendet hatte. „Ich bin schon unterwegs, allerdings weiß ich nicht, ob ich zu diesen Idioten überhaupt freundlich sein kann. Die ticken doch nicht mehr ganz richtig.“ „Du wirst ganz professionell höflich sein. Wenn wir diesen Auftrag verlieren, bringt Chandler mich um. Außerdem haben sie Dir nichts getan.“ „Und ob sie mir etwas getan haben. Sie haben meine beste Freundin beleidigt! Darüber kann ich nicht einfach so weg gehen.“ „Dann schick’ meinetwegen jemand anderen. Vielleicht Kim. Aber schnell. Ich muss hier weg.“ „Ich manage das schon. Kopf hoch. Vielleicht ist das ja auch alles nur ein Missverständnis.“ „Schön wär's. Trotzdem, sie waren ziemlich schnell mit ihrer Beschuldigung bei der Hand. Das kann ich ihnen niemals verzeihen. Sogar Kev hat sich gegen mich gestellt. Von ihm hätte ich das am Wenigsten erwartet.“ Sarah schniefte und ging ins Bad um ihre Utensilien dort einzupacken. „Na gut, nur die Ruhe. Ich melde mich wieder, o.k.?“ „Ja, mach schnell, bitte.“ Sie legte auf und stopfte ihre restlichen Sachen in den Koffer. Sie verstaute ihren Laptop in der Tasche und nahm dann Dannys Bild vom Nachtisch. „Was soll ich bloß tun?“ fragte sie das Foto und bekam wie immer keine Antwort. „Sie sind so gemein. Wie können sie nur glauben, dass ich ihnen so etwas antun könnte? Sie sind doch meine Freunde.“ Danny blieb immer noch stumm. „Verdammt, antworte mir,“ rief sie verzweifelt „hilf mir. Ich brauche Dich,“ doch auch jetzt keine Reaktion. Voller Wut holte sie aus und warf das Bild quer durchs Zimmer. Es knallte gegen die Wand, das Glas zerbrach und verteilte sich als kleine, glänzende Splitter auf dem weichen Teppichboden. Weinend brach sie auf dem Bett zusammen. Sie zog die Beine ganz nah an den Körper und schloss die Augen. So lag sie da und wartete, dass ihr jemand zu Hilfe eilte.

Kapitel 16