Kapitel 14
Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Sie hetzten von Termin zu Termin, von Hotel zu Hotel, von Show zu Show. Sarah gewöhnte sich langsam an die Betriebsamkeit und ihren langen Arbeitstag. Oft saß sie abends mit den Jungs noch ein wenig zusammen. Sie unterhielten sich oder blödelten herum. So langsam taute Sarah etwas auf. Sie versuchte nichtmehr jeder persönlichen Frage auszuweichen und erzählte auch ab und zu etwas von sich selbst. Doch das Thema Danny sparte sie immer bewusst aus. Es wurde auch nicht mehr über den Vorfall vor dem ersten Konzert gesprochen, als A.J. Sarah weinend auf der Treppe vorgefunden hatte. Eines Abends saßen sie mal wieder gemütlich beisammen und spielten Nintendo, als Brian mit einem Blatt Papier in der Hand in A.J.s Zimmer kam. Hey Rock, krähte Nick komm und hilf mir A.J. fertig zu machen. Er hat mich doch tatsächlich gerade wieder geschlagen. Sorry Nick, jetzt nicht. Leute, schaut Euch das mal an. und mit diesen Worten reichte er Kevin das Blatt Papier. Kevin überflog den Inhalt und sein Gesicht wurde dabei immer düsterer. Das gibt es doch nicht, sagte er dann und reichte das Blatt an A.J. weiter. Wo hast Du das her? Leighanne hat es in einer Zeitung gefunden und mir sofort durch gefaxt. Sie ist außer sich. Mittlerweile war das Blatt bis zu Sarah durchgereicht worden. Sofort sprang ihr die riesige Schlagzeile entgegen Backstreet Boy gründet Plattenlabel der Text darunter lautete Brian Litrell, ein Mitglied der bekannten Backstreet Boys, und seine Frau Leighanne sind gerade dabei, ein Plattenlabel zu gründen. Wie wir aus gut unterrichteten Quellen erfahren haben, wollen sie Künstlern unter die Arme greifen, die nicht in das Schema der Plattenindustrie gepresst werden wollen. Es scheint, als verließen die Ratten das sinkende Schiff der Backstreet Boys um ihren eigenen Weg zu gehen. Sind die Jungs bereits am Ende? Unverschämt, fuhr Nick auf was fällt denen ein? Die Ratten verlassen das sinkende Schiff, so eine Frechheit. Vielmehr beschäftigt mich die Tatsache, entgegnete Brian ruhig woher sie die Informationen haben. Leighanne und ich haben es wirklich nur unseren engsten Freunden erzählt. Wenn wir Pech haben, platzen jetzt die Verträge und wir können wieder von vorne anfangen. Betretenes Schweigen senkte sich über den Raum. Sarah versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, wer alles anwesend gewesen war, als Brian die gute Nachricht verkündet hatte. Sie schüttelte den Kopf, außer den Jungs, Jessy und ihr selbst war keiner dabei gewesen. Keinem von ihnen traute sie zu, solch einen Vertrauensbruch zu begehen. Hast Du eine Ahnung, wer das getan haben könnte? fragte Kevin. Nein wir haben keinen blassen Schimmer, doch Sarah entging der kurze Seitenblick nicht, den Brian ihr bei diesen Worten zuwarf. Er konnte doch nicht allen Ernstes glauben, das sie etwas damit zu tun hatte? Oder hatte sie sich seinen Blick gerade eben nur eingebildet? Ich werde bei der Zeitung anrufen, sagte Kevin entschlossen und erhob sich. Vergiss es, das hat Leighanne bereits getan. Keiner konnte oder wollte ihr Auskunft geben. Unsere Quellen sind streng geheim haben sie nur immer wieder betont. So eine Sauerei, A.J. war von seinem Platz aufgesprungen und wanderte aufgebracht im Zimmer hin und her. Was ist das für eine Welt, in der man noch nicht einmal seinen engsten Freunden vertrauen kann? Jetzt beruhige Dich, sagte Sarah vielleicht hat ja auch irgendjemand das Gespräch belauscht. Wir wissen doch nicht, wie das alles abgelaufen ist. Belauscht? Brian hob skeptisch eine Augenbraue das kann ich mir kaum vorstellen. Nein, ich denke das irgendjemand seinen Mund nicht halten konnte. Wahrscheinlich hat er auch noch richtig viel Geld dafür bekommen. Sarah fühlte sich unwohl unter seinem durchdringenden Blick. Du denkst, dass ich was damit zu tun habe, sagte sie gerade heraus. Sie musste es wissen. Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Du bist neu. Ich mag Dich wirklich, aber... Jetzt reicht es aber, A.J. baute sich drohend vor seinem Freund auf Sarah hat nichts damit zu tun. Das weißt Du genau so gut wie ich. Zerknirscht senkte Brian den Blick Du hast ja recht, an Sarah gewandt fuhr er fort tut mir leid. Das wollte ich nicht sagen. Es ist nur so frustrierend. Natürlich hast du nichts damit zu tun. Entschuldige bitte. Ist schon o.k., Sarah legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm ich kann Dich sogar verstehen. Ihr kennt mich ja garnicht. Es ist einfacher mich zu verdächtigen, als sich vorzustellen, dass es einer Deiner Freunde war. Brian nickte langsam. A.J. nahm seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf. Bone, bitte setz Dich, Du machst mich ganz irre mit Deinem hin und her gerenne, sagte Kevin. O.k., o.k., A.J. hob abwehrend die Hände und ließ sich neben Nick auf das Bett. Es ist wirklich äußerst merkwürdig, bemerkte Howie. Tja, leider werden wir wohl kein Licht in das Dunkel bringen können, entgegnete Kevin resignierend.
Einige Tage später saß Sarah auf dem Dach ihres Hotels und genoss den wunderbaren Ausblick über Frankfurt. Millionen Lichter leuchteten in die Nacht hinaus und eine leichte Brise strich ihr über das Gesicht. Straßenlärm drang leise zu ihr herauf. Auf den Knien hielt sie eine aufgeschlagene Mappe. Einige Notenblätter flatterten im Wind. Die Melodie war ihr kurz nach Dannys Tod eingefallen und sie hatte sie damals hastig niedergeschrieben. Seitdem hatte sie die Mappe nicht mehr geöffnet. Sie wußte nicht, warum sie sie ausgerechnet mit auf diese Tour genommen hatte, doch heute Abend, als sie zum hundertsten Mal ihren Koffer ausräumte, war sie ihr in die Hände gefallen. In ihrem Kopf bildeten sich Worte und ohne groß darüber nachzudenken flog ihr Stift über die Seiten. Eine Stunde arbeitete sie wie in Trance und als sie irgendwann mit verspannten Schulter aufsah, stand der Mond schon hell über ihr und das Lied war fertig. Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss einfach das Gefühl der Freiheit. Sie hörte, wie hinter ihr quietschend die Tür, die auf das Dach führte, geöffnete wurde und schlug hastig die Mappe zu. Als sie sich umblickte, kam A.J. langsam auf sie zu geschlendert. Er setzte sich neben sie auf die kleine Mauer, die das Dach umgab und starrte in die Nacht hinaus. Eine wunderschöne Nacht, brach er irgendwann das Schweigen. Ja, nicht wahr. Man fühlt sich irgendwie so frei. Ein tiefer Seufzer von ihm lies Sarah aufblicken. Er hatte die Lippen zusammengekniffen und hinter seiner Sonnenbrille sah sie seine Augen unruhig hin und her wandern. Was ist los? fragte sie vorsichtig. A.J. zuckte mit den Schultern und blickte weiterhin starr in die Nacht hinaus. Sarah wartete. Er würde schon mit ihr reden, wenn er soweit war. Nach einer Weile sagte er unvermittelt Ich werde mich endgültig von Amanda trenne. Sarahs Herz machte einen Satz. Bisher hatte sie sich nicht eingestehen wollen, dass sie immer einen leisen Stich der Eifersucht gespürt hatte, wenn er von seiner Freundin sprach. Jetzt wollte er sie verlassen. Sie fühlte sich sofort schuldig, dass sie sich darüber freute. Aber wieso auf einmal? fragte sie Ich habe gerade mit ihr telefoniert und mal wieder haben wir uns bloß gestritten. Ich kann das nicht mehr, er schüttelte den Kopf, nahm die Sonnenbrille ab und blickte ihr direkt in die Augen. Sie sah mit Bestürzung, dass er geweint hatte. Liebevoll legte sie ihm einen Arm um die Schulter. Sie ist so...so verbort. Immer geht es nur um sie. Weißt Du eigentlich wie schlecht es mir geht oder Du kümmerst Dich garnicht um mich, meinte er, Amandas weinerlichen Tonfall nachahmend. Dann sah er wieder hinaus in das Lichtermeer. Aber das es mir vielleicht mal schlecht gehen könnte, daran denkt sie nicht. Sie fragt nie wie es mir geht, was hier so passiert. Immer nur Forderung. Kauf mir dies, bezahl mir das, mein Kreditkartenlimit ist schon wieder erschöpft, lauter so einen Mist. Mitfühlend strich sie ihm über den Rücken. Wie kommt es, dass ich mich bei Dir wohler fühle, als bei ihr? fragte er und sah sie dabei fragend an. Sarahs Herz begann schneller zu schlagen. Was sollte sie darauf nur antworten? Wahrscheinlich, weil wir gute Freunde sind, antwortete sie ausweichend vielleicht weil wir jeden Tag zusammen sind und die gleichen Dinge erleben. Du musst sie verstehen, es ist sicherlich nicht leicht für sie, so lange von Dir getrennt zu sein sie redete schnell weiter als sie sah, dass er sie unterbrechen wollte Du hast hier jede Menge Ablenkung, sie nicht. Ist doch logisch, dass sie sich einsam fühlt. Das kann sie ja auch ruhig, entgegnete A.J. aufgebracht dafür habe ich doch vollstes Verständnis. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie nur mit mir zusammen ist, weil ich Geld und einen großen Namen habe. Sarah seufzte. Du kennst meine Meinung. Dir bleibt keine andere Wahl als sie zu verlassen. Scheinbar bist Du ja zum selben Ergebnis gekommen. Er nickte traurig. Er legte den Kopf auf ihre Schulter und seufzte schwer. Warum muss das alles so kompliziert sein? Liebe ist niemals einfach, entgegnete Sarah altklug und blickte starr gerade aus. Sie wollte garnicht daran denken, wie nahe er ihr jetzt war. Sie bräuchte nur den Kopf ein wenig zu drehen und schon könnte sie ihn küssen. Schnell verscheuchte sie den Gedanken. Das war ja nun das Letzte an was sie denken sollte. Sie blickte hinunter auf die Mappe, die sie immer noch in den Händen hielt und sofort erschien Dannys Gesicht vor ihrem geistigen Auge. Er blickte sie vorwurfsvoll an, so als wollte er sagen hier bin ich. Was machst Du mit dem Kerl da an Deiner Seite? A.J. spürte ihre Unruhe und richtete sich wieder auf. Sein Blick viel auf die Mappe, die Sarah krampfhaft umklammerte. Was ist das? fragte er und wollte danach greifen. Nichts was Dich etwas angeht, entgegnete Sarah und brachte die Mappe schnell außer Reichweite. Manchmal verstehe ich Dich nicht OConner, sagte er und musterte sie mit kritischem Blick auf der einen Seite bist Du lieb und nett und kaum drückt man auf den falschen Knopf, fährst Du Deine Krallen aus und bist eine richtige Kratzbürste. Tja, damit wirst Du wohl leben müssen, meinte Sarah leichthin. Ich wünschte ... setzte er an und brach dann ab. Was? Ach, nicht so wichtig. Wie sollte er ihr erklären, dass sie für ihn mehr als nur eine Freundin war und dass er so gerne einen Blick in ihr Inneres werfen wollte, um alles was ihr so schwer auf der Seele zu liegen schien, einfach wegzuwischen. Schweigend saßen sie noch eine Weile beieinander und blickten auf die Häuserlandschaft unter sich.
Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Sie war genau zum richtigen Zeitpunkt auf den Balkon getreten um das Gespräch zwischen A.J. und Sarah zu belauschen. Er wollte sich also von Amanda trennen. Wunderbar. Das versprach ihr wieder ein hübsches Sümmchen Geld einzubringen. Für einen Moment meldete sich ihr schlechtes Gewissen, doch schnell schob sie es beiseite. Sie brauchte das Geld. Jeden Tag stand etwas über die Jungs in der Zeitung, da kam es doch darauf auch nicht mehr an. Ein breites Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht und sie zog sich in die Dunkelheit ihres Zimmers zurück, um einen Anruf bei der Redaktion zu tätigen.
Kapitel 15