Kapitel 13

Am nächsten Morgen betrat Sarah mit Jessy im Schlepptau den Parkplatz hinter dem Hotel. Drei riesige Busse standen dort feinsäuberlich in einer Reihe geparkt. „Wow,“ entfuhr es Sarah „die sind ja riesig.“ „Hm,“ Jessy nickte „Du solltest sie mal von innen sehen. Da ist alles drin, was das Herz begehrt.“ Unvermittelt klingelte Sarahs Handy. Sie zog es aus der Hosentasche und während sie dabei zusah, wie ihr Gepäck verstaut wurde, meldete sie sich „Hallo Logan, was gibt's?“ „Hallo Sarahschatz, wollte nur mal hören, wie es Dir so geht. Ich habe gerade Deine Arbeit im Netz bewundert. Den Forumeinträgen zu Folge kommt das Tourtagebuch bestens an.“ Sarah strahlte „das ist doch wirklich eine gute Nachricht. Dann weiß ich wenigstens, warum ich mir die Nächte um die Ohren schlage,“ wie zur Bestätigung musste sie gähnen. Nick erschien plötzlich neben ihr. Wortlos griff er nach ihrer schwarzen Tasche, die sie über die Schulter gehängt hatte. „Warte mal einen Moment,“ sagte sie an Logan gewandt und dann zu Nick „ich kann sie ruhig selbst mitnehmen.“ „Ach Quatsch, so krumm wie Du dastehst, ist sie bestimmt saumäßig schwer. Ich nehme sie einfach schon mit hinein und stelle sie auf Deinen Platz, o.k.?“ „Danke mein Held,“ sagte sie und entlockte Nick damit ein stolzes Grinsen. Er trottete mit ihrer Tasche Richtung Bus und tat so, als ob er sie tatsächlich kaum hochheben konnte. Er hatte sich weit zur Seite gelegt und die Tasche schleifte fast über den Boden. Sarah lachte leise und wandte sich dann wieder Logan zu, der immer noch am anderen Ende der Leitung auf sie wartete „o.k. Logan, hier bin ich wieder.“ „Was macht ihr gerade?“ fragte er „wir sind gerade dabei, den Tourbus zu besteigen. Den solltest Du wirklich mal sehen, er sieht von außen riesig aus. Verdunkelte Scheiben und so hoch wie ein Doppeldeckerbus.“ „Klingt, als währe wenigstens genug Platz, Deine ganzen Klamotten zu transportieren.“ „Ha, ha, sehr witzig,“ entgegnete Sarah sarkastisch „War ein schlechter Versuch, ich weiß. Ich wollte auch einfach nur mal Deine Stimme hören.“ Bei diesen Worten musste Sarah lächeln. Wenn sie ehrlich war, vermisste sie Logan auch sehr. Er war immer für sie da und hörte ihr zu. Wenn er gestern da gewesen währe, hätte sie sich in seinen Armen ausheulen können und er hätte ihr gesagt, dass alles wieder gut werden würde. Sie seufzte. „Ist alles in Ordnung?“ fragte Logan „j-ja...nein...doch, eigentlich schon.“ „Was bedeutet eigentlich?“ „Ich hatte gestern einen kleinen Durchhänger wegen Danny.“ „Oh,“ kam es vom anderen Ende „das ist nicht gut.“ „Naja, es geht mir heute auch schon wieder besser.“ Verstohlen blickte sie sich nach Jessy um, doch diese war gerade in ein Gespräch mit Howie vertieft und bekam um sich herum nichts mehr mit. „Ich vermisse ihn einfach immer noch schrecklich.“ „Das ist doch verständlich,“ entgegnete Logan sanft. „Hast Du es schon jemandem dort erzählt?“ „Nein,“ Sarah schüttelte den Kopf „das geht niemanden etwas an.“ „Ich könnte mir nur vorstellen, dass sie sich Sorgen machen, wenn sie nicht wissen was mit Dir los ist.“ „Ich habe das schon im Griff,“ entgegnete Sarah bestimmter als sie sich fühlte. Sie musste an die gestrige Szene mit A.J. denken. Was er jetzt wohl über sie dachte?

A.J.s Gedanken gingen im gleichen Moment in die selbe Richtung. Er saß im Bus am Fenster und beobachtete Sarah, wie sie telefonierte. Dabei trat sie von einem Bein auf das Andere und wickelte ab und zu eine blonde Haarsträhne um den Finger. Sie sah so klein und verletzlich aus, wie sie da alleine auf dem großen Parkplatz stand. Sie schien allerdings heute wieder vollkommen in Ordnung zu sein. Beim Frühstück hatte sie drauf los geplaudert, als sei nichts gewesen. Seit er sie weinend auf der Treppe gefunden hatte fragte er sich, was diesen Gefühlsausbruch wohl provoziert hatte. Wer oder was hatte ihr so weh getan, das sie so verzweifelt war? Er schüttelte den Kopf. Es hatte keinen Sinn sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Wenn sie soweit war, würde sie von alleine darüber sprechen. Hoffte er zumindest. Er sah, wie sie ihr Handy zusammenklappte und es wieder in der Hosentasche verstaute. Dann rief sie Jessy etwas zu und diese schüttelte den Kopf. Gleich darauf kam sie auf den Bus zu. Dann blieb sie stehen, legte den Kopf schief und schien nachzudenken. Dann zog sie den unvermeidlichen Fotoapparat hervor und machte schnelle ein Foto. Dann setzte sie ihren Weg zum Bus fort. Hinter sich hörte er Nick und Brian miteinander kichern. Was hatten sie nun schon wieder vor?

Sarah betrat den Bus und blickte sich interessiert um. Zu ihrer Linken befanden sich drei kleine Sitzgruppen mit jeweils einem Tisch in der Mitte. Sie entdeckte Maria und winkte ihr kurz zu. Über ihrem Kopf prangte ein kleines Fernsehgerät, an dem ein Nintendo angeschlossen war. Auf der Linken Seite zogen sich breite, mit Stoff bezogene Bänke an der Wand entlang. Vanessa und Carla, die beiden Betreuerinnen der Backstreet Boys hatten darauf Platz genommen und unterhielten sich angeregt mit Joe und Mandy, zwei Tänzerinnen, die ihr Jessy am vergangenen Abend vorgestellt hatte. Der Mittelgang war mit einem dunkelblauen Teppich ausgelegt. Dahinter führte eine kleine Tür in den hinteren Teil des Busses. Nick kam mit betretenem Gesicht auf sie zu. „Ich weiß garnicht wie ich es Dir erklären soll,“ sagte er zerknirscht und wagte nicht, sie anzusehen. „Was?“ fragte Sarah alamiert. „I-ich...ich habe Deine Tasche fallen lassen,“ sagte er und wurde noch ein Stückchen kleiner. Sarahs Herz setzte für einen Schlag aus. Das konnte doch nicht sein. „Das...das ist hoffentlich nicht Dein Ernst.“ sagte sie, ihre Stimme war nur noch ein ängstliches Flüstern. Ihr Laptop und vor allen Dingen Dannys Bild waren in der Tasche. Ihm durfte einfach nichts passiert sein. „Doch,“ betreten trippelte Nick von einem Bein auf das Andere „es tut mir wirklich leid, es hat furchtbar geklirrt und ich habe mich noch nicht getraut einen Blick hineinzuwerfen.“ Panik stieg in Sarah auf. Sie dachte nicht mehr an den Laptop, der war zu ersetzen, aber wenn Dannys Foto etwas passiert war ... ! Sie konnte nicht sagen, warum das Bild so wichtig für sie war. Sie hatte hunderte davon zu Hause. Doch dieses spezielle Foto verkörperte für sie Danny, wie er damals war. Sein Geist schien in diesem Bild zu leben und wenn sie es ganz dicht an ihr Gesicht hielt, hatte sie das Gefühl ihm nahe zu sein, fast den Duft seines Aftershaves riechen und seine liebevolle Stimme hören zu können. „Wo ist sie?“ fragte sie knapp und blickte sich suchend um. „Dahinten,“ Nick deutete auf die hinterste Sitzgruppe. „Es war wirklich ein Versehen, ich wollte nicht....“ doch weiter kam er nicht, denn Sarah hatte ihn schon grob beiseite geschoben und war an ihm vorbei gelaufen. Sie erblickte die Tasche sofort. Unschuldig stand sie auf dem Sitz, als währe nichts passiert. „Bitte,“ flüsterte sie, als sie vorsichtig den Reißverschluss aufzog. Der Laptop schien in Ordnung zu sein. Vorsichtig tastete sie nach dem Bilderrahmen. Ihre Finger glitten über das glatte, unversehrte Glas und ein erleichterter Seufzer entrang sich ihrer Kehle. Vorsichtig zog sie das Bild hervor, allerdings nur soweit, dass sie einen beruhigenden Blick darauf werfen konnte und die Umstehenden es nicht sehen konnten. Dann schob sie es erleichtert wieder zurück an seinen Platz und zog den Reißverschluss zu. Hinter sich hörte sie lautes Gelächter „Reingefallen,“ rief Nick und bog sich vor Lachen. Brian stimmte in das Gelächter mit ein „Dein...Dein...Gesicht...hättest Du mal sehen sollen,“ brachte er heraus und ließ sich mit untergezogenem Beinen zurück auf die Bank fallen. Nick kicherte immer noch. „Sehr lustig,“ sagte Sarah sarkastisch. A.J. hatte sich das ganze Spektakel von einer der hinteren Bänke aus angesehen. Er hatte bemerkt, wie Sarah blass geworden war, als sie von Nicks Missgeschick hörte. Er hatte gesehen wie sie panisch zu ihrer Tasche gelaufen war und dann darin nach etwas gesucht hatte. Er hatte ihre Erleichterung gesehen, als sie den Gegenstand gefunden hatte und ihn unversehrt vorfand. Sie hatte irgendetwas kurz hervorgeholt, doch er konnte nicht erkennen um was es sich handelte. Der Laptop schien ihr allerdings ziemlich egal gewesen zu sein. Dann hatte sie die Tasche wieder geschlossen und wenn Nick nicht aufpasste, würde sie ihm gleich an die Gurgel gehen. Sie war manchmal wirklich seltsam. Nick schien jetzt auch bemerkt zu haben, dass sein Scherz bei Sarah nicht so gut angekommen war. Abwehrend hob er die Hände „Sorry, ich wollte Dich nicht erschrecken. Es war doch nur ein Spaß.“ „Können wir uns darauf einigen,“ sagte Sarah und unterdrückte nur mühsam ihre Wut „dass meine Tasche für solche Spielchen in Zukunft tabu ist?“ „S-Sicher...es tut mir leid. War nicht so gemeint.“ Nick war überrascht. Sie verstand doch sonst soviel Spaß. „Gut,“ entgegnete sie nur und blickte nochmals auf ihre Tasche, als wollte sie sich erneut davon überzeugen, dass alles in Ordnung war. Jessy, Kevin und Howie betraten den Bus und blieben einen Moment überrascht am Eingang stehen. Sie bemerkten sofort die Spannung, die in der Luft lag. „Alles in Ordnung?“ fragte Kevin mit einem besorgten Unterton in der Stimme. Alle Augen wanten sich Sarah zu. „Alles bestens,“ entgegnete diese, schon wieder etwas gefasster. Sie setzte ein Lächeln auf und sagte „ich reagiere wohl etwas empfindlich, wenn jemand behauptet, er hätte meine Arbeitsutensilien beschädigt.“ „Nick,“ rief Kevin sofort entrüstet. „Wieso denkst Du denn gleich, dass ich es war?“ entgegnete Nick mit einem gequälten Gesichtsausdruck. Als Sarah seinen Blick sah, musste sie unwillkürlich lachen. „Na, wer sonst?“ fragte sie und der unangenehme Moment war vorüber.

Sie waren jetzt seit zwei Stunden unterwegs. A.J. hatte ihr den Rest des Busses gezeigt. Durch die kleine Tür kamen sie in eine winzige Küche mit Kochnische und einem Kühlschrank. An der gegenüberliegenden Wand war ebenfalls eine Sitzgruppe angebracht, an der sechs Leute Platz finden konnten. Daneben war eine kleine Tür mit der Aufschrift Bathroom. Durch eine weiter Tür gelangten sie in das „Schlafwagenabteil“, wie A.J. es nannte. Jeweils drei Schlafkojen waren übereinander angebracht. Vor jeder hing ein bunter Vorhang, den man zuziehen konnte, wenn man seine Ruhe brauchte. Eine weitere Tür führte sie in eine Art Wohnbereich. Die gleichen, breiten und äußerst bequem aussehenden Bänke, die sie vorne schon gesehen hatte, zogen sich in U-Form um den hinteren Teil des Busses. Jessy und Howie hockten sich im Schneidersitz gegenüber und unterhielten sich angeregt. „Und, was hältst Du von unserem Wohnklo?“ fragte Jessy lächelnd an Sarah gewandt „es ist fantastisch,“ antwortete Sarah wahrheitsgemäß. „Ich glaube die Schlafkojen haben ihr am besten gefallen,“ bemerkte A.J. grinsend „ihr Gähnen war auf jeden Fall nicht mehr zu übersehen.“ Sarah lachte und knuffte A.J. in die Seite. „Das ist nicht fair. Immerhin habe ich noch gearbeitet, als ihr alle schon friedlich im Land der Träume wart.“ Die Tür öffnete sich und A.J. sprang schnell zur Seite. Brian und Kevin traten ein und bald saßen sie gemütlich beisammen und plauderten über dies und das. „Leute, ich habe Euch etwas mitzuteilen,“ sagte Brian und lächelte geheimnisvoll „es ist noch ein Geheimnis, aber Leighanne und ich haben beschlossen, ein Plattenlabel zu gründen. Was haltet ihr davon?“ „Großartig.“ „Super.“ Alle waren begeistert. „Wir wollen es noch nicht an die große Glocke hängen. Es sind noch ein paar vertragliche Dinge zu klären bevor es an die Öffentlichkeit gelangt. Aber ich dachte, Euch kann ich es ja schon sagen.“ Sarah fühlte sich geehrt, dass ihr soviel Vertrauen entgegengebracht wurde. Munter erzählte Brian drauflos. Stolz erzählte er, das er und Leighanne sich Künstlern annehmen wollten, die nicht so ganz in das Schema der Plattenindustrie passten, aber mit ihrer Stimme überzeugen konnten. Sarah lächelte in sich hinein, es war ein schönes Gefühl dabei zu sein, wie jemand seine Träume verwirklichte.

Kapitel 14