Kapitel 12

Sarah irrte durch das Labyrinth der Konzerthalle, bis sie die Tür der Damentoilette entdeckte. Mit Schwung riss sie sie auf und hätte dabei beinahe Jessy über den Haufen gerannt. „Hey, was ist denn passiert?“ fragte sie, als sie in Sarahs verweintes Gesicht blickte. „Nichts,“ entgegnete Sarah schroff. Sie hatte jetzt absolut keine Lust auf Frage und Antwort Spielchen. „Du willst wohl nicht darüber reden,“ stellte Jessy überflüssigerweise fest. „Ja.“ „Willst du lieber alleine sein?“ „Ja...nein...ich weiß nicht.“ Sarah war verwirrt und immer noch entsetzlich traurig. Wortlos trat Jessy auf sie zu und schloss sie fest in die Arme. Eine Weile standen sie einfach nur so da und Sarah merkte, wie sie sich langsam beruhigte. Sanft löste sie sich aus Jessys Umarmung und trat einen Schritt zurück. „Uff, das habe ich jetzt wohl gebraucht,“ sagte Sarah und Jessy konnte deutlich den verblüfften Unterton in ihrer Stimme hören. Innerlich musste sie lächeln. Scheinbar war Sarah schon mit dem „Wir-sind-eine-Familie-Gefühl“ und dem „Du-kannst-mir-alles-sagen-Virus“ angesteckt worden. Jessy hat gleich festgestellt, aß sie es hier mit einer sehr verschlossenen Persönlichkeit zu tun hatte. Doch sie hatte selbst erfahren, aß man sich dem Charme der großen Backstreet Boys Familie nicht lange entziehen konnte. Irgendwann rissen sie einfach alle Mauern ein und man merkte das noch nicht einmal. Erst wenn man dabei war unbekümmert über seine Sorgen und Ängste zu reden stellte man fest, das sie es irgendwie geschafft hatten, den Panzer zu knacken. Jessy wußte, das Sarah noch lange nicht so weit war, um sich irgendjemandem zu öffnen, aber sie schien zumindest auf dem richtigen Weg zu sein. Sarah trat an ihr vorbei und drehte den Wasserhahn auf. Sie spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht und trocknete sich dann mit einem Papierhandtuch ab. Jessy stand einfach nur daneben und beobachtete sie. Sarah warf einen Blick in den Spiegel. „Oh Gott, ich sehe furchtbar aus,“ sagte sie, als sie sich ihre verweinten Augen ansah. Ihr Kopf brummte vom vielen Weinen und ihre Kehle war rau und trocken. Erneut drehte sie den Hahn auf und nahm ein paar tiefe Schlucke von dem kalten Wasser. „Schon besser,“ murmelte sie und warf noch einmal einen prüfenden Blick in den Spiegel. „Kein Problem,“ sagte Jessy und holte aus ihrer Hosentasche eine kleine Puderdose hervor. „Das hier wirkt Wunder.“ Sie begann Jessys Wangen und Stirn ab zu tupfen. Als sie fertig war, betrachtete sie zufrieden ihr Werk. „Fast wie neu. In spätestens einer halben Stunde sind Deine Augen auch nicht mehr ganz so verquollen, dann merkt keiner was.“ „Danke.“ „Gerne geschehen.“ Ein peinliches Schweigen senkte sich über den Raum. „Wie war das Interview?“ „Wie war das Frühstück?“ begannen sie beide im selben Moment zu fragen und mussten darüber lachen. Der peinliche Moment war vorüber. „Das Interview war o.k.. Ich habe ein paar nette Fotos gemacht. Und das Frühstück?“ Jessy lachte bei dem Gedanken an den heutigen Morgen „Als wir den Frühstücksraum betraten, waren Brian und Nick überall mit Rührei beschmiert. Sie hatten es in den Haaren, auf den Klamotten, an den Händen, sogar im Gesicht.“ Sarah lachte „Die Beiden...also ehrlich, nur Blödsinn im Kopf.“ „Wem sagst Du das? Aber genau so mögen wir sie doch.“ „Da hast Du recht. Und ... sonst?“ „Was und sonst?“ fragte Jessy die Unschuldige spielend „Naja,“ Sarah druckste etwas herum, nicht sicher wie sie das Thema anschneiden sollte „die Sache mit Howie und Dir. Läuft da was?“ Jessy schüttelte den Kopf „leider nicht. Ich denke, er sieht mich nur als netten Kumpel. Warum sollte er ausgerechnet mich nehmen, wenn er jede Frau haben könnte?“ „Ach Quatsch,“ Sarah legte Jessy freundschaftlich den Arm um die Schulter „Du siehst doch blendend aus, hast Grips und kannst noch dazu fantastisch tanzen. Was will ein Mann denn sonst noch?“ Auf Jessys Gesicht breitete sich ein strahlendes Lächeln aus „da hast Du wahrscheinlich recht.“ „Eben. Weiß er denn schon von seinem Glück?“ „Gott bewahre, nein! Ich will mich doch nicht lächerlich machen.“ „So funktioniert das aber nicht,“ entgegnete Sarah bestimmt „soll ich mal ... durch die Blume versteht sich.“ „Ich weiß nicht,“ Jessy dachte über diesen Vorschlag nach. „Verkehrt währe es ja nicht. Ich meine, dann weiß ich endlich woran ich bin. Aber er darf auf keinen Fall denken, aß ich Dich geschickt habe,“ „Nein, vertrau mir. Ich werde das ganz geschickt anstellen.“ „So? Wie denn?“ fragte Jessy interessiert. „So genau weiß ich das noch nicht, aber glaube mir, das kriege ich schon hin.“ Unvermittelt zuckte Jessy zusammen und warf einen Blick auf ihre Uhr „Oh Gott, ich komme zu spät, sie haben bestimmt schon mit den Proben angefangen. Tut mir leid Süße, aber ich muss unbedingt los. Kommst Du klar?“ „Sicher, geh nur. Viel Spaß. Ich werde Dich ja heute Abend das erste Mal tanzen sehen. Bin schon sehr gespannt.“ „O.k., dann bis später und vergiss die Sache mit Howie nicht, ja?“ „Ganz bestimmt nicht,“ und schon war Jessy durch die Tür verschwunden und Sarah hörte nur noch ihre Schritte die schnell leiser wurden. Sarah wandte sich wieder ihrem Spiegelbild zu. Jessy hatte tatsächlich ein Wunder vollbracht. Ihr Gesicht wirkte jetzt nichtmehr so wächsern und die Augenringe waren gut verdeckt. Nur ihre roten Augenlider verrieten sie noch. Entschlossen hielt sie ein Papiertuch unter den kalten Wasserstrahl. Dann setzte sie sich auf den Boden, lehnte sich mit dem Rücken an die kühlen Kacheln der Wand und drückte sich das nasse Papiertuch auf die Augen. Ihr fiel die Szene mit A.J. wieder ein. Sie hatte ihn ganz schön angefahren, dabei wollte er sie doch offensichtlich nur trösten. Er hatte sie aber auch zu tode erschreckt. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie tatsächlich geglaubt, Danny währe gekommen um ihr zu sagen, aß alles gut werden würde. Das alles nur ein furchtbarer Albtraum war und sie jetzt daraus erwacht sei. Stattdessen hatte sie in A.J.s besorgtes Gesicht gesehen und sie war so wütend gewesen, aß er es war und nicht Danny. Sarah seufzte unter ihrem feuchten Tuch. Da war wohl eine dicke Entschuldigung fällig. Hoffentlich stellte er nicht zu viele Fragen.

Den ganzen Abend hatte sie keine Gelegenheit mehr mit A.J. zu sprechen. Als sie schließlich die Toilette verließ, strömten schon die ersten Fans in die Halle. Hinter der Bühne herrschte aufgeregte Geschäftigkeit. Die Jungs waren gerade dabei sich einzusingen und Sarah schaute nur schnell vorbei um ein, zwei Aufnahmen zu machen. A.J. warf ihr nur einen kurzen Blick zu, doch sie ignorierte ihn gekonnt und verschwand gleich darauf wieder aus dem Zimmer. Die Show war überwältigend und von ihrem Platz hoch oben auf einem Gerüst für die Lightspots hatte sie einen fantastischen Blick. Sie bewunderte Jessys Bewegungen und die Natürlichkeit, mit denen sich die fünf Backstreet Boys auf der Bühne bewegten. Der Jubel der Fans war ohrenbetäubend und jedes Lied wurde kräftig mitgesungen. Als sich das Konzert dem Ende näherte, verließ Sarah ihren Ausguck und machte sich auf den Weg Richtung Bus. Sie wollte sich nicht noch einmal „Show me the meaning...“ antun. Einmal reichte für heute. Sie verkroch sich ganz nach hinten in den dunklen Bus und wartete darauf, aß er sie zurück ins Hotel bringen würde. In der Ruhe und Geborgenheit des Busses wurde sie langsam schläfrig. Immerwieder vielen ihr die Augen zu und schließlich legte sie sich der Länge nach über die Sitze und schlief sofort ein. Laute Stimmen weckten sie „Du hast sie einfach gehen lassen?“ fragte Kevin gerade aufgebracht „was hätte ich denn tun sollen?“ entgegnete A.J. ebenfalls wütend „ihr vielleicht hinterhergehen? Das währe doch mal was gewesen.“ „Kev, ich habe Dir gesagt, aß sie ihre Ruhe wollte.“ „Ach Quatsch. Sie ist erst seit zwei Tagen dabei. Du kannst sie doch nicht einfach so sich selbst überlassen, wenn es ihr schlecht geht.“ Verschlafen richtete Sarah sich in ihrem Sitz auf „redet ihr zufällig gerade über mich?“ fragte sie und gähnte ausgiebig. Im nächsten Moment musste sie über die verblüfften und betretenen Gesichter von Kevin und A.J. grinsen. Kevin hatte sich als erster wieder gefangen und kam mit schnellen Schritten auf sie zu „ist alles in Ordnung? A.J. hat mir gerade erzählt was vorhin passiert ist.“ „Mir geht es bestens,“ entgegnete Sarah und tätschelte ihm beruhigend den Arm „mach Dir keine Gedanken. A.J. hatte recht. Ich wollte einfach ein bisschen alleine sein, o.k.?“ Dann schaute sie an Kevin vorbei und sah A.J. mit verschränkten Armen und gerunzelter Stirn im Mittelgang stehen. Sanft schob sie Kevin zur Seite und trat auf A.J. zu. „Es tut mir wirklich leid. Ich wollte nicht so gemein sein. Ich habe mich nur riesig erschreckt und wollte doch eigentlich nur meine Ruhe.“ „Schon gut,“ brummte A.J. „Nein, nicht schon gut. Es tut mir wirklich leid und ich hoffe Du verzeihst mir nochmal.“ A.J.s Mundwinkel zuckten, doch dann stahl sich ein strahlendes Lächeln auf sein Gesicht. „Schon vergessen,“ sagte er und zog sie in seine Arme. Sarah erwiderte die Umarmung. „Mein Gott, riecht er gut,“ dachte sie. „Oh Gott, fühlt sie sich gut an,“ dachte er. Lauter Applaus holte sie wieder in die Wirklichkeit zurück und verlegen trat Sarah einen Schritt zurück. „Das war die herzzerreißendste Versöhnung, die ich jemals gesehen habe,“ sagte Nick schluchzend und wischte sich theatralisch einige nicht vorhandene Tränen aus dem Gesicht. „Schwachkopf,“ sagte A.J. und verpasste ihm eine Kopfnuss. „Also wieder alles beim alten,“ stellte Howie grinsend fest und ließ sich hinunter auf seinen Sitz gleiten. Kevin trat auf A.J. zu. „Tut mir leid Mann, ich wollte Dich nicht anschreien.“ „Kein Problem Bro,“ entgegnete A.J. und sie umarmten sich kurz. Der Bus setzte sich in Bewegung und brachte sie sicher zurück zu ihrem Hotel.

Kapitel 13