Kapitel 11

Als sie am späten Nachmittag endlich die Konzerthalle erreichten, war Sarah ziemlich erschlagen, von den vielen neuen Eindrücken. Das Radiointerview war gut gelaufen und bei der Fernsehaufzeichnung eines Morgenmagazins wirkten die Jungs immer noch frisch und hellwach. Ganz im Gegensatz zu ihr. Sie hatte unzählige Fotos gemacht und fühlte sich erschöpft. Gerade standen sie unterhalb der großen Bühne, auf der etliche Arbeiter hin und her wuselten um noch die letzten Instrumente aufzubauen und anzuschließen. „Das ist beeindruckend,“ sagte Sarah und starrte gebannt zu den unzähligen Scheinwerfern an der Decke über der Bühne hinauf. „Ja, wenn Du darunter stehst, fühlst Du Dich wie ein Hähnchen unter der Warmhaltelampe bei Kentucky Fried Chicken,“ entgegnete Nick, der ihrem Blick gefolgt war. Sarah prustete los „das würde ich gerne erleben. Du siehst bestimmt sehr süß in einem Hähnchenkostüm aus.“ „Aber sicher! Putt, putt, gag, gag,“ flötete er, nahm die Hände unter die Achseln und schlug mit seinen imaginären Flügeln. „Kikeriki,“ tönte es von Brian. Er schlug ebenfalls mit seinen Ellbogen wild durch die Luft und scharrte mit dem Fuß. „So wie es aussieht, bekommen wir morgen legefrische Eier zum Frühstück,“ bemerkte A.J. trocken. Sarah lachte „ehrlich gesagt hätte ich jetzt eher Lust auf einen knusprigen Hähnchenschenkel. Meinst Du, Du kannst da was für mich tun?“ meinte sie zuckersüß und klimperte mit den Augen „Schon unterwegs,“ grinste A.J. und stürzte sich auf Nick. „Hiiilfe,“ schrie dieser „ich werde geschlachtet.“ „Lass meine arme Henne in Ruhe,“ brüllte Brian lachend und eilte seinem Freund zu Hilfe. Ein harter Kampf um Nicks Oberschenkel begann „Finger weg, ich habe der Lady versprochen, aß sie einen fangfrischen Hähnchenschenkel bekommt“ „Ihhh, nicht das kitzelt, ha, ha“ „Holde Henne, ich werde Dich vor diesem fiesen Hähnchenfresser beschützen.“ Die Umstehenden bogen sich vor Lachen, als sie dieses Spektakel verfolgten. Kevin legte Sarah freundschaftlich einen Arm um die Schulter. „Ich sehe schon, Du lebst Dich hier bestens ein,“ meinte er, ein wenig nach Luft ringend. „Sie sind aber auch zu putzig,“ entgegnete Sarah und rieb sich den Bauch. „Bin gespannt, wer zuerst auf dem Boden liegt,“ sagte Howie amüsiert. In diesem Moment hebelte A.J. Nick gekonnt aus und alle Drei fielen in einem großen Knäul zu Boden. „Jetzt hast Du die Antwort,“ lachte Sarah. Erschöpft blieben Nick, Brian und A.J. auf dem Boden liegen und streckten alle viere von sich. Nick richtete sich schweratmend als erster auf. „Das war nicht nett,“ sagte er zu Sarah, erhob sich und klopfte sich den Staub von der Hose. „Da hast Du recht,“ pflichtete ihm Brian bei und gesellte sich zu Nick. Auch A.J. war inzwischen aufgestanden und langsam kamen sie zu dritt auf Sarah zu „Oh, oh, Kev. Ich glaube ich habe da ein Problem,“ sagte sie und versteckte sich schnell hinter seinem Rücken „ich denke eher drei Probleme und außerdem,“ mit diesen Worten trat er einen Schritt zur Seite „hast Du Dir die Suppe ganz alleine eingebrockt. Also, kämpfe wie ein Mann ... äh ... wie eine richtige Frau.“ mit diesen Worten klopfte er ihr aufmunternd auf die Schulter und brachte sich dann schnell aus der Schußbahn. Das schien für die drei Angreifer das Stichwort gewesen zu sein, denn sie stürzten vor und versuchten Sarah zu packen. „Ahh,“ mit einem Schrei drehte sich Sarah um rannte so schnell sie ihre Beine tragen konnten davon. Doch ihre Verfolger blieben ihr dicht auf den Fersen und noch bevor sie das andere Ende der Halle erreicht hatte, hatte sie A.J. bereits eingeholt und umfasste sie von hinten um die Taille. Sie spürte, wie sich die Muskeln in seinen Armen anspannten und schon hatte er sie mühelos hochgehoben. „Hilfe,“ reif Sarah „Kev, D., bitte ich will noch nicht sterben,“ dabei lachte sie und versuchte sich aus A.J.s Griff herauszuwinden. Immerhin hatte sie die Füße jetzt wieder auf dem Boden, doch das nütze ihr herzlich wenig. Brian und Nick begannen sie zu kitzeln und kreischend und lachend vielen sie kurze Zeit später erneut gemeinsam zu Boden. Sarah landete weich auf A.J., der ein kurzes „Urgh,“ von sich gab, Brian und Nick lagen daneben und versuchten wieder zu Atem zu kommen. „Alles o.k. bei Dir da unten,“ fragte Sarah immer noch kichernd an A.J. gewandt. „Wenn Du vielleicht Deinen Ellbogen aus meinen Rippen nehmen könntest? Damit währe mir schon sehr geholfen,“ antwortete dieser gequält. „Oh, natürlich,“ mit diesen Worten rollte sich Sarah von ihm herunter und kam neben ihm zu liegen. „Jetzt besser?“ A.J. wandte sein Gesicht ihrem zu. Seine Sonnenbrille schien er unterwegs irgendwo verloren zu haben und sein intensiver Blick raubte ihr für einen Moment den Atem. „Eigentlich hatte ich ja nur was gegen Deinen Ellenbogen,“ sagte er und lächelte sanft. „Hey,“ Brian knuffte A.J. in die Seite „reiß Dich los. Ich glaube wir sollten langsam mit dem Soundcheck anfangen.“ „Ja, sicher,“ A.J. zwinkerte ihr nochmal zu und erhob sich dann. Er streckte ihr die Hand entgegen und half ihr aufzustehen. Alle vier klopften sich den Staub von den Kleidern und Howie rief ihnen kichernd zu „sieht aus, als währt ihr in einen Sandsturm geraten.“

Sarah hatte es sich auf der Absperrung vor der Bühne bequem gemacht und lauschte der wundervollen Musik. Die meisten Songs kannte sie inzwischen durch ihre Arbeit, manche waren ihr allerdings noch nicht so geläufig. Immerwieder unterbrachen die Jungs ihren Gesang um hier und dort noch etwas am Sound, an den Mikrofonen oder den Instrumenten zu verändern. Als schließlich alles zu ihrer Zufriedenheit stimmte, stellten sie sich für einen letzten Song auf.

Show me the meaning of being lonely

So many words for the broken heart
It’s hard to see in a crimson love
So hard to breathe
Walk with me, and maybe

Nights of light so soon become
Wild and free I could feel the sun
Your every wish will be done
They tell me...

Show me the meaning of being lonely
Is this the feeling I need to walk with
Tell me why I can’t be there where your are
there’s something missing in my heart

In Sarahs Hals entstand ein Kloß, so groß wie ein Fußball. Der Sinn der Einsamkeit, den hatte sie auch noch nicht finden können. Dannys geliebtes Gesicht erschien vor ihrem inneren Augen, als Kevin weiter sang

Life goes on as it never ends
Eyes of stone observe the trends
They never say forever gaze

Guilty roads to an endless love
There’s no control
Are you with me now
Your every wish will be done
They tell me...

Als der Refrain erneut einsetzte, hatte Sarah Tränen in den Augen. „Danny, bist Du bei mir? Hörst Du mich? Du fehlst mir. Danny?“ Sie schwang die Beine über die Absperrung und ging langsam in den rückwärtigen, dunklen Teil der Halle. Tränen strömten ihr über das Gesicht und ihr Herz schmerzte, wie schon lange nicht mehr. Da drang Howies Stimme an ihr Ohr.

There’s nowhere to run
I have no place to go
Surrender my heeart, body and soul

How can it be you’re asking me to feel
The things you never show.

You are missing in my heart
Tell me why can’t I be there where you are.

Genau das fragte Sarah sich auch gerade. Warum konnte sie nicht bei Danny sein? Warum hatte er sie verlassen müssen? Ein Schluchzer entrang sich ihrer Kehle und erschöpft setzte sie sich auf die Stufen, die nach oben auf die Tribüne führten. Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und weinte um das was sie verloren hatte.

A.J. hatte bemerkt, wie Sarahs Gesicht sich immer mehr verdunkelte. Während er seinen Part sang, fragte er sich, was wohl gerade in ihr vorging. Dann schwang sie unvermittelt die Beine über die Absperrung und ging davon. Er trat einen Schritt nach vorne, um nicht mehr so sehr von den Scheinwerfern geblendet zu werden und sah ihr nach, bis sie im Dunkeln der Halle verschwand. Hatte er Tränen in ihren Augen gesehen? Das Lied schien endlos lange zu dauern und als sie die letzten Takte gesungen hatten, sprang er von der Bühne, noch bevor der letzte Ton verklungen war. Er riss sich das Mikrofon vom Kopf, drückte ihn einem verdutzten Tontechniker in die Hand und machte sich auf die Suche nach Sarah. Ihr verzweifeltes Schluchzen führte ihn schließlich zu den Stufen, auf denen sie zusammengekauert saß. Vorsichtig setzte er sich neben sie und strich ihr sanft über den Rücken. Wie unter einem Peitschenhieb zuckte sie zusammen und riss den Kopf nach oben. Er blickte direkt in ihre verweinten Augen, ihre Wangen waren feucht von Tränen. „Hey, was ist den los?“ fragte er sanft und streckte die Hand aus, um ihr die Tränen wegzuwischen. „Nichts,“ fuhr Sarah ihn wütend an und schlug seine Hand zur Seite. „Alles in bester Ordnung. Ich möchte einfach nur für einen Moment meine Ruhe haben, klar?“ und mit diesen Worten stand sie auf und lief aus der Halle. Entsetzt sah ihr A.J. hinterher. Was war denn blos passiert? Er hatte den Schmerz in ihren Augen fast körperlich spüren können. Er wollte sie doch blos im Arm halten und sie trösten. A.J. schüttelte den Kopf „hätte ich mir ja auch eigentlich denken können“ sagte er leise zu sich selbst „da öffnet sie ganz weit ihren Panzer und dann komme ich daher und werfe einen tiefen Blick in ihr sonst so gut verstecktes Inneres. Kein Wunder, das sie fluchtartig vor mir davon läuft.“ Mit einem Seufzer stand er auf. Er hoffte, das sie ihm jetzt nicht wirklich böse war und ihm irgendwann erklären würde, was da gerade eben mit ihr passiert war. Und vorallendingen hoffte er, aß sie o.k. war.

Kapitel 12