Kapitel 10
Am nächsten Morgen fand Sarah den versprochenen Einzatzplan, der wohl unter der Tür durch geschoben worden war. Darauf prangte ein kleiner, gelber PostIt Zettel. Guten Morgen Sarah, wollte Dich nicht wecken. Kevin sagte mir, aß Du noch keinen Einsatzplan erhalten hast. Tut mir wirklich, wirklich leid. Hier ist das gute Stück. Freue mich darauf, Dich bald näher kennen zu lernen. CU Maria Interessiert blätterte Sarah in den ca. 10 Seiten. Für eine Woche im Voraus waren alle Termine, An- und Abfahrtszeiten und besondere Events feinsäuberlich aufgeführt. Wenn sie jemand gefragt hätte, hätte sie es wohl nicht zugegeben, aber mit diesem Stück Papier voller Zahlen und Daten in der Tasche fühlte sie sich doch um einiges wohler. Es beruhigte sie, wenn der Tag einem gewissen Plan folgte. Beschwingt schnappte sie sich ihre Tasche und verließ das Hotelzimmer mit dem Ziel, ein wenig Geld auszugeben. Als sie den Fahrstuhl verließ, traf sie Jessy in der Lobby. Hey, guten Morgen, begrüßte sie diese gutgelaunt ist ja klasse, unser erstes gemeinsames Frühstück. Tut mir leid, Dich enttäuschen zu müssen, entgegnete Sarah bedauernd aber ich muss noch einige Kleinigkeiten besorgen. Frühstück fällt für mich heute aus. Ooch, Jessy schob enttäuscht die Unterlippe vor das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages, versuchte sie Sarah noch umzustimmen. Danke Jessy, aber ich denke, ich überlebe es auch so, entgegnete Sarah grinsend. Jessy sah sie für einen Moment verständnislos an, dann begann auch sie zu kichern tut mir leid, diesen altklugen Ton kann ich mir leider nur schwer abgewöhnen. Kein Problem, entgegnete Sarah und als sich ihre Blicke trafen, prusteten sie beide los die...die....d-die wichtigste.... Mahlzeit, brachte Sarah heraus und hielt sich den Bauch. Ich...gebe....zu...das..., weiter kam Jessy nicht. Lachtränen liefen ihr über die Wangen und sie hielt sich an Sarahs Schulter fest. Was ist denn mit Euch beiden los? fragte plötzlich eine Stimme hinter ihnen und als Sarah aufsah, bemerkte sie Howie, der zu ihnen herüber geschlendert kam. Hey Howie, begrüßte Sarah ihn hast Du schon gewusst, aß das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist? Jessy brach wieder in Gelächter aus, Sarah versuchte einigermaßen erfolglos ernst zu bleiben. Oh, deshalb schlagen sich Nick und Brian gerade um das Rührei, entgegnete er nur und stimmte in das Gelächter der Beiden ein. Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten bot Howie Sarah und Jessy seinen Arm an darf ich bitte? Die wichtigste Mahlzeit des Tages ist angerichtet, für mich nicht, entgegnete Sarah immer noch kichernd ich werde mich der wichtigsten Aufgabe der Frau zuwenden und ein bisschen einkaufen gehen. Oh Schade, entgegnete Howie und wandte sich dann Jessy zu aber mit Dir kann ich doch rechnen, oder? Aber sehr gerne doch, entgegnete Jessy mit gestelztem britischen Akzent und hakte sich bei ihm unter. Sie rollte hinter Howies Rücken genießerisch mit den Augen und ging dann mit ihm in Richtung Frühstücksraum davon. Sarah schüttelte immer noch kichernd den Kopf und wandte sich in die entgegengesetzte Richtung dem Ausgang zu. Sie trat in strahlendes Sonnenlicht und direkt in einen Pulk wartender Fans hinaus. Ein paar Mädchen hatten angefangen laut zu kreischen als sich die Drehtür des Hotels bewegte. Doch als sie erkannten, aß es sich hier nicht um einen der Backstreet Boys handelte, verstummten sie sofort wieder und beachteten Sarah nicht weiter. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt wieder der Eingangstür. Leise lächelnd ging Sarah weiter die Straße hinunter, auf der Suche nach einem Einkaufszentrum.
Pünktlich um elf Uhr war sie wieder zurück am Hotel. Am Hintereingang wartete schon ein großer Bus, der sie zu einem Amsterdamer Radiosender bringen sollte. Es handelte sich hierbei noch nicht um den Tourbus, wie Kevin ihr erklärt hatte. Der würde erst morgen ankommen, wenn sie sich auf den Weg in die nächste Stadt machten. Vorerst mussten sie sich mit einem ganz normalen Linienbus begnügen. Als Sarah die Stufen hinauf kletterte, hörte sie schon lautes Gelächter und Stimmengemurmel. Mit einem Blick stellte sie fest, aß Kevin, Howie, Nick, Brian und A.J. ihre Plätze bereits eingenommen hatten. Als sie sie entdeckten brüllten sie sofort im Chor nach vorne Fahrkarte lösen nicht vergessen, und sofort brach hysterisches Gelächter aus. Sarah stimmte in das Lachen ein. Wie oft haben sie den Spruch heute schon gebracht? fragte Sarah immer noch grinsend den Busfahrer. Mindestens tausend Mal, entgegnete dieser und warf einen amüsierten Blick in den Rückspiegel. Es scheint ihnen aber immer noch Spaß zu machen. Ja, sieht so aus. Immernoch kichernd lies Sarah ihren Blick weiter durch den Bus wandern. Hinter den Jungs entdeckte sie die beiden Betreuerinnen und die fünf Bodyguards der Jungs, die sie alle auf dem gestrigen Flug kennen gelernt hatte. Ihr wurde zur Begrüßung kurz zugenickt, andere winkten ihr freundlich zu. Einige weitere Personen befanden sich im Bus, die Sarah noch nicht kannte. Eine davon kam jetzt auf sie zu. Die Frau hatte kurz geschnitte, dunkle Haare und einen schmalen Mund. Sie trug eine auffallende Brille, mit schwarzem, breitem Gestell und lächelte ihr freundlich entgegen. Guten Morgen, ich bin Maria, begrüßte sie Sarah laut, um das Getöse hinter ihnen zu übertönen und streckte ihr die Hand entgegen Du musst Sarah sein. Ganz genau, guten Morgen, rief Sarah zurück und schüttelte Marias Hand. Tut mir wirklich leid, aß ich das mit dem Einsatzplan verschlafen habe. Ich hatte einiges um die Ohren. Ich bin hier sozusagen die Einzatzleiterin. Mittlerweile war es ruhiger geworden, sodass sie sich wieder in normaler Lautstärke unterhalten konnten. Ist doch kein Problem, entgegnete Sarah und lächelte kann doch jedem mal passieren. Hat ja alles noch bestens geklappt. Sarah blickte an Maria vorbei und zückte ihren Fotoapparat Ich glaube es wird langsam Zeit, sagte sie an Maria gewandt das ich auch mit meiner Arbeit anfange. Natürlich, entgegnete Maria schnell, wandte sich um und ging zurück zu ihrem Platz im hinteren Teil des Busses. Sarah überlegte kurz, ob sie Maria jetzt wohl vor den Kopf gestoßen hatte. Doch dann wandte sich sich entschlossen ihrem Fotoapparat zu, es musste sie schließlich nicht jeder mögen. Als die Jungs bemerkten, das Sarah sich anstellte, ein Foto zu knipsen, kam sofort Bewegung in sie. Brian und Nick erhoben sich von ihren Plätzen, um besser gesehen zu werden und A.J. schnitt ein witzige Grimasse. Schnell drückte Sarah auf den Auslöser und das erste Bild in einer langen Reihe war im Kasten. Einen Moment blieb sie noch stehen und tat so, als hantiere sie noch ein wenig an ihrem Fotoapparat herum. Sie wollte auch einige natürliche Aufnahmen machen. Szenen, in denen sich die Backstreet Boys nicht der Kamera bewusst waren. Mittlerweile hatten sich die Jungs wieder anderen Dingen zugewandt und schnell schoß Sarah noch zwei, drei Bilder. Zufrieden verstaute sie die Kamera in ihrer Tasche und bahnte sich einen Weg durch die Sitzreihen. Als sie an A.J. vorbei kam hielt dieser sie sanft am Arm fest hier ist noch Platz, wenn Du möchtest, sagte er und rückte auf den Sitz am Fenster, damit sie sich setzen konnte. Warum nicht? entgegnete Sarah und ließ sich auf den freien Platz neben ihm fallen. In diesem Moment setzte sich der Bus auch schon in Bewegung. Du warst heute morgen shoppen, habe ich gehört, sagte er ja, habe ein bisschen Geld ausgegeben und das hier gekauft, entgegnete sie und zog stolz ihren neu erworbenen mp3-Player hervor. Ich habe mir gleich ein bisschen Musik aus dem Netz heruntergeladen. Interessiert drehte A.J. den kleinen Apparat in den Händen. Sieht zumindest cool aus, sagte er und zog aus seinem Rucksack einen Kopfhörer hervor. Lust auf ein bisschen Musik? fragte er grinsend und stöpselte seinen Kopfhörer in die dafür vorgesehene Buchse. Aber immerdoch, entgegnete Sarah und zog ihrerseits den kleinen Kopfhörer hervor, den sie sich gerade gekauft hatte. Sie stöpselte sich neben A.J.s Kopfhörer ein und drückte auf Play. Zuerst passierte garnichts, dann ertönte plötzlich die extrem laute Stimme von Usher in Sarahs Kopf. Sie zuckte erschrocken zusammen und versuchte panisch, die Musik leiser zu stellen. A.J. hatte neben ihr schmerzhaft das Gesicht verzogen und entspannte sich sichtlich, als Sarah das Gerät auf eine annehmbare Lautstärke eingepegelt hatte:
We used to laugh and party
Now all we do is argue
I tell myself that I dont want you no more
But I cant let you go
So much love and hurt and hate
People screamin it wont work
time and time I say Im gonna leave
But I cant let you go
(Chorus from I cant let you go from Usher)
A.J. lächelte grimmig. Bei diesen Worten musste er sofort an Amanda denken. Besser hätte er es auch nicht ausdrücken können. Wie oft hatten sie sich wegen Nichtigkeiten gestritten? Wie oft hatte er in den vergangenen Monaten versucht, sie zu verlassen? Und genau so oft hatte er es nicht über sich gebracht. Immerwieder war er bei ihr geblieben, festgeklebt, ohne Ausweg. Er konnte nicht mit ihr, aber auch nicht ohne sie leben. Zum hundertsten Mal fragte er sich, warum er sich das antat und zum hundertsten Mal fand er keine Antwort darauf. Er wußte nur, aß er es nicht ertragen könnte, wenn er sie mit einem Anderen sehen würde. Wie zur Bestätigung sang Usher in sein Ohr
I never gave u everything want thing ya need
all we do is argue all night long
I dont wanna leave ya
See ya with another brother lovin ya
Sayin damn the world
Its me an my girl
Its how I feel when u think everything is real
But it really aint
Sarah beobachtete A.J. von der Seite. Er hatte die Stirn gerunzelt und blickte angestrengt aus dem Fenster. Seine Finger klopften unbewusst den Takt der Musik auf seinem Knie mit. Zu gerne hätte sie jetzt gewusst was in ihm vorging. A.J. bemerkte ihren Blick und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Sarahs Herz begann ein wenig schneller zu schlagen. Diese Augen! Obwohl er sie momentan hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt hielt, verfehlte das Bisschen, das sie dahinter erahnen konnte, ihre Wirkung nicht. Verstört wandte sie ihren Blick ab und sah hinunter auf ihre Hände. Unübersehbar prangte dort ihr Ehering. Du bist für mich das Wichtigste auf der Welt, hatte Danny vor ihr kniend gesagt. Das flackernde Kerzenlicht spiegelte sich in seinen Augen. Willst Du mich heiraten? Ja! hatte sie gehaucht und mit Tränen der Rührung in den Augen, hatte er ihr den Ring an den Finger gesteckt. Das ist nur eine kleine Schwärmereien, entschuldigte sie sich in Gedanken bei ihm ich fühle mich so einsam ohne Dich. Aber ich werde immer nur Dich lieben. Das habe ich Dir versprochen. Der Song ist gut, sprach A.J. in ihre Gedanken hinein. Sarah riss sich von den Gedanken an Danny los und entgegnete ja, nicht wahr? Ich mag ihn auch sehr. Außerdem scheint er auch zu wissen, was er da singt. Direkt aus dem Leben gegriffen, bei diesen Worten bildeten sich wider kleine Falten auf A.J.s Stirn. Sarah unterdrückte den Impuls, die Hand zu heben und ihm sanft darüber zu streichen. Direkt aus dem Leben? fragte sie stattdessen ja, mir geht es zumindest momentan so ähnlich. Ist es nicht manchmal komisch, aß man genau weiß, das jemand nicht gut für einen ist, das es besser währe, diese Person zu verlassen, und dann doch bei ihr bleibt? Ich war noch nie in dieser Situation. Sei froh, es ist die Hölle, entgegnete A.J. mit einem ernsten Kopfnicken. Warum glaubst Du, das sie nicht gut für Dich ist? fragte Sarah interessiert. Hm, schwer zu sagen. Wir streiten dauernd, hauptsächlich über Kleinigkeiten. Und dann hat sie diese Angewohnheit die Unterlippe zitternd vorzuschieben und mit einem Hundeblick aufzuschauen, aß sich mir der Magen umdreht, entgegnete er, doch es klang, als spräche er mehr zu sich selbst, als hätte er Sarah in diesem Moment einfach vergessen dauernd soll ich ihr irgendwelche teuren Sachen kaufen, sie schmeißt ungefragt Partys in meinem Haus, die natürlich auch ich bezahle. Sie interessiert sich nicht für meine Gedanken, Pläne und Erlebnisse, immer nur sie, sie, sie. Klingt nicht gut, entgegnete Sarah voller Mitgefühl und ehrlich überrascht über soviel Offenheit. Ja nicht wahr? sagte A.J. mit einem leichten Unterton der Überraschung in der Stimme aber manchmal kann sie auch wirklich ein Schatz sein, setzte er hinzu, als müsste er jetzt unbedingt noch etwas positives über Amanda sagen sie bringt mich zum Lachen, ich glaube, nur Brian und Nick können sie in Punkto Humor schlagen. Sie kocht ziemlich gut, Sarah lachte leise ja, ich weiß, klingt schwer nach Klischee, lachte A.J. aber es ist wirklich so. Oh, kein Problem, Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Genau. Naja, und in manchen anderen Dingen ist sie auch ziemlich gut, sagte er und grinste dabei spitzbübisch. Oh, verstehe. Fremdsprachen scheinen ihr gut zu liegen. und als sie A.J.s fragenden Blick bemerkte, setzte sie hinzu französisch und so. A.J. lachte laut auf das auch. Er schüttelte den Kopf und drohte ihr scherzhaft mit dem Finger OConner, ganz schön anzüglich. Wieso? fragte Sarah unschuldig wir hatten es nur über ihre Fremdsprachenkenntnisse, oder etwa nicht? Er stimmte in ihr Lachen ein und den Rest der Fahrt verbrachten sie dann in friedvollem Schweigen. Ab und zu sangen sie gemeinsam leise zur Musik in ihrem Ohr und A.J. warf ihr immer wieder verstohlene Blicke zu. Diese Frau hatte etwas. Ihr Lachen war ansteckend und sie konnte gut zuhören. Er hatte manchmal das Gefühl, aß sie mit diesen wunderschönen Augen direkt in ihn hinein sehen und nachempfinden konnte, was in ihm vorging. Unbewusst hatte er durch sie seine Gedanken geordnet. Er wußte immer noch nicht, ob er es fertig bringen würde, sich von Amanda zu trennen, doch er hatte das Gefühl, dieser Entscheidung ein Stückchen näher gekommen zu sein.
Kapitel 11