Kapitel 9

„...dann hat uns ein Bus hier ins Hotel gebracht und ich kann Dir sagen, ich habe noch niemals Stille so sehr genossen wie jetzt“ Sarah wanderte mit dem Telefon in der Hand im Zimmer auf und ab. Seit zwanzig Minuten hatte sie jetzt ohne Punkt und Komma geredet. „Klingt doch absolut fantastisch,“ sagte Logan gerade am anderen Ende der Leitung und sie sah ganz deutlich sein breites Grinsen vor sich. „Klingt fantastisch? Pfh, ich finde es ziemlich anstrengend.“ „Wieso anstrengend? Ihr habt jede Menge Spaß, die Leute scheinen Dich zu mögen, was willst Du mehr?“ „Ab und zu mal eine kleine Pause zum Verschnaufen währe nicht schlecht. Versteh mich nicht falsch, Arbeit ist gut, viel Arbeit ist noch besser. Aber andauernd schaut mir dabei jemand über die Schulter und sie stellen am laufenden Band Fragen. Wo kommst du her, wo willst Du hin, wie bist Du zu diesem Job gekommen, wie lange machst Du das schon und so weiter und so fort,“ Logan lachte laut auf „Oh, oh, kratzt da jemand an Deinem Elfenbeinturm?“ „Elfenbeinturm? Habe ich irgendwas verpasst?“ fragte sie irritiert. „Du weißt genau was ich meine. Seit Dannys Tod lässt Du niemanden mehr an Dich heran. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, aß Du Dich vom Partyhäschen zur Einsiedlerin entwickelt hast und ...“ „das ist garnicht wahr,“ fiel sie ihm ins Wort „ich habe Freunde, ich gehe aus...“ „Du hast mich und ein paar Leute im Büro, die aber noch nicht einmal Deine Telefonnummer kennen. Du gehst aus, aber meistens alleine und dann in Clubs, wo Du ab und zu mal einen Mann abschleppst, der aber nie länger als eine Nacht bleibt. Du solltest der Wahrheit ins Auge sehen, Du bist ein Einzelgänger geworden.“ Sarah schwieg. Gedankenverloren spielte sie mit dem Zipfel von Dannys Hemd, das sie an Stelle eines Nachthemdes trug. Hatte er recht? „Mach Dir nichts draus Süße,“ drang Logans Stimme in ihre Gedanken „ich bin sicher, das gibt sich mit der Zeit. Ich will damit nur sagen, aß Du den Leuten vielleicht einfach eine Chance geben solltest. Stoß sie nicht gleich vor den Kopf, sonst werden das wirklich harte sechs Monate.“ Sarah seufzte. Er hatte leicht reden. „Na komm schon,“ sagte er, nachdem sie nicht antwortete „gib Dir einen Ruck. Du kannst das, ich weiß es.“ Bei diesen Worten musste sie lächeln. Wenn sie jemand kannte, dann er und er fand irgendwie immer die richtigen Worte um sie aufzubauen. „Na gut, vielleicht hast Du recht,“ gab sie schließlich nach „Nicht nur vielleicht,“ lachte Logan. „O.k., o.k., ich gebe auf.“ „Versprochen?“ „Versprochen.“ „Bestens. Vielleicht solltest Du Dir für den Anfang so einen kleinen mp3-Player zulegen. Wenn es Dir zuviel wird, blendest Du sie einfach mit ein bisschen Musik aus.“ „Der erste brauchbare Vorschlag von Dir heute Abend,“ scherzte Sarah und machte sich gedanklich eine Notiz Gleich morgen früh mp3-Player kaufen. Logan lachte „ja, ab und zu bin ich doch zu etwas zu gebrauchen.“ „Ich danke Dir,“ sagte Sarah aufrichtig. „Nichts zu danken,“ Logan klang ein bisschen unsicher „aber jetzt wird es langsam Zeit fürs Bettchen,“ setzte er mit fester Stimme hinzu „ja Dad,“ entgegnete Sarah grinsend. „Also, schlaf schön.“ „Das werde ich ganz bestimmt.“ „Dann bis bald.“ „Ja, bis bald.“ Sarah legte den Hörer auf und stellte das Telefon wieder zurück auf den kleinen Nachttisch neben ihrem großen Doppelbett. Erschöpft lies sie sich darauf fallen und starrte an die Decke. „Kratzt da jemand an Deinem Elfenbeinturm?“ hörte sie Logans amüsierte Stimme in ihrem Kopf. Wenn sie ehrlich war, hatte er bis zu einem gewissen Grad recht. Sie hatte sich von der Welt zurück gezogen. Als sie nach Dannys Tod wieder einigermaßen klar denken konnte, hatte sie sich sofort in die Arbeit gestürzt. Allen um sich herum hatte sie versichert, aß es ihr gut ging, das sie schon zurecht kam. Dabei war nichts in Ordnung. Sie vermisste ihren Ehemann. Jede Faser ihres Körpers sehnte sich nach ihm und sie konnte dieses Gefühl mit niemandem teilen. Sie verbarg es in ihrem Herzen und schloss alles Andere um sich herum aus. Doch sie konnte ihn nicht loslassen. Sie brauchte ihn, sie braucht das Gefühl, das er ihr immer noch zuhörte, auch wenn sie sich jetzt mit seinem Bild zufrieden geben musste. Sie richtete sich auf und griff nach dem Bilderrahmen, der neben dem Telefon stand. Zärtlich strich sie mit den Fingern über Dannys Gesicht. „Du weißt wie ich mich fühle, nicht wahr?“ flüsterte sie „Du schaust von da oben auf mich herab und vermisst mich genau so sehr, wie ich Dich. Ich habe Dir versprochen, das ich nie wieder jemanden so lieben werde wie Dich. Dieses Versprechen halte ich, für immer.“ Sanft küsste sie das Bild und stellte es zurück auf seinen Platz neben ihrem Bett. Dann kramte sie aus ihrer großen Reisetasche ihren Kulturbeutel hervor und begab sich ins Bad. Als sie gerade dabei war, sich die Zähne zu putzen, klopfte es an der Tür. Mit der Zahnbürste im Mund durchquerte sie mit schnellen Schritten ihr Zimmer und öffnete die Tür. Draußen stand Kevin und grinste breit, als er den Schaum auf ihren Lippen sah. „Ich wollte nur mal sehen, ob Du zurechtkommst,“ sagte er. „Beftenf, aber komm dof rein,“ nuschelte sie, immer noch mit der Zahnbürste im Mund und trat einen Schritt zur Seite. Kevin ging an ihr vorbei und sie schloss die Tür. „Bin gleif bei Dir,“ sagte sie und verschwand im Bad. „Lass Dir ruhig Zeit,“ rief ihr Kevin hinterher und machte es sich in einem Sessel bequem. Wenig später knipste Sarah das Licht im Bad aus und setzte sich ihm gegenüber im Schneidersitz auf das Bett. „Und, wie hast Du den ersten Tag verkraftet?“ „Eigentlich ganz gut, bin nur ziemlich müde. Ich bin es einfach nicht gewöhnt, den ganzen Tag von sovielen Leuten umgeben zu sein, die auch noch brennend an mir interessiert sind.“ Kevin lachte leise „das kann ich gut verstehen. Leider muss ich Dir sagen, aß das die nächsten sechs Monate genau so weiter gehen wird.“ „Keine Sorge, ich schaff das schon,“ „da mache ich mir garkeine Gedanken. Du kommst schon zurecht.“ Kevin war heute schon der Zweite, der sich sicher war, das sie ganz gut alleine klar kam. „Hab ich etwas Falsches gesagt?“ fragte Kevin als er ihr Stirnrunzeln bemerkte. „Nein...ganz und garnicht. So etwas ähnliches hat ein guter Freund von mir gerade auch am Telefon zu mir gesagt. Er meinte auch, ich säße in so einer Art Elfenbeinturm, in den ich niemanden hinein lasse.“ Warum hatte sie das jetzt gesagt? Das ging doch nun wirklich niemanden etwas an. „Ist es denn so?“ fragte Kevin interessiert. „Das ich in einem Elfenbeinturm sitze?“ Kevin nickte. „Hm...sagen wir mal so, ich denke, es ist nicht leicht sich mit mir anzufreunden. Ich halte die Leute lieber auf Abstand.“ Kevin legte den Kopf schief „den Eindruck hatte ich bisher aber nicht. Wir kommen doch gut miteinander klar, oder?“ So langsam wurde Sarah dieses Gespräch unangenehm. „Na klar,“ antwortete sie deshalb schnell „Logan macht sich wohl einfach ein wenig Sorgen um mich. Das erste mal, das ich so weit weg bin von zu Hause und er nicht auf mich aufpassen kann.“ Sie setzte ein Lächeln auf, von dem sie hoffte, das es echt wirkte. „Verstehe, das Großer-Bruder-Syndrom.“ entgegnete Kevin grinsend. Sarah atmete innerlich erleichtert auf „Genau. Am liebsten würde er wahrscheinlich noch persönlich nachschauen kommen, ob ich mich nachts auch ordentlich zudecke.“ Innerlich bat sie Logan um Verzeihung. Ganz so schlimm war er ja nun doch nicht. Um Kevin auf andere Gedanken zu bringen fragte sie „was steht denn morgen so an?“ „Hast Du noch keine Einsatzplan bekommen?“ fragte er erschrocken. „Nein, bis jetzt noch nicht.“ „Oje, ich werde Maria morgen früh gleich daran erinnern. Äh...also morgen früh...laß mich nachdenken,“ mit einer Hand bedeckte er die Augen und dachte angestrengt nach „also um 8.00 Uhr ist Frühstück und danach irgendwann Interviewtermin bei einem holländischen Radiosender. Danach Termin im Fernsehstudio, dann kurze Probe, Soudcheck und Show.“ er hob den Kopf und sein unwiderstehliches Grinsen legte sich wieder auf seine Gesichtszüge „falls ich etwas vergessen habe, kannst Du das morgen früh nachlesen.“ „Danke, fürs Erste reicht mir das,“ erwiderte sie lachend. Das Frühstück würde sie wohl zu Gunsten des mp3-Spielers ausfallen lassen müssen. „Das klingt schwer nach Stress,“ sagte sie. „Mit anderen Worten, schwing Deinen Hintern aus diesem Sessel, ich muss schlafen gehen?“ „So ähnlich,“ entgegnete sie grinsend. „Na dann, werde ich mal wieder gehen,“ mit diesen Worten erhob er sich. Sarah folgte ihm bis zur Tür. „Schlaf gut,“ sagte er und küsste sie sanft auf die Wange. „Du auch. Bis morgen. Ach, und falls ich zum Frühstück nicht erscheinen sollte, macht Euch keine Gedanken. Ich muss eventuell noch ein paar Kleinigkeiten besorgen.“ „Alles klar. Also dann bis morgen.“ „Bis morgen.“ leise schloss sie hinter Kevin die Tür, kuschelte sich in ihr Bett und zog die Decke bis zum Kinn hoch. Als sie die kleine Nachttischlampe ausschaltete warf sie noch einen letzten Blick auf Dannys Foto „Gute Nacht mein Schatz,“ sagte sie und schloss die Augen.

Im Flur traf Kevin auf A.J.. „Hey Bro, wo kommst Du denn her?“ fragte A.J. mit einem Seitenblick auf Sarahs Zimmertür. „Ich wollte nur mal sehen, ob sie zurechtkommt. Das Alles ist doch recht neu für sie.“ „Und?“ „Ihr geht es bestens und sie schläft jetzt,“ entgegnete Kevin grinsend und schob A.J. in die entgegengesetzte Richtung vor sich her. „Lass uns sehen, was Frick und Frack gerade anstellen.“ Nach einem letzten sehnsüchtigen Blick auf Sarahs Zimmertür lies sich A.J. zu Nicks Zimmer dirigieren. Eigentlich hatte er vorgehabt noch ein bisschen mit Sarah zu plaudern. Den ganzen Tag waren irgendwelche Leute um sie herum gewesen, sodass er kein vernünftiges Wort hatte mit ihr reden können. „Naja,“ dachte er „aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“

Kapitel 10