Kapitel 18
Sie ist eine schwer beschäftigte Frau. Dieser Satz zog immer wieder Kreise in AJs Kopf, während er an seinem Küchentisch saß und stumpf in den Kaffeebecher vor sich hinunter starrte. Er war immer noch müde, obwohl er fast 12 Stunden wie ein Stein geschlafen hatte. Doch bereits als er das erste Mal blinzelnd die Augen öffnete und auch während seiner vier Stunden Arbeitszeit im Loving Music, beschäftigte sich sein Gehirn ausschließlich mit der Frage, was er von Susans Absage halten sollte. Doch bis jetzt hatte er keine andere Antwort gefunden als die, die seitdem wie das Banner einer Leuchtreklame immer wieder vor seinem geistigen Auge vorbei zog.
Sie ist eine schwer beschäftigte Frau. Eine Buissenesfrau. Genau das war es ja schließlich auch, was ihn zu ihr hinzog. Das und ihr perfekter, durchtrainierter Körper. Auch dass sie mit Geld einfach so um sich warf, übte durchaus einen gewissen Reiz auf ihn aus.
Demnach war ihre Absage also eigentlich ein Produkt ihres Wesens und es sollte ihn weder überraschen noch ärgern, dass sie ihn für das komplette Wochenende aus ihrem Terminkalender gestrichen hatte. Doch so wirklich beruhigte ihn dieser Gedanke nicht. Im Gegenteil. Eigentlich fühlte er sich wie ein Hund, den man vor die Tür gesetzt hatte weil er das Sofa angepinkelt hatte. Und alle guten, vernünftigen Argumente in seinem Kopf vermochten ihn nicht vom Gegenteil zu überzeugen.
Inzwischen war es bereits früher Nachmittag und er saß hier immer noch in seinen Arbeitsklamotten, ungeduscht, rauchte eine Zigarette nach der anderen und bemitleidete sich. Wie erbärmlich!
Also stemmte er sich schließlich leise seufzend in die Höhe, kippte den Rest seines kalten Kaffees in die Spüle, stellte seine Tasse zu dem restlichen, benutzten Geschirr der letzten Woche und schlurfte ins Badezimmer. Er duschte, putze sich die Zähne und tauschte seine Jeans und das kurzärmlige Hemd gegen kurze Hosen und T-Shirt. Für einen Moment verharrte er vor dem Spiegel an der Schiebetür seines Kleiderschrankes und betrachtete sich eingehend. Was er sah, gefiel ihm nicht sonderlich.
Die Beule an seiner Stirn schillerte inzwischen in allen Regenbogenfarben und ließ ihn dadurch noch blasser wirkten. Die Geheimratsecken an seiner Stirn wurden auch immer größer und sein Gesicht mit der zu großen Nase und den zu schmalen Lippen hatte er noch nie sonderlich gemocht. Außerdem hatten Bier und Burger durchaus ihre Spuren an seinem einstmals jugendlichen, durchtrainierten Körper hinterlassen.
Er drehte sich zur Seite und zog den Bauch ein. Irgendwie war das immer noch nicht das, was er zu sehen gehofft hatte. Wie er eigentlich sein sollte.
Also Schultern zurück, Brust raus, Kinn hoch.
Jetzt sah er aus wie ein Soldat, dem ganz deutlich anzumerken war, dass er sich in seiner Haut und in dieser verkrampften Haltung alles andere als wohl fühlte.
Zischend entwich die Luft aus seinen Lungen und sein Körper fiel wieder in sich zusammen. Es war einfach nicht zu ändern. Er war ein fetter, alter Mann, dem die Haare ausgingen und dem sein beschissenes, bisheriges Leben schwer auf den Schultern lastete.
Die Türklingel riss ihn schließlich aus seiner schmerzhaften Selbstbetrachtung. Er warf einen letzten Blick in den Spiegel, zwang sein blasses, unansehnliches Gesicht zu einem Lächeln und durchquerte dann mit schnellen Schritten den Flur. Als er die Tür aufriss erwartete er eigentlich den Postmann oder die Zeugen Jehovas zu sehen, nicht aber eine junge Frau, die über das ganze Gesicht strahlte und ihm einen Pappbecher Kaffee entgegen streckte.
Einen wunderschönen guten Tag, lächelte Savanna.
Tag, gab er noch etwas verwirrt zurück und griff automatisch nach dem weißen Becher mit dem blauen Label in ihrer Hand. Meyerbeer Coffee. Zumindest hatte die Frau Geschmack.
Ich hoffe der Kaffee schmeckt dir besser als meiner, sagte sie, immer noch mit diesem ekelhaft wachen, fröhlichen Lächeln im Gesicht, das er ganz automatisch erwidern musste.
Demonstrativ nippte er an dem heißen Gebräu und nickte dann zustimmend.
Äußerst lecker, kommentierte er. Und genau meine Marke. Starbucks ist out, wenn du mich fragst.
Ihr Lächeln wurde noch eine Spur breiter, während sie die Hände vor der Brust faltete wie ein aufgeregtes Kind an Weihnachten und er sich das erste Mal wirklich fragte, was sie, außer ihm einen Kaffee vorbei zu bringen, eigentlich von ihm wollte.
Ich habe eine Überraschung für dich, beantwortete sie ihm diese unausgesprochene Frage umgehend.
Eine Überraschung? Für mich? fragte er misstrauisch und hoffte, dass sie nicht zu diesen Menschen gehörte, die eine Anfrage nach seinem Arbeitseinsatz mit Kaffee und guten Worten erreichen wollte. Ihr beim Umzug zu helfen, dazu hatte er nämlich gerade heute überhaupt keine Lust.
Genau. Eine Überraschung. Und deshalb ... , sie griff in die Gesäßtasche ihrer Jeans und zog, wie ein Zauberer mit ausladender Geste, einen schwarzen Schal hervor.
Fesselspielchen? fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
Blinde Kuh, gab sie kichernd zurück.
Na gut. Mit einem Grinsen stellte er den Pappbecher auf die kleine Kommode hinter sich im Flur ab und wandte sich dann mit inzwischen leise klopfendem Herzen wieder Savanna zu. Irgendwie sah das hier nicht danach aus, als würde sie ihm im nächsten Moment eine Malerrolle in die Hand drücken.
Gleich darauf fasste sie ihn an den Schultern und drehte ihn wieder herum. Dann legte sich der weiche Schal über sein Gesicht. Während er ihn über seinen Augen fixierte, band Savanna ihn an seinem Hinterkopf zusammen.
Siehst du noch etwas? hörte er sie fragen, als sie ihn vorsichtig wieder zu sich herumdrehte.
Nein, antwortete er wahrheitsgemäß, während ein schwacher Luftzug auf seinem Gesicht ihm verriet, dass sie seine Aussage mit einem angedeuteten Schlag geprüft hatte.
Gut. Dann nimm mal meine Hand. Und vorsichtig. Wir müssen die Verandastufen runter.
Und dann durch die Stadt bis zum Horizont? neckte er sie, während er ihre warme, trockene Hand in seiner spürte und sich mit ausgestrecktem Arm vorwärts tastete.
Vielleicht später, hörte er sie schmunzeln.
Vorsichtig und mit nackten Füßen überquerte er die Veranda und tapste dann langsam hinter ihr die Stufen hinunter, während er mit Erschrecken feststellte, wie morsch und wackelig das Holzgeländer inzwischen geworden war.
Savanna führte ihn weiter über den Rasen vor seinem Haus. Eine leichte Briese ließ die Blätter in den Bäumen am Straßenrand rascheln, irgendwo weiter entfernt hörte er Kinderlachen und -geschrei, das helle Schrillen einer Fahrradklingel und das unverkennbare Geräusch eines Basketballs, der auf dem Boden aufschlug. Alltägliche Geräusche also, die in ihm allerdings ein seltsam wohliges Gefühl auslösten.
So. Wir sind da, hörte er Savanna in diesem Moment sagen, während sie seine Hand losließ. Seine Füße ertasteten rauen Beton. Er vermutete also, dass sie in seiner Garagenauffahrt standen. Wenn er sich auch nicht vorstellen konnte, was hier für eine Überraschung auf ihn warten sollte.
Besonders weit sind wir ja nicht gekommen, gab er zu bedenken.
Ich habe doch gesagt, dass wir das mit dem Horizont auf später verschieben, entgegnete sie. Und dann Bist du bereit?
Ich denke schon. Für was auch immer, gab er zurück und versenkte seine Hände in den Hosentaschen, damit sie nicht sah, wie er seine Finger vor Aufregung zu Fäusten ballte.
Okay. Dann eins ... zwei ... , er fühlte, wie sie den Knoten an seinem Hinterkopf löste. Drei!
Mit einem Ruck verschwand der Schal vor seinen Augen. Einen Moment blinzelte er gegen das helle Sonnenlicht an, dann stellte sich seine Umgebung scharf und er starrte ungläubig auf das graue, hässliche Ungetüm, das da in seiner Garagenauffahrt stand. Die Motorhaube war ihm zugewandt, so dass er eine ziemlich große Fläche matten, teilweise abgeplatzten Lack zu sehen bekam. Die Scheiben waren beinahe blind vor Schmutz, nur die Frontscheibe war scheinbar von den Scheibenwischern notdürftig gesäubert worden. Und fehlte da etwa eine Scheibe komplett?
Wie findest du es? hörte er Savannas aufgeregte Stimme in seinem Rücken.
Uhm ... , machte er, weil ihm auf die Schnelle nichts darauf einfiel. So etwas wie Das ist das hässlichste Auto, das ich jemals gesehen habe oder Von welchem Schrottplatz hast du das denn gezogen? war höchstwahrscheinlich nicht angebracht. Dies bestätigte ihm auch sogleich Savannas Lobeshymne auf diesen ... diesen ... Schrotthaufen.
Der Wagen ist perfekt, rief sie, tauchte an seiner Seite auf und lief dann schnurstracks auf den Wagen zu. Mit in die Hüfte gestemmten Hände blieb sie davor stehen und musterte das hässliche Monstrum von oben bis unten. Ein Caprice, erklärte sie Baujahr 1970. Ein Prachtexemplar!
Teil eins dieser Erklärung hätte er wohl auch noch hinbekommen, aber Teil zwei und drei hätte er niemals für möglich gehalten.
Ohne auf AJ zu achten ging sie langsam um das Auto herum, fuhr dabei beinahe zärtlich mit der flachen Hand über die Motorhaube und besah sich jeden Quadratzentimeter dieser Rostlaube ganz genau.
Es gibt ein, zwei Roststellen, sagte sie und er konnte sich ein unwilliges, leises Schnauben nicht verkneifen. Aber die sollten kein Problem sein. Ich habe sogar schon neue Filter mitgebracht. Zündkerzen wirst du auch neue brauchen und die Ventile müssen unbedingt eingestellt werden. Die Scheibe ... na ja ... das kriegen wir bestimmt irgendwie hin. Ich habe da schon eine ganz gute Adresse in der Tasche. Die Polster gehören einmal gründlich gereinigt und gelüftet, aber dann ... , sie hielt unvermittelt inne und drehte sich zu ihm herum. Sie stand am hinteren Ende des Chevys und starrte zu ihm hinüber. Selbst auf die Entfernung konnte er sehen, wie sie die Stirn runzelte und sich ihre Augenbrauen zusammen zogen.
Er gefällt dir nicht, stellte sie fest und klang dabei so, als würde sie gleich anfangen zu weinen.
Doch, doch! beeilte er sich zu sagen, zauberte ein breites, glückliches Lächeln auf sein Gesicht und trat zwei Schritte an den Wagen heran. Er ist einfach ... umwerfend! stieß er hervor. Ich weiß überhaupt nicht was ich sagen soll. Ich bin ... absolut ... sprachlos ... ich meine ... , stotterte er und schloss dann den Mund. Irgendwie kam da weder etwas brauchbares noch etwas ehrliches heraus.
Ein zaghaftes Lächeln stahl sich zurück auf Savannas Gesichtzüge und vorsichtig hakte sie noch einmal nach. Ehrlich?
Ganz ehrlich, nickte er und trat noch einen Schritt näher. Der Lack fühlte sich unter seinen Fingern noch rauer an, als er sowieso schon aussah und auch aus der Nähe wirkte der Wagen weder strahlend noch glänzend noch hübsch noch ... nun ja ... cool. Doch er brachte es einfach nicht über sich, Savanna zu enttäuschen. Immerhin schien es so, als hätte sie tatsächlich dieses Monster nur für ihn gekauft und hierher bringen lassen, was im Grunde schon für sich alleine eine Glanzleistung darstellte. Wann hatte das letzte Mal jemand so etwas Nettes für ihn getan?
Vor seinem geistigen Auge sah er sofort das Bild von Susan vor sich und wie sich ihr blondes Haar über seinen Bauchnabel ergoss, während sich ihr Mund um ...
Möchtest du dich mal rein setzen?
Das Bild von Susan verpuffte und machte einer nun wieder strahlenden Savanna platz, die mit einem Schlüsselbund in seine Richtung winkte. Fuchsschwanz? Ach du Schande. Konnte es noch schlimmer kommen?
Na klar will ich mich da rein setzen, entgegnete er trotzdem im Brustton der Überzeugung und wünschte sich, er hätte ihr gegenüber niemals erwähnt, dass er einen neuen Wagen brauchte. Aber dafür war es ja nun eindeutig zu spät. Attila der Hunne war in seine Garage eingezogen und Savanna schien dies auch noch für eine gute Idee zu halten.