Kapitel 17

Batis Schwager hieß Mehmet Topcu und riss Savanna am nächsten Morgen um halb acht aus tiefem Schlaf. Sie benötigte einen Moment, bis ihr klar wurde, dass nicht das Klingeln des Weckers sie aufgeschreckt hatte, sondern das Schrillen des Telefons. Noch während sie schlaftrunken nach dem Hörer auf dem Nachttisch tastete nahm sie sich vor, dem Anrufer ordentlich die Meinung zu sagen. Wer besaß schon die Frechheit, an einem Samstagmorgen so früh anzurufen?
Als sich allerdings herausstellte, dass Mehmet zum einen sehr nett, hilfsbereit und zudem noch im Besitz mehrerer, für sie in Frage kommender Wagen war, legte sich ihre Wut augenblicklich und sie versprach, noch am gleichen Tag bei ihm vorbei zu kommen. Da sie nun sowieso schon hell wach war, stand sie sofort auf, genehmigte sich eine ausgiebige Dusche und versprach sich selbst ein ordentliches Frühstück in einem Cafe in der Stadt, wenn sie die Sache mit AJs Wagen erledigt hatte.
Mit einem Styroporbecher Chai-Latte-Tee, einer dunklen Sonnenbrille zum Schutz vor den gleißenden, morgendlichen Sonnenstrahlen und sechs nagelneuen fünfzig Dollar Scheinen in der Brieftasche, die sie unterwegs bei ihrer Bank abgehoben hatte, fand sie sich wenig später vor dem Gelände von Topcus Gebrauchtwagen An- und Verkauf wieder.
Vor ihr erstreckte sich ein weitläufiger Parkplatz, der von den beinahe obligatorischen, in der Sonne glitzernden Wimpelbändern eingerahmt und überspannt wurde. Jede Menge Fahrzeuge der unterschiedlichsten Marken standen in einem unübersichtlichen Wirrwarr auf jedem freien Fleckchen des Platzes. Direkt an der Straße lockten riesige, auf Hochglanz poliert SUVs die Käufer an, während sich im hinteren Teil die Kleinwagen und älteren Modelle versteckten. In einem flachen Gebäude, das etwas zurück gesetzt von der Straße lag und einen leuchtend gelben Anstrich aufwies, vermutete Savanna das Büro. Dies bestätigte sich, als sie langsam auf den Parkplatz schlenderte und interessiert zwischen den verschiedenen Wagen umher wanderte.
Ein Mann trat aus der Tür, schirmte seine Augen kurz mit der Hand ab, winkte zu Savanna herüber und kam dann mit zügigen Schritten auf sie zu. Er war groß und schlank, sein blaues Hemd saß tadellos über seinem breiten, muskulösen Brustkorb, eine dunkelblaue Krawatte vermittelte zusätzlich einen geschäftlichen Eindruck, was die legere aber ordentliche Jeans wieder etwas milderte. Das Gesicht war glatt rasiert und je näher der Mann kam, umso jünger schätzte ihn Savanna.
„Kann ich ihnen helfen?“ rief er schon von weitem und streckte dabei bereits die Hand zur Begrüßung aus. Bis Savanna diese endlich ergreifen konnte, vergingen sicherlich noch mindestens sieben Sekunden.
„Hallo,“ lächelte sie, während sie die Hand schüttelte und das Alter ihres Gegenübers auf höchstens 25 festlegte. „Mein Name ist Savanna Roman. Haben wir heute Morgen telefoniert?“
„Nein,“ lächelte der Mann entschuldigend und entblößte dabei zwei Reihen ebenmäßiger, strahlend weißer Zähne. „Sie sprachen mit meinem Vater, Mehmet Topcu. Leider ist er momentan verhindert. Mein Name ist Kadir und ich hoffe, es ist ihnen recht, wenn ich ihnen einige Wagen zeige?“
„Das ist vollkommen okay,“ nickte Savanna.
„Mein Vater sagte, sie suchen etwas zum Basteln? Nicht zu teuer, auch gerne mit ein paar Macken?“
„Ganz genau.“
„Sehr schön. Dann hier entlang bitte.“
Kadir bedeutete ihr, ihm zu folgen, während er sich bereits durch die ersten Reihen von dicht beieinander stehenden Wagen schlängelte.
„Ein ungewöhnliches Hobby für eine Frau,“ hörte sie ihn sagen, während er um die Stoßstange eines 5er BMWs herum glitt und auf den hinteren Teil des Platzes zusteuerte.
„Finden sie? Ich schraube schon mein ganzes Leben lang an alten Autos herum, für mich ist das ganz normal,“ erklärte Savanna.
„Ich habe jedenfalls noch kein Mädchen kennen gelernt, dass sich gerne die Hände schmutzig macht,“ bemerkte Kadir mit einem Grinsen und einem kurzen Blick zu ihr zurück.
„Tja, dann bin ich wohl die große Ausnahme,“ lächelte Savanna.
„Das stimmt,“ pflichtete Kadir ihr bei. „Und ich finde das sehr erfrischend.“
„Ich dachte eigentlich immer, dass die Türken eher traditionell eingestellt sind,“ stellte Savanna fest und hoffte, dass sie sich mit dieser Bemerkung nicht sofort unbeliebt machte.
Doch Kadir antwortete ganz unbefangen. „Das mag auf viele zutreffen,“ nickte er. „Aber unsere Familie lebt nun schon seit einigen Generationen in den USA und ist von daher durchaus auch westlich geprägt. Natürlich halten wir uns nach wie vor an den Koran, aber wie sie vielleicht wissen, ist vieles, was darin steht, durchaus eine Auslegungssache. Allah hat zum Beispiel nie verlangt, dass jede Frau ein Kopftuch in der Öffentlichkeit tragen muss. Vielmehr geht es darum, seine Reize zu bedecken und sie nicht, wie manche jungen Dinger heutzutage, wie Auslegeware zur Schau zu stellen.“
„Ich verstehe,“ nickte Savanna, bevor sie neben Kadir stehen blieb, der auf eine Reihe Autos deutete.
„Hier haben sie unsere Schmuckstücke, was den Bastlerbedarf angeht,“ grinste er.
Vor ihnen reihten sich jede Menge Wagen aneinander, die ganz offensichtlich schon bessere Tage erlebt hatten. Die Scheiben waren meist staubig, der Lack an manchen Stellen abgeplatzt und darunter zeigten sich die ersten, rostigen Flecken. Hier und da war die Antenne abgebrochen, bei manchen fehlte eine Seitenscheibe und das entstandene Loch hatte man mit Plastikfolie überklebt. Bei manchen Wagen waren die Reifen platt oder sie standen bereits auf Böcken, weil die Räder ganz fehlten. Also eine Auswahl, ganz nach Savannas Geschmack.
Langsam ging sie die Reihe der verbeulten und geschundenen Karosserien ab. Preisschilder suchte sie vergebens, was den Verdacht nahe legte, dass hier nicht nur ihr gutes Auge, sondern auch ihr Verhandlungsgeschick gefragt war.
Sie entdeckte den passenden Wagen beinahe sofort. Unschuldig, grau und geduckt stand der Caprice zwischen den anderen Wagen und versuchte sich scheinbar unsichtbar zu machen, was bei der langgestreckten Motorhaube und dem voluminösen Kofferraum nicht ganz einfach war. Doch Savanna erkannte sofort sein Potential. Auf den ersten Blick sah sie lediglich zwei rostige Stellen an den Radkästen, aber das könnte sie mit ein wenig Schleifpapier und Spachtelmasse beheben. Alle vier Räder waren vorhanden und wenn sie sich nicht täuschte, verbargen sich unter den zahllosen Dreckschichten sogar Alufelgen. Die Antenne und die linke, hintere Scheibe fehlten. Dafür waren Heck- und Frontscheibe in Ordnung und der Innenraum sah beim flüchtigen Hinsehen auch ganz passabel aus.
Jetzt nur kein Interesse zeigen!
Langsam schlenderte sie weiter, besah sich hier und da ein Auto genauer, ließ sich von Kadir jeweils die Preise nennen und verweilte dann etwas länger bei einem alten Golf, der im Grunde wirklich gut da stand und auch preislich einigermaßen annehmbar gewesen wäre. Allerdings, und sie wusste, dass dieser Gedanke alles andere als rational war, hatte ein Golf keine Seele, während ein Chevrolet Caprice Baujahr 1970 alleine in den Fußmatten mehr Charakter aufwies.
Sie feilschte zum Schein ein wenig mit Kadir, nahm sogar hinter dem Steuer Platz und streichelte das ekelhafte Plastiklenkrad, so dass er glauben musste, sie interessiere sich brennend für den Golf. Doch schließlich schüttelte sie den Kopf, stieg wieder aus dem Wagen aus und seufzte dabei laut.
„Also ich weiß nicht. Der Preis ist noch nicht das, was ich mir vorstelle,“ sagte sie und ließ ihren Blick stirnrunzelnd auf der Motorhaube des giftgrünen Kleinwagens ruhen. „Obwohl es schon ein schönes und gut erhaltenes Stück ist,“ setzte sie noch hinzu um zu verdeutlichen, dass es ihr nicht leicht fiel, sich von diesem Wagen zu trennen.
„Tut mir leid Savanna, aber weiter kann ich unmöglich mit dem Preis herunter gehen,“ sagte Kadir und klang so, als bedauere er diesen Umstand tatsächlich zutiefst.
„Okay, kann man nichts machen,“ sagte sie achselzuckend und schlenderte, nicht ohne noch einen letzten, wehmütigen Blick auf den Golf zu werfen, die lange Reihe der Schrottautos wieder hinunter.
„Und was ist mit diesem hier?“ fragte sie schließlich und deutete in einer hoffentlich nicht all zu überschwänglichen Geste auf den Caprice.
„Ein altes Modell,“ nickte Kadir und gesellte sich zu ihr.
„Ja. Ich müsste eine ganze Menge Arbeit hinein stecken, was grundsätzlich ja kein Problem wäre, aber mich drückt die Zeit etwas.“ Sie versäumte es nicht, bei diesen Worten ihren Kopf noch einmal Richtung Golf zu wenden, während sie an die Fahrerseite des Chevy herantrat und die Karosserie einer genaueren Inspektion unterzog. Wie sie vermutet hatte waren die sensiblen Stellen an den Türen und am Rahmen einwandfrei und nur ein kleiner Rostfleck zeigte sich am vorderen Radkasten. Der Lack war matt, spröde und von einem langweiligen allerweltsgrau. Aber auch das konnte man beheben.
Langsam umrundete sie das Auto, besah sich alles ganz genau und öffnete dann die Beifahrertür. Der muffige Geruch von feuchten, alten Polstern schlug ihr augenblicklich entgegen, was sie allerdings nicht wirklich als Problem sah. Die Armaturen waren unversehrt, rund und wunderschön, das Lenkrad mit robustem, schwarzem Leder überzogen, lediglich der Automatikhebel aus Plastik hatte dem Zahn der Zeit nachgegeben und war zersplittert. Aber auch das sollte kein Problem sein.
„Ich denke, den könnte ich Ihnen ohne weiteres für vierhundert überlassen,“ hörte sie Kadir sagen, während sie mit der Hand vorsichtig über den roten, samtenen Himmel fuhr. Ein zufriedenes Lächeln erstrahlte auf ihrem Gesicht, was Kadir allerdings nicht sehen konnte, da er irgendwo hinter ihr stand.
„Vierhundert sind eindeutig zu viel für diesen Schrotthaufen,“ erklärte sie, während sie aus dem Wagen wieder auftauchte und dabei das Lächeln von ihrem Gesicht verdrängte. „Er hat ja noch nicht einmal alle Scheiben!“
„Vielleicht sollten sie sich einfach mal den Motor anhören, dann werden sie mich sicherlich besser verstehen,“ lächelte Kadir, bedeutete ihr einen Moment zu warten und verschwand flink zwischen den umherstehenden Wagen in seinem Büro.
Savanna hatte kaum Zeit sich den Wagen auch von unten einmal genauer anzuschauen, da war Kadir auch schon wieder da, in der Hand einen Schlüsselbund mit einem kleinen, braunen Fuchsschwanz daran.
„Das ist nicht ihr ernst,“ entfuhr es ihr, während sie auf den flusigen Anhänger deutete.
„Gehörte dem Vorbesitzer,“ entschuldigte Kadir sich grinsend mit einem Schulterzucken.
„Den können sie behalten, sollte ich mich doch noch dazu entschließen, den Wagen zu kaufen,“ erklärte sie schmunzelnd.
Mit dem Fuchsschwanz in der Hand glitt sie gleich darauf hinter das Steuer. Vier Schlüssel - zwei für das Zündschloss, einer für die Tür und ein etwas kleinere für den Tankdeckel - klirrten leise, während sie den Schlüssel ins Zündschloss steckte, ihn dann drehte und vorsichtig ein wenig Gas gab.
Immerhin, der Motor begann sofort zu leiern, was zumindest bedeutete, dass die Batterie noch einigermaßen intakt war. Sie gab etwas mehr Gas, der Wagen spukte und schaukelte und begann dann wieder vor sich in zu leiern.
„Er hat lange gestanden,“ erklärte Kadir, als sie den Motor kurz verstummen ließ. „Da kann das schon mal vorkommen.“
„Ich weiß,“ nickte Savanna und betete innerlich, dass dieses Schmuckstück sich von ihr überreden ließ und doch noch ansprang.
Erneut drehte sie den Zündschlüssel, pumpte vorsichtig mit dem Gas und hoffte, dass die Zündkerzen noch nicht ganz abgesoffen waren. Alte Autos hatten einfach ihre Eigenarten und das begann eben schon beim Anlassen.
Doch der Gott der Automobile hatte schließlich ein Einsehen mit ihr und hustend erwachte der Motor zum Leben.
Die Ventile waren falsch eingestellt, dass hörte Savanna sofort, außerdem würde sie wohl sämtliche Filter erneuern müssen, eventuell auch die Zündkerzen. Doch der Motor lief. Das war die Hauptsache.
Nach einer Minute stellte sie den Motor ab und lächelte zu Kadir auf, der hinter der geöffneten Fahrertür stand und sie gespannt ansah.
„Für zweihundert würde ich ihn nehmen,“ erklärte Savanna.
Diese Zahl entlockte Kadir nur ein mitleidiges Lächeln. „Für zweihundert könnte ich ihn auch gleich verschenken,“ entgegnete er erwartungsgemäß. „Dreihundertfünfzig, weniger geht einfach nicht.“
„Kommen sie ... ,“ schmollte Savanna, schob sich nun aus dem Wagen und schloss die Tür vorsichtig. „Sagen wir zweihundertfünfzig. Der Wagen kostete sie doch nur Platz und besser wird er durch das lange Stehen auch nicht.“
„Dreihundertzwanzig,“ beharrte Kadir.
„Zweihundertsiebzig.“
„Dreihundert. Mein letztes Wort.“
„Abgemacht!“
Per Handschlag besiegelten sie das Geschäft und während sie gemeinsam zum Büro hinüber gingen um die Formalitäten zu erledigen, stellte sich Savanna bereits Alex’ freudestrahlenden Gesichtsausdruck vor, wenn er den Wagen das erste Mal sah.

Kapitel 18