Kapitel 16
AJ saß in dem kleinen Büro des Plattenladens und starrte mit brennenden Augen zu der Wanduhr hinauf, die sich schon den ganzen Tag in quälender Langsamkeit vorwärts bewegte. Er war inzwischen so müde, dass er seine Augen nur mit ungeheurer Kraftanstrengung offen halten konnte und jede Bewegung seine gesamte Konzentration erforderte. Mariella war vor zwei Stunden bereits ins Wochenende aufgebrochen und AJ hatte seitdem mehr als einmal darüber nachgedacht, den Laden einfach zu schließen und nach Hause zu fahren. Doch da ihm auch klar war, dass seine Chefin, sollte sie davon erfahren, seine Entlassungspapiere schneller unterschriebene hätte, als er Piep sagen konnte, hatte er es lieber gelassen.
Immerhin hatte er es fertig gebracht, in seiner Mittagspause zwei Stunden Schlaf zu bekommen. Dafür hatte er sich wie jeden Tag um eins von Mariella verabschiedet, hatte den Plattenladen durch die Vordertür verlassen und sich durch die Hintertür wieder ins Lager geschlichen. Dort hatte er es sich in der Ecke zwischen zwei Regalen auf einer Palette Kopierpapier mehr schlecht als recht gemütlich gemacht, hatte den Wecker seiner Digitaluhr gestellt und war binnen Sekunden eingeschlafen.
Doch so wirklich geholfen hatten diese zwei Stunden auch nicht. Wenn überhaupt hatten sie die brennenden Schmerzen in seinem Nacken nur noch verstärkt und sein Gehirn schien seit dem auf Standby zu laufen.
Doch nun waren es nur noch 10 Minuten bis zu seinem verdienten Feierabend. Normaler Weise wäre er jetzt schon dabei den Laden auf die baldige Schließung vorzubereiten. Er fuhr dann den Computer herunter, räumte den Schreibtisch etwas auf, meldete die Registrierkasse ab und verstaute noch eventuell herumliegende CDs in ihren Fächern. Doch heute starrte er einfach nur zu der Uhr auf und versuchte die Zeiger mit Intensiv-Hypnose auf sieben Uhr zu zwingen.
Das einzige, was ihn wirklich den gesamten Tag über aufrecht gehalten hatte, war der Gedanke an die vergangene Nacht. Auch jetzt schoben sich seine Mundwinkel bei diesen Bildern in die Höhe und belebendes Adrenalin begann durch seinen Körper zu jagen. Er sah wieder Susans Apartment vor sich, das so groß war, dass sein Haus schätzungsweise viermal hinein passte, er fühlte ihren Körper in seinen Armen, hörte ihr heiseres Stöhnen in seinem Ohr und schmeckte das Aroma ihrer Küsse auf seiner Zunge.
Gott, diese Frau war einfach unersättlich, wunderschön und ganz sicher nicht auf den Kopf gefallen. Diese Mischung war für ihn so anziehend wie für die Motte das Licht, und er hatte demnach bereits angefangen, wie ein Verrückter um diese strahlende Erscheinung zu kreisen. Seine Gedanken drehten sich nur noch darum, wie er sie am schnellsten wieder sehen konnte, während er in seiner Erinnerung jede einzelne der köstlichen Sekunden mit ihr wieder und wieder auskostete.
Er hatte zwar in der Vergangenheit immer mal wieder eine Frau kennen gelernt und auch ab und an die Nacht mit ihr verbracht, aber dieses überwältigende Gefühl von Vollkommenheit hatte sich dabei bei ihm nie eingestellt. All diese Frauen hatten ihn nach sehr kurzer Zeit bereits gelangweilt. Sie konnten nicht verstehen wie er tickte, was er brauchte und was er sich vom Leben wünschte. Susan hingegen verkörperte all das, was er noch in seinem Leben erreichen wollte und alleine dieser Umstand machte sie für ihn so überaus anziehend.
Für einen winzigen Moment tauchte er aus der versonnenen Betrachtung der letzten Nacht auf und stellte fest, dass nur noch zwei Minuten bis zu seinem Feierabend fehlten. Den Schreibtischstuhl zurück zu schieben, sich daraus zu erheben und müde zur Eingangstür zu schlurfen, kostete ihn beinahe seine sämtliche Kraft. Als er schließlich den Schlüssel im Schloss drehte und das Schild an der Tür von geöffnet auf geschlossen drehte, überkam ihn eine ungeheure Erleichterung. Jetzt nichts wie raus hier. Und da Mariella samstags nie den Laden betrat, ließ er den Computer und die Registrierkasse so wie sie waren, kümmerte sich nicht weiter um die herumliegenden Unterlagen und CDs, sondern schnappte sich seine Geldbörse und den Autoschlüssel und verließ gleich darauf mit roten, geschwollenen Augen und einem herzhaften Gähnen den Laden.
Auf dem Weg zur Bushaltestelle war er selbst dafür zu müde, sich über den Umstand aufzuregen, dass er jetzt nicht einfach in sein Auto steigen und nach Hause fahren konnte. Während er also in dem Pulk aus Pendlern mit Krawatte und Aktentasche, aufgeregt plappernden Teenagern und zwei Müttern mit Kinderwagen auf den Bus wartete, rauchte er genüsslich eine Zigarette und überlegte, was er mit diesem Abend anfangen sollte.
Im Grunde wollte er natürlich nur ins Bett und schlafen, schlafen, schlafen, andererseits erschien ihm seine Lebenszeit zu kostbar, um einen Freitagabend tatsächlich im Land der Träume zu verbringen. Er musste zwar morgen früh wieder im Loving Music stehen, allerdings nur bis um eins. Das sollte er also irgendwie hin bekommen, selbst wenn er dann immer noch zum Umfallen müde war.
Also ging er in Gedanken seine Möglichkeiten durch.
Er könnte sich mit den Jungs treffen.
Augenblicklich fielen ihm seine Gespräche mit Howie und Brian wieder ein und er verspürte ein eigentümliches Ziehen in der Magengegend. Keiner der beiden hatte sich am vergangenen Abend noch bei ihm gemeldet. Auch heute hatte er von ihnen noch nichts gehört. Das war ungewöhnlich. Schließlich waren sie sich nicht zum ersten Mal über das leidige Thema Geld uneinig gewesen, doch spätestens am nächsten Tag hatte AJ eine kurze Notiz von Howie per Mail oder SMS vorgefunden oder Brian hatte ihn angerufen um zu fragen, wie es ihm ging.
Doch diesmal kein Ton. Vielleicht, so überlegte er, hatten sie ihm zu Hause auf den Anrufbeantworter gesprochen, was zwar sehr unwahrscheinlich, aber immerhin noch eine Möglichkeit war. Andererseits weckte diese ganze Geschichte nicht unbedingt den Wunsch in ihm, seine Kumpels heute Abend zu sehen. Auf noch mehr Vorwürfe konnte er gerade heute gut und gerne verzichten.
Nick? Das wäre natürlich eine Möglichkeit. Wenn die Buschtrommeln nicht schon bereits bis zu ihm durchgedrungen waren und er über alles im Bilde war. Selbst Nick, der normaler Weise eine eher legere Lebenseinstellung vertrat, hatte dann diesen Ausdruck auf dem Gesicht, der AJs Blut vor unterdrückter Wut in Wallungen brachte. Einen stummen Vorwurf abzusenden, darin waren seine Freunde allesamt Meister. Was somit auch Kevin aus seinem möglichen Abendprogramm ausschloss.
Im Grunde, so überlegte er, während er sich hinter zwei blutjungen Mädchen in unverschämt kurzen Röcken und bauchfreien Tops in den Bus drängte, war sowieso klar, mit wem er gerne den Abend und auch die Nacht verbringen wollte. Die Frage war nur, ob Susan von dieser Idee ebenfalls begeistert sein würde. Als er sich heute morgen von ihr verabschiedete, brütete sie bereits über ihrem Laptop und einigen wichtigen Mails. Etwas verunsichert war er in ihrem Büro stehen geblieben, während sie in ihrem Bademantel und zerzaustem Haar an ihrem Schreibtisch saß und ihm den Rücken zukehrte.
Ich gehe dann wohl mal, hatte er gesagt und sie antwortete abwesend mit einem Ja klar. Bis dann.
Kein ruf mich an, kein es war schön mit dir oder lass uns das bald wiederholen. Lediglich ein bis dann, was in seinen Augen wenig aufbauend klang. Er hatte kurz gewartet, ob sie noch irgendetwas sagen würde, doch nachdem weiterhin lediglich das klappern der Tastatur die Stille durchschnitt, hatte er sich herumgedreht und auf leisen Sohlen das Penthouse verlassen. Auf dem Weg nach unten hatte er versucht sich klar zu machen, dass Susan eine viel beschäftigte Person war und dass sie somit bereits um diese frühe Uhrzeit so sehr in ihren Arbeitsalltag vertieft war, dass sie gar nicht richtig mitbekommen hatte, dass er gegangen war.
Den ganzen Tag hatte er darauf gehofft, dass sie sich meldete. Sie würde so etwas sagen wie tut mir leid, aber ich habe irgendwie gar nicht richtig mitgekriegt, dass du gegangen bist und er hätte ihr natürlich sofort großmütig verziehen. Sie hätten ein Date für heute Abend ausgemacht und alles wäre gut gewesen.
Doch als er nun sein Handy zum wiederholten Male an diesem Tag aus der Hosentasche kramte, hatte er immer noch keine Nachricht von ihr erhalten.
Sollte er also die Funkstille aufheben und sie anrufen? Sie fragen, ob sie noch einen Abend mit ihm verbringen wollte? Vielleicht hatte sie bereits andere Pläne und er würde sich dadurch doch nur einen Korb abholen. Oder flüsterte eine gemeine Stimme in seinem Kopf sie hat dich bereits zu den Akten gelegt. Ein kleines Abenteuer, mehr warst du nicht und wirst du auch niemals sein.
Er richtete den Blick seiner brennenden Augen aus dem Fenster, ohne die vorbei rasende Landschaft zu registrieren. War es so? Hatte sie ihn abgeschleppt? Ein One-Night-Stand ohne Konsequenzen? Widerwillig musste er sich eingestehen, dass dies zumindest im Bereich des möglichen lag. Andererseits hatte sie in diese Richtung nichts Konkretes gesagt. Im Grunde hatte sie den weiteren Verlauf ihrer Beziehung offen gelassen und vielleicht war auch das der Grund, warum sie ihm die kalte Schulter gezeigt hatte, als er sich verabschiedete. Sie wollte ihm keine Hoffnungen machen, wollte ihn aber auch nicht sofort aus ihrem Leben verbannen. Ja, genau so musste es gewesen sein.
Den restlichen Weg nach Hause legte er sich im Kopf die Worte zurecht, die er ihr sagen wollte, wenn er sie später anrief. Er musste ihr klar machen, dass er an einer Klammer-Beziehung nicht interessiert war, dass er aber den Sex mit ihr und ihre Gesellschaft durchaus genoss. Was war also dabei, ein Wochenende gemeinsam im Bett zu verbringen?
Als er schließlich aus dem Bus ausstieg und die drei Blocks bis zu seinem Haus hinunter ging, war von seiner Müdigkeit nur ein stumpfer Rest übrig geblieben, der zwar seine Bewegungen kraftlos und abgehackt erscheinen ließ, sein Denken aber nicht mehr in einem unnachgiebigen Klammergriff gefangen hielt. Flüchtig streiften seine Gedanken seine neue Nachbarin, als er an ihrem Haus vorbei lief und dabei registrierte, dass ihr Auto nicht vor der Tür stand, dann betrat er auch schon sein eigenes Haus, warf Geldbörse, Handy und Schlüssel unbeachtete auf die niedrige Kommode im Flur und ging schnurstracks den Flur entlang bis ins Wohnzimmer.
Mit einem Blick stellte er fest, dass keine einzige Nachricht auf seinem Anrufbeantworter eingegangen war, doch die Enttäuschung darüber verbannte er sofort in den hintersten Winkel seines Herzens, während er den Hörer von der Ladestation nahm, die Wahlwiederholung drückte und gleich darauf mit klopfendem Herzen dem Freizeichen lauschte.
Nervös tigerte er durch die Wohnung, öffnete in der Küche den Kühlschrank um sich ein kühles Bier hervorzuholen und betete dabei inständig, dass Susan sich endlich melden möge.
Als sie dies dann tat, konnte er sie kaum verstehen. Ihr knappes Hallo? wurde von einer ungeheuren Geräuschkulisse beinahe geschluckt. Er vernahm das Gemurmel unzähliger Stimmen im Hintergrund, dazu Gläserklirren und lautes Gelächter.
Ähm ... , brachte er vor Überraschung nur hervor und stand dabei wie erstarrt mit der ungeöffneten Bierflasche in der Hand mitten in der Küche.
Hallo? kam es erneut und diesmal einen Tick ungeduldiger aus dem Hörer.
Hi Susan, hier ist AJ, stieß er hervor während er die Flasche abstellte und sich die nun freigewordene Hand aufs Ohr drückte, um sie besser verstehen zu können.
AJ? kam es zurück, während er hörte, wie sie sich scheinbar durch eine Ansammlung von Menschen schob.
Ja, genau, sagte er nun etwas lauter.
Was gibt es? fragte sie, während die Geräuschkulisse deutlich leiser wurde und er erleichtert aufatmete.
Ich habe mich gefragt, ob dich eine gute Flasche Wein und ein Picknick im Bett wohl dazu bringen könnten, den Abend mit mir zu verbringen, lächelte er in den Hörer.
Heute?
Uhm ... ja?
Unmöglich, kam es sofort zurück.
Das ist ... schade, brachte er irgendwie hervor. Und morgen? fragte er dann hoffnungsvoll.
Keine Chance, entgegnete sie wie aus der Pistole geschossen. Mittlerweile war die Geräuschkulisse zu einem leisen Summen zusammengeschrumpft.
AJ versuchte, sich seine Enttäuschung nicht zu offensichtlich anmerken zu lassen. Klar, verstehe. Die Arbeit geht eben vor, was?
Ich melde mich bei dir, sagte sie dann, ohne auf seine Worte einzugehen. Ich muss dann wieder rein. Bis bald.
Ja, bis ... , setzte er an, doch da hatte sie bereits aufgelegt.
Seine Hand, die den Hörer hielt, sackte kraftlos herab, während sich die Müdigkeit erneut wie eine schwere, dunkle Decke über ihn senkte und sich auf seine Lider legte. Die Flasche Bier blieb unbeachtet auf dem Küchentisch stehen, langsam schlurfte er durch den Flur und schleppte sich mit letzter Kraft die Stufen zu seinem Schlafzimmer hinauf. Ohne sich auszuziehen ließ er sich auf sein Bett fallen, rollte sich zu einem kompakten, menschlichen Ball zusammen und zog sich die Decke bis zu den Ohren hinauf. Noch in der gleichen Sekunde war er tief und fest eingeschlafen.