Kapitel 15
So, das sollte es gewesen sein, sagte der Monteur und kletterte vorsichtig von der Leiter herunter. Mit lautem Gepolter warf er gleich darauf den Schraubenzieher in seinen Werkzeugkasten und gesellte sich dann zu Savanna, die halb auf der Straße stand und mit vor Glück und Stolz geschwellter Brust an der Hausfassade hinauf blickte.
Direkt über dem Eingang zu ihrem Laden prangte nun das Firmenschild: Eine Spielzeuglock aus Holz, die mehrere Anhänger zog, die jeweils einen riesigen Buchstaben geladen hatten. Die Worte TOY BOX schienen somit in sanften Wellen direkt über dem Eingang dahin zu gleiten.
Soll ich die Beleuchtung einschalten? fragte der Monteur und lächelte dabei auf Savanna hinunter.
Sehr gerne, nickte sie und fühlte, wie ihr Herz noch einige Schläger schneller zu schlagen begann.
Der Monteur setzte sich in Bewegung und verschwand für einen Moment durch die offen stehende Ladentür. Ein paar Sekunden später flammten plötzlich mehrere bunte Lampen auf, die geschickt hinter den einzelnen Buchstaben versteckt waren und damit dem Ganzen noch mehr Tiefe und Leichtigkeit verliehen.
Es ist fantastisch! rief sie in den Laden hinein, wo sie im diffusen Dämmerlicht den Monteur ausmachen konnte, der nun bestätigend nickte und das Licht wieder ausschaltete.
Freudestrahlend und glücklich folgte ihm Savanna in den Verkaufsraum hinein. Augenblicklich hüllte sie der Geruch nach Holz, frischer Farbe und Zitrone ein. Der Laden umfasste zwei Stockwerke. Während sich das Erdgeschoss beinahe quadratisch darstellte, ähnelte die zweite Etage eher einer etwas breiteren Galerie. Eine ausladende Wendeltreppe verband die beiden Stockwerke miteinander. Auf ihren Stufen hockten bereits jede Menge Stofftiere in Überlebensgröße, während am Geländer hölzerne Palmblätter und kletternde Plüschaffen angebracht waren.
Die Wände hatte Savanna in einem freundlichen Gelb streichen lassen, zudem verliefen im unteren Raum etwa in Augenhöhe zwei Querstreifen um den gesamten Raum herum, der breitere in sattem Rot, der schmalere in kräftigem Blau. Die Schreiner hatten vor einer guten halben Stunde ihr Werkzeug zusammen gepackt, nachdem das letzte Regal ordnungsgemäß aufgebaut worden und der helle Verkaufstresen mit nach Zitrone duftender Lasur eingeölt worden war. Ihnen folgte nun der Monteur, der Toy Box zu neuem Glanz verholfen hatte.
Nachdem sie also die Auftragsbestätigung mit ihrer Unterschrift quittiert und sich von dem Handwerker verabschiedet hatte, war Savanna wieder alleine in ihrem Laden, lediglich begleitet von dem Gedudel eines Radios, das auf einem kleinen Kindertisch stand. Sie hoffte inständig, dass sich in fünf Tagen, nach der offiziellen Eröffnung, dieser Raum mit jeder Menge Kunden füllen würde, doch bis dahin blieb noch so einiges zu tun.
Während sie sich also umsah und zu entscheiden versuchte, was sie als nächstes in Angriff nehmen sollte, merkte sie, wie müde sie eigentlich war. Die fehlenden Stunden Schlaf forderten ihren Tribut und daran konnten auch die drei Stunden nichts ändern, die sie heute Morgen noch bekommen hatte. Unvermittelt sah sie wieder Alex vor sich, wie er mit diesem zufriedenen Lächeln aus dem Taxi gestiegen war und sich zu ihr setzte.
Eigentlich, so musste sie sich eingestehen, stand es ihr überhaupt nicht zu, ihm sein Rendezvous zu missgönnen. Sie kannte ihn doch überhaupt nicht und sie hatte demnach auch keinerlei Anspruch auf ihn. Trotzdem ärgerte es sie, dass ihr eine andere Frau zuvor gekommen war und dass er diesen Umstand so offensichtlich genoss. Scheinbar, und das war wahrscheinlich ihr eigentliches Problem, hatte er nicht einmal bemerkt, wie sehr sie ihn anschmachtete und sie ärgerte sich jetzt beinahe darüber, dass sie sofort gesprungen war, als er sie um Hilfe bat. Er hätte auch mit dem Bus zu diesem Brian und seiner Frau fahren können und sie hätte ihm nicht auch noch anbieten müssen, einen günstigen Wagen für ihn zu finden.
Du bist so dämlich, schallt sie sich laut und schüttelte über sich selbst den Kopf. Sie war einfach zu gutmütig. Die lieben, netten, braven Mädchen, bekamen niemals die interessanten Kerle. So war das nun mal.
Unwillig schnaubend durchquerte sie den Verkaufsraum und zog den ersten Karton mit Ware heran, die vor zwei Tagen angekommen war und die sie bisher in einer Ecke des Ladens gestapelt hatte. Nach und nach zog sie die verpackten Einzelteile einer Holzeisenbahn hervor. Während sie nun auf Knien über den strapazierfähigen Teppichboden robbte und die Schienen mit Hingabe und Feuereifer zusammensteckte musste sie sich selbst eingestehen, dass jemand, der eine Spielzeugeisenbahn für Kinder interessanter fand als einen Clubbesuch, absolut ungeeignet für einen interessanten Kerl wie Alex war. Irgendwie ließ sie der Gedanke schmunzeln und ehe sie es sich versah, musste sie über sich selbst leise lachen.
Savanna Roman und ein interessanter Kerl. Wie lächerlich. Diese Verbindung hatte ihr das letzte Mal doch schon kein Glück gebracht, und scheinbar hatte sie obendrein aus dieser Geschichte rein gar nichts gelernt.
Zwei Stunden arbeitete sie mehr oder weniger konzentriert, bis ihr Rücken zu schmerzen begann und ihr Magen laut und vernehmlich knurrte.
Schluss für heute, befahl sie sich selbst und stemmte sich unter leisem Ächzen und Stöhnen in die Höhe. Zufrieden versank sie einen Moment in der Betrachtung der geschwungenen Bahnstrecke, die sie in den Hohlraum unter der Wendeltreppe gebaut hatte und die inzwischen eine Fläche von etwa drei auf zwei Meter einnahm. Dazwischen würde sie die Bäume, Gehege und Stallungen des Bauernhof-Sets aufstellen und vielleicht auch noch ein paar bunte Holzautos dazu stellen. Zufriedenheit breitete sich augenblicklich in ihr aus. Wieder war sie der Ladeneröffnung ein wenig näher gerückt und hatte sich ein weiteres Stückchen ihres Traums erfüllt.
Schließlich ließ sie alles einfach stehen und liegen, schaltete das Radio aus und die Beleuchtung des Toy Box Logos an. Als sie die Ladentür gleich darauf gewissenhaft abgeschlossen hatte, trat sie noch einmal einen Schritt hinaus auf die Straße und schaute zu dem bunt beleuchteten Firmenschild hinauf. Ja, genau so hatte sie sich das vorgestellt.
Ihr Laden lag etwas abseits von den großen Einkaufspassagen, trotzdem wimmelte es jetzt, am späten Nachmittag, von Menschen, die auf dem Gehsteig an ihr vorbei liefen. Ihr Vater hatte eindeutig ein gutes Gespür bewiesen, als er sich für diese Adresse entschied. Er war damals für fast drei Wochen nach Orlando geflogen, um den geeigneten Standort zu finden. Da damals noch nicht die Rede davon gewesen war, dass sie die Geschäftsführung dieser Filiale übernehmen sollte, war sie nicht mit ihm gekommen, was sie heute bedauerte. Irgendwie fühlte sie sich, als hätte sie den Startschuss verpasst. Die wichtigen, ersten Schritte fehlten ihr und die konnte ihr auch niemand wiederbringen.
Sie entschied, ein Stück zu Fuß zu gehen und sich unterwegs etwa zu essen zu besorgen. Nicht weit die Straße hinunter hatte sie gestern einen Kebap-Imbiss gesehen und diesen wollte sie heute ausprobieren. Also schlenderte sie den breiten Gehweg hinunter, hob die Nase in die leichte Brise, die jetzt am frühen Abend langsam aufkam, genoss das Stimmengewirr um sich herum und das Gefühl von Entspannung.
Der Imbiss war winzig und lockte Savanna mit dem hellen Lichtschein, der durch ein großes Schaufenster auf die Straße hinaus fiel. Eine kleine Glocke klingelte, als sie den hell gefliesten Laden betrat. Die eine Hälfte des Verkaufsraums nahmen zwei riesige Drehspieße, ein Ofen, ein Grill in dem die Holzkohle glühte und die beleuchtete Kühltheke ein, in der alle Arten von Salaten, Couscous, Süßspeisen und Fleischspießen gekühlt wurden. Die andere Hälfte des Raumes ließ gerade Platz für einen bunt blinkenden Spielautomaten über dem ein kleiner Fernseher stumme Bilder zeigte und einem Bistrotisch mit zwei Barhockern. Wahrscheinlich würden hier nur noch maximal zwei Kunden hinein passen.
Hinter der Theke begrüßte sie ein älterer Mann mit schwarzem Haar, ebenfalls schwarzen, mandelförmigen Augen und einem dichten Schnurbart auf seiner schmalen Oberlippe. Auf seinem runden Kopf saß eine weiße, keilförmige Kappe, um sein Handgelenk war eine dicke Goldkette geschlungen und seine Lippen lächelten das breiteste Lächeln, das Savanna seit langem gesehen hatte.
Was du möchten? fragte der Mann freundlich.
Uhm ... , machte Savanna, während ihr Blick zu der hell erleuchteten Speisekarte über dem Verkaufstresen hinauf huschte. Was ... können sie denn ... empfehlen? fragte sie, während ihre Augen über vertraute und weniger vertraute Namen von Gerichten glitten.
Du hier essen oder mitnehmen? fragte der Mann.
Hier essen, befand Savanna.
Sehr gut, sehr gut, freute sich der Mann, nickte dabei heftig und deutete dann zu dem Stehtisch hinüber. Du sitzen, ich dir bringen Essen.
In Ordnung, nickte Savanna.
Während sie sich auf einen der hohen Hocker hievte, plapperte der Mann munter weiter.
Ich dich hier noch nie gesehen. Du neu hier?
Ja. Ich bin erst vor ein paar Wochen hierher gezogen. Eigentlich stamme ich aus Kanada.
Ah Kanada! meinte der Mann, während zwei Fleischspieße aus der Theke mit einem Zischen auf den Grill wanderten. Sofort erfüllte der leckere Geruch nach gebratenem Fleisch den winzigen Verkaufsraum. Ein kleines Fladenbrot landete gleich darauf im Ofen. Ich haben Verwandtschaft dort, erklärte der Mann weiter. Sohn meines Onkels ... uhm ... ,
Ihr Cousin, half Savana weiter.
Ja, Cousin, nickte der Mann und häufte eine riesige Portion Salat auf einen Teller. Er haben schönes Haus dort. Große Familie. Ist nicht so teuer wie hier.
Ja, das stimmt, nickte Savanna lächelnd.
Der Mann füllte nun einen Teller mit Couscous, Reis und etwas, das aussah wie Bohnen in Tomatensoße.
Ich gleich wieder da, verkündete er und verschwand mit dem Teller durch einen Durchgang, in dem bunte Perlenschnüre baumelten. Nach nicht einmal zehn Sekunden war er wieder da, schob sich an der Kühltheke vorbei und trocknete sich dabei die Hände an seiner weißen, bodenlangen Schürze ab.
Mein Name seien Sebahattin, sagte er und streckte ihr seine schwielige Hand entgegen. Aber du mich nennen Bati. Das alle tun.
Angenehm, Savanna, lächelte sie und erwiderte Batis festen Händedruck.
Savanna. Schöner Name. Was du tun hier in Orlando? fragte Bati weiter und schob sich auf den noch freien Barhocker ihr gegenüber.
Ich eröffne nächste Woche einen Spielzeugladen. Er ist hier gleich die Straße runter. Du bist herzlich mit deiner ganzen Familie zur Eröffnungsfeier am Mittwoch eingeladen. Toy Box vielleicht hast du ihn schon gesehen?
Bati nickte. Mein Frau hat erzählt, dass neuer Laden aufmacht und die Kinder sind schon ganz erfreut.
Wie alt sind denn deine Kinder? fragte Savanna interessiert.
Ich haben fünf Kinder und drei Enkelkinder, erklärte Bati stolz, kletterte von seinem Hocker und schob sich wieder hinter die Theke um die Fleischspieße zu wenden.
Wow! entfuhr es Savanna, die kaum glauben konnte, dass ihr neuer, türkischer Imbissinhaber schon so alt sein sollte.
Meine älteste Tochter ist 24, meine Söhne 20, 18 und 10 und meine jüngste Schatz ist fünf. Meine Enkel noch ganz klein sein, aber haben bereits hübsche Augen von Ayse, meine Tochter.
Verstehe, nickte Savanna.
Wieder verschwand Bati durch den Perlenvorhang und kam mit dem dampfenden Teller wieder. Vorsichtig schob er das Fleisch von den beiden Spießen, kleckste noch eine helle und eine rote Soße auf den Tellerrand, holte das Fladenbrot aus dem Ofen und schnitt es in vier Teile. Danach balancierte er den Teller zusammen mit dem Salat zu Savanna hinüber. In eine Serviette eingewickeltes Besteck folgte. Anschließend erhielt sie noch einen kurzen Crashkurs, was die Schärfe der verschiedenen, türkischen Würzmittel betraf, bevor sie den ersten, vorsichtigen Bissen von ihrem Fleisch nahm und genüsslich die Augen schloss. Das Aroma des gegrillten Fleisches vermischte sich auf angenehme Weise mit den feinen Gewürzen, die leicht bitter und dann doch wieder beinahe süß auf ihrer Zunge schmolzen.
Gut? hörte sie Bartis gespannte Stimme.
Himmlisch, grinste sie und öffnete wieder die Augen.
Das ist gut, nickte er lächelnd und zog sich dann wieder hinter seine Theke zurück.
Bis Savanna aufgegessen hatte, unterhielten sie sich angeregt über ihre Familien, das Leben in Orlando und die Probleme, mit denen man als Ladenbesitzer in dieser Gegend zu kämpfen hatte. Ab und an betraten weitere Kunden den Imbiss, bestellten etwas zum Mitnehmen, tranken einen türkischen Tee oder hielten ein kleines Schwätzchen mit Bati. Als Savanna schließlich den Teller von sich schob und sich seufzend zurücklehnte, war kein Krümelchen übrig geblieben und sie hatte das Gefühl gleich platzen zu müssen.
Ich habe keine Ahnung, wie ich mich jemals wieder bewegen soll, seufzte Savanna und blinzelte müde. Jetzt, so vollkommen satt und in dieser behaglichen Oase, kam die Müdigkeit mit einem Schlag zurück. Am liebsten hätte sie sich in irgendeiner Ecke zusammen gerollt und wäre auf der Stelle eingeschlafen.
Es hat dir geschmeckt, das seinen großes Kompliment, nickte Bati lächelnd.
Hm, nickte Savanna. Ich werde mich jetzt irgendwie zu meinem Auto schleppen und hoffen, dass ich mit meinem dicken Bauch noch hinter das Steuer passe.
Bati lachte und schüttelte den Kopf. Du seien viel zu dünn. Wir Türken mögen Frauen mit ein bisschen mehr Fleisch, verstehen?
Ja, ich verstehe, grinste Savanna und schob sich leise stöhnend von ihrem Hocker. Was habe ich denn zu zahlen? fragte sie dann und kramte ihre Geldbörse aus ihrer Handtasche.
Bati tippte einige Zahlen in eine altertümliche Registrierkasse und Savanna konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er gerade irgendwelche Fantasiepreise zusammenrechnete. Doch nachdem die Endsumme in Savannas Augen lächerlich gering war, fragte sie nicht näher nach.
Während Bati nach dem Wechselgeld kramte, kam ihr plötzlich und vollkommen unzusammenhängend ein Gedanke und ehe sie ihn aufhalten konnte, war er bereits über ihre Lippen gesprudelt.
Sag mal Bati. Du weißt nicht zufällig, wie ich an einen einigermaßen günstigen Wagen komme? Er kann auch ruhig ein paar Macken haben, ich bastle nämlich gerne.
Ein Auto? hakte Bati nach und reichte ihr das Wechselgeld über den Tresen.
Ja. Wie gesagt, er kann ruhig ein bisschen Rost haben und Kleinigkeiten am Motor könnte ich auch selbst reparieren.
Meine Schwager verkaufen Autos, erklärte Bati. Wenn du möchtest, ich ihn anrufen und du gehen vorbei und gucken nach günstige Auto.
Wirklich? Das wäre toll! freute sich Savanna und konnte ihr Glück kaum fassen. Es war zwar noch nicht gesagt, dass sie tatsächlich etwas Brauchbares fand, aber es war immerhin ein Anfang.
Sie tauschte mit Bati die Telefonnummern aus und vereinbarte, dass er sie anrufen würde, wenn er mit seinem Schwager gesprochen hatte. Zwar immer noch müde, aber auch auf eine angenehme Art beschwingt, verließ Savanna schließlich den kleinen Imbiss. Sie hatte heute auf jeden Fall ein ganz schönes Stück geschafft und vielleicht sogar einen neuen Freund gefunden. Wenn das mal nicht eine positive Tagesbilanz war.