Kapitel 14

Der neue Morgen kroch bereits in einen grauen Schleier gehüllt heran, als Savanna schließlich die letzte Gabel in den Besteckkasten der Küche verstaute, sich einen Stuhl unter dem blitzblank gewienerten Tisch hervorzog und sich erschöpft seufzend darauf fallen ließ. Die Kaffeemaschine blubberte irgendwo hinter ihr und verströmte dabei ihren wundervoll heimeligen Duft. Die ganze Nacht hatte sie Kartons ausgepackt, Möbel verschoben, geputzt und Vorhänge aufgehängt. Der Gedanke alles stehen und liegen zu lassen und einfach ins Bett zu fallen war ihr zwischendurch durchaus gekommen, aber irgendwie hatte sie es nicht fertig gebracht, bevor nicht alles in Ordnung und aufgeräumt war. Zumindest ihr Haus war nun also einigermaßen ansehnlich und wenn sie sich die nächsten Tage um ihren Laden kümmerte, würde sie wenigstens in ein halbwegs wohnliches zu Hause zurückkehren. So weit so gut.
Während ihres Aufräum-Marathons hatte sie außerdem immer wieder darüber nachgedacht, wie sie Alex gegenüber ihr Versprechen halten konnte, ihm einen Wagen zu besorgen, der einigermaßen bezahlbar war. Mit Autos und Motoren kannte sie sich bestens aus, da ihr Vater die gleiche Leidenschaft mit ihr teilte und sie gemeinsam, seit sie denken konnte, unter irgendeiner Motorhaube gelegen hatten und herum schraubten. Auch ihr eigener Mustang vor der Tür war alles andere als fahrbereit gewesen, als sie ihn vor nunmehr beinahe fünf Jahren in einer verlassenen Ecke eines Gebrauchtwagenhändlers entdeckte. Unter anhaltendem Ruckeln und Spucken hatte sie den Wagen zu ihrem Elternhaus gefahren, ihn in die, für solche Schrauberarbeiten vorgesehene, umgebaute Scheune gefahren und gemeinsam mit ihrem Dad ein gutes Jahr daran herumgeschraubt.
Den Mustang fahrtüchtig zu bekommen hatte lediglich drei Wochen in Anspruch genommen, doch das Tuning, die Lackierung und die Innenausstattung waren aufwendig und genau nach ihren Vorstellungen ausgeführt worden. Demnach hing ihr Herz inzwischen vollkommen an dem wunderschönen Wagen, der ihr seine Adoption damit dankte, dass er immer zuverlässig ansprang und sie mit gleichmäßigem Brummen von A nach B brachte.
Also war ihr der Gedanke gekommen, für Alex etwas ähnliches zu suchen. Der Wagen musste nicht hübsch sein, aber Potential haben, er durfte gerne ein paar Macken sein eigen nennen, aber der Motor sollte einigermaßen in Ordnung sein und die Karosserie nicht all zu viel Rost aufweisen. Normaler Weise war es für sie bereits der halbe Spaß ein geeignetes Objekt zu suchen, doch im Moment hatte sie dafür leider nicht die Zeit. Die Eröffnung ihres Ladens stand in nicht einmal mehr einer Woche an und bis dahin hatte sie dort noch so einiges in Ordnung zu bringen, das neue Sortiment einzuräumen, eine Verkäuferin einzustellen und sich etwas für den Eröffnungstag auszudenken. Und danach würde wahrscheinlich erst recht keine Zeit bleiben, sich um einen neuen Wagen für Alex zu kümmern.
Aber das war mal wieder typisch für sie. Erst einmal laut und vernehmlich Hier schreien und sich erst hinterher darüber Gedanken machen. Andererseits hatte sie bis hierhin auch jede dieser Herausforderungen gemeistert, demnach würde ihr sicherlich auch für Alex etwas einfallen.
Das Blubbern der Kaffeemaschine verstummte in diesem Moment und leise ächzend stemmte sie sich in die Höhe, nahm eine frisch gespülte Tasse aus dem Schrank und schenkte sich ein. Ausgiebig gähnend tapste sie dann durch den Flur, in dem die bunten Flickenteppiche bereits auf dem Dielenboden lagen und die Garderobenhaken feinsäuberlich neben der Haustür in einer Nische angebracht waren, öffnete die Haustür und schob sich auf die vordere Veranda hinaus.
Eigentlich liebte sie den Übergang von Nacht zum Tag, wenn sie ihn auch selten erlebte. Es war jetzt kurz nach fünf und normaler Weise schlief sie um diese Uhrzeit noch tief und fest. Doch heute setzte sie sich auf die Stufen der Veranda, nippte an ihrem Kaffee und bewunderte das kalte, graue Licht, das den herannahenden Sonnenaufgang ankündigte. Vielleicht würde sie noch ein paar Stunden schlafen, bevor sie sich in die Stadt zu ihrem Laden aufmachte. In diesem seltsam aufgekratzten aber trotzdem todmüden Zustand würde sie ja doch nichts auf die Reihe bringen.
Während der Gedanke an ihr Bett ein wohliges Lächeln auf ihre Lippen zauberte, fuhr unvermittelt ein Taxi an ihrem Haus vorbei und hielt nebenan vor Alex’ Einfahrt. Sie sah Bewegung im Inneren des Wagens, dann wurde die hintere Tür geöffnet und ein offensichtlich übermüdeter Alex stieg mit zerknitternden Kleidern und zerwuseltem Haar aus. Noch während er die Tür zuschlug, entdeckte er sie auf den Stufen sitzend.
„Guten Morgen,“ rief er und winkte.
„Ebenfalls guten Morgen,“ rief sie zurück und biss sich dann auf die Zunge, damit sie ihn nicht sofort fragte, wo er um diese Uhrzeit bitteschön herkam. Das ging sie ja wohl überhaupt nichts an.
„Was machst du denn schon so früh auf den Beinen?“ fragte er und kam, mit den Händen in den Hosentaschen, auf sie zugeschlendert.
„Ich war noch gar nicht im Bett,“ informierte sie ihn grinsend, rückte ein Stück auf den Stufen, damit er sich zu ihr setzen konnte und hielt ihm dann ihren Kaffee entgegen. „Magst du einen Schluck?“
„Oh ja. Kaffee wäre jetzt himmlisch,“ nickte er und nahm die Tasse entgegen. Er blies anhaltend in den Becher und nippte dann vorsichtig an dem heißen Gebräu. Gleich darauf verzog er das Gesicht. „Buäh. Wie kann man nur Kaffee ohne Zucker trinken?“ fragte er und reichte ihr die Tasse zurück.
Savanna zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Weil es so besser schmeckt?“
„Quatsch,“ widersprach er kopfschüttelnd. „Das ist ja eklig.“
„Du musst ihn ja nicht trinken,“ schnaubte Savanna und nippte demonstrativ an der Tasse.
„Stimmt. Obwohl ich ihn wirklich gebrauchen kann. Ich muss nämlich gleich wieder los zur Arbeit.“
„Oh je. Klingt, als würde das ein seeeehr langer Tag werden,“ stellte Savanna mitleidig fest und hielt ihm erneut die Tasse entgegen. Er zögerte kurz, griff dann aber doch danach und nahm erneut einen Schluck. Sein Gesicht verzog sich auch diesmal wieder, doch er sparte sich jeden Kommentar.
„Ich hoffe, dass ich den Tag einigermaßen gut überstehe,“ nickte er dann.
„Hat es sich wenigstens gelohnt?“ fragte Savanna und traute sich dabei nicht zu ihm hinüber zu sehen, damit er das neugierige Glitzern in ihren Augen nicht sah.
„Oh ja, das hat es,“ hörte sie ihn seufzen. Verstohlen warf sie ihm einen Seitenblick zu und das verträumte Lächeln, das mittlerweile auf seinen Lippen erschienen war, verriet ihr alles was sie wissen musste.
Das Herz rutschte ihr in die Hose und krampfte sich dabei schmerzhaft zusammen. Er hatte die Nacht bei einer anderen Frau verbracht. Das war für sie so sicher wie das Amen in der Kirche. Na toll, das fing ja gut an. Kaum hatte sie einen Mann gefunden, der ihr Interesse weckte, rannte dieser gleich zu einer Anderen. Jetzt nur nichts anmerken lassen.
„Sie muss ja toll sein,“ bemerkte sie also, während die Kaffeetasse wieder in ihre Hände wanderte.
„Und wie,“ nickte er grinsend. „Sie ist ... ,“ er blinzelte kurz, als er offensichtlich nach den richtigen Worten suchte. „ ... sie ist ... irgendwie einmalig, verstehst du?“
„Hm,“ nickte sie, auch wenn sie keine Ahnung hatte und es, wenn sie ehrlich war, auch gar nicht wissen wollte.
„Sie hat Klasse und Ausstrahlung und ein Wahnsinns-Penthouse und ... ,“ er verstummte erneut und das breite Grinsen, das sein dämliches Lächeln nun ersetzte, wirkte mehr als anzüglich.
„Schon klar. Keine Details bitte,“ wehrte sie schnell ab und versenkte die Nase in ihrem Becher.
Sie hörte, wie er leise neben ihr lachte. „Alles klar. Die schmutzigen Details lasse ich also aus. Jedenfalls ist sie der absolute Oberhammer und dass sie sich ausgerechnet mit mir eingelassen hat, ist sozusagen das Sahnehäubchen.“
Der letzte Teil ließ sie leicht verwirrt zu ihm hinüber sehen. Wie meinte er das denn jetzt? Ausgerechnet mit mir. Gerade mit ihm. Zumindest wenn es nach ihr ginge.
„Auf jeden Fall brauche ich jetzt ne heiße Dusche und einen starken Kaffee,“ sagte er dann und erhob sich dabei. Savanna konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er möglichst schnell von hier verschwinden wollte und seine mit einem zarten Rosa überzogenen Wangen legten ebenfalls nahe, dass er sich für seine unbedachte Bemerkung bereits innerlich verfluchte.
„Diese Frau hat wirklich Glück,“ sagte sie also deshalb und auch, weil es in ihren Augen die reine Wahrheit war. Dann stand sie ebenfalls auf und stieg die zwei Stufen der Veranda hinauf.
„Das ist Ansichtssache,“ lächelte Alex unergründlich. „Ich wünsche dir einen schönen Tag, was auch immer du machst. Wir sehen uns, ja?“
„Klar,“ nickte Savanna und sah ihm dann hinterher, wie er langsam über ihren Rasen schlenderte, mit einem Satz über die niedrige Hecke sprang, die ihre beiden Gründstücke von einander trennte, und dann mit einem letzten Winken in seinem Haus verschwand.
Na toll. Die ganze Welt hatte also Sex. Nur sie selbst nicht und sie befand, dass das mehr als ungerecht war. Jawohl!
Doch es half ja nichts. Seufzend schlich sie zurück in ihr Haus, stellte die nun leere Tasse in die Spüle und versuchte dabei nicht daran zu denken, dass Alex vor ein paar Minuten noch seine Lippen an dieses unschuldige Stück Keramik gepresst hatte. Dann löschte sie alle Lichter, schleppte sich mit letzter Kraft hinauf ins Schlafzimmer und ließ sich dort, angezogen wie sie war, auf das Bett fallen.
Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf, dass Alex wohl jetzt gerade unter der Dusche stand und dann mit dem Bus in die Stadt fahren musste, dann fielen ihr die Augen zu und mit einem Lächeln auf den Lippen war sie bereits in der nächsten Sekunde tief und fest eingeschlafen.

Kapitel 15