Kapitel 12
Die Dämmerung ließ sich bereits erahnen, während AJ gegenüber des italienischen Restaurants Milano auf der anderen Straßenseite stand und mit wachsendem Herzklopfen zu der hell erleuchtete Fensterfront hinüber starrte.
Selten hatte sich das Aufstehen so gut angefühlt, hatte er den gesamten Tag so gute Laune gehabt und hatte ihn die Vorfreude auf eine Verabredung so vollkommen ausgefüllt. Leider gab es auch ein paar weniger positive Aspekte an diesem Tag und da nahm sich das morgendliche Busfahren noch als die geringste Schwierigkeit aus.
Das wesentlich schlimmere lag ganz eindeutig direkt vor ihm auf der anderen Straßenseite. Als Susan das Restaurant vorschlug hatte er nicht weiter darüber nachgedacht, doch nachdem er beim Frühstück im Plattenladen die Webseite aufgerufen hatte, schwante ihm so einiges. Alleine die Hochglanzfotos ließen seinen Magen in die Tiefe sacken. Das Milano war nicht irgendein günstiger, gemütlicher Italiener, sondern DAS italienische Restaurant schlechthin. Zumindest verkündete dies die Webseite, was die exorbitanten Preise noch unterstrichen.
Die Einrichtung bestand vornehmlich aus dunklem, lackiertem Holz, geschwungenen, edel aussehenden, hochlehnigen Stühlen mit beigen, dicken Sitzpolstern, dunkler Wandvertäfelung und indirektem Licht, das dem Ambiente einen verträumten Schimmer verlieh. Der fordere Teil, der hier mit der breiten Fensterfront auf die Straße hinaus führte, beherberge eine Lounge, die aromatische Kaffeespezialitäten, exquisite Weine und Cocktails anbot. Im hinteren Teil befand sich das Restaurant, zu dem laut Webseite ein mit wildem Wein überwachsener Innenhof gehörte.
Zusätzlich zu diesen Fotos, die bewiesener Maßen Sehnsüchte weckten, fand sich auch ein Auszug der Wein- und Speisekarte. Es war für AJ nicht schwer zu erkennen, dass selbst wenn er nur ein Wasser an diesem Abend trank, sein Buget für diesen Luxus nicht ausreichte. Doch er hatte Susan nun einmal eingeladen, was bedeutete, dass egal was sie gedachte zu sich zu nehmen, er dafür aufkommen musste.
Demnach blieb ihm gar nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und seine Chefin um einen Vorschuss zu bitten. Bereits als er sein Anliegen vortrug, was, wie er zugeben musste, durch sein ziemlich unzusammenhängendes Gestammel nicht gerade an Überzeugungskraft gewann, wusste er, dass dieses Gespräch nicht zu seiner Zufriedenheit ausgehen würde.
Mariella bekam augenblicklich dieses Glitzern in ihre schwarzen Augen, das AJ ganz deutlich klar machte, dass sie ihn nun in der Hand und er ihr hilflos ausgeliefert war. Seit damals, als sie ihn ein paar Wochen nachdem er im Loving Music angefangen hatte zu einem Drink eingeladen hatte und er dankend ablehnte, weil er es sich zum einen nicht mit seiner Chefin verderben wollte und zum anderen sie so absolut gar nicht sein Typ war, hegte sie einen unterschwelligen Groll gegen ihn. Wochenlang hatte sie versucht seine Meinung zu ändern, hatte ihn umgarnt, ihm schöne Augen gemacht wo sie nur konnte und ihn schließlich mehr oder weniger mit Kündigung gedroht, doch er war standhaft geblieben. Auch ein Mann wie er hatte Prinzipien. Wenn auch nicht mehr sehr viele.
Warum sie ihn schlussendlich nicht einfach vor die Tür setzte, war ihm nach wie vor ein Rätsel, doch seit dem nutzte Mariella jede sich bietende Chance, um ihm die Schmach von damals heimzuzahlen. Und die Bitte nach einem Vorschuss, zwei Wochen bevor die eigentliche Lohnzahlung fällig war, bot ihr Anlass genug, um sich von oben herab über ihn lustig zu machen.
Er hatte es geduldig ertragen, ein bisschen auf Mitleid gemacht und schließlich eine Summe genannt, die die Hälfte seines eigentlichen Verdienstes ausmachte und die hoffentlich für das Essen, seinen neuen Wagen und die restlichen Ausgaben für diesen Monat ausreichte.
Am Ende bekam er natürlich wesentlich weniger als gefordert, doch er war schon froh, dass sich Mariella überhaupt dazu herabließ ihm unter die Arme zu greifen. Nach seiner Einschätzung würde die Summe, die sie gleich darauf aus der Ladenkasse nahm, zumindest den heutigen Abend abdecken. Der Rest würde sich ergeben. So wie immer. Hoffte er.
Nach Feierabend hatte er sich dann unglaublich abhetzen müssen um mit dem Bus nach Hause zu kommen, zu duschen, sich umzuziehen und wieder mit dem Bus zurück in die City zu fahren. Er hoffte, dass die helle Baumwollhose, das schwarze Hemd und die ebenfalls schwarze Krawatte für dieses Etablissement ausreichend waren, zudem hatte er noch gestern Abend seinen Bart gestutzt und sich nach Ewigkeiten mal wieder die Augenbrauen gezupft. Er kam sich dabei ein wenig lächerlich vor, immerhin war er ein Mann und kein Mädchen, aber vor Urzeiten hatte ihm ein Stylist einmal vor einem Konzert erklärt, dass dies seinem Gesicht wesentlich mehr Ausdruck verleihe und AJ hatte ihm schließlich zugestimmt. Lediglich für seine bläulich verfärbte Beule auf der Stirn war ihm keine Tarnung eingefallen, also hoffte er in diesem Fall einfach auf das Beste.
Jetzt stand er also hier, starrte immer noch regungslos zu dem beleuchteten Restaurant hinüber und konnte sich nicht so recht entscheiden, ob er schon bereit war dort hinüber zu gehen und so zu tun, als habe er bereits sein halbes Leben in solchen Etablissements verbracht. Würden die Gäste ihm ansehen, dass dieses Lokal eigentlich eine Nummer zu groß für ihn war? Konnte man in ihm lesen wie in einem offenen Buch und würden dort die Lettern VERSAGER für jeden zu sehen sein?
Er seufzte und schüttelte den Kopf. Er war hier, weil er ein Date mit einer umwerfenden Frau hatte, zudem war doch genau die Gesellschaft, die hinter diesen Glasscheiben saß diejenige, zu der er schon immer hatte gehören wollen. Was machte er sich also Gedanken?
Mit fahrigen Bewegungen strich er sich noch einmal das Hemd glatt, betastete den Knoten seiner Krawatte und überquerte dann, nach einem kurzen Blick nach rechts und links, die Straße.
Angeregtes Stimmengemurmel schlug ihm entgegen, als er die Tür des Restaurants aufzog und durch einen samtenen Vorhang eintrat. Eine lange Theke erstreckte sich zu seiner Rechten, zu seiner Linken umstanden tiefe Sofas und Sessel niedrige, schwarz lackierte Holztische, die zur Hälfte bereits mit jungen und nicht mehr ganz so jungen Menschen besetzt waren, die allesamt nach jeder Menge Geld aussahen.
Er versuchte nicht zu zögern, während er an der Theke entlang ging als wäre er hier zu Hause und durch einen kleinen Durchgang schritt. Ein Pult mit einem kleinen Schild davor, das zum Warten aufforderte, stand am Absatz einer Treppe, die hinunter in das eigentliche Restaurant führte. Die großen, runden Tische waren mit blütenweißen Damasttischdecken bedeckt. So weit AJ sehen konnte, war jeder Tisch besetzt und er hoffte und fürchtete gleichzeitig, dass Susans Reservierung geklappt hatte.
Scheinbar war ein Ober auf ihn aufmerksam geworden, denn der ältere Herr mit dem grauen Haar und einem tadellos sitzenden Smoking schob sich hinter das Pult und lächelte ihm freundlich zu.
Guten Abend der Herr, sagte er mit unverkennbarem italienischem Akzent. Was kann ich für sie tun?
Ich bin verabredet, antwortete AJ und versuchte sich dabei so gerade wie möglich zu halten und laut und vernehmlich zu sprechen. Ist Susan Kennedy schon hier?
Miss Kennedy ist bereits vor einer Weile eingetroffen, nickte der Ober ohne zu zögern. Wenn sie mir bitte folgen möchten?
AJ folgte dem älteren Herrn die vier Stufen hinunter und schlängelte sich dann hinter ihm durch die Tische. Dabei warf er einen verstohlenen Blick auf seine Armbanduhr. War er zu spät? Nein. Es war jetzt fünf nach acht, also eigentlich zu wenig Zeit um eine Weile vor ihm ein zu treffen. Nun ja ... vielleicht war Susan einfach einer dieser überpünktlichen Menschen, die lieber eine halbe Stunde vor ihrer Verabredung da waren.
Gesprächsfetzen drangen nun an sein Ohr, allerdings ohne dass er irgendetwas verstanden hätte, die Gerichte auf den Tellern sahen allesamt sehr köstlich aus, aber nicht so, als könne er davon wirklich satt werden und am Ende des Raumes, in einer Nische, die von einer Wandlampe mit rotem Schirm beleuchtet wurde, saß Susan Kennedy und unterhielt sich mit einem fremden Mann.
AJs Magen zog sich unbehaglich bei diesem Anblick zusammen und es fehlte nicht viel, dann hätte er auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre davon gelaufen. Susan und der Fremde saßen dicht beieinander auf der mit hellem Stoff bezogenen Bank, die sich in das Halbrund der Nische schmiegte, und hatten die Köpfe zusammen gesteckt. Der Mann trug einen dunklen Anzug mit hellem Hemd und roter Krawatte, hatte dunkles Haar, durch das sich erste, silberne Strähnen zogen und auffallend helle Augen. Auf jeden Fall wirkte er so, als verbringe er sein ganzes Leben am Tisch der Highsociety. Vor ihnen stand eine Karaffe, die höchstwahrscheinlich einen exquisiten Rotwein enthielt und AJ dachte verärgert, dass die beiden hoffentlich nicht davon ausgingen, dass er auch nur einen Cent für ihr privates Vergnügen locker machte.
Als er den Tisch schließlich erreichte, blickte Susan endlich zu ihm auf. Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht, bevor sie sagt. Guten Abend Alexander. Warten sie bitte einen kleinen Moment? dabei hob sie den Zeigefinger und bedeutete ihm stehen zu bleiben, während sie sich wieder ihrem Gesprächspartner zuwandte. Er konnte nicht verstehen, was die beiden miteinander besprachen, doch er fühlte sich mehr als fehl am Platz und überflüssig. Zudem stand er hier wie ein dämlicher Idiot oder Bittsteller vor ihrem Tisch und jeder konnte dies sehen.
Darf ich ihnen einen Apperetif bringen, Sir? fragte der Ober und AJ meinte einen Hauch von Mitleid oder wahlweise auch Geringschätzung - in seiner Stimme zu hören.
Einen Wodka on the Rocks, nickte AJ, der nun einen Stuhl unter dem Tisch hervorzog und sich darauf fallen ließ. Er war schließlich kein Kind mehr, das einem Erwachsenen bedingungslos gehorchen musste. Susans Blick huschte kurz zu ihm hinüber, dann beugte sie sich noch weiter zu ihrem Gesprächspartner hinüber, flüsterte ihm etwas ins Ohr und richtete sich dann wieder auf.
Der Mann an ihrer Seite nickte. In Ordnung. Das machen wir so.
Sehr gut, lächelte Susan. Dann vielen Dank, dass du dir die Zeit für mich genommen hast Marc.
Für dich doch immer, lächelte der Typ und AJ drehte es vor Abscheu beinahe den Magen um. Was für ein schwuchteliges Getue!
Gleich darauf hauchte Susan diesem Marc auch noch zwei Küsse auf die Wangen, bevor sich dieser erhob und aus der Nische schob, AJ im Vorbeigehen kurz zunickte und dann irgendwo hinter ihm verschwand.
Sie sind einigermaßen pünktlich. Sehr löblich, war das erste, was Susan sagte, bevor sie sich aus der Karaffe nachschenkte.
Der Tisch war so groß, dass er das Gefühl hatte er müsse schreien, damit Susan ihn hören konnte, also erhob er sich und schob sich auf der Bank gerade so nahe an sie heran, dass sie sich nicht bedrängt fühlte, aber nahe genug, dass er einen guten Ausblick auf ihr Dekollettè genießen konnte. So weit er das sehen konnte, trug sie heute eine schwarze Bluse über einer grauen Hose und sah damit mehr nach Buissenes als nach Vergnügen aus. Dieser Eindruck wurde zudem noch von ihrem zurückgekämmten Haar und der randlosen Brille verstärkt. Trotzdem hatte sie in AJs Augen nie schöner ausgesehen.
Und sie scheinen überpünktlich zu sein, bemerkte er also, während der Ober mit seinem bestellten Wodka zurückkam.
Geschäfte, gab sie schulterzuckend zurück. Die warten immer und überall auf mich.
Und meinen sie, sie könnten die vielen Möglichkeiten, die sicherlich heute Abend noch in diesem Raum schlummern, ein Abendessen lang ignorieren? hakte AJ lächelnd nach.
Ich kann es ja mal versuchen, lächelte Susan zurück, stützte die Ellenbogen auf dem Tisch und kam ihm damit noch ein Stückchen näher.
Dann auf einen wundervollen, absolut ungeschäftsmäßigen Abend, sagte AJ und hob sein Glas.
Während sie anstießen und jeweils einen Schluck von ihrem Getränk nahmen, bemerkte AJ das amüsierte Glitzern in Susans Augen. Vielleicht lag es ja auch nur an dem samtigen Licht hier drin, aber wenn er sich nicht ganz täuschte, hatte er zumindest schon mal ihr Interesse geweckt und er würde dafür sorgen, dass dieses auch nicht so schnell erlosch.