Kapitel 11

Auf der Rückfahrt herrschte im Wagen eisiges Schweigen. Immer wieder warf Savanna einen verstohlenen Blick zu AJ hinüber, doch mehr als sein missmutig verkniffenes Gesicht gab es dort leider nicht zu sehen.
Er musste wohl mit Brian gesprochen haben, war von diesem Gespräch aber vollkommen außer sich zurückgekehrt. Mehr als ein knappes „wir fahren“ und eine kurze Verabschiedung von Leighanne hatte er nicht zustande gebracht und als Savanna den Mustang die Auffahrt hinunter lenkte, würdigte er Brian, der mit sorgenvoller Miene und verschränkten Armen auf der Veranda stand, keines Blickes.
Warum auch immer AJ also hier her gekommen war, es schien nicht wirklich zu seiner Zufriedenheit gelaufen zu sein.
Savanna fragte sich, ob sie irgendetwas tun oder sagen konnte, verwarf diesen Gedanken aber gleich wieder. AJ sah so aus, als würde er jeden Moment explodieren und wahrscheinlich wäre sie die erste, auf die er losgehen würde, einfach weil sie sich gerade in Reichweite befand.
Also fuhren sie etwa eine halbe Stunde in vollkommenem Schweigen zurück in die Stadt, untermalt von den stampfenden Gitarrenbeats von Pearl Jam. Erst als sie die äußere Stadtgrenze passierten, ergriff AJ wieder das Wort.
„Tut mir leid, dass wir so schnell weg mussten,“ sagte er, sah sie dabei aber nicht an.
„Ist schon okay. So komme ich immerhin schneller wieder in mein Umzugschaos zurück.“
„Hm,“ nickte er und starrte dabei abwesend aus dem Fenster.
„Was ... ist denn passiert? Ich meine ... habt ihr euch gestritten?“ fragte sie vorsichtig und hoffte, dass sie sich damit nicht zu weit in sein Privatleben vorwagte. Sie kannte ihn doch gerade mal ein paar Stunden.
„Könnte man so sagen,“ murmelte er, immer noch mit den Gedanken ganz offensichtlich nicht wirklich in diesem Wagen.
„Worum ging es denn?“
„Um das Übliche.“
„Das da wäre?“ hakte sie nach, während sich ihre Finger nervös etwas fester um das Lenkrad krampften.
„Ach,“ wehrte er ab, wandte nun endlich den Kopf und sah sie an. „Das ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass ich keine Ahnung habe, wie ich morgen in meinen Laden kommen soll.“
„Wieso?“
„Na ja ... ich hab dir doch erzählt, dass ich gestern einen Unfall hatte.“
Sie nickte.
„Tja. Und nun brauche ich einen neuen, fahrbaren Untersatz.“
Sie wartete darauf, dass er noch etwas sagte, doch er schwieg. Also sah sie zu ihm hinüber und damit direkt in seine schokobraunen Augen, die ihr Herz einen verzückten Hüpfer in ihrer Brust machen ließ.
„Wo liegt also das Problem?“ fragte sie und war sich darüber im Klaren, dass ihre Stimme ganz rau klang.
„Momentan ... also ... ich habe jeden Cent in meinen Plattenladen investiert, verstehst du? Und da ist ein neues Auto leider nicht drin. Ich dachte, Brian könnte mir da vielleicht weiter helfen, aber das war leider ein Trugschluss.“
Sie konnte sehen, wie er schluckte und sich seine Miene verschloss, als er an seinen Freund dachte, der ihm offensichtlich seine Bitte abgeschlagen hatte. Sie verstand nicht so genau, wieso er so wütend auf seinen Freund war - man konnte schließlich nur helfen, wenn auch Geld oder zufällig ein anderer Wagen zur Hand war – doch sie beschloss, zu diesem Thema nicht tiefer in ihn zu dringen. Das ging sie schließlich nichts an.
„Vielleicht könnte ich dir helfen,“ hörte sie sich stattdessen sagen und schlug sich innerlich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Was tat sie hier eigentlich, verdammt noch mal? Sie hatte genug eigene Probleme und finanzielle Engpässe zu meistern auch ohne, dass sie AJ auch noch unter die Arme griff.
„Das ist wirklich sehr nett von dir,“ lächelte er und schmolz damit ihre Bedenken zumindest zur Hälfte davon. „Aber das kann ich nicht annehmen. Wir kennen uns doch überhaupt nicht, wie sollte ich da von dir Geld nehmen, hm?“
„Du kannst es mir ja zurückzahlen, wenn du wieder flüssig bist. Außerdem muss so ein Auto ja auch kein Vermögen kosten,“ redete sie sich immer tiefer ins Verderben hinein, während ihr Herzschlag davon raste und sie sich innerlich immer wieder anschrie, endlich die Klappe zu halten und AJ seine Suppe alleine auslöffeln zu lassen.
„Ich habe mich heute den ganzen Tag bei Gebrauchtwagenhändlern umgesehen,“ erklärte AJ. „Und du kannst davon ausgehen, dass ich mindestens 1.500 Dollar für einen einigermaßen vernünftigen Wagen brauche.“
Savanna schluckte. Das war eindeutig zu viel für ihre Portokasse. Aber wenn sie ... sie könnte ja ... hm ... warum eigentlich nicht? Darüber musste sie erst einmal ausführlich nachdenken.
„Wenn ich dir ein Auto, sagen wir für ... ,“ sie dachte kurz darüber nach, addierte im Kopf ein paar Zahlen zusammen und sagte dann „300 Dollar beschaffen kann, könntest du das alleine finanzieren?“
„Die Hälfte vielleicht,“ gab er zu und sie konnte ihm anhören, wie unangenehm ihm das ganze Thema war.
„Gut. Die andere Hälfte würde ich dir leihen.“
„Das ist wirklich sehr großzügig,“ hörte sie ihn sage und als sie einen schnellen Blick zu ihm hinüber warf, blickte er sie aus großen, lächelnden Augen an „aber du wirst keinen Wagen für so wenig Geld finden, der auch noch fährt und nicht an der nächsten Straßenkreuzung zusammen bricht.“
„Das lass mal meine Sorge sein,“ grinste sie.
Sie fühlte seinen Blick, der für einen endlos scheinenden Moment auf ihrem Gesicht ruhte, dann sah er wieder nach vorne und sagte „wenn du das fertig bringst, erkläre ich dich zu meiner neuen Lieblingsfreundin.“
„Lad mich lieber zum Essen ein. Oder kannst du nicht kochen?“ grinste Savanna.
„Ich bin ein mittelprächtiger Koch,“ gab AJ zu. „Aber abgemacht. Wenn das mit dem Wagen klappt, koche ich für uns zwei.“
Sie konnte das Strahlen kaum aufhalten, das bei der Vorstellung von ihr und AJ bei Kerzenschein und gutem Wein auf ihrem Gesicht erschien, auch wenn sie versuchte sich möglichst wenig anmerken zu lassen. Mit ein bisschen Wohlwollen konnte man das schon irgendwie als ein Date bezeichnen. Und das mit dem neuen Auto würde sie schon irgendwie hinkriegen. Gar kein Problem.

AJ lächelte immer noch zufrieden, als er eine Stunde später vorsichtig in die Badewanne stieg. Für einen Moment trippelte er ächzend hin und her, weil das Wasser mal wieder viel zu heiß war, dann ließ er sich in Zeitlupe in das herrlich duftende Wasser gleiten und schloss anschließend entspannt die Augen.
Savanna hatte ihm eindeutig der Himmel geschickt. Es konnte gar nicht anders sein. Nicht nur, dass sie ihn mit ihrem Wahnsinns-Mustang zu Brian hinaus gefahren hatte, nein, sie hatte ihm auch versprochen einen Wagen für ihn zu besorgen, der zudem noch wesentlich günstiger war, als alles, was er heute gesehen hatte. Gut, die 150 Dollar, die er als Eigenbeteiligung angeboten hatte, musste er auch erst einmal auftreiben, aber da würde ihm Mariella bestimmt mit einem Vorschuss unter die Arme greifen.
Und er würde wohl zumindest den Rest dieser Woche mit dem Bus zur Arbeit fahren müssen, was natürlich auch keine besonders erfreuliche Aussicht war, aber alles in allem war Savanna wirklich die Rettung in letzter Minute gewesen. Brian und Howie könnten sich ruhig mal eine Scheibe von ihr abschneiden.
Bei dem Gedanken an seine beiden langjährigen Freunde stieg erneut die Wut in ihm hoch. Da brauchte er sie einmal wirklich und sie verweigerten ihm beide ihre Hilfe. War es das, was aus ihr Freundschaft mittlerweile geworden war? Man traf sich einmal die Woche und besprach langweiliges Zeug, doch wenn es wirklich darauf ankam, zogen sie alle den Schwanz ein?
AJ schnaubte verächtlich und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht, während sich sein restlicher Körper anfühlte, als stehe er kurz vor dem Siedepunkt. Sie hatten doch alle keine Ahnung. Sie wussten nicht, wie er dachte und fühlte, sie machten sich keine Vorstellung von seinem Leben oder seiner Arbeit, aber mit klugen Sprüchen waren sie alle schnell zur Hand.
Da lobte er sich doch so jemanden wie Savanna, die ihm ohne groß nachzufragen geholfen hatte. Zwar hatte sie dafür eine Gegenleistung verlangt, aber ein gemütliches Essen mit ihr war nicht wirklich etwas, zu dem er sich überwinden musste.
Bei der Vorstellung von ihm und Savanna an einem Tisch tauchte unvermittelt ein weiteres, weibliches Gesicht vor seinem geistigen Auge auf. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er an Susan Kennedy dachte. Sie war ihm nach wie vor ganz klar und deutlich im Gedächtnis geblieben: Das blonde Haar, die wundervollen, großen Augen und ihre kurvenreiche Figur. Oh ja, mit Susan würde er auch gerne mal essen gehen. Allerdings schwebte ihm da eher so etwas wie Erdbeeren aus dem Bauchnabel knabbern oder Schokosoße vom Körper lecken vor.
Sein Lächeln wurde breiter, während seine Hände unter Wasser gemächlich seine Schenkel hinauf fuhren.
Vielleicht sollte er Susan anrufen. Er hatte zwar noch nicht mit seiner Versicherung gesprochen, aber vielleicht hatte sie Lust sich erst einmal von ihm zum Essen einladen zu lassen. Als Wiedergutmachung sozusagen. Ja, das hätte was. Und bei seinem momentanen Glück war die Wahrscheinlichkeit sogar sehr hoch, dass sie ja sagte.
In diesem Moment fanden seine tastenden Hände ihr Ziel. Vor seinem geistigen Augen begann ein Film zu laufen, den er so oder so ähnlich schon viele Male gesehen hatte, doch diesmal spielte die weibliche Hauptrolle ein ätherisches Wesen mit goldenem Haar, unglaublich faszinierenden Augen und korallenroten, vollen Lippen, die ihn nun leise aufstöhnen ließen. Ja, er würde sie bekommen. Das war ja wohl so sicher wie das Amen in der Kirche.

Eine weitere halbe Stunde später saß er in neuen Klamotten, frisch rasiert und gut riechend auf der Couch in seinem Wohnzimmer und tippte Susans Nummer von ihrer Visitenkarte in sein Telefon. Sein Herz klopfte dabei hektisch vor Aufregung und seine Hände zitterten ein wenig. Er versuchte sich immer wieder einzureden, dass er schließlich ein erwachsener Mann war und dass ihm nicht mehr passieren konnte, als dass sie seine Einladung ablehnte, doch gerade über diese Möglichkeit wollte er lieber nicht nachdenken.
Schließlich drückte er sich den Hörer ans Ohr und kniff die Augen fest zusammen. Sie musste einfach mit ihm ausgehen. Ende und Aus.
„Ja?“ meldete sich gleich darauf eine weibliche Stimme.
„Susan? Hi, hier ist AJ ... uhm ... McLean, der Mann, der ihr Auto ... uhm ... ,“
„Ja, ja, ich weiß schon,“ wehrte Susan brüsk ab. „Sie haben also mit ihrer Versicherung gesprochen?“
Irgendwie klang sie viel zu geschäftsmäßig und gestresst. „Natürlich habe ich mit der Versicherung gesprochen und den Schaden gemeldet,“ log er. „Und es wird alles glatt gehen, machen sie sich keine Sorgen.“
„Das klingt doch gut. Vielen Dank für den Anruf. Ich werde dann ... ,“
„Moment!“ rief AJ weil er Angst hatte, sie würde im nächsten Moment auflegen.
„Was ist denn noch?“ fragte sie unwillig.
„Ich möchte sie gerne zum Essen einladen. Als Wiedergutmachung sozusagen. Was halten sie davon?“
Er hielt die Luft an, während es in der Leitung unangenehm still wurde.
„Nicht viel,“ entgegnete sie schließlich.
„Ganz zwanglos. Ich reserviere einen Tisch und wir unterhalten uns ein bisschen. Keine große Sache,“ beeilte er sich zu sagen.
Im selben Moment fragte er sich, wem er hier eigentlich etwas vormachte. Er klang garantiert wie ein sabbernder Hund, dem man gerade einen Knochen vor die Schnauze hielt und sicherlich bekam sie täglich mindestens zehn Einladungen zum Dinner. Warum sollte sie also ausgerechnet mit ihm ausgehen?
„Was versprechen sie sich denn davon?“ hakte sie nach und er konnte ihre misstrauisch gerunzelte Stirn direkt vor sich sehen.
„Ich verspreche mir davon, sie ein bisschen besser kennen zu lernen,“ gab er ehrlich zu.
„Und dann? Hier geht es doch entweder um den Unfall oder um einen Job. Also sagen sie mir besser gleich, wenn sie ... ,“
„Nein,“ unterbrach er sie. „Wirklich. Ich schwöre, ich möchte einfach nur einen netten Abend mit ihnen verbringen. Sie sind eine unglaublich attraktive Frau und na ja ... ich würde sie gerne wieder sehen.“
So, jetzt war es heraus. Wenn sie jetzt noch nicht darauf ansprang, dann wusste er auch nicht weiter.
Sie schwieg noch eine ganze Weile, dann hörte er sie seufzen bevor sie sagte „sie sind irgendwie niedlich. Niedlich und hartnäckig.“
Niedlich? Was meinte sie denn bitte schön damit?
„Also gut,“ fuhr sie nach einer weiteren, kurzen Pause fort. „Ich werde uns einen Tisch im Milano reservieren. Morgen Abend. Acht Uhr. Seien sie pünktlich.“
AJ hatte schon Luft geholt um seiner überschäumenden Freude Ausdruck zu verleihen, als ihm das Klicken in seinem Ohr und das anschließende, laute Tuten verrieten, dass sie einfach aufgelegt hatte.
Das Telefon fiel klappern auf den Tisch zurück, AJ sprang auf, reckte beide Arme in die Luft und stieß einen tonlosen Freudenschrei aus. Er hatte es doch gewusst. Niemand konnte seinem Charme lange widerstehen.
Gott .... er hatte tatsächlich ein Date mit Susan Kennedy! Endlich ging es wieder bergauf.

Kapitel 12