Kapitel 10
AJ lehnte am Verandageländer, blies graue Rauchwolken in die Luft und blickte nervös die Auffahrt hinunter. Wieder und wieder ging er im Kopf die Worte durch, die er Brian gleich sagen würde und die hoffentlich dazu führten, dass ihm sein Freund das Geld für ein neues Auto lieh.
Doch das alleine war es nicht, was sein Herz langsam aber sicher zusammenpresste und seinen Magen unangenehm kribbeln ließ. Es lag an diesem Haus, am Sonnenschein, an der augenscheinlichen Perfektion, die hier zur Schau gestellt wurde und an dieser Familie, die im Laufe der Jahre irgendwie auch zu seiner eigenen geworden war, in die er aber bei genauerem Hinsehen nicht wirklich hinein passte.
Brian hatte alles erreicht, was sich dieser jemals gewünscht hatte: Frau, Kinder, Haus, gemeinnützige Arbeit und alles, was noch so daran hing.
AJ hingegen hatte alles verloren und im Laufe der letzten zehn Jahr nichts davon wieder gefunden. Ganz im Gegenteil. Je länger er vor sich hin vegetierte, um so mehr schien ihm alles zu entgleiten. Mit einem Mal sah er seine Zukunft klar und deutlich vor sich, während sich eine Faust aus kaltem Stahl bei diesem Bild in seine Eingeweide bohrte: Er würde auch in zehn, zwanzig, dreißig Jahren noch einem längst vergessenen Traum hinterher jagen und irgendwann einsam und verbittert in seinem kleinen, muffigen Haus sein langweiliges, beschissenes Leben aushauchen. Zusammen mit der nächsten Rauchschwade drang ein leises, gequältes Stöhnen über seine Lippen und er schloss die Augen.
Nein! Es würde nicht so enden. Natürlich nicht. Irgendwann würde es besser werden. Es MUSSTE einfach besser werden, denn ...
Onkel AJ! hörte er es plötzlich aufgeregt hinter sich rufen.
Erschrocken vor er herum und schaffte es gerade noch die Arme auszubreiten, bevor sich die kleine Kathrin auf ihn stürzte und ihn fest umarmte. Seine halbgerauchte Zigarette landete dabei in hohem Bogen im Blumenbeet und er konnte sich jetzt schon vorstellen, wie Leighanne später über ihn schimpfen würde, wenn sie die Kippe entdeckte.
Hey meine Prinzessin, lächelte er und fühlte, wie eine warme Welle aus Zuneigung über ihn hinweg rollte.
Seit ihrer Geburt vor sechs Jahren waren er und Kathrin so etwas wie das Dreamteam. Warum und wieso auch immer, aber er war der einzige, auf dessen Arm sie als Säugling sofort ruhig geworden war, selbst wenn sie vorher zwei Stunden am Stück geschrieen hatte. An seiner Hand machte sie die ersten zaghaften, wackligen Schritte, sogar ihr erstes Wort klang nach AJ, wobei er sich darüber immer noch gutmütig mit Brian stritt, und bei ihrer Einschulung vor ein paar Wochen hatte er hinterher heimlich ein paar bittere Tränen vergossen, da es ihm so vorkam, als würde sein kleines Mädchen nun endgültig erwachsen.
Zärtlich strich er ihr also nun über die Fülle von blonden Locken, die sich um ihr rundes Gesicht mit den leuchtenden, blauen Augen und den schon jetzt beeindruckend vollen Lippen ringelten. Sie trug die neue Reithose und die Stiefel, die er ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatte und irgendwie erfüllte ihn dies mit Stolz.
Was ist denn mit dir passiert? fragte sie unvermittelt mit gerunzelter Stirn und sah dabei ihrer Mutter so ähnlich, dass es beinahe unheimlich war.
Du meinst die Beule? fragte AJ und sie nickte. Ach, das ist nichts Schlimmes. Ich habe mir nur den Kopf angeschlagen, das ist alles.
Aber es sieht schlimm aus, bemerkte Kathrin, während sie den Kopf weit in den Nacken legte, um ihn ganz genau mustern zu könne.
Mach dir keine Sorgen Prinzessin. In ein paar Tagen sieht man davon gar nichts mehr. Verrat mir lieber, wo du hin willst, so schick wie du bist, lächelte er dann.
Wir gehen zu den Pferden, erklärte sie strahlend.
Wow, machte AJ und ließ sie los. Da traut ihr euch hin? Mir sind die Viecher viel zu groß.
Onkel AJ, stöhnte Kathrin augenrollend. Das sind keine Viecher sondern Pferde und sie sind lammfromm.
Entschuldige, beeilte er sich zu sagen und konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen.
Hinter ihnen ging die Tür auf und Baylee trat heraus. Er wirkte im Gegensatz zu seiner Schwester schon beinahe erwachsen. Seine blonden Locken waren kurz gestutzt und kringelten sich um seine Ohren, auf seiner Nase saß eine blaue Brille mit runden Gläsern und sein Gesicht strahlte, als er ihn begrüßte.
Hey Onkel AJ. Wer ist denn die Frau, die du mitgebracht hast? Coole Beule übrigens.
Du hast jemanden mitgebracht? fragte Kathrin überrascht und sah mit großen Augen zu ihm auf. Es war ungewöhnlich, dass sie ihn mit jemandem zusammen sahen, der nicht irgendwann mal zur Band gehört hatte oder mit einem der Mitglieder verheiratet war, das musste er zugeben, trotzdem kam es ihm so vor, als sehe Kathrin ihn an, als hätte er ein grünes Marsmännchen mitgebracht.
Sie ist meine neue Nachbarin, erklärte er also und überhörte absichtlich Baylees Bemerkung zu der Erhebung über seinem Auge.
Und warum ist sie hier? fragte Baylee interessiert weiter.
Sie hat mich in ihrem Auto mitgenommen, gab er knapp zurück und hoffte, dass die beiden nicht nachfragen würden, warum er nicht mit seinem eigenen Wagen gekommen war.
Doch in diesem Moment rettete ihn fernes Motorbrummen.
Klingt, als käme euer Vater nach Hause, bemerkte AJ also und schirmte seine Augen mit der Hand ab, während er die lange Auffahrt hinunter sah.
Tatsächlich bog Brians Land Rover gerade in die Auffahrt vor dem Haus ein und er winkte kurz, als er AJ mit seinen beiden Kindern auf der Veranda stehen sah.
Noch bevor er den Geländewagen richtig verlassen hatte, begrüßte ihn bereits Kathrin überschwänglich und wurde gleich darauf von ihrem Vater in die Höhe gehoben.
Meine Güte bist du schwer geworden, hörte AJ seinen Freund sagen.
Sie ist noch so ein Baby, hörte er gleichzeitig Baylee neben sich murmeln.
Hey Kumpel. Das ist ja eine nette Überraschung, grinste Brian nun zu ihm auf, setzte Kathrin vorsichtig auf der obersten Verandastufe ab und stemmte dann die Hände in die Hüften. Ist es dir zu langweilig in der Stadt geworden oder was treibt dich hier her?
Ich wollte euch mal wieder besuchen, gab AJ lächelnd zurück. Ich muss doch sehen was meine Lieblingsfamilie so treibt ohne mich.
Wir müssen dann, bemerkte Baylee in diesem Moment.
Ihr geht zu Oscar rüber? fragte Brian lächelnd.
Ja, erklärte Kathrin strahlend. Er hat versprochen, dass wir heute mit ihm ausreiten dürfen.
Aber seid vorsichtig, ja? bemerkte Brian und sah dabei seinen Sohn mit ernster Miene an.
Geht klar Dad, nickte dieser, stieg die wenigen Stufen der Veranda hinunter, ließ es zu, dass sein Vater ihn kurz umarmte und marschierte dann mit Kathrin im Schlepptau über den Hof.
Bis später, rief ihnen Brian hinterher.
Und viel Spaß, fügte AJ hinzu.
Werden wir haben, rief Kathrin zurück, winkte ihnen noch einmal kurz zu und verschwand dann hinter ihrem Bruder um die Ecke des Hauses.
Für einen Moment starrten die beiden Männer ihnen noch hinterher, dann räusperte sich Brian und erklomm die vier Stufen, um AJ kurz zu umarmen.
So. Und jetzt sagst du mir, warum du wirklich hier bist und wo du diese riesige Beule her hast, sagte er anschließend.
Man kann dir nichts vormachen, was? schmunzelte AJ, obwohl er sich etwas unbehaglich fühlte. Über das Gespräch mit den Kindern hatte er ganz vergessen, warum er wirklich hierher gekommen war.
Selten, nickte Brian grinsend und deutete auf die Hollywoodschaukel am hinteren Ende der Veranda.
Nein, AJ schüttelte den Kopf. Lass uns ein Stück gehen, ja?
Oh, Brians Miene verfinsterte sich besorgt. Das klingt irgendwie gar nicht gut.
Es ist nicht so schlimm, wie du jetzt vielleicht denkst, versuchte AJ ihn zu beschwichtigen und folgte seinem Freund die Treppe hinunter, an der Längsseite des Hauses entlang und um die Ecke, wo ein ausgetretener Trampelpfad durch kniehohes Gras und Apfelbäumen mit tief hängenden Ästen führte.
Um ehrlich zu sein lässt mich deine Beule aber das schlimmste vermuten, gab Brian zu.
Was denkst du denn, was passiert ist? fragte AJ interessiert. Glaubst du, ich habe mich geprügelt oder so?
Wäre nicht das erste Mal, nickte Brian.
Bitte. Brian. Du reitest doch jetzt nicht wirklich auf dieser einen Geschichte herum, die schon Jahrmillionen zurück liegt, oder?
Es sind nur acht und damals hast du den Typen ganz schön vermöbelt.
Und er hatte es verdient, gab AJ grimmig zurück. Sein Spruch über Schwuchteln in Boybands war ja wohl unter aller Sau.
Ja, das war er, nickte Brian aber immer noch kein Grund, ihm zwei Zähne auszuschlagen.
Ich war betrunken. Außerdem hat er nur das bekommen, was ihm zustand. Der war so ätzend, wenn ich ihn nicht verprügelt hätte, hätte es noch am selben Abend ein anderer getan. Glaub mir.
Wie auch immer, schloss Brian dieses Thema zu AJs großer Erleichterung ab. Du hast dich also nicht geprügelt?
Nein, habe ich nicht. Ich hatte einen Autounfall, was auch der Grund ist, warum ich hier bin, nickte AJ, dem sehr wohl bewusst war, dass er gerade in rasanter Fahrt voraus preschte. Aber Diplomatie und Geduld waren noch nie seine Stärken gewesen.
Was im Klartext bedeutet? hakte Brian nach, während er neben ihm her schritt und sein Gesicht mit einem kurzen, verträumten Lächeln der Sonne entgegen streckte.
Mein Wagen ist Schrott. Also ich meine ... wirklich Schrott. Nichts mehr zu machen.
Ach du meine Güte, entfuhr es Brian, der sofort stehen blieb und noch einmal aufmerksam und diesmal gründlich von oben bis unten AJs Gesicht musterte. Und mit dir ist wirklich alles okay?
Ja Bri, alles bestens, wehrte AJ nun leicht ungehalten ab. Aber mein Auto ist nicht mehr, verstehst du? Ich brauche ein neues und ... na ja ... momentan lässt mein Kontostand da wohl nicht viel mehr als ein Matchbox-Auto zu.
Brian blinzelte kurz, bevor ihm wohl ein Licht aufging, denn seine Augen wurden erst etwas größer, bevor sie sich wieder zusammen zogen und einen Ausdruck annahmen, den AJ nicht deuten konnte.
Hast du schon mit Howie gesprochen? fragte Brian und setzte sich wieder in Bewegung. Die Hände hatte er tief in den Hosentaschen seiner Jeans vergraben, was AJ irgendwie einen unangenehmen Schauer über den Rücken rieseln ließ. Plötzlich war er sich gar nicht mehr sicher, ob ihm Brian wirklich das Geld leihen würde und dieser Gedanke manifestierte sich augenblicklich als kalter, harter Stein in seinem Magen.
Ja, habe ich, bestätigte er also. Aber momentan ist da wohl nichts zu machen.
Und da dachtest du ... ?
Da dachte ich ... na ja ... ob du mir vielleicht aushelfen könntest. Ich zahle es dir natürlich so schnell wie möglich zurück. Ehrensache.
Du meinst genau so, wie die 200 Dollar letztes Jahr zu Weihnachten? Oder die 150 für die Reise nach Atlanta zu diesem Konzert von der Band mit dem unaussprechlichen Namen? Oder die 50 bei Murphy letztens, oder .... ,
Die 200 habe ich dir zurückgezahlt, unterbrach AJ seinen Freund aufgebracht.
Wann denn? Das wüsste ich aber.
Im Ernst. Wir waren doch ... und da habe ich ... Gott, er begann ja schon zu stottern. Und noch dazu konnte er sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wann er Brian das Geld zurückgezahlt hatte. Aber eigentlich war er sich sicher, dass er zumindest diese Schuld beglichen hatte. Oder vielleicht doch nicht?
Keinen Cent habe ich je von dir wieder gesehen, bemerkte Brian ruhig.
Dann runden wir das Ganze eben auf und ich stottere es bei dir ab, wie wäre das? fragte AJ hoffnungsvoll.
Wieder blieb Brian stehen und das Seufzen, das seinen Blick über die beinahe endlos erscheinende Wiese begleitete, ließ AJ nichts Gutes ahnen. Plötzlich nahm er die Farben um sich herum viel intensiver wahr: Das satte Grün des Grases, die roten, blauen und weißen Punkte von Blumen darin, das strahlende Blau des Himmels, das gleißende Licht der Sonne und die rotwangigen Äpfel in den Bäumen. Er hörte das träge Summen von Insekten, spürte den Wind auf seinen Wangen und wusste in diesem Moment mit absoluter Sicherheit, dass er den Weg hier raus umsonst gemacht hatte.
Ich würde dir wirklich gerne helfen, sagte Brian in diesem Moment und sah ihn wieder an. Aber ich befürchte, das würde dich nicht wirklich weiter bringen.
Okay ... uhm ... ergibt das tatsächlich irgendeinen Sinn? hakte AJ verwirrt nach.
Du wirst mir nichts zurückzahlen. Genau so wie das Meiste von dem, was ich oder ein anderer dir in den letzten zehn Jahren geliehen haben. Woher sollte das Geld auch kommen?
AJ schluckte und fühlte sich dabei mehr als elend. Er brauchte einen Wagen verdammt noch mal!
Damit wir uns nicht falsch verstehen, fuhr Brian fort. Es geht mir hier nicht um das Geld. Was ich habe gebe ich gerne. Nur bist du leider ein Hilfsprojekt ohne Aussicht auf Erfolg.
Hilfsprojekt? Also ehrlich Brian. Ich bin dein Freund, schon vergessen? Und nicht irgendein Projekt! ereiferte sich AJ, dem die ganze Sache langsam zu bunt wurde.
Brian seufzte erneut und schüttelte dabei auch noch den Kopf. Du verstehst es einfach nicht, sagte er leise und der mitleidige Blick, der dabei auf seinem Gesicht erschien, ließ AJs Eingeweide in die Tiefe sacken. Du musst endlich anfangen, in der Gegenwart zu leben und etwas aus deinem Dasein zu machen. Du kannst nicht immer den einfachen Weg gehen und dabei auch noch Mitleid und Hilfe erwarten.
Was soll denn die Scheiße jetzt? fuhr AJ auf. Ich habe dich lediglich gebeten, mir finanziell unter die Arme zu greifen, weil ich ohne Wagen aufgeschmissen bin, okay? Wir reden hier nicht von meinem Leben oder sonst irgendeinem Schwachsinn, den du oder Howie oder sonst irgendwer mir versucht einzureden.
Aber dass du jetzt hier bist, ist sozusagen symptomatisch für dein ganzes bisheriges Leben. Seit das mit der Band schief gelaufen ist, bist du komplett aus der Spur und irgendwie schaffst du es nicht, zurück auf den richtigen Pfad zu finden.
Ach halt die Klappe, giftete AJ. Ich brauche dein blödes Predigergeschwätz nicht. Wenn du mir nicht helfen willst, bitte. Aber tu nicht so, als wäre ich irgendeines von deinen verirrten Schäfchen, die es gilt zu retten. Ich komme nämlich sehr gut alleine klar!
Und mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und stapfte wutentbrannt davon. Sie konnten ihn alle mal! Was bildeten sich seine so genannten Freunde eigentlich ein? Er würde es ihnen allen zeigen, so viel stand fest.
Leider hatte er nicht mal den Ansatz einer Idee, wie er das bewerkstelligen sollte, aber bisher hatte es immer irgendeinen Weg gegeben. Immer.
Nun ja ... fast immer.