Kapitel 9

Sie benötigten beinahe eine ganze Stunde, bis sie das Ortsschild von Laverda passierten, durch den kleinen Ortskern gekurvt waren und dahinter nach links auf eine schmale Straße abbogen. In der Ferne erhoben sich die dunklen Wipfel von Tannen in den strahlend blauen Himmel, die Felder rechts und links von ihnen wurden immer wieder von Weiden mit Kühen, Schafen oder Pferden abgelöst und alles in allem waren sie hier ganz eindeutig „auf dem Land“.
Savanna war ein Großstadtkind - schon immer gewesen – demnach machte sie die Weite der Umgebung um sie herum ein wenig nervös. Seltsamer Weise schien es AJ ähnlich zu gehen, denn er rutsche immer wieder unbehaglich auf seinem Sitz herum und starrte dabei stoisch geradeaus. Zum wiederholten Male fragte sie sich, was er bei seinem Freund Brian wohl wollte. Nicht, dass sie das irgendetwas anging, aber er hatte so ausweichend auf ihre Frage reagiert, dass ihre Neugier geweckt worden war.
Schon immer hatten sie Menschen und ihre Geschichten fasziniert. Bereits als kleines Kind hatte sie stundenlang im Geschäft ihres Vaters verbracht und die diversen Kunden dabei beobachtet, wie sie das richtige Spielzeug auswählten und sich dabei benahmen. Mehr als einmal hatte sie Streitigkeiten zwischen Familien belauscht, sich mit anderen Kindern angefreundet, die sich in dem Spielzeugladen wie im Schlaraffenland fühlten oder hatte altklug ihre Meinung zu der Wahl des Einkaufes zum Besten gegeben.
In der Schule und auch später auf dem College war es für sie ein leichtes, sich in Gemeinschaften einzufügen, ihre bestehenden Konstellationen und Rangordnungen zu erkennen und sich diese gegebenenfalls zu Nutze zu machen. Ihr Dad nannte dies Geschäftssinn, Maditha bezeichnete das als Anpassungsfähigkeit und sie selbst würde es am ehesten mit Interesse und Neugier umschreiben.
Demnach war sie sehr gespannt AJs Freund kennen zu lernen, der der Beschreibung nach so gar nicht zu dem tätowierten Lebemann passen wollte, der immer noch ganz aufgekratzt neben ihr saß und jetzt nach links auf einen schmalen, betonierten Feldweg deutete, der sich in weiten Kurven und zwischen saftigen Wiesen einen kleinen Hügel hinauf wand, auf dem in der Ferne ein leuchtend grünes, zweistöckiges Farmhaus thronte.
„Nett hat es dein Freund,“ kommentierte sie, als sie das Haus mit den üppigen, bunten Blumen und den Windrädern im Vorgarten erreichten.
Sie parkte den Mustang in der Garagenauffahrt hinter einem alten Ford Kombi und stellte den Motor ab. Sofort erstarb das anhaltende Dröhnen und im ersten Moment hatte Savanna wie immer das Gefühl, als hätte ihr jemand plötzlich Kopfhörer auf die Ohren gesetzt. Alle Geräusche klangen seltsam gedämpft und unwirklich und es dauerte für gewöhnlich ein paar Minuten, bis sie sich daran gewöhnt hatte.
Das leise Knacken des heißen Motors begleitete sie, als sie schließlich ausstiegen. Eine schattige Veranda zog sich um das gesamte Gebäude herum, hier vorne umstanden zwei Schaukelstühle einen gusseisernen, runden Gartentisch, im hinteren Teil baumelte eine Hollywoodschaukel von den Deckenbalken und bunte Blumenkästen schmückten das Geländer. Ein schmaler, mit rötlichen Sandsteinplatten ausgelegter Weg führte zwischen Veranda und Vorgarten hindurch und noch bevor sie hinter AJ die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte, ging die Haustür auf und eine blonde Frau, die etwas älter als Savanna sein mochte, erschien im Türrahmen.
„AJ? Wow, das ist aber ne Überraschung,“ strahlte sie, während Savanna hinter AJ die vier Stufen zur Veranda hinauf stieg.
Gleich darauf umarmte die Frau den Angesprochenen herzlich, bevor sie ihn wieder ein Stück von sich schob und mit erschrockenem Gesichtsausdruck auf die Beule auf seiner Stirn deutete. „Was ist denn mit dir passiert?“
„Ein kleiner Unfall,“ entgegnete AJ sofort beschwichtigend. „Nichts Schlimmes.“
„Das sieht aber durchaus schlimm aus,“ bemerkte Leighanne, die mit gerunzelter Stirn und zusammen gezogenen Augenbrauen aufmerksam das lila Wunder musterte.
„Mach dir keine Sorgen Leigh,“ lächelte AJ. „Mein Dickschädel hält so einiges aus, das weißt du doch.“
„Dickschädel ganz sicher,“ nickte sie und wirkte dabei schon wieder etwas entspannter.
Scheinbar schien ihr nun auch aufzufallen, dass er nicht alleine gekommen war, denn ihr Blick löste sich endlich von seiner Stirn und wanderte über seine Schulter.
AJ reagierte sofort, trat einen Schritt zur Seite und schenkte Savanna ein breites Lächeln. „Leigh, das ist Savanna Roman, meine neue Nachbarin und das hier ist Leighanne, Brians Frau,“ stellte er die beiden einander vor.
„Freut mich dich kennen zu lernen,“ sagte Leighanne, während Savanna ihren festen Händedruck erwiderte. „Dann kommt mal rein,“ fügte Leighanne hinzu und ging ihnen voraus, hinein in einen hell gefliesten Flur. Eine Treppe führte von hier in den ersten Stock, aus dem lautes Kinderlachen, gefolgt von einem heftigen Poltern drang.
„Baylee? Kathrin?“ rief Leighanne die Stufen hinauf. „Wenn ihr euch nicht wie zivilisierte Menschen benehmen könnt, muss ich hochkommen.“
„Alles klar Mom,“ antwortete eine Mädchenstimme und der Junge fügte hinzu „das war nur die Spielzeugtruhe.“
„Das hoffe ich für euch,“ schmunzelte sie so leise, dass die Kinder dies wohl nicht hören konnten, dann wandte sie sich wieder ihrem Besuch zu.
„Was kann ich euch anbieten? Kaffe? Tee? Einen Saft? Oder selbst gemacht Limonade, ihr habt die Wahl.“
„Kaffe wäre großartig,“ nickte AJ.
„Und ich entscheide mich für die Limonade,“ lächelte Savanna, deren Kehle sich plötzlich ganz ausgetrocknet anfühlte.
„Eine gute Wahl,“ grinste Leighanne. „Was treibt euch denn hier her?“ fragte sie dann weiter, während sie ihnen voraus in eine geräumige Küche ging, in der es herrlich nach frisch gebackenem Apfelkuchen roch. Die hellen Schränke reichten bis an die Decke, ein riesiger Küchenblock befand sich direkt in der Mitte des hellen Raumes und ein ausladender Esstisch mit mehreren Stühlen und einem Kinderstuhl stand in der hinteren Ecke vor deckenhohen Fenster, die einen wunderschönen Blick auf den Wald hinter dem Haus gewährten.
„Ich wollte eigentlich mit Brian reden,“ sagte AJ, während er sich an dem Tisch niederließ. Savanna zog ebenfalls einen Stuhl hervor und setzte sich.
„Brian ist noch unterwegs,“ informierte Leighanne AJ. „Aber er müsste in der nächsten halben Stunde zurückkommen. Der Pfarrer ist vorgestern krank geworden und es standen wohl noch ein paar Hausbesuche an, die mein Gatte übernommen hat.“
Savanna stellte sich AJs Freund inzwischen blond gelockt mit einem Heiligenschein auf dem Kopf vor. Mit dem Thema Kirche und Gott hatte sie noch nie viel anfangen können, aber so wie es schien, war sie hier in so etwas ähnlichem wie einem Pfarrhaus gelandet. Das konnte ja heiter werden.
„Was machen die Kinder?“ fragte AJ weiter, während Leighanne ein großes Glas Limonade vor Savanna abstellte und sich dann der Kaffeemaschine zuwandte.
„Nur Krach und Unsinn, wie du bereits gehört hast,“ grinste Leighanne. „Wir mussten gestern zu Baylees Lehrerin, weil er sich wohl mit einem Mädchen aus seiner Klasse geprügelt hat. Kannst du dir das vorstellen?“
„Bei Baylee?“ sinnierte AJ. „Ja, kann ich,“ grinste er dann.
„Ja,“ seufzte Leighanne, während sie die Kaffeemaschine einschaltete und sich dann zu ihnen an den Tisch setzte. „Er hat es nicht gerade leicht mit seinen beiden Schwestern und scheinbar hat er beschlossen, sich auch in der Schule nichts mehr gefallen zu lassen.“
„Wie alt ist er denn?“ fragte Savanna interessiert nach.
„Er ist jetzt acht, Kathrin ist sechs und Louise, das Nesthäkchen, vier.“
„Und sie sind wahre Engel,“ fügte AJ mit einem Nicken hinzu.
„Vielleicht äußerlich,“ schnaubte Leighanne. „Aber tief in ihnen drin wohnt der Teufel und treibt seinen Schabernack. Lass das aber bloß nicht ihren Vater hören.“
„Du meinst, er ruft sonst einen Exorzisten?“ schmunzelte AJ.
„Man weiß nie,“ entgegnete Leighanne mit einem verschmitzten Grinsen.
„Mom?“ ertönte es plötzlich hinter ihnen und als Savanna sich herum drehte, stand ein Junge mit blonden, wirren Locken, geröteten Wangen und großen, blauen Augen hinter runden Brillengläsern im Durchgang zum Flur.
„Ja mein Schatz?“ entgegnete Leighanne.
„Können wir zu den Pferden rüber gehen? Kathrin hat keine Lust mehr und ich auch nicht.“
„Aber um sechs seid ihr wieder hier, in Ordnung?“
„Klar,“ nickte der Junge sofort, wirbelte herum und polterte gleich darauf die Treppe hinauf.
„Ihr habt Pferde?“ fragte Savanna überrascht.
„Nein.“ Leighanne schüttelte lächelnd den Kopf. „Aber unser Nachbar. Ab und zu bekommen sie dort eine kostenlose Reitstunde oder helfen in den Ställen. Momentan ist das ihre Lieblingsbeschäftigung und mir ist es nur recht. Frische Luft hat noch niemandem geschadet.“
„Apropos frische Luft,“ warf AJ in diesem Moment ein. „Ich gehe mal vor die Tür eine Rauchen.“
„Tu das,“ nickte Leighanne.
Sein fragender Blick wanderte nun zu Savanna hinüber.
„Ich bleibe hier, wenn es recht ist,“ dabei versuchte sie gleichzeitig AJ und Leighanne anzusehen.
„Klar,“ nickten beide. Gleich darauf schlenderte AJ aus der Küche, verschwand im Flur und ließ gleich darauf die Haustür krachend hinter sich ins Schloss fallen.
„Und ich dachte immer, nur meine Kinder hätten für Mechanik keinerlei Gefühl,“ sinnierte Leighanne, was Savanna zum Lachen brachte. „Und du bist AJs neue Nachbarin?“ wandte sie sich dann wieder ihr zu.
„Hm,“ nickte Savanna. „Und ich kenne ihn erst seit heute morgen.“
„Und kutschierst ihn jetzt schon durch die Gegend? Na das ging aber schnell,“ lächelte Leighanne.
„Ich hatte keine Chance,“ verteidigte sich Savanna. „Er hat mich mit seinen großen Hundeaugen angesehen und ab da kam ein Nein einfach nicht mehr über meine Lippen.“
„Ach ja,“ seufzte Leighanne. „Der weltberühmte McLean Charme. Als ich Brian kennen lernte, habe ich ebenfalls kurzzeitig geschwankt.“
„Und dich dann aber für den besseren entschieden?“ grinste Savanna mit fragend in die Höhe gezogenen Augenbrauen.
„Besser für mich auf jeden Fall,“ nickte Leighanne. „Brian ist alles was ich brauche. Verlässlich, konsequent, ehrlich und ein guter Mensch.“
„Das klingt, als wäre AJ ein Monster,“ lachte Savanna.
„Sagen wir ... ,“ Unvermittelt verstummte Leighanne und senkte den Blick.
„Das ist dann wohl der Moment in dem du beschlossen hast, nicht mehr über ihn preiszugeben, was?“ bemerkte Savanna sanft.
„Ich denke, du solltest deine eigene Chance bekommen, ihn kennen zu lernen,“ nickte Leighanne. „Ich kenne ihn nun schon so viele Jahre und er ist ganz bestimmt kein schlechter Kerl. Aber eben manchmal auch sehr eigen. Aber das musst du wohl selbst herausfinden.“
„Schade eigentlich,“ seufzte Savanna.
„Ach was. Das macht das Leben doch erst spannend, oder?“ grinste Leighanne.
„Ich weiß nicht, ob ich noch mehr Spannung in meinem Leben gebrauchen kann,“ gab Savanna trocken zu.
„Keine Sorge. AJ ist wirklich lammfromm. Mach dir also keine Gedanken und nimm ihn so, wie er ist.“
„Ich werde mich bemühen,“ versprach Savanna, auch wenn Leighannes Worte sie nicht wirklich beruhigten.
Sie hatte ja bereits geahnt, dass AJ kein einfacher Charakter war, aber die wenigen Andeutungen, die Leighanne fallen gelassen hatte, trugen nicht gerade dazu bei, ihre Bedenken zu zerstreuen. Vielleicht sollte sie also besser die Finger von ihm lassen. Wenn nur diese faszinierenden Augen und seine erotische Stimme nicht wären ...

Kapitel 10