Kapitel 8

Schlussendlich war AJ also doch auf dem Beifahrersitz gelandet. Gott sei Dank hatte er recht schnell festgestellt, dass er Savanna sicherlich nur gegen sich aufbrachte, wenn er sie darum bat, ihm ihren heiß geliebten Wagen zu leihen. Außerdem fuhr sie gar nicht mal schlecht. Für ein Mädchen zumindest.
Das tiefe Grollen des Motors hatte ihm direkt eine Gänsehaut beschert und Savanna war durchaus in der Lage eine Kurve mit Schwung und ohne dauerndes Bremsen zu nehmen. In der Stadt hatte sich das noch nicht wirklich bemerkbar gemacht, aber nachdem sie Orlando hinter sich gelassen und auf die gewundene Landstraße eingebogen waren, zeigte sie ihm, was alles in ihr und ihrem Wagen steckte.
Sie flogen nun mit hundert Meilen dahin, untermalt von der überirdischen Musik von Muse, die irgendwie hervorragend zu seiner momentanen Stimmung passte. Mit einiger Befriedigung hatte er festgestellt, dass Savanna so einiges von Musik verstand und genau wie er Wert darauf legte, künstlerisch anspruchsvolle Sachen zu hören. Somit hatten sie sich relativ schnell geeinigt. Bisher hatte sich ihre Konversation demnach lediglich auf die Musik beschränkt und war danach recht schnell zum Erliegen gekommen, da sie scheinbar beide in ihrer eigenen Gedankenwelt versunken gewesen waren.
Doch nun brach sie das Schweigen.
„Was bedeutet eigentlich AJ? Ist das eine Abkürzung?“
„Ja,“ nickte er.
„Wofür?“
„Alexander James,“ gab er widerwillig Auskunft. Irgendwie mochte er die Abkürzung seines Namens, weil sie absolut cool und jugendlich klang. Zumindest passte dieser Name wesentlich besser ins Musikbuisiness. Kurz und prägnant lautete die Devise. Alexander James, wer wollte denn bitte schön so heißen?
„Und alle nennen dich AJ?“ fragte sie weiter.
„Alle bis auf meine Mom,“ bestätigte er. „Die nennt mich Alex, was auch noch im grünen Bereich liegt. Aber wenn du eine Antwort haben willst, solltest du mich nie mit Alexander ansprechen.“
Sie lachte leise und auch seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben. Irgendwie war sie nett.
„Wäre es denn in Ordnung, wenn ich dich auch Alex nenne?“ fragte sie dann weiter und etwas irritiert blickte er zu ihr hinüber. Das hatte ihn ja noch nie jemand gefragt.
„Wieso?“ hakte er dann auch nach.
„Ich weiß nicht so genau,“ gestand sie und zuckte kurz mit den Achseln. „Irgendwie mag ich diese Abkürzungen nicht. Die klingen so nach ... hm ... auf biegen und brechen cool sein, verstehst du?“
„Ich verstehe,“ nickte er und rollte innerlich mit den Augen. Wenn sie schon bei seinem Namen anderer Auffassung waren, wollte er gar nicht wissen, in welchen Punkten sie sich ähnelten. Wenn es so etwas überhaupt gab.
„Wäre das denn okay für dich?“ fragte sie dann noch einmal.
„Sicher. Wenn du unbedingt möchtest,“ nickte er, auch wenn er sich dabei alles andere als wohl fühlte.
„Super. Also Alex, erzähl mir doch ein bisschen von dir.“
Innerlich stöhnte er auf. Nach Busfahren war das wahrscheinlich das zweitschlimmste, was man ihm antun konnte. Es gab nichts über ihn zu erzählen, was irgendein anderer Mensch auch nur annähernd interessant finden würde. Natürlich hätte er ihr von seiner damaligen Karriere erzählen können, aber dann hätte er auch zugeben müssen, dass diese Zeit längst vorbei war und er wollte auf keinen Fall so wirken, als klammere er sich an seine glorreiche Vergangenheit, weil er in der Gegenwart nichts auf die Reihe bekam. Auch wenn das leider ziemlich nahe an der Wahrheit lag. Also tat er das, was er immer tat, wenn er etwas über sich preisgeben sollte: Er bog sich die Realität passend zurecht.
„Ich bin Besitzer eines kleinen Plattenladens in der Stadt,“ begann er also.
„Echt? Das ist ja cool. Du sitzt also sozusagen direkt an der Quelle,“ strahlte sie.
„So ähnlich,“ nickte er. „Wie gesagt, der Laden ist nicht sonderlich groß, aber wir haben eine exquisite Kundschaft. Wir vertreiben unter anderem noch richtiges Vinyl, weißt du. Das zieht die Leute magisch an.“
„Klingt spannend,“ nickte sie. Ob sie das wirklich ernst meinte?
„Ich weiß wie es ist, seinen eigenen Laden zu führen. Oder sagen wir ... theoretisch weiß ich das,“ lächelte sie und er meinte, einen Anflug von Unsicherheit in ihrer Stimme zu hören.
„Was meinst du mit theoretisch?“
„Na ja ... bisher habe ich lediglich meinem Dad über die Schulter gesehen oder den Laden geführt, wenn er in Urlaub oder geschäftlich unterwegs war. Jetzt bin ich das erste Mal ganz alleine für all das verantwortlich und so ein bisschen Angst habe ich davor schon.“
„Was ist das denn für ein Geschäft?“ fragte er interessiert.
„Spielzeug,“ entgegnete sie ganz ruhig und er meinte sich erinnern zu können, dass sie heute Morgen schon etwas in diese Richtung hatte fallen lassen. Sein Interesse sank dabei merklich ab. Was konnte es an Spielzeug schon interessantes geben?
„Seit Generationen ist der Betrieb schon in Familienbesitz,“ fuhr sie unterdessen fort. „Mein Ur-Ur-Großvater hat das Unternehmen damals gegründet. An- und Verkauf von gebrauchtem und neuem Spielzeug am Anfang und dann irgendwann als Händler für die großen Spielzeugmarken wie Matell, Fisher-Price, Chicco, Lego und so weiter und so weiter. Inzwischen setzen wir verstärkt auf ökologisch und wirtschaftlich einwandfreie Marken. Viele natürliche Materialien wie Holz oder Kautschuk werden dabei verwendet und kommen bei den Käufern gut an. Natürlich sind diese Sachen etwas teurer als die normalen Plastikspielzeuge, aber dafür halten sie auch länger.“
Seltsam. Irgendwie fand er das alles ziemlich spannend. „Und was ist deine Aufgabe jetzt?“ fragte er also weiter.
„Wir eröffnen eine neue Filiale in Orlando,“ gab sie bereitwillig Auskunft. „In einer Woche ist der große Tag und bis dahin muss ich irgendwie den Laden soweit in Ordnung und wenn möglich mein Haus auf Vordermann gebracht haben. Werden also noch ein paar anstrengende Tage.“
„Klingt ganz danach,“ bestätigte er nickend.
„Ja. Deshalb ist es eigentlich gar nicht drin, dass ich jetzt mit dir hier durch die Gegend gondele,“ schmunzelte sie. „Aber ich konnte einfach nicht widerstehen.“
„Eine Pause hat sich jeder mal verdient,“ beeilte er sich zu sagen.
„Das mag wohl stimmen, aber wenn ich an die viele Arbeit denke, wird mir doch etwas flau im Magen,“ gestand sie.
„Ach, das machst du schon. Da bin ich mir sicher.“
„So? Du kennst mich doch gar nicht,“ gab sie mit einem leisen Grinsen zurück.
„Das sieht man dir an,“ gab er bestimmt zurück und musste dann über sich selbst grinsen. Im Aufbauen von niedergeschlagenen Menschen war er noch nie besonders gut gewesen.
„Danke für das Kompliment,“ lächelte sie und er fragte sich, wo bitte schön er ihr gerade ein Kompliment gemacht hatte. Trotzdem antwortete er mit einem kurzen „gerne geschehen.“
„Verrätst du mir, wo wir eigentlich hin fahren?“ wechselte sie dann das Thema.
„Zu einem Freund,“ entgegnete er.
„Und hat dieser Freund auch einen Namen?“
„Brian. Brian Littrell,“ lächelte AJ. „Außerdem hat er eine Ehefrau – Leighanne – und drei Kinder: Baylee, Kathrin und Louise.“
„Ach du meine Güte. Der war aber fleißig, was?“ grinste Savanna.
„Ja, kann man so sagen. Aber das passt zu ihm. Ich kenne ihn jetzt schon über zehn Jahre und glaub mir, er hat genau den Platz gefunden, für den er bestimmt war. Er arbeitet in einer kleinen Dorfgemeine, hat ein wunderschönes Haus auf dem Land und seine Familie um sich, die ihm mehr bedeutet als alles andere.“
„Klingt nach vollkommener Zufriedenheit und ein bisschen kitschig,“ gestand sie.
„Das mag sein. Aber zu Brian passt das irgendwie.“
„Und ... na ja ... warum musst du so dringend zu ihm?“
AJ schluckte. Er brauchte dringend eine Ausrede, doch leider versagte ihm ausgerechnet jetzt sein Gehirn die Zusammenarbeit. „Uhm ... na ja ... also ... ,“ stammelte er und schwieg dann wieder.
„Oh. Ach so. Keine Panik, du musst es mir nicht sagen,“ kam es sofort von Savanna und er fragte sich beklommen, was sie jetzt wohl dachte, dass er bei Brian tun wollte.
„Es ist nichts illegales oder so,“ beeilte er sich also zu sagen und kam sich mehr als dämlich dabei vor.
„Na, das hoffe ich doch,“ schmunzelte sie.
„Hier müssen wir übrigens abbiegen,“ informierte er sie und hoffte, dass damit das Thema Brian und was er bei ihm wollte, erledigt war.
Himmel, er hatte ganz vergessen wie anstrengend es war so zu tun, als sei er ein erfolgreicher, glücklicher Mensch. Die Leute mit denen er sich sonst umgab, wussten alle bescheid, was traurig genug war. Doch mit Savanna musste er vorsichtig sein. Er hasste es einfach in den Augen seines Gegenübers das Wort Loser in leuchtenden Lettern lesen zu müssen.

Kapitel 9