Kapitel 7
Als AJ am frühen Nachmittag den Parkplatz des x-ten Gebrauchtwagenhändlers verließ, schwante ihm übles. Er hatte eigentlich angenommen, dass es kein Problem sein dürfte, in der Preislage, die er sich vorstellte, einen einigermaßen annehmbaren Wagen zu finden, doch entweder waren die Rostlauben die Bezeichnung Auto gar nicht mehr wert gewesen, oder die Händler verlangten so viel Geld, dass er von vorneherein dankend ablehnte.
Seufzend steuerte er nun auf ein Cafe zu, ließ sich auf einen Stuhl vor dem Lokal fallen und zog in der gleichen Bewegung sowohl seine Zigaretten als auch sein Handy hervor. Er bestellte bei der herangeeilten Bedienung einen Kaffe, schwarz, ohne Zucker und starrte dann für einen Moment mit glasigem Blick über die hölzernen Blumenkästen hinweg, die die Terrasse des Cafes nur mit Müh und Not von der viel befahrenen Straße trennten. Gemütlich und ruhig war ganz sicher anders, aber er musste jetzt erst einmal darüber nachdenken, was er als nächstes tun sollte.
Im Grunde gab es nicht wirklich viele Alternativen und als er die ersten zwei Schlucke von seinem Kaffe genommen hatte war ihm auch klar, wie der nächste Schritt auszusehen hatte. Er seufzte leise, als er aus dem Telefonspeicher die Nummer seines Freundes heraussuchte und sich gleich darauf das kleine Telefon ans Ohr drückte. Howie würde über seinen Anruf ganz sicher nicht begeistert sein, aber eine andere Möglichkeit gab es im Moment wohl nicht.
Bankhaus Hanson und Partner, Howard Dorough am Apparat, meldete sich gleich darauf die vertraute Stimme und AJ schluckte angestrengt.
Hey Howie, hier ist AJ, sagte er also betont munter und nahm noch einen Schluck von seinem Kaffe.
Na, das ist ja ne Überraschung, entgegnete Howie. Soll ich raten, wie viel du diesmal brauchst?
Tu das, aber beachte dabei bitte, dass ich einen neuen Wagen benötige.
Einen neuen Wagen? kam es überrascht zurück.
Ich hatte gestern Abend auf dem Weg nach Hause einen ... nun ja ... kleinen ... uhm ... Unfall, gab AJ zu.
Einen kleinen Unfall? hakte Howie nach. Ich meine ... so klein, dass du gleich einen neuen Wagen brauchst?
Ehrlich, mein Auto war ja schon vorher nicht mehr als solches zu bezeichnen, aber seit gestern ist es wirklich nur noch Schrott. Das hat auch die Werkstatt bestätigt.
Aber mit dir ist alles okay? fragte Howie besorgt und das zu hören tat unendlich gut.
Ja, ja, mach dir mal keine Sorgen, wiegelte AJ ab. Das einzige Problem das ich habe ist, dass ich einen neuen Wagen brauche.
Er hörte, wie sein Freund am anderen Ende der Leitung leise seufzte. AJ, sagte er dann in diesem nachsichtigen Tonfall, den er immer anschlug, wenn er eine unangenehme Mitteilung zu machen hatte. Darüber haben wir doch schon das letzte Mal gesprochen. Dein Limit ist ausgereizt und da du es nicht für nötig befindest, mal ein bisschen was auf die Seite zu legen, sondern es für Partys und anderen Schnickschnack aus dem Fenster wirfst, hat sich an dieser Situation auch leider nichts geändert.
Das mag ja alles sein D., aber das hier ist ein echter Notfall. Ohne Auto kann ich meinen Job gleich vergessen, mal ganz abgesehen davon, dass ich dann auch nicht mehr zu unseren wöchentlichen Treffen kommen kann und vereinsamen werde.
Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, es gibt so etwas wie öffentliche Verkehrsmittel. So weit ich weiß, hält ein Bus gar nicht weit von deinem zu Hause.
Ich und Busfahren? Ehrlich Howie, ich bitte dich. Wie erniedrigend ist das denn? schnaubte AJ.
Auf jeden Fall weniger erniedrigend als demnächst eine Lohnpfändung am Hals zu haben, gab Howie unbeeindruckt zurück.
Ach komm schon D., versuchte AJ es nun mit sanfter, bittender Stimme. Ein bisschen ist doch bestimmt noch drin, hm?
Was hast du denn bitte schön das letzte Mal an es gibt keinen Kredit mehr nicht verstanden, hm? Wir haben doch ausgiebig besprochen, dass bei deiner derzeitigen finanziellen Lage ... ,
Das weiß ich alles Howie, unterbrach AJ ihn aufgebracht und versuchte sich im selben Moment zur Ordnung zu rufen. Er brauchte das Geld und Howie war der einzige, der ihm dieses geben konnte. Aber kannst du nicht noch einmal nachsehen, ob nicht wenigstens eine kleine Summe herausspringt? 2.000 Dollar wären schon mehr als genug.
2.000 Dollar?? rief sein Freund entsetzt und AJ musste den Hörer ein Stück vom Ohr halten, damit sein Trommelfell keinen Schaden erlitt.
Oder auch ein bisschen weniger, gab er widerstrebend nach.
Fünfzig wären schon zu viel, ereiferte sich Howie. Verdammt AJ, du solltest echt so langsam mal anfangen, dein Leben auf die Reihe zu bringen. Wir anderen haben das doch auch geschafft.
Ich bin aber nicht wie ihr, okay? gab AJ heftiger als beabsichtigt zurück.
Er hatte keine Ahnung, wie oft sie genau diese Diskussion schon geführt hatten, aber sie lief immer nach dem gleichen Schema ab. Verdammt, was konnte er denn dafür, dass er an dem Niedergang seines Lebenstraums so sehr zu kämpfen hatte? Ihm war es eben nicht so leicht gefallen nach dem Ende der Band einfach wieder zurück auf die Schule zu gehen oder einen Job anzunehmen. Er hatte ein Jahr lang gelitten wie ein Hund, hatte das Bisschen Geld, das er mit seiner Gesangskarriere verdient hatte, in Kneipen und Stripbars getragen und als klar wurde, dass er zielsicher auf den finanziellen Ruin zusteuerte, den miesen Job bei Loving Music angenommen. Er hatte sich also, für seine Verhältnisse, mehr als genug an die neue Lebenssituation angepasst und von seinen Freunden immer wieder vor Augen geführt zu bekommen, wie erbärmlich eigentlich sein neues Leben war, machte das Ganze nicht wirklich besser.
... mal an deine Rente denken, hörte er Howie in seine Gedanken hinein sagen. Irgendwann ist es nämlich vorbei mit deinem guten Aussehen und dem jugendlichen Charme. Und was machst du dann? Du kannst nicht ewig für Mariella arbeiten, mal ganz abgesehen davon, dass dich das zumindest finanziell gesehen nicht wirklich weiter bringt. Und ... ,
Okay, es war ein Fehler dich anzurufen, unterbrach ihn AJ gereizt. Tut mir leid. Noch viel Spaß mit deinem scheiß Elitejob.
Wutentbrannt beendete er das Gespräch und warf das Handy klappernd auf den Tisch vor sich. Wieso war eigentlich jeder der Meinung, dass er sich unter Wert verkaufte? Er konnte eben nichts anderes als singen und auf einer Bühne gut aussehen, aber damit kam man in diesem beschissenen Durchschnittsleben eben nicht weiter.
Die Gedanken rasten in seinem Kopf auf der Suche nach einer weiteren Möglichkeit. Schließlich nahm er das Handy wieder an sich und wählte die Nummer von Brian. Doch kurz bevor das Freizeichen ertönen konnte, legte er wieder auf. Wahrscheinlich würde ihm Brian sogar das Geld leihen, allerdings war es für so etwas immer besser, ihm direkt in die Augen zu sehen. Wenn AJ seinen Hundeblick aufsetzte und ein bisschen verzweifelt tat, würde ihm sein langjähriger Freund ganz sicher nicht widerstehen können.
So weit so gut. Blieb nur noch die Frage, wie verdammt noch mal er ohne Auto raus aufs Land kommen sollte. Mit dem Taxi ganz sicher nicht. Für den Fahrpreis könnte er sich wahrscheinlich gleich ein neues Auto kaufen. Er brauchte also einen Chauffeur.
Howie kam nach diesem missglückten Gespräch nicht in Frage, Kevin war noch in der Schule und hatte danach wahrscheinlich Theaterprobe, also keine Zeit ihn irgendwie durch die Gegend zu kutschieren. Er könnte es bei Nick versuchen, aber irgendwie war ihm heute so gar nicht danach seinen Freund zu sehen, der genau das ausstrahlte, was AJ momentan so sehr fehlte. Mariella? Ha, guter Witz.
Da waren noch ein paar andere, lose Bekanntschaften, aber auch diese wollte er gerade für diesen Besuch nicht bemühen.
Er seufzte und trank den letzten Rest seines inzwischen kalten Kaffes aus. War es denn wirklich so aussichtslos? Das wollte er einfach nicht glauben.
Vor seinem geistigen Auge entstand das Bild eines schwarzen, glänzenden Mustangs und ein breites, zufriedenes Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Vielleicht ließ sich die neue Nachbarin ja erweichen. Und wenn sie ihm nur das Auto lieh. Das wäre sowieso das Beste. In einem Sportwagen auf dem Beifahrersitz zu sitzen machte nämlich nicht wirklich Spaß.
Mit neu gewonnenem Tatendrang warf er zwei Dollar auf den Tisch und machte sich auf den Weg zur nächsten Busstation. Sein Geld reichte nicht mehr für die Rückfahrt mit einem Taxi, aber darüber konnte er im Moment hinweg sehen. Wenn alles so lief, wie er sich das vorstellte, war er spätestens morgen Besitzer eines neuen Wagens und wenn ihn nicht alles täuschte, hatte die Corvette von heute Morgen laut und deutlich seinen Namen gerufen. Also wie immer alles im grünen Bereich.
Seit zwei Stunden waren die Möbelpacker schon verschwunden, doch Savanna hatte nicht das Gefühl, dass sich das Chaos um sie herum irgendwie gelichtet hätte. Die Möbel standen zwar zum großen Teil bereits an ihrem Platz, doch jede restliche, freie Fläche war mit Kartons, Tüten, Kisten und anderem Krimskrams voll gestellt. Seufzend stand sie in der Mitte des Wohnzimmers, hatte die Hände in die Hüften gestemmt und überlegte, welchen Karton sie als nächstes in Angriff nehmen sollte, als es plötzlich an der Haustür klingelte.
Erschrocken zuckte sie zusammen, wischte sich dann die Hände an ihren Jeans ab und lief den Flur hinunter zur Eingangstür. Dabei fragte sie sich neugierig, wer da wohl vor ihrer Tür stehen mochte. Sie kannte hier schließlich niemanden, was den Besuch irgendeines Vertreters sehr nahe legte, auf den sie ja nun überhaupt keine Lust hatte.
Als sie die Tür schließlich schwungvoll aufriss, stand allerdings ihr neuer Nachbar davor und sie konnte gar nicht in Worte fassen, wie sehr sie sich gerade über sein Auftauchen freute.
Hey, begrüßte er sie mit einem breiten Lächeln, das ihr Herz sofort zum Schmelzen brachte.
Ebenfalls hey, lächelte sie.
Und, wie kommst du voran? fragte er weiter.
Schleppend, gestand sie. Möchtest du rein kommen? Aber Vorsicht, es erwartet dich pures Chaos.
Keine Sorge, das bin ich von meinem eigenen Haus gewohnt, grinste AJ, während sie die Haustür etwas weiter aufschob und ihm bedeutete herein zu kommen.
Während er an ihr vorbei in den Hausflur trat, wanderte ihr Blick automatisch von seinem gebräunten Nacken über seine muskulösen Schultern hinunter zu seinem Hintern, der in den weiten Jeans allerdings kaum zu sehen war. Welch ein Jammer.
Sieht doch eigentlich ganz gut aus, befand er dann, als er das Wohnzimmer erreichte.
Findest du? fragte sie schmunzelnd und gesellte sich zu ihm.
Gemeinsam ließen sie den Blick über die orangefarbene Couch schweifen, die direkt unter dem Fenster stand und von einem dunkelblauen Ohrensessel flankiert wurde. Dazwischen stand ein niedriger Couchtisch aus hellem Buchenholz, der allerdings im Moment mit Ordnern und Papierkram beladen war. Eine Wand war bereits von einem riesigen Bücherregal verdeckt, das allerdings noch nicht einmal zu einem Drittel eingeräumt war. Ein niedriges Sideboard, auf dem bereits der noch unangeschlossene Fernseher stand, vervollständigte das Mobiliar.
Na ja, es hätte schlimmer kommen können, befand AJ und schenkte ihr einen tiefen Blick und ein breites, freundlichen Lächeln.
Oh Mann, der Typ wusste aber ganz genau wie er die Mädchenherzen höher schlagen ließ. Oder war sie einfach so ausgehungert nach männlicher Aufmerksamkeit, dass sie ganz automatisch überreagierte?
Auf jeden Fall habe ich im Moment die Nase voll, gestand sie. Seit heute Morgen befinde ich mich in diesem Chaos und irgendwie wird es nicht wirklich besser.
Ich hätte da eine Idee, wie du hier mal rauskommen könntest, bemerkte AJ beiläufig. Zu beiläufig für ihren Geschmack.
Ach ja? fragte sie deshalb misstrauisch nach.
Ja, also ... eigentlich ... du könntest mir einen Gefallen tun, wenn es dir nichts ausmacht.
Der da wäre? Mit Gefallen bin ich nämlich normaler Weise sehr sparsam, gestand sie und fühlte bereits jetzt die Enttäuschung in sich aufsteigen. Er war nicht hierher gekommen um sie wieder zu sehen, sondern weil er sie für irgendetwas brauchte. Nicht gerade eine romantische Vorstellung.
Ja, also ... mein Wagen ist doch Schrott, erklärte er nun und drehte sich so, dass er sie direkt ansehen konnte. Immerhin brachte er sein Anliegen vor, während er ihr in die Augen sah. Das hatte zumindest etwas von Aufrichtigkeit. Und ... ich müsste einen Freund besuchen, der allerdings ziemlich weit draußen wohnt und mit dem Bus nicht wirklich zu erreichen ist. Da habe ich mir gedacht ... also ... wenn es dir nichts ausmacht ... ob du mich vielleicht dort hin fahren könntest?
Ich habs doch gewusst, stellte sie fest, während die Vorstellung, dass sie gemeinsam mit AJ in ihrem Wagen durch die Gegend fahren konnte, ihr Herz schon wieder etwas schneller schlagen ließ. Es geht immer nur um meinen Wagen.
In diesem Fall geht es sowohl um deinen Wagen, als auch um dich, entgegnete er und schickte noch ein entwaffnendes Lächeln hinterher. Das wäre doch die perfekte Gelegenheit, um sich näher kennen zu lernen. Und du kämst mal ein bisschen aus deinem Chaos raus.
Er hatte sie schon, als er mit seiner rauen Stimme als auch um dich hauchte, aber sie versuchte nicht zu enthusiastisch auszusehen. Zu leicht wollte sie es ihm auch nicht machen, wenn ihr auch klar war, dass sie wahrscheinlich im Moment relativ leicht zu durchschauen war.
Ich muss aber vorher unbedingt duschen, stellte sie fest.
Kein Problem, sagte er sofort. Sag mir, wann du so weit bist und ich stehe bereit.
Sie machte einen lange Pause, in der sie so tat, als wäge sie ihre Möglichkeiten ab und dabei aus den Augenwinkeln beobachtete, wie AJ nervös von einem Bein aufs andere trippelte. Es schien, als sei ihm dieser Besuch sehr wichtig, also konnte sie ihm diesen Wunsch schon drei Mal nicht abschlagen. Abgesehen davon, erweckte die riesige Beule auf seiner Stirn immer noch den Samariter-Instinkt in ihr. Trotzdem ließ sie ihn noch weitere 30 Sekunden zappeln, bevor sie nickte.
In Ordnung. Gib mir eine halbe Stunde, okay?
Du bist die Beste! rief er aus und ehe sie sich versah, hatte er sie an sich gezogen und ihr einen schmatzenden Kuss auf die Wange gedrückt.
Noch eine viertel Stunden später, als sie aus der Dusche stieg und sich abtrocknete, prickelte die Stelle, die er mit seinen Lippen berührt hatte und alle Bemühungen, sich innerlich zur Ordnung zu rufen und das alles nicht über zu bewerten, scheiterten kläglich. Sie sollte wirklich höllisch aufpassen, damit sie nicht in eine weitere Katastrophe alla Daniel Coleman hineinschlitterte, aber wenn sie nach den Schmetterlingen in ihrem Bauch ging, befand sie sich bereits unaufhaltsam auf halbem Weg dort hin.