Kapitel 6
Während Savanna zurück ins Haus ging um die letzten Vorbereitungen zu treffen bevor die Möbelpacker anrückten, versuchte sie sich ein Bild von ihrem neuen Nachbarn zu machen.
Als sie ihn mit der Hand an ihrem heiß geliebten Wagen ertappte, hatte sie innerlich nur mit den Augen gerollt. Seltsamer Weise waren die Kerle in dieser Beziehung alle gleich: Setzte man ihnen einen schnellen Sportwagen vor die Nase, fingen sie an zu sabbern wie ein debiler Hund.
Doch schon auf die Entfernung hin hatte sie festgestellt, dass sie diesen Mann äußerlich durchaus ansprechend fand. Er strahlte eine gewisse Lässigkeit in seinen Jeans, dem grünen T-Shirt und seinem modisch gestutzten Bart aus, zumal sie bei näherer Betrachtung durchaus die Tätowierungen auf seinen Unterarmen registrierte. Das, und die riesige Beule auf seiner Stirn hatten augenblicklich ihre Neugier geweckt.
Und als sie schließlich sein Blick das erste Mal traf, hatten sie ihre weichen Knie beinahe im Stich gelassen. Seine Augen waren absolut faszinierend, von einem tiefen Schokoladenbraun und von perfekten, langen, schwarzen Wimpern umrahmt, um die ihn sicherlich jedes Mädchen auf diesem Planeten beneidete. Hinzu kam seine raue, überaus männliche Stimme. Für einen winzigen Moment hatte sie sich vorgestellt, dass er ihr damit unanständige Dinge ins Ohr flüsterte, was zur Folge hatte, dass sich ein aufgeregtes Kribbeln in ihrer Magengegend ausbreitete.
Während sie nun einige Kartons in der Mitte der Küche stapelte, musste sie über sich selbst grinsend den Kopf schütteln. Sie hatte mit diesem AJ lediglich fünf Worte gewechselt und stellte sich bereits jetzt vor, wie er sie alleine mit seiner Stimme verführte. Das war wieder einmal typisch für sie. Es reichte, wenn ein einigermaßen annehmbar aussehender Typ auf sie zu kam und schon brannte sie lichterloh. Nicht zu letzt war ihr genau diese Eigenschaft zum Verhängnis geworden und war damit mit ein Grund, warum sie hier, im unangenehm heißen Florida gelandet war.
Das Lächeln auf ihrem Gesicht erstarb, während sie sich aufrichtete und mit einem erstaunlich klaren Blick ihre Umgebung musterte.
Die Vorbesitzer hatten ihr die Kücheneinrichtung für einen Spotpreis überlassen, und so wirkte dieser Raum als einziger im ganzen Haus einigermaßen bewohnbar. Die restlichen Zimmer waren kahl und leer. Sie hatte gestern bis spät in die Nacht noch die gröbsten Flecken auf den Tapeten versucht zu überstreichen, hatte die Dielenböden gefegt und gewischt und dabei festgestellt, dass die vielen Flecken und abgenutzt Stellen auch nicht verschwanden, wenn sie wie eine Wilde darüber rubbelte.
Sie hoffte in diesem Moment inständig, dass sich das Gefühl von Heimweh und Unbehagen legen würde, wenn erst einmal ihre eigenen Möbel und Vorhänge die unpersönliche Ausstrahlung ersetzten. Doch so wirklich konnte sie nicht daran glauben. Schließlich war sie nicht ganz freiwillig hier.
Gut, sie hätte natürlich nein sagen können, als ihr Dad vorschlug, eine neue Filiale in Orlando zu gründen und sie als Geschäftsführerin einzusetzen. Doch zu diesem Zeitpunkt erschien ihr die Vorstellung, so weit wie irgend möglich von ihrem Heimatort und damit von der Enttäuschung und dem Schmerz weg zu kommen, wie eine Erlösung.
Inzwischen bröckelte allerdings ihre selbstbewußte, starke Fassade und brachte damit das zum Vorschein, was tief in ihrem Inneren schlummerte. Sie hatte im Ringen um die Gunst von Daniel Coleman den Kürzeren gezogen und das Gefühl der Demütigung und die Selbstzweifel konnten auch die vielen tausend Kilometer zwischen ihr und ihm nicht lindern.
Daniel. Sie seufzte leise und schlenderte zurück in ihr leeres Wohnzimmer, wo Staubkörnchen in den gleißenden Sonnenstrahlen tanzten, die durch die Fenster hereinfielen.
Sie hatte ihn damals bei einem Geschäftsessen kennen gelernt, das ihr Vater mit einigen führenden Vertretern der Spielzeugbranche organisiert hatte. Daniel war einer von diesen jungen, aufstrebenden, witzigen, charmanten Verkäufertypen gewesen, die sie normaler Weise nicht ausstehen konnte. Den ganzen Abend hatte er sich ganz offensichtlich bemüht sie zu umgarnen, anstatt sich wie die anderen Vertreter seiner Zunft auf den eigentlichen Regenten von Toy Box ihren Vater - zu konzentrieren.
Vielleicht war es seine Hartnäckigkeit, die vielen Anrufe, mit denen er sie ab da überschüttete, die kleinen Präsente und Blumen, die plötzlich eintrudelten oder seine immer wiederkehrende Versicherung, dass es ihm in ihrem Fall nicht um Spielzeug, sondern nur um Savanna ging. Jedenfalls hatte sie irgendwann angefangen, mit ihm auszugehen und am Anfang lief alles bestens.
Sie verstand sich wiedererwartend unglaublich gut mit ihm. Sie gingen in Bars, ins Theater, ins Kino, veranstalteten ein Picknick am nahe gelegenen Ontario See, sie gestattete ihm sogar, sie ein paar Mal zu küssen und Savanna begann zu glauben, dass aus ihnen beiden tatsächlich etwas werden könnte.
Doch natürlich war wie immer alles schief gelaufen. Plötzlich hatte Daniel nicht mehr so viel Zeit für sie, weil er, wie er erklärte, eine andere Frau kennen gelernt habe, die ihm irgendwie den Kopf verdrehte. Er sei sich einfach nicht sicher, wen von ihnen beiden er nun anziehender fand. Am Anfang empfand sie seine schonungslose Offenheit zu diesem Thema zwar als schmerzhaft aber auch als unglaublich wohltuend, da Daniel ihr damit zum einen das Gefühl gab, vollkommen ehrlich und aufrichtig zu ihr zu sein und ihr zum anderen damit noch eine Chance einräumte, die Wahl zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
Doch sie hatte diesen ungleichen Kampf verloren. Sie war sozusagen mit Pauken und Trompeten untergegangen und musste zudem feststellen, dass Daniel bei weitem nicht so ehrlich zu ihr gewesen war, wie sie geglaubt hatte. Erst als sie der Gesellschaftsseite der Zeitung entnahm, dass er sich mit der Erbin eines Holzhandelimperiums verlobt hatte, wurden ihr plötzlich und äußerst schmerzhaft die Augen geöffnet.
Sie fuhr noch am selben Abend zu seinem Apartment, warf ihm seine Geschenke und ihren gesamten Schmerz vor die Füße, verpasste ihm eine schallende Ohrfeige und verkroch sich anschließend ganze zwei Wochen in ihrer Wohnung.
Ihrer Familie war es zu verdanken, dass sie irgendwann wieder aus dem Tal der Tränen auftauchte. Ihre ältere Schwester Maditha hatte sich rühren um sie gekümmert und dafür gesorgt, dass Daniels Verlobte ganz zufällig von der Liasson zwischen ihrem ach so unschuldigen Bräutigam und Savanna erfuhr. Die Verlobung wurde danach zwar nicht aufgelöst, aber was man so hörte, hing der Haussegen eine ganze Weile mehr als schief.
Ihr Vater schließlich, sah sich das Elend seiner jüngsten Tochter eine Weile mit an und unterbreitete ihr dann den Vorschlag mit der neuen Filiale in Orlando. Seit Generationen befand sich der Spielzeughandel im Besitz der Familie Roman und hatte sich im Laufe der Jahrzehnte einen exquisiten Ruf erarbeitet. Im Zuge der zunehmenden Umweltverschmutzung, Klimakatastrophen, Kinderarbeit und dem langsam wachsenden ökologischen Bewusstsein der Bevölkerung, hatte Horvath Roman vor einigen Jahren angefangen, auf Holzspielzeug mit ökologisch und wirtschaftlich einwandfreiem Hintergrund zu setzen. Und die Rechnung ging zumindest in Kanada auf. Dieses Konzept nun in einem Staat wie Florida zu etablieren, in dem sich die Menschen meist nur ihrer eigenen, kleinen, überschaubaren Welt bewusst waren, stellte nun zu recht eine Herausforderung dar und Savanna hatte diese dankend angenommen.
Inzwischen war sie sich allerdings nicht mehr ganz so sicher, ob sie damit das richtige getan hatte. Sie fühlte sich so weit weg von zu Hause recht einsam und dies, obwohl sie erst seit drei Wochen hier war.
Am Anfang hatte sie in einem Hotel gewohnt, sich um den neuen Laden gekümmert und anschließend eine dauerhafte Bleibe gesucht. Sicherlich hätte sie sich auch ein Haus in einem exklusiveren Wohnviertel leisten können, aber sie war mit dem Snobismus und den Eitelkeiten dieser speziellen Spezies Mensch noch nie so recht warm geworden und so hatte ihr dieses Haus sofort beim ersten Besichtungstermin zugesagt. Zudem hatte sie sofort einziehen können, was sie schlussendlich dazu brachte, den Kaufvertrag ohne all zu viel darüber nachzudenken zu unterschreiben.
Tja, und jetzt saß sie hier. Weit weg von zu Hause, alleine, mit der Last einer ungewissen Zukunft und dem Druck der Erwartungen ihres Vaters auf den Schultern. Und da kam ihr so ein kleiner Flirt mit dem knackigen Nachbarn gerade recht. Oder auch nicht ... je nach dem, wie man es sehen wollte.
Das Klingeln an der Haustür riss sie schließlich aus ihren trüben Gedanken. Während sie mit langen Schritten den Flur durchmaß, straffte sie sich innerlich wie äußerlich und öffnete gleich darauf den Möbelpackern schwungvoll die Tür.
Miss Roman? fragte der älteste der drei. Er trug einen verblichenen Blaumann und ein Klemmbrett in seinen schwieligen Händen.
Ja, das bin ich, nickte Savanna.
Wir kommen wegen ihren Möbeln.
Ach was, grinste Savanna und erntete dafür von dem jüngsten der Truppe, der mit einer Nase, die wie ein Adlerschnabel geformt war und einem ausgemergelten Gesicht aufwarten konnte, ein leises Lachen.
Ich nehme an, die Sachen befinden sich noch im LKW? fragte der ältere unbeeindruckt weiter.
Genau so ist es, nickte Savanna und folgte den drei Männern dann über den Rasen zu dem riesigen Transportfahrzeug hinüber, schloss den Wagen auf und sah gleich darauf dabei zu, wie das Raubvogelgesicht die Ladeplattform mit leisem Zischen herunter ließ.
In diesem Moment fuhr ein Taxi an ihrem Grundstück vorbei und hielt gleich darauf am Straßenrand. AJs Haustür ging auf und er trat heraus, schlüpfte im Gehen in eine dünne Jeansjacke und steuerte dann zielstrebig auf den gelben Wagen zu.
Im Vorbeigehen hob er kurz die Hand zum Gruß, was sie mit einem Lächeln erwiderte, dann stieg er in das Taxi, das sich gleich darauf in Bewegung setzte und aus ihrem Blickfeld verschwand.
Ja, ohne Frage, dieser Typ hatte das spezielle Etwas. Wäre doch gelacht, wenn sie sich nicht wenigstens ein bisschen in diesem heißen, seltsamen Teil des Landes amüsieren würde. Sie fand, dass sie sich das redlich verdient hatte.