Kapitel 5

Als AJ am nächsten Morgen unangenehm früh von seinem Radiowecker geweckt wurde, galt sein erster Gedanke Susan Kennedy. Ein leises Lächeln schlich sich auf seine Lippen, während er sich noch einmal auf die Seite rollte und versuchte, bei 50 Cents neustem Hit richtig wach zu werden.
Diese Frau hatte etwas in ihm angesprochen, was er schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Sein Herz hatte aufgeregt geklopft, seine Hände waren feucht geworden und wie gebannt hatte er an ihren Lippen gehangen als sie von ihrem Job erzählte. Natürlich hatte ihn im ersten Moment hauptsächlich ihr Äußeres angesprochen. Die langen Beine, diese tiefen, glitzernden Augen und das seidige Haar standen ihm noch ganz deutlich vor Augen. Doch das alleine war es nicht, was ihn wie magisch zu ihr hinzog. Sie strahlte diese Erhabenheit aus, etwas, was nur Menschen ihr eigen nannten, die es beruflich geschafft hatten, die wussten, was sie konnten, wie viel sie wert waren und die sich in Kreisen bewegten, in die AJ lediglich am Anfang seiner unglaublich kurzen Karriere hineingeschnuppert hatte.
Schon immer hatte ihn der Geruch nach Geld und Macht angezogen. Dabei ging es für ihn in erster Linie nicht darum, die Macht auch auszuüben, sondern vielmehr darum, wie ihn die Menschen dann ansahen. Er mochte diesen Ausdruck von Bewunderung – ja, vielleicht sogar den Ansatz von Anhimmelung – das Gefühl, über den Dingen zu stehen und damit etwas Besonderes zu sein.
In seinem jetzigen Leben war er ein Schatten wie alle anderen Menschen auch. Er ging arbeiten, ab und an mit seinen Freunden aus und lebte ansonsten das zum kotzen durchschnittliche Leben eines zum kotzen unsympathischen Durchschnittsbürgers. Sein Leben war langweilig, fade und nervtötend. Er wollte aus der Masse herausstechen und nicht in ihr untergehen.
Und genau das verkörperte Susan Kennedy nun für ihn. Sie würde immer jeden anderen in einem Raum überstrahlen, weil sie diese Art von Überlegenheit, Kompetenz und Selbstsicherheit ausstrahlte, die AJ momentan total abging. Sie hatte es aus eigener Kraft zu etwas gebracht und er hatte sich auf dem Nachhauseweg auf dem Rücksitz eines Taxis, das auch noch den Rest seiner Barschaft auffraß, vorgenommen, diese schicksalshafte Begegnung zu nutzen. Er hatte ihre Adresse und ihre Telefonnummer, er musste noch ein paar Dinge mit ihr wegen des Unfalls klären und irgendwie würde er es dabei schaffen, ihr näher zu kommen. Er hatte zwar noch keinen genauen Plan wie er das anstellen sollte, aber kam Zeit, kam Rat.
Doch jetzt musste er erst einmal aus den warmen Laken krabbeln und sich Mariella der Fürchterlichen stellen.
Ächzend und stöhnend schob er sich also aus dem Bett und tapste ins Bad. Als die Beleuchtung über dem Spiegel flackernd zum Leben erwachte, zuckte er erschrocken zusammen. Sein Gesicht sah aus, als wäre er heute Nacht in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Auf seiner Stirn prangte eine riesige Beule, die sich bereits blau-lila verfärbt hatte, sein rechtes Auge war halb zu geschwollen und genau in der Mitte seiner Unterlippe zeugte eine tiefe Kerbe davon, dass irgendwann in der Nacht seine rissigen Lippen aufgesprungen waren. Na wunderbar. Immerhin hatte er jetzt eine gute Ausrede, warum er heute unmöglich arbeiten gehen konnte.
Er duschte, putzte sich die Zähne und zog sich an, während er sich in Gedanken den Text zurechtlegte, den er gleich seiner Chefin vortragen würde. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es noch zu früh war, um sie anzurufen, also kochte er sich einen Kaffe, zündete sich eine Zigarette an und schlurfte mit beidem in der Hand durch den Flur hinaus auf die vordere Veranda. Er wollte die Zeitung herein holen und sich für einen Moment die kühle Morgenluft um die Nase wehen lassen. Ein klarer Kopf war für ein Gespräch mit Mariella schließlich Grundvoraussetzung.
Was ihn allerdings draußen erwartete, ließ ihn erst einmal die Zeitung vergessen.
In der betonierten Garagenauffahrt des Nachbargrundstücks parkte ein riesiger Möbelwagen und am Straßenrand davor stand das Auto seiner Träume.
„Oh wow,“ flüsterte er ehrfürchtig, während er seine Tasse auf dem schmalen Geländer der Veranda abstellte, den kurzen Weg zur Straße hinunter lief und sich dann mit klopfendem Herzen dem schwarzen Ford Mustang näherte. Sein geübtes Auge sortierte das Modell augenblicklich in das Jahr 1965 ein, die schwarze Lackierung war makellos und reflektierte das Sonnenlicht, zwei weiße Ralleystreifen verliefen über Motorhaube, Dach und Heck, die verchromten Felgen blitzten und blinkten und die mit rotem Leder bezogenen Sitze ließen seine Knie weich werden. Wirklich ein wunderbar erhaltenes, unglaublich hübsches und erotisches Fahrzeug.
Seine Hand strich beinahe zärtlich über die Motorhaube, während er sich dem Fahrerfenster näherte, um einen genaueren Blick ins Innere zu werfen. In diesem Moment ließ ihn eine Stimme in seinem Rücken zusammen zucken.
„Wenn dir deine Finger lieb sind, solltest du sie so schnell wie möglich von meinem Baby nehmen!“
Augenblicklich zog er seine Hand zurück und fuhr erschrocken herum.
Ein Mädchen stand breit grinsend auf der Veranda des Nachbarhauses. Sie schien in etwa in seinem Alter zu sein, ihr dunkles Haar war zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden und sie trug ein gelbes Bugs Bunny T-Shirt über verblichenen Jeans und ebenfalls gelben Chucks.
„Ich wollte nicht ... ,“ stammelte er, während sie die Stufen herunter kam, dabei die Hände in den Hosentaschen versenkte und dann langsam auf ihn zuschlenderte.
„Oh doch, du wolltest,“ widersprach sie immer noch grinsend. „Was ich grundsätzlich ja auch verstehen kann. Aber dieser Wagen gehört sozusagen zur Familie und demnach wache ich mit Adleraugen darüber, dass er nicht von irgendwelchen Fremden befummelt wird.“
„Das ist angekommen,“ nickte er und brachte tatsächlich so etwas wie ein Lächeln zustande.
„Ich schätze, du bist mein neuer Nachbar?“ fragte sie ihn dann mit leicht fragend in die Höhe gezogenen Augenbrauen.
„Sieht ganz so aus,“ bestätigte er, warf seinen Zigarettenstummel in den Rinnstein und streckte ihr die Hand entgegen. „AJ McLean, angenehm.“
„Savanna Roman, ebenfalls angenehm“ entgegnete das Mädchen lächelnd und erwiderte seinen festen Händedruck.
„Von wo kommst du denn?“ fragte er interessiert, während seine Augen immer wieder zu diesem Wahnsinnswagen hinüber huschten. Eigentlich eine Schande, dass dieses wunderschöne Modell an ein Mädchen verschwendet wurde.
„Kanada,“ informierte sie ihn.
Sein Kopf ruckte wieder zu ihr herum und er stieß dabei einen leisen Pfiff aus. „Oh wow. Das ist aber ein ganzes Stück von hier.“
„Ja,“ nickte sie. „Mein Dad war der Meinung, mich in die große, weite Welt hinaus schicken zu müssen und so bin ich hier gelandet.“
„Mit welcher Mission?“ grinste er.
„Den Spielzeugmarkt Floridas zu erobern,“ gluckste sie.
„Klingt spannend,“ entgegnete er, auch wenn ihm Spielzeug eigentlich egal war. Es sei denn es handelte sich dabei um einen schwarzen 65er Mustang mit einem Skoop auf der Motorhaube und 180 PS darunter.
„Ja, ja. Genau so spannend wie Seniorennachmittage oder der Gesang der Buckelwale,“ lachte sie.
„Das hast jetzt du gesagt,“ schmunzelte er. „Habe ich eigentlich erwähnt, dass ich mich in dein Auto verliebt habe?“ fügte er dann hinzu.
„Ich habe es mir fast gedacht,“ nickte sie grinsend, während sie zu dem Wagen hinüber sah. „Ist es nicht traurig, dass der Mustang immer zu erst das Interesse der Männer weckt, bevor sie auf mich aufmerksam werden?“
„Das ist wohl der Preis, den man für so ein Geschoss zahlen muss.“
„Ja. Das, und die Kosten für die jährliche Inspektion, die mir regelmäßig die Tränen in die Augen treiben und nicht zu vergessen den immensen Spritverbrauch dieses Babys.“
„Du kannst einem wirklich leid tun,“ scherzte AJ.
„Ja, ich weiß,“ seufzte Savanna theatralisch und lachte dann leise.
Sie schwiegen einen Moment, während sie beide in den Anblick des Mustangs versunken waren, dann holte ihn Savannas leise Stimme in die Wirklichkeit zurück.
„Darf ich dich was fragen?“
„Klar,“ nickte er.
„Wie ist das da passiert?“ dabei deutete sie auf seine Stirn.
„Oh ... das ... ,“ er hatte beinahe vergessen, dass er heute wie ein Preisboxer aussah. Super, den ersten, guten Eindruck hatte er also direkt vermasselt. „Ein kleiner Unfall. Nichts besonderes. Mein Wagen ist allerdings Schrott.“
„Oh, nicht gut,“ kommentierte sie mit erschrocken aufgerissenen Augen.
„Na ja ... die Karre hatte die Bezeichnung Auto eigentlich gar nicht mehr verdient. Von daher kann ich beinahe froh sein, dass ein Mercedes SLK sie zu Grabe getragen hat.“
„Ach, diese neumodischen Fahrzeuge haben doch Null Ausstrahlung und schon gar keine Seele,“ schnaubte sie und er musste gegen seine Willen Lächeln.
„Wenn es dich beruhigt, auch der Mercedes hat ordentlich was abgekriegt. Leider bin ich auch noch Schuld und somit zieht das Ganze erhebliche Kosten und Rennerei nach sich.“ Bei dem Gedanken daran wurde AJ plötzlich übel. Er hatte noch nicht wirklich über die Folgen des Unfalls nachgedacht, abgesehen vielleicht davon, dass er irgendwie an Susan Kennedy herankommen wollte, seiner Chefin klar machen musste, dass er heute nicht zur Arbeit erscheinen würde und dass er sich stattdessen einen neuen Wagen zulegen musste. Aber womit er diesen bezahlen sollte und wie er den ganzen Kram mit seiner Versicherung regelte, hatte er noch nicht wirklich bedacht.
„Ja, die ganzen Formalitäten sind unglaublich ätzend,“ nickte Savanna in diesem Moment. „Und ich weiß wovon ich rede, denn ein Umzug von Kanada in die USA ist beinahe so, als wolle man in militärisches Sperrgebiet übersiedeln. Wirklich unglaublich, wie viel Papierkram dafür nötig war.“
„Hm,“ nickte AJ abwesend, dessen Gehirn noch an der Erkenntnis fest hing, dass ihn dieser Unfall mehr als eine Beule und ein blaues Auge kosten würde.
„Okay, ich werde mich dann mal ans Auspacken machen,“ stellte sein Gegenüber schließlich fest.
„Oh ... uhm ... klar,“ nickte er sofort. „Ich werde heute leider den ganzen Tag unterwegs sein, aber wenn du ansonsten Hilfe brauchst ...“
„Du meinst so etwas wie Zucker borgen oder so?“ grinste sie.
„So in der Richtung.“
„Vielen Dank. Vielleicht komme ich darauf zurück.“
„Alles klar. Dann viel Spaß, oder was auch immer man in so einer Situation wünscht. Und natürlich herzlich willkommen in der Nachbarschaft.“
„Danke,“ nickte sie.
Sie verabschiedeten sich voneinander und mit einem letzten, wehmütigen Blick auf den Mustang, schlurfte AJ schließlich zurück zum Haus. Unterwegs klaubte er die Zeitung vom Rasen, nahm seinen Kaffeebecher mit dem inzwischen kalten Kaffe wieder an sich und verschwand dann im Inneren. Inzwischen konnte er es wohl wagen, bei Mariella anzurufen und er hoffte, dass sie ein ähnliches Verständnis für seine momentane Situation aufbringen würde, wie seine neue Nachbarin.

Kapitel 6