Kapitel 4
Die Lichter der Stadt malten weiche Muster aus Hell und Dunkeln in die Nacht, während AJ sich durch den spärlichen Verkehr Richtung zu Hause schlängelte und dabei im Handschuhfach nach geeigneter Musik suchte. Doch jede CD die er hervorzog, schien wenig geeignet für seine momentane Stimmung. Er brauchte etwas fetziges, nicht zu positives und irgendwie fielen ihm nur herzzerreißende R&B Schnulzen oder knallharte Rockkracher in die Hände. Er hatte das dunkle, enge Fach beinahe komplett ausgeräumt, als seine Fingerspitzen ganz hinten eine weitere Plastikhülle ertasteten. Mit vor Anstrengung verzogenem Gesicht, die Augen weiterhin konzentriert auf die Straße gerichtete, streckte er sich so weit er konnte und angelte nach der CD.
Ohne Erfolg.
Schließlich wurde es ihm zu bunt. Mit einer schnellen Bewegung öffnete er den Verschluss des Sicherheitsgurtes und beugte sich wo weit auf die Beifahrerseite, bis er endlich das Cover zu fassen bekam. In dem Moment, als er innerlich triumphierend Sleeping with Ghosts von Placebo hervor zog, registrierten seine Augen die aufleuchtenden Bremslichter direkt vor sich.
Die CD fiel mit einem dumpfen Laut in den Fußraum auf der Beifahrerseite, AJ krampfte die Hände hektisch um das Steuer und trat mit beiden Füßen das Bremspedal bis zum Anschlag durch. Die Reifen gaben augenblicklich ein protestierendes Quitschen auf dem Asphalt von sich, doch wirklich langsamer schien der Wagen nicht zu werden. Die letzten Meter kniff er dann auch ängstlich die Augen zusammen und wartete auf den Aufprall.
Als ihn der laute Knall, das Splittern von Glas und das helle Kreischen von Metall auf Metall schließlich aus diesem Schwebezustand riss, wurde er wie mit einem Katapult nach vorne geschleudert und da der Sicherheitsgurt ihn nicht mehr aufhalten konnte, knallte er ungebremst mit der Stirn auf das Lenkrad. Noch während der Wagen endgültig zum Stehen kam, explodierte ein unerträglicher Schmerz in AJs Kopf, seine Ohren klingelten und er hörte über dieses unangenehme Geräusch hinweg das Blut in seinen Adern rauschen. Sein Herzschlag galoppierte davon, während er sich stöhnend und unter einiger Mühe wieder aufrichtete und vorsichtig seine Stirn befühlte. Als er gleich darauf auf seine Hand hinunter sah, entdeckte er Gott sei Dank kein Blut, trotzdem dröhnte ihm der Schädel und die Welt um ihn herum schien seltsam verschwommen.
Verdammter Mist, murmelte er zwischen seinen zusammen gebissenen Zähnen hervor und tastete nach der Türverriegelung.
Die milde Nachtluft Orlandos umfing ihn zusammen mit dem Geruch nach verbranntem Gummi. Auf noch etwas wackligen Beinen schob er sich am Kotflügel seines Wagens entlang und besah sich den angerichteten Schaden.
Als er das ganze Ausmaß des Zusammenpralls erblickte, stöhnte er leise auf. Er hatte den Mercedes SLK, der an einer roten Ampel gehalten hatte, voll erwischt. Der Kühlergrill des Chevys war nach innen gedrückt worden, die Motorhaube hatte sich in der Mitte nach oben gebogen und aus dem Motorblock stieg feiner Rauch auf. Das Heck des Mercedes war nur noch ein Meer aus zerquetschtem und verformtem Blecht, sämtliche Scheinwerfer, sowohl die seines Wagens als auch die des anderen Autos, waren zerborsten und die verstreuten, bunten Splitter auf dem dunklen Asphalt hatten beinahe etwas künstlerisches an sich.
AJs Blick huschte weiter über den eigentlich nicht mehr vorhanden Kofferraum des SLKs, weiter zur gesplitterten Heckschreibe, bis hin zum dunklen Innenraum, in dem sich gerade eben etwas zu bewegen schien. Eine eisige Faust aus Angst bohrte sich augenblicklich in seine Eingeweide. Vielleicht war dem Fahrer etwas passiert? Vielleicht war er verletzt? Das hätte ihm ja gerade noch gefehlt.
Mit immer noch nicht wieder komplett hergestellter Standfestigkeit näherte er sich vorsichtig der Fahrseite, während er sich schwer auf dem Dach des Mercedes abstützte. Gerade als er nach dem Türgriff greifen wollte, wurde die Tür aufgestoßen und AJ zuckte zurück.
Das erste, was sich in sein Blickfeld schob, war ein langes, schlankes, nacktes Frauenbein, das in beinahe unanständig hohen, silbernen Riemchensandalen steckte. Wie man mit diesen Dingern tatsächlich Auto fahren konnte, würde ihm wahrscheinlich für immer ein Rätsel bleiben. Es folgte das zweite, ebenfalls makellose, weibliche Bein, bevor der Ansatz eines kurzen, fliederfarbenen Rockes sichtbar wurde und sich dann die dazugehörige Besitzerin aus dem Wagen schälte.
Das erste, was AJ an ihr auffiel - natürlich erst nach diesen Wahnsinnsbeinen war das blonde, seidig schimmernde Haar, das sich an den schlanken Hals der Fahrerin schmiegte. Sein Blick wanderte weiter über die perfekte Rundung ihrer Schultern, ihre ansprechende Brust, die sich gegen den seidigen Stoff des Kleides drückte und bis hinunter zu ihren seidigen Oberschenkeln, die unter dem kurzen, weichfallenenden Rock sichtbar wurden. Als er seinen Blick schließlich von ihrem Körper losreißen konnte und wieder in ihr Gesicht aufsah, traf der Blick seiner dunklen Augen auf ihre stahlblauen und augenblicklich war es um ihn geschehen.
E-Es tut mir ... leid, stammelte er, leckte sich kurz über die Lippen und hoffte, dass er nicht so idiotisch rüber kam, wie er sich gerade fühlte. Sind sie verletzt? Ist alles okay bei ihnen?
Ehrlich gesagt weiß ich das noch nicht so genau, gab die Fremde zu, während ihre Hand vorsichtig über ihren Nacken rieb.
Das ist mir wirklich unangenehm, beteuerte er, während die Frau sich von ihrem Wagen abstieß, mit unsicheren Schritten an ihm vorbei stakste und einen ausgiebigen Blick auf das Heck ihres Wagens warf.
Oh nein, stöhnte sie gleich darauf und schüttelte den Kopf. Das haben sie aber sauber hingekriegt, beschwerte sie sich dann und fuhr, inzwischen offensichtlich wieder ganz bei sich, zu ihm herum.
Es tut mir wirklich leid, wiederholte er noch einmal, während seine Finger vorsichtig nach der Beule auf seiner Stirn tastete.
Das macht mein Auto auch nicht wieder ganz, gab sie zurück. Inzwischen war eine missbilligende Falte zwischen ihren Augen erschienen, die sie seltsamer Weise für AJ nur noch anziehender machte.
Ich weiß. Ich komme natürlich für den Schaden auf, beeilte er sich zu sagen.
Ja, ja, winkte die Frau ab. Dann seufzte sie laut und vernehmlich, schüttelte noch einmal den Kopf, warf einen letzten Blick auf die Blech- und Aluwüste und stolzierte dann an AJ wieder vorbei nach vorne. Ihr Oberkörper verschwand für einen Moment im Inneren des Wagens, was ihren kurzen Rock bedenklich in die Höhe rutschen ließ. So gerne er sich auch anständig und gentlemanlike verhalten hätte, so wenig konnte er sich in diesem Moment von dem Anblick ihrer seidigen Schenkel losreißen.
Als die Fremde wieder aus ihrem Wagen auftauchte, hatte er immer noch ein dämliches Grinsen auf den Lippen und die Falte zwischen ihren Augen vertiefte sich augenblicklich.
Anstatt mir unter den Rock zu gucken sollten sie vielleicht lieber mal nach ihren Versicherungsunterlagen sehen, sagte sie mit mühsam unterdrückter Wut in der Stimme.
Sicher. Natürlich. Sofort, beeilte er sich zu sagen, fuhr herum und hastete zurück zu seinem Wagen.
Die Versicherungsunterlagen. Wo hatte er die nur das letzte Mal ... hatte er überhaupt ... wo konnten die nur ... vielleicht im Handschuhfach? Aber ... da hatte er sie bestimmt nicht ... verdammt.
Als er wieder zu ihr zurückkam, fühlte er sich noch elender.
Es tut mir leid. So wie es aussieht, habe ich sie ausgerechnet heute nicht dabei, gestand er.
Na großartig, stöhnte die schöne Unbekannte und streckte ihm im gleichen Atemzug eine Visitenkarte entgegen.
Susan Kennedy stand darauf gedruckt und in der rechten unteren Ecke winzig klein ihre Adresse und Telefonnummer.
Würden sie mir dann ebenfalls ihren Namen und Telefonnummer verraten? schnaubte sie und hatte plötzlich einen kleinen Notizblock und einen Kugelschreiber in der Hand, gerade so, als hätte sie diese eben wie ein Magier aus einem Hut gezaubert.
Oh, sie wollen ein Date? grinste AJ und zog bezeichnend die Augenbrauen in die Höhe.
Keine Gute Idee.
Zum einen bohrte sich augenblicklich ein stechender Schmerz in seine Schädeldecke, zum anderen verzog die Fahrerin des SLK gequält das Gesicht.
Mit Ihnen? setzte sie noch hinzu, als sei AJ eine Art Insekt, das man eher mit einer Zeitung zerquetschte, anstatt auch nur den Gedanken in Erwägung zu ziehen, mit ihm auszugehen.
Ich bin gar nicht so unmöglich, vorausgesetzt, sie halten mich von Autos fern, grinste er munter weiter.
Ach ja? Das sehe ich anders, gab sie brüsk zurück. Dann tippte sie mit ihrem Kugelschreiber ungeduldig auf ihren Block und warf ihm einen auffordernden Blick zu.
Alexander McLean, gab er also schweren Herzens Auskunft. Danach nannte er seine Adresse und Telefonnummer und wurde danach noch genötigt, sein Geburtsdatum und seine Sozialversicherungsnummer anzugeben, die er immerhin in seiner Geldbörse bei sich trug.
Als nächstes notierte sich Susan Kennedy, die hoffentlich nicht mit dem ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten verwandt war, das Kennzeichen seines Chevys oder auch Schrotthaufens, der er nun endgültig war und verstaute danach ihre Schreibutensilien wieder im Wagen.
Gleich darauf drückte sie sich ein winziges Handy ans Ohr, das vollständig in ihrer Handfläche verschwand, was den Eindruck erweckte, als spreche sie in ihre hohle Hand.
Eddy? Ich bins. Hör zu, mir ist gerade so ein Irrer hinten rein gefahren ... ja, wenn ich es dir sage! Mitten auf dem Boulevard ... nein, mir geht es gut, keine Panik. Könntest du bitte die Polizei und einen Abschleppdienst benachrichtigen?
Uhm ... , meldete sich AJ zu Wort, dem bei dem Wort Polizei augenblicklich flau im Magen wurde. Immerhin hatte er zwei Bier getrunken und er wollte sich lieber gar nicht vorstellen, was die Ordnungshüter davon halten würden, zumal er ziemlich eindeutig und ohne besonderen Grund in das Heck eines Mercedes gedonnert war. Können wir das nicht ohne Polizei regeln? fragte er also vorsichtig.
Warte mal kurz Eddy, sagte sie in den Hörer, dann hielt sie die untere Hälfte zu und funkelte AJ böse an. Keine Polizei, ja? Haben sie noch mehr ausgefressen?
Nein. Ich habe nur einfach keinen Bock auf die Bullen, verstehen sie? Ich meine ... ich bin ganz offensichtlich Schuld an der ganzen Sache hier, meine Versicherung wird den Schaden bezahlen und alle sind glücklich. Wofür brauchen wir dann noch die Polizei? Das dauert alles einfach ewig und ich muß morgen früh raus.
Nun gut, die Ausrede klang ziemlich lahm, doch Susan musterte ihn für einen Moment aufmerksam, dann hob sie den Hörer wieder an ihr Ohr und sagte Okay Eddy, vergiss das mit der Polizei. Schick mir einfach einen Abschleppwagen ... hm ... ja, genau ... ach, du bist ein Schatz. Vielen Dank.
Damit beendete sie das Gespräch, klappte das Handy zu, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich leise seufzend an ihren Wagen, ohne AJ dabei allerdings aus den Augen zu lassen.
Gott sei Dank herrschte um diese Uhrzeit wenig Verkehr, so dass sich die wenigen Autos mühelos an ihnen vorbei schlängeln konnten. AJ spürte zwar die neugierigen Blicke in seinem Rücken, war aber viel zu sehr mit seinem Gegenüber beschäftigt, als dass er davon wirklich Notiz genommen hätte.
Ich möchte mich wirklich noch einmal in aller Form entschuldigen, setzte er also neu an.
Ja, ja, geschenkt, schnaubte Susan kopfschüttelnd. Erzählen sie mir lieber, was sie am Steuer gemacht haben, als sie auf mich drauf gefahren sind. Haben sie geschlafen oder wie?
Uhm ... nein, gestand er. Ich hatte gerade Placebo in meinem Handschuhfach gefunden und dann hat es auch schon geknallt.
Das ist wenigstens eine fantasievolle Ausrede, stellte sie fest. Haben sie eine Zigarette für mich? fragte sie dann weiter.
Sicher, nickte er sofort, machte auf dem Absatz kehrt und hastete zurück zu seinem Wagen.
Aber nicht, dass sie die auch ausgerechnet heute nicht dabei haben, hörte er sie hinter sich rufen.
Keine Sorge. Die vergesse ich nie, gab er zurück, tauchte kurz in das Wageninnere ab und kehrte mit einem zerknitterten Zigarettenpäckchen wieder zu ihr zurück.
Die Flamme des Benzinfeuerzeugs erhellte für einen Moment ihr hübsches Gesicht mit der geraden Nase, den hohen Wagenknochen und ihren wunderschönen Augen, bevor sie den ersten Zug tief inhalierte und das Feuerzeug erlosch.
Eine schöne Bescherung, murmelte sie dann.
Ich hoffe, ich halte sie nicht von irgendetwas Wichtigem ab, sagte AJ und zündete sich nun selbst einen der Glimmstengel an.
Nicht wirklich. Im Grunde hatte ich lediglich eine Verabredung mit meinem Bett. Die Party von der ich komme, war sterbenslangweilig.
Party klingt doch erst einmal gar nicht schlecht, gab AJ zu bedenken und lehnte sich neben sie an den Mercedes.
Aber nicht, wenn da lauter eingebildete Möchtegern Schauspieler rumhängen die meinen, der Nabel der Welt zu sein, bemerkte sie grimmig und nahm einen erneuten, tiefen Zug von ihrer Zigarette.
Es gibt in Orlando Schauspieler? Das wäre mir neu, bemerkte AJ überrascht und dachte automatisch an Kevin und Kristin.
Die Filmindustrie ist gerade erst dabei, hier unten Fuß zu fassen, gab sie bereitwillig Auskunft. Ein paar Produktionen laufen bereits. Drei Serien, zwei, drei Spielfilme und sogar eine große Kinoproduktion.
Klingt spannend, entgegnete AJ. Und was ist ihr Job dabei?
Mein Job? fragte sie zurück und lachte dabei leise.
Scheint, als sei das eine doofe Frage, wie?
Uhm ... nicht wirklich. Eigentlich ist es sehr angenehm mal jemandem gegenüber zu stehen, der nicht sofort auf die Knie fällt und mich um einen Job anbettelt.
Das würde ich auch noch hinkriegen, so ist das nicht, grinste er.
Nein, nein, lassen sie nur. Ich bin Talentscout. Der Markt in Hollywood ist so weit abgegrast, dass es kaum noch etwas zu holen gibt. Die meisten einigermaßen annehmbaren und guten Schauspieler haben bereits ihre Agenturen und Managements. Abgesehen davon versucht sich im Moment gerade Hinz und Kunz daran, Talente zu suchen und zu fördern. Das wurde mir auf die Dauer zu langweilig. Ich meine ... , sie nahm einen letzten Zug von ihrer Zigarette, warf die glühende Kippe auf den Boden und trat sie gewissenhaft mit ihren hübschen Sandalen aus. ... wenn sie da ein unentdecktes Talent finden, haben sie wirklich unglaubliches Glück. Um ihren Lebensunterhalt in einer Stadt wie L.A. finanzieren zu können, benötigen sie mindestens fünf solcher Talente pro Jahr, was sich im Moment vielleicht wenig anhört, aber in der Realität sehr schwierig umzusetzen ist. Also bin ich hier gelandet ... , erklärte sie abschließend und breitete die Arme aus. Im Rentnerparadies und im Land der Spießer und Spielverderber.
Sie haben ja eine tolle Meinung von meiner Heimatstadt, bemerkte AJ schmunzelnd.
Sie waren noch nie in L.A., oder? gab sie lediglich zurück.
Nein, gestand AJ mit einem Kopfschütteln.
Gut. Dann sprechen wir uns noch einmal, wenn sie dort waren. Dann verstehen sie garantiert, was ich meine.
Ich werde es mir merken, lächelte er und stellte sich dabei vor, wie er an der Seite dieser Wahnsinnsfrau durch Hollywood schlenderte. Ja, das hätte durchaus was für sich.