Kapitel 3

Murphys Law war ein Pub mitten in der Innenstadt, in dem sich AJ nun schon seit Jahren regelmäßig mit seinen alten Freunden traf. Außer dem für einen irischen Pub typischen Guinnesbier, bot die Kneipe eine kleine, übersichtliche Speisekarte, ein gemütliches, leicht düsteres Ambiente und am Wochenende manchmal Livemusik einer Coverband.
AJ war direkt von der Arbeit hierher gefahren, da sich eine Heimfahrt nicht gelohnt hätte und steuerte nun zielstrebig auf einen der hinteren Tische zu, an dem er bereits Nick und Kevin sitzen sah. Immer noch nagte die Information an ihm, dass Kevin darüber nachdachte Florida den Rücken zu kehren und er hatte sich demnach vorgenommen, seinem Freund in dieser Richtung mal etwas auf den Zahn zu fühlen.
Es war noch relativ früh, so dass sich nur einige wenige weitere Gäste in dem Lokal aufhielten. Hinter dem langen, blank gewienerten Tresen stand wie jeden Abend Rufus McDonald, seines Zeichens Besitzer des Pubs und waschechter Ire, was er durch sein rotes Haar, die helle Haut und die Sommersprossen in seinem runden Gesicht auch nicht verleugnen konnte.
Gegenüber der Bar führten drei Stufen zu einer Empore hinauf, auf der heute Tische und Stühle standen, die allerdings am Wochenende als Bühne genutzt wurde. Auf den niedrigen, runden Tischen flackerten Kerzen in alten Weinflaschen und spiegelten sich in der breiten Fensterfront, die hinaus auf die belebte Straße führte.
„Hey AJ, alles klar?“ begrüßte ihn Nick, als hätten sie sich seit Wochen nicht gesehen.
„Alles bestens,“ nickte AJ, bestellte bei Rufus per Fingerzeig ein Pint Guinnes und klopfte dann Kevin kurz auf die Schulter, bevor er sich ihm gegenüber auf einen Stuhl nieder ließ.
„Und bei dir Kev? Schon im Stress wegen der Premiere am Samstag?“ fragte AJ, während er seine Beine unter dem Stuhl sortierte und dabei das kantige Gesicht seines Gegenübers musterte. Sein Freund wirkte müde, das dunkle Haar betonte seine heute glanzlosen, grünen Augen und seine breiten Hände hatten sich haltsuchend um ein Glas Whisky gekrampft.
„Geht so,“ entgegnete Kevin mit einem kurzen Schulterzucken. „Im Moment nerven mich die Kids in der Schule viel mehr und der Wahlkampf scheint so langsam auch Realität zu werden.“
„Klingt, als wärst du dir nicht sicher, ob du das alles bewältigen kannst,“ stellte AJ fest, während er Rufus mit einem Nicken dankte, der gerade das frisch gezapfte Bier vor ihm abstellte.
„Sagen wir so ... ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich alles will. Das mit der Kandidatur für den Senat kam doch schon relativ plötzlich und wie aus heiterem Himmel.“
„Die Menschheit verlangt eben nach dir,“ bemerkte AJ grinsend und hob sein Glas. Nick und Kevin stießen mit ihm an, er nahm einen tiefen Schluck von dem bitteren Bier und leckte sich dann genüsslich den Schaum von den Lippen.
„Vielleicht verlangt das die Menschheit, aber ich, als Mensch sozusagen, weiß nicht, ob das in unsere momentane Planung so passt,“ fuhr Kevin dann fort und drehte gedankenverloren sein Glas auf dem Bierdeckel hin und her.
„Nick hat bereits erwähnt, dass ihr über einen Umzug nachdenkt,“ nickte AJ, während er wieder das unangenehme Ziehen in der Magengegend spürte.
„Hm,“ bestätigte Kevin. „Es ist noch nicht wirklich spruchreif, aber Kristin ist der Meinung, dass sie als angehende Schauspielerin dort hin gehen sollte, wo die größte Aussicht auf einen Job besteht und das ist nun mal Hollywood.“
„Und du? Was hältst du von der Idee?“ fragte AJ weiter.
„Ich weiß es noch nicht so genau. Es dürfte kein Problem sein, mich an einer anderen Schule in Kalifornien versetzen zu lassen und eine Theatergruppe gibt es dort sicherlich auch.“
„Aber?“ hakte Nick nach, nachdem Kevin wieder verstummte.
„Aber ... nun ja ... ich fühle mich hier eigentlich ganz wohl,“ gestand dieser, hob nun wieder den Blick und blinzelte Nick müde an.
„Dann bleibt ihr eben hier,“ befand AJ. „Bestimmt gibt es hier auch Möglichkeiten, um als Schauspielerin groß rauszukommen.“
„Klar. Schon jemals von einer Produktion gehört, die von hier kam? Irgendein großer Film, den man im Kino bewundern konnte?“ hakte Kevin mit einem ironischen, schiefen Lächeln nach.
„Keine Ahnung,“ gestand AJ. „Aber wenn du hier nicht weg willst, sollte Kristin das doch akzeptieren, findest du nicht?“
„Ich ... ,“ setzte Kevin an, als ihn plötzlich Brians fröhliche Stimme unterbrach.
„Hey Jungs. Ihr hier? Wie kommt das?“ grinste er und ließ sich zwischen Nick und AJ nieder. Sein blondes Haar leuchtete im Licht der tief hängenden Deckenlampe auf, seine blauen Augen huschten kurz bei der Suche nach einer Anregung für seinen Getränkewunsch über den Tisch und hefteten sich dann auf seinen Cousin Kevin. Augenblicklich verdüsterte sich sein sonst so offenes Gesicht und mit gerunzelter Stirn stellte er fest „du hast dich immer noch nicht mit Kris geeinigt.“
„Gab es Stress?“ fragte AJ überrascht, der erst jetzt langsam zu begreifen begann, wo das eigentliche Problem von Kevin lag.
„Und wie,“ nickte Kevin.
„Das klingt nicht gut,“ stellte er fest.
„Nein, gar nicht gut,“ bestätigte Kevin. „Seit Tagen streiten wir eigentlich pausenlos. Sie will unbedingt nach Kalifornien, während ich am liebsten hier bleiben möchte. Und auf einen rechten Nenner sind wir einfach noch nicht gekommen. Sie hat angedeutet, dass sie auch alleine gehen würde, aber was wäre das denn dann noch für eine Beziehung?“
„Wochenendbeziehungen können auch durchaus was für sich haben,“ gab Nick zu bedenken.
„Klar, nur dass deine Beziehungen ausschließlich ein Wochenende lang halten,“ grinste Brian. „Eine richtige Wochenendbeziehung ist etwas ganz anderes.“
„Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen,“ sagte Kevin „Kristin tatsächlich nur am Wochenende zu sehen. Mal ganz abgesehen davon, dass wir beide gerade dann immer schwer eingespannt sind. Ich mit meinem Theater, sie dann vielleicht mit Dreharbeiten oder Promoterminen. Was weiß denn ich? Wenn sie wirklich Erfolg hat, ist es das mit unserer Ehe vielleicht sogar gewesen.“
„Jetzt rede dir doch nichts ein,“ sagte Brian vorwurfsvoll. „Ihr seid jetzt seit über sieben Jahren verheiratet, sie hat den ganzen Rummel mit der Band mitgemacht und ich finde, dass ihr nun ebenfalls ihre Chance zusteht.“
„Genau so argumentiert sie auch,“ nickte Kevin seufzend und rief dann Rufus seine nächste Bestellung zu.
„Glaubst du, sie würde dich wirklich verlassen? Wegen ihres Jobs?“ fragte Nick ungläubig.
„Bestimmt nicht nur wegen ihres Jobs. Aber stell dir das doch mal bitte bildlich vor. Sie dreht mit Brad Pitt oder Al Pacino, während ihr Mann in einer Dorfschule versauert und ab und an auf einer ebenso kleinen Theaterbühne steht. Das passt doch hinten und vorne nicht.“
„Hättest du Kristin verlassen, wenn das mit der Band geklappt hätte?“ gab AJ zu bedenken.
„Wer weißt?“ gab Kevin zurück.
„Quatsch,“ stieß Brian hervor. „Ihr liebt euch doch. Warum solltet ihr euch also trennen, nur weil einer von euch ein bisschen mehr Erfolg hat als der andere?“
„Ehrlich Bri, so naiv bist doch noch nicht einmal du,“ beschwerte sich AJ. „Natürlich wird sie ihn abservieren wenn sie erstmal in Hollywood hockt und mit den Superstars verkehrt.“
„Danke für dein Mitgefühl,“ schnaubte Kevin.
„Ich bin nur ehrlich. Nach dem was du hier erzählst, ist sie fest entschlossen nach Kalifornien zu gehen, da bleibt dir doch gar nichts anderes übrig, als sie zu begleiten. Sonst ist sie weg, so viel ist sicher.“
„Wer ist weg?“ mischte sich plötzlich Howies vertraute Stimme in ihr Gespräch ein. Der fünfte in ihrer Männerrunde trug einen dunklen, teuren Anzug mit weißem Hemd und roter Krawatte, die er nun löste und unauffällig in seiner Hosentasche verschwinden ließ, bevor er sich zu AJs Rechten auf den letzten, freien Stuhl fallen ließ und fragend in die Runde blickte.
„Kristin will nach Kalifornien,“ klärte ihn AJ auf.
„Und dann verlässt sie Kev, weil sie sich in einen reichen, berühmten Mann verliebt,“ fügte Nick hinzu.
„Was Quatsch ist, wie ich bereits sagte,“ ergänzte Brian.
Howie sah irritiert von einem zum anderen und stupste dann Kevin kurz an, da dieser gedankenverloren in sein Glas stierte. „Von was reden die da eigentlich?“
„Es ist wahr,“ bestätigte Kevin. „Sie will unbedingt nach Hollywood um Karriere zu machen und im Grunde habe ich kein wirkliches Argument, was dagegen spricht. Außer, dass ich hier nicht weg will. Ich meine ... hey, meine Familie sitzt in Kentucky und wenn ich damals nach dem ganzen Desaster entschieden habe, hier bei euch zu bleiben anstatt zu ihnen zurück zu gehen, sagt das doch schon einiges aus. Und jetzt soll ich nach Kalifornien umziehen, wo ich kein Schwein kenne und wo sich ganz sicher nur eingebildete, seltsame Menschen rum treiben? No way.“
„Ach, so schlimm ist es da auch nicht,“ widersprach Howie, während Rufus ein großes Glas Eistee vor ihm abstellte und Kevin ein weiteres Kilkenny vor die Nase setzte.
„Ach ja, ich vergas, dass ihr da ja eine Filiale habt,“ nickte Kevin und blickte interessiert zu seinem Freund hinüber. Das erste Mal an diesem Abend wirkte er ansatzweise interessiert und lebendig. AJ plagte mittlerweile ein wenig das schlechte Gewissen, weil er noch heute Mittag nur an sich gedacht und dabei nicht bedacht hatte, dass Kevin eventuell größere Probleme haben könnte als das Wiederaufleben einer Band, an die sich sowieso niemand mehr erinnerte.
Howie erging sich indessen in einer blumigen Beschreibung L.A.s, während er sein Jackett auszog und die Ärmel seines Hemdes aufkrempelte. AJ hörte nur mit halbem Ohr zu. Er versuchte sich zu entscheiden, was er seinem Freund raten sollte. Blieb Kevin hier, lief er Gefahr, seine Frau zu verlieren, ging er mit ihr, konnte AJ seine letzten Hoffnungen in Bezug auf die Band begraben.
Aber gab es denn überhaupt noch Hoffnung? Eigentlich lächerlich, dass er nach all der Zeit immer noch an der Vergangenheit festhielt. Ihr Comeback würde niemals kommen, eigentlich war das ziemlich eindeutig, was AJs Magenwände schmerzhaft vibrieren ließ. Er hatte dies natürlich schon lange gewusst, doch bisher war es ihm immer wieder gelungen, seinen Glauben daran, dass alles irgendwann besser werden würde, aufrecht zu erhalten. Doch gerade im Moment geriet dieses wackelige Kartenhaus schwer ins Wanken und er fragte sich beklommen, ob er damit fertig werden würde, wenn es direkt vor seinen Augen endgültig einstürzte.

Es war bereits spät als AJ bei Rufus seine Rechnung beglich und gefolgt von Kevin den Pub verließ. Brian hatte sich bereits vor zwei Stunden als erster auf den Weg gemacht, da er den weitesten Weg von ihnen hatte. Danach hatte sich Nick mit der Entschuldigung verabschiedet, dass noch ein heißes Date auf ihn warte, was bei ihm nichts wirklich ungewöhnliches war. Nick ohne Date war wie der Ozean ohne Wasser. Das gab es einfach nicht.
Howie schließlich, hatte am nächsten Morgen ein wichtiges Meeting in der Bank, so dass er sich ebenfalls bereits vor Mitternacht verabschiedete.
Somit waren AJ und Kevin übriggeblieben und das, so vermutete AJ, aus dem gleichen, profanen Grund: Sie wollten beide nicht nach Hause. Kevin, weil er keine Lust auf einen weiteren Streit mit seiner Ehefrau hatte und AJ, weil er sich in seinem leeren Haus nicht wirklich wohl fühlte.
„Wir sind schon zwei traurige Gestalten, was?“ bemerkte er also, als er mit Kevin zum Parkplatz ging, der hinter der Bar im Dunkeln lag.
„Findest du?“
„Du etwa nicht?“
„Kommt auf die Definition an,“ entgegnete Kevin.
„Na ja, sieh uns doch an,“ erklärte AJ, während er die Tür seines Chevys öffnete und im Inneren nach seinen Zigaretten kramte. „Wir haben miese Jobs und ein langweiliges Leben,“ zählte er auf, tauchte aus dem Wageninneren wieder auf und zündete sich eine Zigarette an. Während er den Rauch in den Himmel blies, fuhr er fort. „Du hast eine streitsüchtige Ehefrau und ich niemandem, der dem auch nur ansatzweise nahe kommt. Wenn das nicht traurig ist, weiß ich aber auch nicht.“
„Mein Job ist gar nicht so mies,“ widersprach Kevin „und wir können uns doch glücklich schätzen, dass wir überhaupt ein Dach über dem Kopf haben. Gut, das mit dem aufregenden Leben ... das liegt doch schließlich an uns. Ich könnte mit Kristin nach L.A. gehen, dann würde ich - laut deiner Definition - gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ich würde mich nicht mehr mit Kris streiten und mein Leben wäre auf einmal unglaublich aufregend. Aber soll ich dir was sagen? Ich finde es so wie es ist ganz angenehm.“
„Ehrlich?“ fragte AJ skeptisch.
„Ja, ganz ehrlich. Ich könnte durchaus damit leben an meiner Schule zu bleiben, ein bisschen Theater zu spielen, mit Kristin jede Menge Kinder in die Welt zu setzen und einmal die Woche mit euch abzuhängen. Aber so wie es im Moment aussieht, kann ich nicht alles haben.“
„Tja, das Gefühl kenne ich,“ nickte AJ, auch wenn sich seine Gedanken um etwas ganz anderes als Schule, Kinder und Theater drehten.
„Wie auch immer, ich werde jetzt langsam mal nach Hause fahren,“ beschloss Kevin.
„Tu das. Ich sollte eigentlich auch langsam ins Bett. Mariella ist einfach zu anstrengend, um sie am frühen Morgen mit müdem Kopf ertragen zu können.“
Kevin lachte leise. „Sie steht auf dich und sie hat es dir sicherlich immer noch nicht verziehen, dass du damals nicht mit ihr ausgegangen bist.“
„Ich bin heilfroh, dass ich es nicht getan habe. Gott, ich will gar nicht darüber nachdenken ...“ Bei der Vorstellung, wie er seine Chefin küsste wurde AJ ganz flau im Magen und er schüttelte sich.
Kevin lachte erneut, dann umarmte er seinen Freund kurz und fest, bevor er sich mit einem letzten Gruß verabschiedete und zu seinem eigenen Wagen ging.
„Sag Kris schöne Grüße,“ rief AJ ihm noch hinterher.
„Mach ich,“ kam es gedämpft aus der Dunkelheit zurück, dann hörte AJ, wie eine Autotür geöffnet und gleich darauf wieder zugeschlagen wurde. Als die Scheinwerfer von Kevins Jeep aufleuchteten, schob sich AJ ebenfalls hinter das Steuer seines Wagens und seufzte dabei leise.
Der Abend war viel zu schnell vorbei gegangen und bis zum Wochenende lag noch so unendlich viel restliche, öde Woche vor ihm.
Er lenkte seine Wagen zum Ausgang des Parkplatzes, wo Kevin mit einem letzten, kurzen Hupen grüßte und nach links abbog, während AJ eine Lücke im Verkehr abwartete und dann in die entgegengesetzte Richtung weiterfuhr.

Kapitel 4