Kapitel 2

Als er das schwere Stahlgitter vor der Eingangstür des kleinen Plattenladens Loving Music aufschloss, klemmte bereits eine Tüte mit einem Frischkäse Bagel zwischen AJs Zähnen, während er mit der anderen Hand einen Becher Kaffe aus dem nahe gelegenen Starbucks balancierte. Der Laden lag in einer schmalen Seitenstraße, unweit der Mall, die vor fünf Jahren mit viel Brimborium eröffnet hatte und ihnen seitdem die wenigen Kunden stahl, die sie im Laufe der Jahre mühsam hatten gewinnen können. Seit sieben Jahren fristete er nun schon sein Dasein in diesem winzigen Geschäft, das sich hartnäckig weigerte, vor dem Lauf der Zeit und dem immer härter werdenden Konkurrenzkampf in die Knie zu gehen.
Mit einem lauten Rattern drückte er das Gitter in die Höhe und schloss gleich danach die Tür auf, auf deren Milchglasscheibe in geschwungenen Lettern der Namen des Plattenladens prangte.
Da sein Wagen heute vorschriftsmäßig angesprungen war, war er noch vor seiner Chefin eingetroffen, was ihn doch sehr beruhigte. Vor zwei Tagen hatte sie nämlich verkündet, dass sie sich vielleicht nach einem neuen Angestellten umsehen musste, wenn AJ seiner Arbeit nicht die nötige Aufmerksamkeit entgegen brachte. Aber was wusste die schon? Er würde herzlich gerne seine Stelle aufgegeben, wenn er nur eine passende Alternative finden könnte. Das war nämlich sein eigentliches Problem: Er hasste sein derzeitiges Leben, aber für ein neues fehlte ihm definitiv die Fantasie.
Also betrat er gleich darauf den dunklen, leicht muffig riechenden Laden, umrundete den Verkaufstresen und öffnete den Sicherungskasten im dahinter liegenden Büro. Mit geübtem Griff und ohne richtig hinzusehen betätigte er die Lichtschalter, stellte danach seinen Kaffe und die Bageltüte auf dem mit Papieren überladenen Schreibtisch ab, schaltete den Computer ein und ging danach zurück in den Verkaufsraum, um seine Personalnummer in die Registrierkasse einzutippen. Rein theoretisch war er also nun für eventuell auftauchende Kunden gerüstet, doch aus Erfahrung wusste er, dass er noch mindestens zwei Stunden in Ruhe Kaffe trinken, seinen Bagel essen und Zeitung lesen konnte, bis sich überhaupt ein Mensch hier hinein verirrte.
Immer wieder an seinem Kaffe nippend, streifte er dann für eine Weile durch die schmalen Gänge zwischen den CD Regalen, um nach der passenden Untermalung für diesen tristen Morgen zu suchen. Ganz vorne, direkt am Eingang, stand das Regal in dem sich die derzeitig angesagten Künstler, sortiert nach Chartpositionen, befanden. Dahinter erstreckten sich die Tröge mit den nach Alphabet sortierten Interpreten. Im rückwärtigen Teil schließlich, befand sich die Vinylabteilung, die, man höre und staune, noch die meisten Kunden anzog. Ob es nun um eine alte Scheibe aus den Fünfzigern ging, oder ein DJ nach der passenden Clubmusik suchte – Loving Music hatte eine der bestsortierten Auswahl der Stadt zu bieten. Wahrscheinlich war auch dies der Grund, warum der Laden noch nicht den Bach runter gegangen war.
AJ entschied sich schließlich für etwas ruhigere Aufwachmusik und legte gleich darauf die neue Scheibe von Lizz Whright in den CD-Player unter dem Tresen ein. Die dunkle, samtweiche Stimme der schwarzen Sängerin, die gleich darauf aus den unter der Decke montierten Lautsprechern drang und die von sanften, unspektakulären Gitarrenklängen untermalt wurde, passte bestens zu seinem noch halbgaren Aufwachstadium.
Als sich wenig später die Eingangstür mit dem hellen Läuten der Glöckchen darüber öffnete, sah er nur kurz von seiner Zeitung auf. Auftritt von Mariella Santori, ihres Zeichens AJs Chefin, heißblütige Italienerin und eindeutig nicht ganz richtig im Kopf, wenn man ihn fragte.
„Ach, du bist heute pünktlich. Erstaunlich,“ begrüßte sie ihn mit ihrer rauchigen, dunklen Stimme, die im krassen Gegensatz zu ihrem jugendlichen Aussehen stand. Ihr langes, schwarzes, schimmerndes Haar hatte sie heute mit einem roten Schal gebändigt, ihre dunklen Augen funkelten wie zwei Kohlestückchen, als sie das enge Büro betrat und ihre riesige Handtasche neben der Tür auf einem Stuhl abstellte.
„Mein Wagen war so gnädig heute anzuspringen,“ gab er brummelnd zurück, bevor er kräftig in seinen Bagel biss und sich kauend wieder seiner Zeitung zuwandte.
Die hohen Absätze von Mariellas Pumps klapperten ein wildes Stakkato auf dem abgewetzten, dunklen Dielenboden, während sie wieder hinaus in den Verkaufsraum trat, mit einem gezielten Knopfdruck die CD von Lizz Whright verstummen ließ und gleich darauf das neue Album von Leona Lewis einlegte. Obere Chartplatzierungen wurden für AJs Geschmack viel zu häufig hier drinnen gespielt.
„Du solltest dir ein neues Auto zulegen oder es wenigstens in die Werkstadt bringen,“ bemerkte Marielle, während sie sich wieder zu AJ in das Büro gesellte und ihm interessiert über die Schulter blickte.
„Wenn du mir noch sagst, wie ich das bezahlen soll, gerne,“ gab er missmutig zurück und fühlte das eigentümliche, unangenehme Prickeln zwischen seinen Schulterblättern, das sich immer einstellte, wenn ihm seine Chefin zu nahe kam.
„Nicht mein Problem,“ kommentierte sie, klopfte ihm dann kurz auf die Schulter und verzog sich wieder nach draußen in den Verkaufsraum. „Ist die Lieferung schon angekommen?“ drang gleich darauf ihre gedämpfte Stimme zu ihm herein.
„Hab noch nicht nachgesehen,“ rief er zurück.
„Wofür bezahle ich dich eigentlich?“ entgegnete sie und selbst auf die Entfernung konnte er hören, wie ihr Blut allmählich in Wallungen geriet.
Seufzend legte er also seinen halb aufgegessenen Bagel beiseite, nahm noch einen tiefen Schluck von seinem Kaffe und verließ mit einem letzten, sehnsüchtigen Blick auf den Sportteil das Büro.
Mariella hatte inzwischen die Tür im rückwärtigen Teil des Ladens geöffnet, die zum einen zu den Toiletten führte und hinter der sich zum anderen das winzige Lager befand. Hier wurden Bestellungen von Kunden aufbewahrt und auf einem langen Tisch feinsäuberlich sortiert und beschriftet, Kartons mit CDs, die nicht mehr in die Verkaufsregale passten, stapelten sich an der Wand zu seiner Rechten. An der gegenüberliegenden Seite befand sich ein deckenhohes Stahlregal, das zudem das einzige Fenster in diesem Raum verdeckte und mit massenweise ausrangierten CDs, Schallplatten und Krimskrams voll gestopft war. Da waren alte Kabel von technischen Geräten, die wahrscheinlich gar nicht mehr existierten, alte, ausrangierte Computertastaturen und Monitore, stapelweise Kassenbanderolen, alte Flyer, Plakate und sonstige Werbemittel, die Mariella ab und zu in Auftrag gab, wenn sie der Meinung war, dass der Laden mal wieder etwas Zulauf vertragen konnte, der sich aber leider selten wirklich einstellte, und noch einiges mehr, das sich AJ bisher geweigert hatte zu inspizieren. Am anderen Ende des kalten, düsteren Raumes führte schließlich eine feuerfeste Tür in einen schmalen Hinterhof, der durch eine hohe Backsteinmauer von der dahinter vorbeiführenden Straße getrennt wurde. Die Lieferanten stellten meist die Ware hier hinten ab, wenn sich niemand im Geschäft aufhielt.
Auch heute wartete bereist ein ganzer Stapel an Kartons darauf, in den Laden verfrachtet zu werden. Als er den Durchgang erreichte, stand Marielle bereits mit vor der Brust verschränkten Armen im Türrahmen und schenkte ihm einen bösen, anklagenden Blick.
„Warum sind die noch nicht ausgepackt?“ fuhr sie ihn an, als er sich mit schlurfenden Schritten an ihr vorbei schob und den ersten Karton in die Höhe hievte.
Er sparte sich jede Antwort und schleppte stattdessen den Karton an ihr vorbei hinein in den Lagerraum, wo er ihn krachend auf den langen, massiven Auspacktresen fallen lies.
„Oh, haben wir wieder schlechte Laune heute Morgen?“ spottete sie, als er mit missmutigem Gesicht an ihr vorbei schlurfte um den nächsten Karton herein zu holen. „Eins sage ich dir,“ fuhr sie fort „Das Leben ist kein Wunschkonzert. Es wird Zeit, dass du das endlich mal verinnerlichst und deine Arbeit ordentlich machst.“
„Ich bin doch schon dabei,“ grummelte er, während seine Arme unter dem Gewicht eines weiteren Kartons bedenklich zitterten.
„Das will ich aber auch hoffen!“ schnaubte sie, bevor sie an ihm vorbei stolzierte und im Verkaufsraum verschwand.
„Blöde Kuh,“ murmelte er, wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und machte sich dann daran, die restlichen zehn Kartons herein zu holen.

Als sich die Zeiger der Uhr schließlich in quälender Langsamkeit der Eins näherten, hatte er bereits einen Großteil der Kartons ausgepackt, alte CDs, die an die Lieferanten zurückgingen, wieder darin verpackt und immerhin ganze zwei Kunden bedient. Mariella hatte in dieser Zeit das Büro kein einziges Mal verlassen. Ab und an hörte er ihre Stimme, wenn sie telefonierte, oder das Klappern ihrer Absätze, wenn sie zwischen den Aktenschränken und ihrem Schreibtisch hin und her ging, doch ansonsten ließ sie ihn in Ruhe, was er sehr begrüßte.
Wie jeden Tag konnte er den Beginn seiner Mittagspause kaum erwarten. Auch wenn ihm das Auspacken und Sichten der neuen Musik wenigstens ansatzweise Spaß machte, so konnte er doch jetzt nicht schnell genug seine Geldbörse und Schlüssel vom Schreibtisch klauben, um mit ausgreifenden Schritten dem Ausgang zuzustreben.
„Pünktlich um drei bist du wieder hier!“ hörte er Mariella noch rufen, gerade so, als wüsste er nicht, wann seine Pause endete.
„Alles klar,“ warf er trotzdem über die Schulter zurück und zog gleich darauf die Tür mit Nachdruck hinter sich zu. Gott sei Dank! Endlich in Freiheit.
Für einen Moment ging er seine Möglichkeiten durch. Essen in der Mall? Ein kleiner Einkaufsbummel? Oder doch lieber zu Nick raus fahren? Zwar kostete ihn der Hin- und Rückweg beinahe eine dreiviertel Stunde, aber das Gefühl, sich die frische Seeluft am Hafen um die Nase wehen zu lassen, war dies allemal wert.
Also stieg er gleich darauf in seinen Chevy, stellte mit Befriedigung fest, dass das alte Modell heute scheinbar seinen guten Tag hatte, da der Wagen sofort ansprang, und fuhr dann leise pfeifend vom Parkplatz. Unterwegs fuhr er durch den Drive-In eines McDonald Restaurants und entstieg wenig später am Yachthafen mit einer riesigen, verheißungsvoll duftenden Tüte und einem Papptablett mit zwei großen Bechern Cola seinem Wagen.
Bereits die erste, leichte Windböe vertrieb einen Großteil seiner negativen Gedanken, während er den Parkplatz überquerte und sich dann am Rande des Wassers und vorbei an den großen Hafengebäuden der offenen See näherte.
Schon von weitem sah er die große, hellgrüne Fahne in der leichten Briese flattern. Get Carters Boats prangte in riesigen, weißen Lettern darauf. Der Fahnenmast befand sich neben einem kleinen, niedrigen Gebäude mit weißem Anstrich. Eine gelbe Markise wölbte sich über dem Eingang, vor dem zwei Campingstühle um einen runden Gartentisch standen. Das Hafenbecken begann keine drei Meter davor. Ein Steg aus robusten Holzbohlen führte weiter hinaus aufs Wasser, an dem die verschiedenen Schnell-, Renn-, Ruder- und Tretboote vertäut lagen, die man bei Nick Carter stundenweise mieten konnte.
AJs Freund selbst saß auf einem weiteren Gartenstuhl mit hellblauen Polstern am Anfang des Bootsstegs, hatte das Gesicht der Sonne entgegen gestreckt und kehrte ihm somit den Rücken zu. Er war barfuß, trug Shorts und ein schwarzes Muskelshirt, seine Hände waren über seinem Bauch gefaltet und die Augen hatte er in vollkommener Entspannung geschlossen. AJ fühlte, wie so etwas wie Neid in seiner Brust erblühte. Wie auch immer Nick es angestellt hatte, aber das hier kam dem Paradies schon ziemlich nahe. Zum einen warf der Laden so viel Gewinn ab, dass er Nick mühelos über Wasser hielt, zum anderen verbrachte sein Freund die meiste Zeit an der frischen Luft und in der Sonne, was seinem Teint zu jeder Jahreszeit einen bronzenen Schimmer verlieh und sein blondes Haar ausbleichte. Dies, zusammen mit seinen blauen Augen, dem verschmitzten Kleinjungelächeln und der wohlproportionierten Figur, der man die manchmal recht schweißtreibende Arbeit an den Booten ansah, führte dazu, dass sich Nick vor weiblichen Zulauf kaum retten konnte. Und dies genoss er sichtlich in vollen Zügen.
AJ pirschte sich leise an seinen Freund heran und drückte ihm dann ohne Vorwarnung den kalten Colabecher in die Halsbeuge.
„Fuck!“ brüllte sein Freund augenblicklich und sprang erschrocken aus seinem Stuhl in die Höhe, während sich seine Hand auf die eisige Stelle an seinem Hals legte. „AJ? Mann! Eines Tages bringe ich dich um, das schwöre ich dir.“ Stieß er gleich darauf hervor und schüttelte dabei den Kopf.
Doch keine zwei Sekunden später erstrahlte bereits wieder ein breites, jugendliches Grinsen auf seinem Gesicht, als er die Papiertüte in der Hand seines Freundes erspähte.
„Bring mich erst nach dem Essen um, okay?“ schnaubte AJ und ging, gefolgt von Nick, zurück zu dem Gartentisch unter der Markise, wo er sich gleich darauf auf einen der Stühle fallen ließ.
„Mieser Tag?“ fragte Nick, während er sich neben AJ nieder ließ und die McDonalds Tüte zu sich heran zog.
„Mieses Leben, aber was will man machen?“ gab AJ zurück, kramte aus seiner Hosentasche eine Packung Zigaretten und zündete sich gleich darauf einen der Glimmstengel an. Leise seufzend lehnte er sich zurück und genoss die Aussicht auf das glitzernde Wasser und die im strahlenden Sonnenschein vor sich hin schaukelnden Boote.
„Wie wäre es mit einem neuen Job? Oder leg endlich Mariella flach. Dann ist sie bestimmt wesentlich zugänglicher,“ stellte Nick fest, während er einen riesigen Burger aus seiner Kartonverpackung schälte.
„Nur über meine Leiche,“ entgegnete AJ mit rollenden Augen und angelte sich eine Pommes Frites aus der Tüte. „Bei meinem Glück hat die Gute nen schallgeschützten Keller mit Peitschen an der Wand. Das ist nicht so mein Ding.“
Nick schnaubte belustigt, bevor er einen großen Schluck von seiner Cola nahm.
„Und wie läuft es so bei dir?“ fuhr AJ fort, während er seine halbgerauchte Zigarette unter den Tisch fallen ließ und die Glut austrat.
„Alles bestens. Fürs Wochenende sind schon fast alle Boote vermietet, heute hatte ich schon drei Kunden, die immer noch unterwegs sind und Howie hat mich angerufen und mir mitgeteilt, dass mein Aktienpaket über Nacht um zehn Prozent gestiegen ist. Was will man mehr?“ Er breitete die Arme aus und grinste, während AJ wieder dieses eigentümliche Gefühl in seiner Brust fühlte. Wieso konnte sein Leben eigentlich nicht so locker und leicht sein wie das von Nick?
Oder wenigstens so erfüllt wie das von Howie, der nach dem Fiasko mit der Band zurück aufs College gegangen war und jetzt Geschäftsführer einer kleinen Privatbank war?
Oder so zufrieden wie sein ehemaliger Bandkollege Brian, der aufs Land gezogen war und dort im Gemeinderat der Baptistengemeinde saß, dem Pfarrer ab und an die Predigten schrieb, sich um alte Damen der Gemeinde kümmerte, den hiesigen Chor leitete und bereits drei Kinder in die Welt gesetzt hatte?
Oder so zielstrebig wie Kevin, der nach dem Scheitern seiner Gesangskarriere als Lehrer in einer Highschool angefangen hatte und nun, nach zehn Jahren, auf dem besten Wege war, für den Senat zu kandidieren?
Alle hatten das Ende der Band und ihrer Träume mehr oder weniger unbeschadet überstanden, nur er trieb immer noch ziellos umher und wusste nichts mit sich anzufangen. Bei diesem Gedanken angekommen seufzte er laut und vernehmlich und zog einen Cheesburger aus der nun merklich geleerten Fastfood-Tüte hervor.
„Komm schon, so schlimm ist es doch nun auch nicht,“ bemerkte Nick, während er ihm einen aufmunternden Blick schenkte. „Euer Laden läuft doch und Musik war dir schon immer sehr wichtig. Das Hobby zum Beruf gemacht würde ich sagen.“
„Ha, ha,“ gab AJ freundlos zurück, bevor die Hälfte des Burgers mit einem Bissen in seinem Mund verschwand.
„Im Ernst. Du musst unbedingt an deiner Einstellung arbeiten, sonst wird das nix mehr mit dir.“
„Themawechsel,“ bestimmte AJ und nahm einen tiefen Schluck von seinem Getränk.
„Also gut,“ lenkte Nick ein. „Kommst du heute Abend?“
„Klar,“ nickte AJ.
Das wöchentliche Treffen mit seinen ehemaligen Bandkollegen und langjährigen Freunden war für ihn ohne Frage der Höhepunkt jeder Woche. Er würde sich somit diesen Abend um nichts in der Welt entgehen lassen. Auch wenn sie selten alle fünf zusammen kamen, so weckten diese Abende doch immer wieder Erinnerungen an ein glücklicheres Leben in ihm.
„Howie sagt, er weiß noch nicht, ob er kommen kann. Irgendeine Ausschusssitzung, was weiß denn ich.“ Bemerkte Nick.
„Hat der nicht immer irgendeine Sitzung? So langsam glaube ich, der schiebt das nur vor.“
„Ja, wahrscheinlich hat er schon lange die Nase voll von uns,“ grinste Nick.
„Wahrscheinlich,“ grinste AJ zurück, wohl wissend, dass ihre Freundschaft nichts und niemand erschüttern konnte. Dafür kannten sie sich viel zu gut und zu lange und hatten zu viel miteinander durchgemacht.
„Kommst du zu Kevins Premiere am Samstag?“ fragte Nick weiter, während er sich in seinem Stuhl zurück lehnte und einen lauten, genüsslichen Seufzer ausstieß.
„Ich weiß es noch nicht,“ gestand AJ. „Mir ist es sowieso ein Rätsel, wie er neben der Schule und seinem komischen Wahlkampf immer noch Theater spielen kann. Wo nimmt er nur die Zeit dafür her? Und ne Frau hat er ja auch noch.“
„Das darfst du mich nicht fragen,“ entgegnete Nick schulterzuckend. „Ich befürchte, der alte Mann ist nicht glücklich, wenn nicht jede Sekunde seines Tages verplant ist.“
„Dass Kristin das mitmacht,“ sinnierte AJ, während er sich eine weitere Zigarette anzündete.
„Ach, die ist doch ähnlich gestrickt,“ winkte Nick ab. „So langsam kommt ihre Schauspielkarriere richtig in Schwung. Kevin sagt, wenn es so weiter geht, müssen sie sich überlegen umzuziehen.“
„Umziehen?“ AJ richtete sich alarmiert in seinem Stuhl auf und blickte entgeistert zu Nick hinüber.
„Ja. Er meinte, L.A. wäre für angehende Schauspielerinnen ja wohl ein Muss.“
„Und was wird aus seinen politischen Ambitionen?“
„Keine Ahnung,“ gestand Nick. „Auf jeden Fall ist ihm Kristin sehr wichtig und wenn er sie glücklich machen kann ... ,“ Nick verstummte und breitete stattdessen die Hände aus.
„Verstehe,“ nickte AJ, der eigentlich nicht wirklich begriff, wie man seine persönlichen Ziele so weit hinter die einer Frau stellen konnte. Viel mehr beunruhigte ihn in diesem Zusammenhang allerdings Kevins Umzugspläne. Wenn er erst einmal von Florida nach Kalifornien gezogen war, würden sie sich wahrscheinlich kaum noch sehen und das war etwas, was AJ augenblicklich Bauchschmerzen bereitete.
Irgendwie – und das gestand er sich nur ungern ein – war da noch ein letzter Funke Hoffnung in ihm, dass alles wieder so werden könnte wie früher, wenn sie nur alle zusammen blieben. Sollte sich irgendeine Plattenfirma wieder an sie erinnern und ihnen ein Angebot unterbreiten, wären sie sofort wieder voll einsatzfähig. Aber wenn Kevin erst einmal so weit vom Schuss war ... Gott, er mochte lieber gar nicht weiter darüber nachdenken!

Kapitel 3