Kapitel 1
Zehn Jahre später
Als AJ McLean aus der Haustür trat, dämmerte gerade der neue Morgen. Er ging die wenigen Meter von der Veranda hinunter zur Straße, warf im Vorbeigehen einen großen Müllbeutel in die Tonne am Straßenrand und klaubte dann die vom Morgentau leicht durchgeweichte Zeitung vom Rasen. Während er weiter zu seinem Wagen ging, schweifte sein Blick über die zu dieser frühen Uhrzeit noch wie ausgestorben vor ihm liegende Straße.
Dies hier war nicht gerade die schlechteste Wohngegend, aber auch nicht die beste. Die Häuser, die für seinen Geschmack viel zu dicht beieinander standen, waren allesamt nicht neu. Je nach Besitzer zeigte sich dies in den verschiedenen Stadien des Verfalls. An einigen Fassaden blätterte der Putz von den Wänden, bei anderen wirkte der Vorgarten, als könne er eine Generalüberholung vertragen, hier und da lagen Spielzeuge oder Fahrräder in den Garagenauffahrten, in denen bei manchen bereits das Unkraut zwischen den Steinplatten hervor spross und das Geländer seiner eigenen Veranda könnte auch mal wieder abgeschliffen und gestrichen werden.
Alles in allem war dies also ein Wohnviertel, das vor Geld nicht gerade strotzte, das aber durchaus sicher war und eine freundliche Nachbarschaft aufwies.
Während er seinen alten Chevrolet aufschloss und seinen Rucksack zusammen mit der Zeitung auf den Beifahrersitz warf, gähnte AJ ausgiebig und ließ sich gleich darauf müde blinzelnd hinter das Steuer gleiten. Es sollte verboten werden, so früh aufstehen zu müssen. Er hatte einmal davon geträumt einen Beruf auszuüben, bei dem er bis mittags schlafen konnte oder sich wenigstens - wenn es sich nicht vermeiden ließ - auf den Tag freute, der noch ganz frisch und neu vor ihm lag, doch leider war es anders gekommen.
Seufzend warf er einen kurzen Blick in den Rückspiegel, fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das vom Schlaf noch leicht verstrubbelte, dunkle Haar, das an der Stirn bereits zurück wich und bleckte dann kurz die Zähne um zu sehen, ob er heute morgen beim Zähneputzen und noch im Halbschlaf nichts übersehen hatte.
Dann steckte er widerwillig den Zündschlüssel ins Schloss, kniff die Augen zusammen und zählte langsam bis drei, bevor er den Wagen startete. Der Motor klang, als hätte er eine starke Erkältung. Er hustete, spuckte und bockte und AJ betete inständig zum Gott der Automobile, dass sein Wagen wenigstens heute beim ersten Mal ansprang. In den letzten zwei Wochen war er ganze vier Mal zu spät zur Arbeit erschienen, weil seine uralte Klapperkiste nicht so gewollt hatte wie er und so langsam ging seiner Chefin das Verständnis für seine Verspätungen aus.
Doch scheinbar war heute sein Glückstag, denn nach einem letzten, heftigen Aufheulen beruhigte sich der Motor wieder und gab ein leises, stetiges Tuckern von sich. AJ seufzte erleichtert und trat dann vorsichtig aufs Gas.
Noch während er den Wagen vom Straßenrand in die Fahrbahnmitte lenkte, schaltete er das Radio ein und gleich darauf begrüßten ihn die Foo Fighters mit stampfenden Gitarrenbeats. Mit einem zufriedenen Lächeln kurbelte er das Fenster herunter, angelte in der Ablage zwischen den Sitzen nach einer zerdrückten Zigarettenpackung und steckte sich gleich darauf die erste Zigarette des Tages an.
Während er durch die vertrauten Straßenzüge fuhr, nach einigen Minuten das Wohngebiet verließ und den Wagen Richtung Innenstadt lenkte, überlegte er, was heute noch so anstand. Heute war Dienstag, was bedeutet, dass die Wochenlieferung eintraf. Seltsamer Weise mochte er diesen Tag und die damit einhergehende Aufgabe. Dienstags hatte er immerhin ansatzweise das Gefühl, wirklich etwas zu tun und nicht nur blöd in der Gegend herum zu stehen und auf Kunden zu warten.
Vielleicht könnte er in der Mittagspause seinen Freund Nick besuchen. Ja, das hätte was. Im Yachthafen, wo sich Nicks Bootsverleih befand, fühlte sich AJ weniger eingesperrt als in dem engen, dunklen Laden, der sich sein Arbeitsplatz nannte.
Andererseits, fiel ihm gerade wieder ein, trafen sie sich heute Abend sowieso im Murphys. Na ja, er würde sehen, was sich ergab.
Er stoppte an einer roten Ampel, kurbelte das Fenster noch etwas weiter herunter und warf seinen Zigarettenstummel hinaus. Dabei fiel sein Blick auf ein Plakat, das mit Draht an einer Palme am Straßenrand befestigt war.
Velvet Planet are in Town verkündete die Anzeigetafel, darunter das Datum von übermorgen und die Adresse eines Clubs in der Stadt. Er wusste nicht genau warum ausgerechnet dieses Plakat das alt bekannte Ziehen in der Magengegend bei ihm auslöste. Vielleicht weil die vier Männer auf dem Plakat so unbeschwert lächelten, vielleicht, weil die Instrumente, die sie in den Händen hielten, ihn an irgendetwas erinnerten, vielleicht aber auch, weil es egal war, wer ihm von dem Plakat entgegen lächelte. Er hatte den Namen der Band noch nie gehört, er wusste nicht woher sie stammten oder welche Art von Musik sie machten, und trotzdem fühlte er sich in diesem Moment betrogen.
Betrogen um ein Leben und eine Karriere, die ihm hätte gehören sollen, ja, die ihm seiner Meinung nach sogar zustand.
Das laute Hupen hinter ihm erinnerte ihn daran, dass er immer noch wie festgewachsen vor der Ampel stand, die mittlerweile ein leuchtendes Grün zeigte, und mit einer entschuldigenden Geste setzte er sich wieder in Bewegung.
Während er sich durch den langsam dichter werdenden Verkehr schlängelte, versuchte er die Gedanken zu verdrängen, die bei dem unerwarteten Anblick des Plakats in ihm erwacht waren. Doch genau so gut hätte er versuchen können, die Welt anzuhalten. Einmal aus ihrem engen Gefängnis entlassen, rasten sie ungehindert durch seinen Kopf und zogen und zerrten an seinen Nerven.
Er dachte an die Zeit vor gut zehn Jahren zurück, als noch alles möglich schien. Er hatte alles aufgegeben, hatte einen riesigen Koffer gepackt und war gemeinsam mit seinen Freunden von der Band, seiner Mom und einem ganzen Tross von Betreuern, Managern, Angestellten der Plattenfirma und jeder Menge anderer Leute nach Deutschland geflogen. Zwei Jahre hatte er dort verbracht und seinen Traum gelebt. Einen Traum von Musik, Reichtum, Berühmtheit und einem angenehmen, sorgenfreien und aufregenden Leben.
Eine Zeit lang hatte es sogar so ausgesehen, als würde sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen. Das erste Album kam in Europa ungeheuer gut an, sie spielten vor ausverkauften Hallen, hatten eine Menge Fans und ihre Songs wurden im Radio rauf und runter gespielt.
Doch dann war alles gehörig schief gelaufen.
Die Plattenfirma war der Meinung, dass der Erfolg in Europa zwar gut und schön sei, aber der Heimatmarkt in den USA nun vorginge. Also hatten sie ihre Sachen wieder gepackt, waren in den nächsten Flieger gestiegen und hatten ein Jahr lang versucht, in Amerika Fuß zu fassen. Ohne Erfolg.
Und damit nicht genug, floppte ihr zweites Album nicht nur zu Hause sondern auch in Europa und ab da ging es rasant und stetig bergab.
Heute erinnerten nur noch die wenigen Auszeichnungen an seinen Wänden zu Hause und die beiden CDs, die ganz hinten im Regal vor sich hin moderten daran, dass er einmal kurz davor gestanden hatte, reich und berühmt zu werden und seinen Traum zu leben.
Als er schließlich den Wagen auf dem Parkplatz hinter einem riesigen Einkaufszentrum stoppte, blieb er einen Moment still sitzen und starrte mit unbeweglicher Miene auf die graue Mauer vor sich. Sein Leben hätte so schön sein können, stattdessen war er hier gelandet: In einem kleinen Plattenladen, der sich selbst und damit auch ihn gerade so über Wasser hielt, alleine in einem Haus, das auch schon bessere Zeiten erlebt hatte und mit einer Vergangenheit, die den meisten nur ein müdes Lächeln entlockte. Mit einer Beinahe-Karriere als Sänger lockte man heutzutage schließlich keinen mehr hinter dem Ofen hervor.
Er seufzte tief und anhaltend, bevor er seinen Rucksack und die Zeitung vom Beifahrersitz klaubte und dann hinaus in einen strahlenden Morgen trat. Ein neuer Tag in seinem trostlosen Leben. Was konnte es schöneres geben?