Prolog
Paula Sommer war schon immer ein überaus freundliches und fröhliches Kind gewesen. Wenn sie lachte, brachte dies ihre blauen Augen zum Strahlen, bildeten sich kleine Grübchen auf ihren Wangen und ihre dunkelblonden Locken hüpften fröhlich auf und ab.
Sie war ein absolutes Wunschkind, auf das ihre Eltern mehr als sieben Jahre hatten warten müssen. Sie gingen von Arzt zu Arzt, probierten sämtliche Hormontherapien und die seltsamsten Ratschläge aus Zeitungen aus und einigten sich schließlich auf eine künstliche Befruchtung. Doch das alles half nichts. Als sie die Hoffnung schließlich aufgaben, das große Familienauto gegen ein kleines, schickes Zweisitzer-Cabrio eintauschten und darüber nachdachten, ob sie ihr Haus in dem ruhigen Vorort von Hannover verkaufen und in die Stadt ziehen sollten, geschah das Wunder.
Maria Sommer wurde schwanger und brachte neun Monate später ein gesundes Mädchen zur Welt, dem es ab diesem Zeitpunkt an nichts fehlen sollte.
Die kleine Familie blieb in dem ruhigen Vorort wohnen, Paula besuchte den Kindergarten und die Schule im Nachbarort und hatte dabei nie Schwierigkeiten Freunde zu finden.
Sie liebte und respektierte ihre Eltern, auch wenn ihr ausgeprägter Dickkopf manchmal Grund zu ausgedehnten Diskussionen lieferte.
Sie liebte es, stundenlang in den Himmel zu schauen, die Wolken zu beobachten und Formen darin zu entdecken. Wenn ein sanfter Wind die Wolkenformationen vor sich her trieb spürte sie, wie die Erde sich unter ihr drehte und sie stellte sich gerne vor, wie sie aus dem Weltall aussehen mußte: Ein kleiner Punkt, der wie festgeklebt auf einer Wiese lag und langsam der Sonne entgegen driftete.
An dem Tag, als sich ihr Leben von Grund auf ändern sollte, besuchte Paula ihre beste Freundin Marja nach der Schule. Sie gingen gemeinsam in die zweite Klasse der Grundschule und im Gegensatz zu Marja, liebte Paula den Unterricht. Sie fand es aufregend jeden Tag etwas Neues zu lernen und legte einen Ehrgeiz an den Tag, der Marja komplett fremd war.
Marja hatte zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester und Paula war ein wenig neidisch auf diese große Familie, in der immer etwas los war, Stimmen und Musik aus jeder Zimmertür schallten und in der Marjas Mutter, Frau Diefenbach, scheinbar immer mit kochen oder backen beschäftigt war.
Paula und Marja verbrachten somit den Nachmittag damit, Unmengen von Pommes Frites zu verdrücken und anschließend mit Marjas riesiger Barbie-Puppen-Sammlung zu spielen.
Als es schließlich Zeit wurde nach Hause zu fahren, verabschiedete Paula sich wie immer bei Marja und Frau Diefenbach, während Herr Diefenbach den Wagen aus der Garage fuhr, um sie nach Hause zu bringen.
Vom Rücksitz des großen Vans, der in Paulas Augen eher ein Bus war, weil es so viele Sitze darin gab, betrachtete sie versonnen die ihr so vertrauten Straßenzüge.
Sie freute sich darauf, ihrer Mutter in allen Einzelheiten von ihrem heutigen Tag zu erzählen. Sicherlich würde sie ihr eine Tasse von dem leckeren Kakao machen, in dem der Löffel beinahe drin stehen blieb. Sie würden sich zusammen an den Küchentisch setzen und während Paula erzählte, würde ihre Mutter sie mit ihren großen, blauen Augen anlächeln und solche Fragen stellen wie Und Sportler Barbie ist tatsächlich ganz alleine in dem neuen Ferrari gefahren? oder Sag bloß Du hast mehr Pommes verdrückt als Marja?.
Paulas zu Hause - das große, gelbe Haus mit dem kleinen Vorgarten, in dem eine ganze Menge bunter Blumen blühten - kam in Sicht. Es lag am Ende einer Spielstraße und selten verirrten sich Autos oder Menschen hier her, die hier nicht wohnten.
Herr Diefenbach hielt am Straßenrand an und stieg aus, um Paula die hintere Tür zu öffnen. Die Kindersicherung verhinderte, dass sie dies selbst tun konnte, was Paula immer wieder verwunderte. So etwas gab es bei dem Auto ihrer Eltern nicht und sie begriff bereits jetzt, dass ihre Eltern wohl eine andere Einstellung zu Erziehung und Vertrauen ihrer Tochter gegenüber hatten.
Das machte sie natürlich nicht nur an der Kindersicherung fest. Das fing schon damit an, dass Paula sich selbst aussuchen durfte, was sie morgens zum Frühstück essen wollte, welche Kleider sie in die Schule anzog und sie durfte auch mitbestimmen, was ihre Familie am Wochenende unternahm.
Paula hatte Freiheiten, für die sie von Marja beneidet wurde, und trotzdem kam sie gar nicht auf den Gedanken, diese auszunutzen. Denn genau so, wie ihre Eltern ihr Respekt entgegen brachten, genau so gab sie diesen wieder zurück.
Sie kletterte nun aus dem großen Espace und schulterte ihren Schulranzen.
Ich warte noch, bis du im Haus bist, ja? sagte Herr Diefenbach und schloss die Tür hinter ihr.
Das ist nicht nötig, entgegnete Paula. Meine Mama wartet sicherlich schon auf mich und es ist ja auch nicht weit.
Das mag sein. Trotzdem werde ich hier warten, gab Herr Diefenbach unnachgiebig aber mit einem Lächeln zurück.
Paula zuckte mit den Achseln, verabschiedete sich und lief das kurze Stück bis zu ihrem Grundstück.
Darauf achtend, dass sie keine Fuge in den Gehwegplatten berührte, ein Spiel, dass Marja und sie sich ausgedacht hatten, lief sie den kurzen Weg durch den Garten zur Eingangstür. Dann holte sie unter ihrem T-Shirt den Haustürschlüssel hervor, den ihr ihre Eltern feierlich an ihrem sechsten Geburtstag überreicht hatten.
Du bist jetzt schon groß, hatten sie gesagt. Ein Schulkind braucht einen Schlüssel zu seinem zu Hause.
Paula hatte sich das bunte, lange Band, an dem der einzelne Schlüssel hing, stolz um den Hals gehenkt und konnte sich sogar die ersten Nächte nicht davon trennen.
Nun steckte sie den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Haustür. Sie trat einen Schritt in den Flur, drehte sich dann herum, winkte Herrn Diefenbach zu und beobachtete dann, wie er zurück winkte und in seinen Wagen stieg.
Er wendete am Ende der Straße und fuhr gleich darauf an Paula vorbei. Sie sah noch einen Moment den sich entfernenden Rücklichtern nach, dann schloss sie die Tür und rief, noch während sie den Schulranzen von den Schultern gleiten lies und ihn achtlos neben die Garderobe warf, in das stille Haus hinein. Mama, ich bin daaahaaaa. Du wirst es nicht glauben, aber ich durfte heute tatsächlich mit Marjas Sportler Barbie spielen. Sie hat gesagt ... , sie stockte und blieb verwundert in der Küche stehen.
Von ihrer Mutter war weit und breit nichts zu sehen, was nicht wirklich ungewöhnlich war, doch dass das Frühstücksgeschirr noch auf dem Tisch stand, machte sie stutzig. Das war, so weit sie sich erinnern konnte, noch nie vorgekommen. Noch nicht einmal sonntags, wenn es statt dem faden Brot richtige Brötchen und ein Ei dazu gab, lies ihre Mutter das Geschirr auf dem Tisch stehen.
Langsam ging sie weiter in den Raum hinein. Alles sah aus wie immer (bis auf das Geschirr natürlich). Die bunten Geschirrhandtücher hingen wie gewohnt an den kleinen Haken neben der Spüle, das Rollo am Küchenfenster, das hinaus in den großen Garten ging, war ebenfalls hochgezogen und lies die Sonne herein, die die Küche in ein warmes, heimeliges Licht tauchte.
Und trotzdem war irgendetwas ganz entschieden verkehrt. Langsam lies sie ihre kleinen Finger über die Tischkante gleiten und bemerkte dabei gar nicht, dass einige Brotkrümel zu Boden fielen.
Paula war noch ein Kind, aber sie spürte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
Als sie den Tisch schließlich umrundet hatte, fiel ihr Blick auf einen kleinen, runden Fleck, der vor der Geschirrspülmaschine auf dem Boden prangte. Interessiert ging sie davor in die Knie und besah ihn sich genauer. Konnte das etwas von der Erdbeermarmelade sein, die ihre Mutter immer selbst einkochte und die besonders gut auf warmen Toastbrot schmeckte?
Vorsichtig tippte sie mit dem Finger hinein und zog gleich darauf ihre Hand angewidert zurück. Wenn das Marmelade war, dann konnte man die bestimmt nicht mehr essen. Sie fühlte sich schmierig an, außerdem war die Farbe viel zu dunkel.
Paula beschloss, sich auf die Suche nach ihrer Mutter zu machen. Vielleicht war ihr ja schlecht geworden, so wie Paula, als sie vor einigen Wochen zu viel von der Schokolade gegessen hatte, die Papa von einem seiner Kunden geschenkt bekommen hatte.
Entschlossen stand sie also auf und ging in das angrenzende Wohnzimmer. Ihre Augen wurden groß, als sie das Durcheinander erblickte. Ein Sessel war umgefallen, die Zeitschriften, die normaler Weise ordentlich gestapelt in einem Fach unter dem Couchtisch verstaut waren, lagen kreuz und quer auf dem Boden verteilt, eine von den Vasen, die ihre Mutter hütete wie ihr Heiligtum, war umgefallen und die zertretenen Blumenblätter verströmten einen süßlichen Duft.
Mama? rief Paula leise und spürte, wie so etwas wie Angst ihre Kehle zuschnürte. Ihr kleines Herz schlug schnell in ihrer Brust und ihre Hände wurden unangenehm feucht. Was war hier los?
Mama? versuchte sie es jetzt etwas lauter, während sie das Wohnzimmer durchquerte und wieder im Flur stand. Ihr Blick wanderte die Treppe hinauf, die in den ersten Stock zu ihrem Kinderzimmer und dem Schlafzimmer ihrer Eltern führte. Helle Sonnenstrahlen ließen Staubkörner tanzen und erhellten den Treppenabsatz, an dem nichts Außergewöhnliches zu sehen war.
Vorsichtig setzte sie einen Fuß auf die unterste Treppenstufe und hielt sich dabei am Handlauf fest. Erneut nach ihrer Mutter zu rufen traute sie sich nicht, auch wenn sie nicht genau erklären konnte warum.
Stufe für Stufe stieg sie hinauf. Als sie schließlich im Flur oben ankam, traute sie sich kaum zu atmen. Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf und alles in ihr schrie GEFAHR!!, doch sie schob die aufkeimende Panik beiseite. Sicherlich hatte sich ihre Mutter nur etwas hingelegt und deshalb nicht gehört, wie Paula nach Hause gekommen war. Für die Unordnung im Wohnzimmer gab es sicherlich auch eine Erklärung und ganz bestimmt hatten Mütter manchmal einfach keine Lust die Küche aufzuräumen.
Langsam ging sie den Flur entlang auf die Tür am Ende zu, hinter der sich das elterliche Schlafzimmer befand. Die Tür war nur angelehnt und gab ein leises Quietschen von sich, als sie sie vorsichtig aufschob.
Als erstes fiel ihr Blick auf ein ausgefranstes Stück Stoff, das direkt hinter der Tür lag. Es war blau und sah so aus, als gehörte es zu der Bluse, die ihre Mutter heute morgen angehabt hatte. Dann gab die Tür immer mehr von dem Raum dahinter frei und Paulas Blick heftete sich auf eine braune Lache, die sich direkt vor dem breiten Doppelbett befand. Noch mehr Marmelade?
Ein Geräusch lies sie zusammen zucken, was der Tür so viel Schwung gab, dass sie nun ganz aufschwang und ruckartig hob Paula den Kopf.
Was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren und noch während sie versuchte, das Bild vor sich zu leugnen, hatte sie die Szene bereits in ihrer ganzen Grausamkeit erfasst.
Die Rollläden waren beinahe ganz geschlossen, nur ein schmaler Spalt war übrig geblieben und tauchte den Raum in ein diffuses Dämmerlicht.
Die Laken des Bettes hingen unordentlich von der Bettkante herunter, noch mehr Kleidungsfetzen lagen darum herum und über allem hing ein seltsamer, süßlicher Geruch.
Paulas Augen wanderten fassungslos über den Boden, die Wände bis hinauf zur Zimmerdecke. Alles war mit dem gleichen, braunen Zeug beschmiert, das sie schon in der Küche und vor dem Bett gesehen hatte. Jetzt verstand sie auch, worum es sich hier handelte. Das war Blut. Unmengen von Blut!
Die Laken auf dem Bett waren zerwühlt und wirkten beinahe schwarz.
Zwei Körper lagen darauf, die Gesichter nach unten in die Kissen gedrückt, Arme und Beine auf dem Rücken zusammengebunden.
Wie von einer unsichtbaren Kraft dazu gedrängt, machte Paula zwei weitere Schritte in den Raum hinein. Immer wieder schüttelte sie den Kopf, als könne sie so leugnen, was sie bereits zweifelsfrei wusste.
Ihr Blick wanderte über die geschundenen Körper. Die Fesseln hatten tief in das weiche Fleisch der Hand- und Fußgelenke geschnitten, um den Kopf der Frau ergoss sich ein Kranz aus blondem Haar über das Kopfkissen und über die Rücken der beiden Körper zogen sich unwirkliche Muster von tiefen Schnitten.
Mama? Papa? flüsterte Paula kaum hörbar, doch sie bekam keine Antwort.
Ihre Augen konnten zwar sehen was hier passiert war, doch ihr Verstand weigerte sich, das gesamte Ausmaß dieses monströsen Bildes zu verstehen.
Wieder machte sie einen winzigen Schritt, Tränen überschwemmten ihre Augenlider, kullerten über ihre Wange und verschwanden im Ausschnitt ihres Pullovers.
Und noch etwas schob sich nach und nach in ihr Bewusstsein: Das Rauschen von Wasser, ein leises Pfeifen und das klappern der Handtuchstange im angrenzenden Badezimmer.
Ihr Verstand wollte weglaufen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht.
Noch während sie glaubte, hier und auf der Stelle sterben zu müssen, nahm sie eine Bewegung am Rand ihres Blickfeldes wahr und zu Tode erschrocken fuhr sie herum.
In der Tür zum Badezimmer, mit einem Handtuch in der Hand, das an einigen Stellen rosa verfärbt war, stand ein Mann. Er war vollkommen nackt, seine Haare hingen ihm feucht und wirr ins Gesicht und auf seiner Brust saß ein Eichhörnchen. Nein ... es saß nicht dort, sondern war eintätowiert. Lebensecht, mit einem buschigen Schwanz, kleinen, spitzen Zähnen und winzigen Pfötchen, die wie zum Gebet gefaltet schienen.
Für einen endlos scheinenden Augenblick starrten sich der Fremde und Paula an, beide zu verblüfft um sich zu bewegen. Doch dann kehrte das Leben zurück in Paulas Gliedmaßen. In einer einzigen, flinken Bewegung fuhr sie herum und rannte los.
Der weiche Schlafzimmerteppich unter ihren Füßen fühlte sich unwirklich an, die Entfernung zur Treppe schien sich auf unheimliche Weise ausgedehnt zu haben und die Angst, die das Adrenalin durch ihre Adern jagte, schien sie zu verschlingen.
Sie hörte, wie der Mann hinter ihr her kam, vernahm, zwischen ihren eigenen abgehakten Atemzügen, das Tapsen seiner nackten Füße auf dem Dielenfußboden, hörte seinen keuchenden Atem, der immer näher zu kommen schien und rechnete jeden Moment damit, dass er sie an der Schulter packen und herum wirbeln würde.
Sicherlich hätte er das auch geschafft. Er war schließlich viel größer und schneller als sie, doch während sie die Treppe förmlich hinunter flog und dabei betete, dass sie nicht stürzte, hörte sie hinter sich einen unterdrückten Fluch und gleich darauf das harte Aufschlagen eines Körpers auf den Treppenstufen.
Als sie das Ende der Treppe erreicht hatte sprintete sie durch den Flur auf die rettende Haustür zu und hörte hinter sich das Poltern, als der Mann die Treppe hinunter viel. Bum, bum, kawum.
Dann hatte sie die Tür erreicht und riss sie auf. Noch während sie auf die Straße hinaus rannte, rief sie schreiend nach Hilfe und als sie die Mitte der Straße erreicht hatte, ging im Haus gegenüber bereits die Haustür auf und ihre Nachbarin Frau Malloch trat neugierig heraus.
Noch nie hatte sie dieses verkniffene Gesicht mit so viel Erleichterung erfüllt. Sie flog förmlich in ihre Arme und alles was sie zwischen ihrem unkontrollierten Schluchzen und dem schmerzenden Zähneklappern heraus brachte war Das Monster! Das Monster hat Mama und Papa umgebracht!
Diese Worte würde Frau Malloch noch an diesem Tag und in den kommenden Wochen jedem wiedergeben, der sie hören oder auch nicht hören wollte. Sie würde ihre Stimme mitleidig zittern lassen, die Mundwinkel nach unten ziehen und immer wieder den Kopf schütteln, während sie sagte Das arme kleine Ding war völlig verstört, als sie bei mir ankam. Und sie hat immer wieder gesagt Das Monster! Das Monster hat meine Eltern umgebracht. Wirklich furchtbar.
Und so kam das Monster von Hannover zu seinem Namen: Durch ein kleines Mädchen, das in heller Panik versuchte etwas mit wenigen Worten zu beschreiben, was sie erst viel später wirklich verstehen würde und durch eine klatschsüchtige Nachbarin, der nichts willkommener war, als eine blutrünstige Geschichte, die sich direkt vor ihrer Nase abgespielt hatte.