Kapitel 34

Es regnete und die Trauergesellschaft drängte sich unter den zumeist schwarzen Regenschirmen eng aneinander. Nur Paula stand alleine, dicht an dem offenen Grab. Der Regen lief ihr über das Gesicht und rann in den Kragen ihres schwarzen Mantels. Doch sie spürte davon nichts. Ihre Augen waren fest auf die einzelne, weiße Rose gerichtet, die sie gerade auf Bens Sarg hinunter geworfen hatte.
Ein letzer Abschied.
Ein letztes Mal dieser Schmerz.
Nur noch dieses eine Mal.
Paula sehnte sich nach Stille. Nach einem luftleeren Raum, der sie schweben lies und ihr für einen Moment jegliches Gefühl und jeden Gedanken raubte, die in ihrem Kopf hin und her schossen wie Flipperkugeln.
Der Pfarrer schüttelte noch einmal sämtliche Hände, murmelte leise Worte des Trostes und verabschiedete sich dann.
Die meisten gingen sofort zurück auf den Parkplatz um in das Cafe zu fahren, in dem der Totenschmaus stattfinden sollte. Paula hatte akkribisch alles organisiert, hatte nichts dem Zufall überlassen und sich um alles persönlich gekümmert.
Jetzt hatte sie allerdings nichts mehr zu tun. Ben war beerdigt, sie hatte sich auf unbestimmte Zeit Urlaub genommen und die Leere ihrer Zukunft lag erdrückend schwer vor ihr.
„Was soll ich nur tun?“ flüsterte sie und erwartete eigentlich keine Antwort.
„Zu erst einmal aus dem Regen heraus kommen,“ hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich und zu tode erschrocken fuhr sie herum.
AJ lächelte etwas schief und streckte ihr auffordernd eine Hand entgegen. „Na komm’ schon, bevor du noch krank wirst und ich dir die nächste Zeit Hühnerbrühe und Tee kochen muß.“
„Was ... tust du ... hier,“ fragte Paula völlig fassungslos.
„Dir einen Halt geben,“ erwiderte er leise. „Für dich da sein.“
„Aber ... ,“
„Sag jetzt nichts, o.k.? Lass uns irgendwo hingehen wo es warm und trocken ist und wir vernünftig miteinander reden können.“
„Ich ... ,“
„Ich weiß was du sagen willst. Der Brief, blah, blah, blah. Aber soll ich dir was sagen? Ich kann und will dich nicht vergessen. Ich will nicht so tun, als hätte es ein „uns“ nie gegeben. Verstehst du? Vielleicht kannst du im Moment nicht für mich da sein, aber ich kann es für dich.“
„Du bist ... verrückt,“ stammelte Paula und wußte nicht, was sie von dieser Situation halten sollte. Sie spürte, wie ihr Herz hektisch in ihrer Brust klopfte und sie fühlte die Schmetterlinge, die in ihrem Bauch herumflatterten und ihr zuzuflüstern schienen, dass sie sich endlich unter AJs Regenschirm begeben, sich in den Arm nehmen und von ihm küssen lassen sollte.
„Verrückt,“ wiederholte Paula und AJs Lächeln wurde breiter.
„Ja, das sagt man wohl über mich. Aber im Grunde ... bin ich ein ganz normaler Kerl. Ein Kerl, der dich liebt. Ein Kerl, dem du etwas bedeutest. Ein Kerl, der ohne dich nicht leben möchte.“
Paula schüttelte den Kopf, wehrte sich allerdings nicht, als AJ sie am Arm fasste und sie über das nasse Gras hinüber zu dem kleinen Parkplatz vor der Kapelle führte.
Er öffnete die Beifahrertür seines Mietwagens und lies sie einsteigen, dann warf er den tropfenden Regenschirm auf die Rückbank und stieg ebenfalls ein. Als er die Tür geräuschvoll schloss, wurde es für einen Moment still in dem dunklen Innenraum des Wagens. Lediglich das Trommeln des Regens auf dem Wagendach durchbrach die Stille.
AJ legte die Hände auf das Lenkrad und sah zu Paula hinüber. „Wohin?“ fragte er.
„Ich ... weiß es nicht. Ich ... ,“ sie blickte mit großen, ratlosen Augen zu ihm hinüber. Dann streckte sie vorsichtig eine Hand aus und berührte seine Schulter mit der Spitze ihres Zeigefingers. Erschrocken zog sie die Hand zurück und schüttelte den Kopf. „Du bist wirklich hier,“ murmelte sie.
„Ja, ich bin hier und ich habe auch nicht vor, einfach so wieder zu verschwinden,“ pflichtete AJ ihr grinsend bei.
„Warum tust du das?“
„Weil ich dich liebe,“ sagte er ernst.
„Aber wieso?“
„Um das zu erklären, bräuchte ich sicherlich ne halbe Ewigkeit,“ schmunzelte er.
Paula schüttelte lediglich den Kopf und starrte hinaus in den Regen.
„Hör’ zu. Ich weiß, dass du mich nicht hier haben willst. Oder sagen wir mal ... es wäre sicherlich einfach für dich. Aber glaubst du nicht, dass du in den letzten Jahren genug gelitten hast? Du hast etwas Liebe und Glück verdient und ich bin mehr als bereit, die das zu geben. Du mußt es nur annehmen.“
„So einfach ist das nicht.“
„Oh doch, das ist es. Du mußt dir nur einen Ruck geben. Weißt du, wenn ich eines aus dieser ganze schreckliche Geschichte gelernt habe dann, dass man nicht viele Chancen im Leben bekommt. Von jetzt auf nachher kann alles vorbei sein. Irgendetwas bricht über dir herein und das hast keine Möglichkeit etwas dagegen zu tun. Ich bin nicht bereit noch mehr Chancen in meinem Leben verstreichen zu lassen. Ich bin nicht bereit dich einfach so aufzugeben.“
„Du hast keine Ahnung ... ,“
Er wußte nicht, was plötzlich über ihn kam, doch unvermittelt beugte er sich zu Paula hinüber und presste seine Lippen auf ihre. Sie versuchte ihn von sich zu schieben, drückte gegen seine Schultern und versuchte ihren Kopf zur Seite zu drehen, doch gleichzeitig erwiderten ihre Lippen seinen zärtlichen Kuß leidenschaftlich und schließlich schien sie jede Gegenwehr aufzugeben. Ihre Arme schlossen sich um seinen Nacken und hungrig forderten ihre Lippen mehr. Mehr von ihm, mehr von seiner Nähe, mehr von seiner Stärke, mehr von der Sicherheit, mit der er davon überzeugt war, das alles gut werden würde.
Schließlich schob AJ sie sanft von sich und mit leicht verschleiertem Blick sah er auf sie hinunter. „Erzähl’ mir nicht, dass du mich nicht willst. Erzähl’ mir nicht, dass du mich nicht liebst und erzähl’ mir nicht, dass du alleine sein willst. Das stimmt nicht. Das weißt du und das weiß ich.“
Paula schwieg eine Ewigkeit und betrachtete ausgiebig sein Gesicht, schien in seinen Augen nach etwas zu suchen. Vielleicht die Gewissheit, dass er es ernst meinte, vielleicht auch das letzte Bißchen Kraft das sie brauchte, um sich von ihm auffangen zu lassen.
Schließlich begann sie flüsternd zu sprechen. „Ich will dich. Ich liebe dich. Aber ich weiß nicht, ob ich mit dir zusammen sein kann.“
„Wir müssen ja auch nicht gleich heiraten,“ entgegnete AJ sanft. „Lass es uns langsam angehen. Komm’ mit mir in die Staaten. Du bekommst dein eigenes Zimmer und so viel Zeit wie du brauchst. Aber lass mich in deiner Nähe sein.“
Paula seufzte und starrte hinaus in den Regen. Sollte sie mit ihm gehen? Sollte sie ihre so hochgeschätzte Unabhängigkeit aufgeben? Hatte sie überhaupt eine andere Wahl?
Ihre Augen wanderten wieder hinüber zu seinem Gesicht, das ihr inzwischen so vertraut war und dann weiter aus dem Fenster hinaus zu dem Grab, das von hier nur als Schemen hinter dem immer noch fallenden Regen zu sehen war.
Was hätte Ben ihr geraten? Was hätten ihre Eltern zu ihr gesagt?
Ein feines Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Lass uns fahren,“ sagte sie leise und lehnte sich zurück in die Polster.
Sie war frei. Das erkannte sie in diesem Moment mit solch brutaler Klarheit, dass ihr für einen Moment die Luft weg blieb.
Ich bin frei dachte sie erneut. Frei wie der Wind und ich kann tun und lassen was mir gefällt. Und ihr Lächeln vertiefte sich.

The End

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