Kapitel 33
AJ starrte aus dem Fenster, registrierte aber dabei weder die wunderschönen, weißen Wattewolken davor, noch das leise Stimmengemurmel um ihn herum. In seinem Herzen tobte ein Sturm. Paula war seit gestern verschwunden. Er hatte sie nach dem Besuch bei Kevin im Krankenhaus nicht mehr gesehen. Sie mußte noch einmal im Hotel gewesen sein, denn ihre Sachen fehlten und auf seinem Kopfkissen lag ein Brief, den er jetzt zwischen seinen leise zitternden Händen hielt. Doch dass sie es nicht für nötig befunden hatte, sich persönlich von ihm zu verabschieden, machte ihn fast wahnsinnig.
Sie hatte Kevin Lebwohl gesagt und sich auch bei Nick, Brian, Howie und dem Rest der Crew verabschiedet, nur ihn hatte sie nicht sehen wollen. Er fragte sich, was er ihr getan hatte. Er liebte sie, verdammt noch mal, und er war der Meinung gewesen, dass sie diese Liebe tief in ihrem Herzen auch für ihn empfand. Doch scheinbar hatte er sich in ihr getäuscht.
Seine Hände umklammerten den weißen Briefumschlag noch fester und bestimmt zum hundersten Mal fragte er sich, ob er ihn öffnen oder lieber vernichten sollte. Was konnte sie ihm denn schon groß mitteilen? Es würde doch nur wehtun. Außerdem war er im Moment viel zu wütend. Nein, am besten warf er den Brief ungeöffnet weg und tat so, als hätte es Paula und ihre gemeinsame Zeit nie gegeben.
Woran denkst du? fragte Howie in seine Gedanken hinein und lies sich ohne zu fragen neben in den Sitz fallen.
An was wohl, schnaubte AJ.
Paula nehme ich an.
Yep. Obwohl ich mir gerade vorgenommen hatte, nicht mehr an sie zu denken.
Das schaffst du sowieso nicht.
Na vielen Dank. Das motiviert ungemein.
Hey, mal im Ernst. Sie muß einen guten Grund gehabt haben, dass sie sich nicht von dir verabschiedet hat.
Und wenn es der beste Grund von der Welt wäre. Es ist trotzdem nicht fair und tut verdammt weh.
Da weiß ich, nickte Howie und warf dann mit gerunzelter Stirn einen Blick auf den Umschlag, den AJ mitterweile zwischen seinen Fingern zerknüllt hatte.
Was ist das? fragt Howie.
Ein Brief.
Von Paula?
AJ nickte.
Und? Was schreibt sie denn?
Keine Ahnung.
Du hast ihn noch nicht gelesen?
AJ schüttelte den Kopf.
Warum nicht?
Weil ich keine Lust habe, mir mein Herz noch einmal herausreißen zu lassen.
Soll ich ihn lesen? Nick war plötzlich neben ihnen aufgetaucht und setzte sich auf die Armlehne von der Sitzreihe gegenüber.
Das geht euch gar nichts an, schnaubte AJ und wünschte sich auf eine einsame Insel. Manchmal war es wirlich lästig seine Freunde immer um sich herum zu haben.
Jetzt mach ihn schon auf! Brian hatte sich hinter Nick hervorgeschoben und lächelte zu AJ hinüber.
Hallo? Ist das hier ne Verschwörung oder so etwas ähnliches? Nur gut dass Kevin hinten lang liegt und von Kristin bemuttert wird, sonst würde er sicherlich auch noch seinen Senf dazu geben.
Mal ehrlich J. Wovor hast du Angst? fragte Brian. Schlimmer als jetzt kann es doch gar nicht werden.
Findest du? Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es immer eine Steigerung gibt, auch wenn man sich diese nicht vorstellen kann.
Aber du wüsstest wenigstens was Sache ist, beharrte Howie.
Ich weiß sowieso was darin steht.
Na, da sind wir jetzt aber gespannt, meinte Nick und verschränkte die Arme vor der Brust.
Sie wird mir nur sagen wie leid ihr alles tut, dass sie bereut, mit mir zusammen gewesen zu sein und dass sie es deshalb vorgezogen hat, sich nicht von mir zu verabschieden.
Du spinnst, meinte Brian kopfschüttelnd.
Vielleicht, gab AJ zu und wandte den Blick ab.
Feigling, sagte Nick, stand auf und machte sich auf den Weg in den hinteren Teil des Flugzeugs.
Ist er nicht wieder nett heute? meinte AJ sarkastisch und schüttelte den Kopf.
Aber er hat recht, sagte Howie und stand ebenfalls auf. Du solltest ihn wirklich lesen. Danach hast du jede Menge Zeit auf sie wütend zu sein.
Während Howie Nick folgte, traf AJs entgeisterter Blick auf Brians blaue Augen.
Tu es, flüsterte sein Freund und lehnte sich dann wieder zurück in die Polster des Sitzes, nahm die Kopfhörer aus seinem Schoß und setzte sie sich auf die Ohren.
Ihr habt leicht reden, murmelte AJ und betrachtete, noch immer skeptisch den Brief in seinen Händen. Ach was solls, sagte er schließlich und riss den Umschlag auf. Zum Vorschein kamen einige dichtbeschriebene Seiten Papier.
AJ rutschte noch etwas tiefer in die Polster und begann zu lesen.
Lieber AJ,
ich kann mir gut vorstellen, dass du jetzt unglaublich wütend auf mich bist. Ich weiß, dass es nicht die feine Art ist sich nach so langer Zeit und nach allem was wir gemeinsam erlebt haben, nicht zu verabschieden, aber ich habe es einfach nicht über mich gebracht.
Ich möchte versuchen, dir einige Dinge zu erklären und vielleicht noch ein paar Lücken zu schließen. Ich erwarte nicht, dass du mich danach verstehen kannst, ich kann es ja selbst nicht. Ich möchte nur nicht, dass du dir die Schuld für das alles gibst oder an mir und meiner Aufrichtigkeit zweifelst.
Zunächst einmal: Ich habe nicht damit gerechnet jemanden kennenzulernen, der so ist wie du: Aufgeschlossen und offen, witzig, mitfühlend, liebenswürdig, charmant und so besonders. Du hast etwa besseres verdient. Jemand, der dich aufrichtig liebt, jemand, der zu dir gehört, jemand, der bis an das Ende deines Lebens für dich da ist, jemand, der dir mehr geben kann als ich.
Wir hatten eine wundervolle Zeit und ich erinnere mich gerne daran zurück. Ich spüre deine Lippen auf meinen, deine Hände auf meinem Körper und ich sehe dein Lächeln vor mir, deine wundervollen, warmen Augen und ich spüre deine Arme um mich, die mir für eine kurze Zeit ein zu Hause gegeben haben, einen Ort, an dem ich mich sicher fühlte.
Leider geschieht im Leben nicht immer das, was man sich wünscht. Das unsere gemeinsame Zeit nur von begrenzter Dauer ist, war uns wohl beiden klar, aber dass das alles in Chaos und Verzweiflung enden mußte, habe ich so nicht gewollt.
Ich weiß, dass ich mir nicht die Schuld daran geben sollte, aber wenn ich nachts die Augen schließe sehe ich wieder Marcus und Lyn vor mir. Wie sie waren, als sie mit uns um die Häuser gezogen sind, wie herzlich sie mich in ihrer Mitte aufgenommen haben, die guten Freunde, die sie mir waren und die Liebe, die sie mir entgegen gebracht haben.
Darüber schieben sich die grauenhaften Bilder von ihrem Tod und alles was ich tun kann ist innerlich zu schreien und mich der Dunklheit hinzugeben, die dabei über mich kommt.
Ich kann dir im Moment kein Halt sein, weil ich selbst jeglichen Halt verloren habe.
Ich kann auch deine Hilfe nicht annehmen, weil ich der Meinung bin, sie nicht verdient zu haben, auch wenn ich wieder und wieder versuche, mich vom Gegenteil zu überzeugen.
In drei Tagen ist Bens Beerdigung und ich weiß nicht wie ich es ertragen soll wieder an einem offenen Grab zu stehen und mich erneut von einem Familienmitglied zu verabschieden. Dieser Schmerz hört nie auf, das weiß ich und obwohl ich es inzwischen besser wissen sollte, kann ich mir im Moment auch nicht vorstellen jemals irgendwie damit leben zu können.
Das Monster hat mir so vieles genommen, dass mir sein schneller Tod manchmal ziemlich ungerecht erscheint.
Er hätte leiden müssen, so wie ich es mein ganzes Leben lang schon tue und tun werde.
Er hätte unsägliche Schmerzen verdient, so, wie er sie mir und euch zugefügt hat.
Doch ich habe mich gleichzeitig zum Richter und Henker aufgeschwungen, habe mich von meiner Wut übermannen lassen. Ich bereue das ... meistens.
Manchmal bin ich auch froh, dass es vorbei ist. Ich weiß nicht, ob ich mit der Gewissheit weiter leben könnte, dass sich das, was sich in meiner Wohnung abgespielt hat, jederzeit wiederholen könnte.
Wahrscheinlich ist es müßig sich darüber den Kopf zuzerbrechen. Er ist tot. Aus und Ende. Aber ich kann meine Gedanken nicht anhalten, kann mich nicht zwingen, an etwas anderes zu denken.
Er ist nachwievor sehr lebendig, wenn auch nur in meinem Kopf. Vielleicht hat er dadurch tatsächlich erreicht, was er immer wollte: Die Unsterblichkeit.
Ich wünsche mir, dass du nach vorne in die Zukunft blickst, dass sie dir so golden und verheißungsvoll erscheint, wie ich sie sehe.
Du hast Talent. Du bist ein unglaublicher Mensch. Ein Mann, wie ihn sich jede Frau an ihrer Seite nur wünschen kann.
Ich liebe dich. Auch wenn diese Liebe keine Zukunft und nur eine ziemlich kurze Vergangenheit hat.
Genau dies ist der Grund, warum ich dir nicht Lebewohl sagen konnte. Weil ich noch einen Abschied von einem Menschen, der mir soviel bedeutet nicht verkraften konnte.
Ich bin wohl feige, vielleicht auch schwach, aber ich bin nicht dumm. Ich weiß, wann ich besser gehen sollte ohne zurück zu schauen. Dies tue ich hiermit.
Ich werde dich niemals vergessen. Du hast einen Platz in meinem Herzen und meiner Seele.
Vergiss mich. Das ist der einzige Rat, den ich dir geben kann.
In Liebe
Paula
AJ lies die Blätter sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. Die Sehnsucht, die ihn mit ihren Worten überkommen hatte, war beinahe zuviel für sein überspanntes Nervenkostüm.
Er sollte sie vergessen? Wie stellte sie sich das vor? Glaubte sie, dass er so einfach seine Gedanken und Gefühle abstellen konnte?
Was sie jetzt wohl machte? So etwas wie Angst kroch in ihm hoch. War sie stark genug diesen Schmerz alleine zu überwinden?
Noch einmal las er den Brief, versuchte zwischen den Zeilen zu lesen und das Gefühl der Angst verstärke sich mit jedem ihrer Worte. Was hatte sie vor? Es gab wohl nur einen Weg, das heraus zu finden.