Kapitel 32

Seit Tagen wurden sowohl das Krankenhaus als auch das Hotel von der Presse und außer sich geratenen Fans belagert. Die kurzen Fahrten vom Hotel zum Krankenhaus wurden dadurch jedes Mal zu einer Tortour und alle sehnten den Tag herbei, an dem die Ärzte grünes Licht für Kevins Entlassung geben würden.
Er erholte sich Gott sei Dank recht gut. Die Wunde, die ihm das Monster beigebracht hatte, war tief und hatte die Schlagader nur knapp verfehlt, trotzdem hatte er große Mengen Blut verloren und war zu schwach, um das Bett auch nur für einige Minuten zu verlassen.
Die restliche Europatour war abgesagt worden und noch war nicht klar, ob sie die Konzerte nachholen würden. Auch wenn es unfair klang, doch niemand hatte wirklich Lust darauf, so schnell wieder in dieses Land zu kommen, in dem sie zwei ihrer besten Freunde verloren hatten.
Paula stand am Fenster des Warteraums und blickte in einen nebligen Morgen hinaus. Sie konnte verstehen, dass alle schnellstmöglich nach Hause wollten. Ihr wäre es wohl ähnlich ergangen, wenn sie nur gewußte hätte, wo ihr zu Hause eigentlicht war.
Sie hatte seit diesem verhängnisvollen Abend ihre Wohnung nicht mehr betreten. Sie konnte sich noch nicht einmal vorstellen, auch nur ein Stück daraus jemals wieder anzufassen. Sie hatte gleich am nächsten Tag eine Firma damit beauftragt, ihre Habseligkeien zu verkaufen, was sich als recht schwierig erwies, da die Polizei noch nicht die Freigabe erteilt hatte. Aber Paula konnte warten.
Eigentlich war ihr alles so ziemlich egal. Irgendetwas in ihr war an diesem Abend gestorben. Ihr Lebenswille, ihre Fähigkeit, sich auch an kleinen Dingen zu freuen, wie zum Beispiel Kevins voranschreitende Genesung oder die Herzlichkeit, mit der sich alle um sie kümmerten, waren ihr irgendwo unterwegs abhanden gekommen.
Sie fühlte sich leer, ausgebrannt, schuldig, verzweifelt, traurig, wütend ... und das alles zur selben Zeit.
Sie wohnte vorrübergehend in AJs Zimmer, hatte allerdings die Couch bezogen und sich auch von keinem seiner erst sanften und dann lautstarken Einwänden umstimmen lassen. Sie fühlte sich nicht mehr wohl in seiner Nähe, hasste es, wenn er sie berührte. Das galt im Übrigen für jeden Menschen, der ihr näher als einen Meter kam.
Sie konnte dieses Gefühl schlecht beschreiben. Diese Übelkeit, die in ihr aufstieg, wenn sie jemand flüchtig am Arm berührte, die Bauchschmerzen die sie empfand, wenn sie neben Kevins Bett saß und sich jemand einen Stuhl heranzog um sich neben sie zu setzen, das Gefühl des Eingesperrtseins, wenn sie morgens beim Frühstück saß und doch keinen Bissen herunter brachte.
Sie spürte die Veränderungen um sich herum mehr, als dass sie wirklich etwas gehört oder gesehen hätte. Kevin ging es besser und wenn nicht heute, dann würde er sicherlich morgen entlassen werden.
Dann würden sie alle nach Hause fahren und würden sie hier zurück lassen. Sie wußte noch nicht, was sie dann tun sollte, denn sie konnte schließlich nicht für immer im Hotel wohnen. Doch alleine die Vorstellung sich einen neue Wohnung zu suchen, die ganzen Anstrengungen, die damit verbunden waren, schreckten sie ab. Sie war im Moment einfach nicht in der Lage weiter als fünf Minuten in die Zukunft zu denken.
Sie spürte AJs Anwesenheit noch bevor er neben sie trat. „Die Ärzte sagen, dass wir Kevin morgen mit nach Hause nehmen können.“
„Gott sein Dank,“ seufzte sie und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei sich ihre Wunde am Arm mit einem leisen Brennen zu Wort meldete. Der Schnitt war nicht besonders tief gewesen und mittlerweile verdeckte nur noch ein Plaster den roten Striemen.
Am liebsten hätte sie auch noch einen Schritt zur Seite gemacht, doch sie wollte nicht schon wieder diesen verletzten Ausdruck in seinem Gesicht sehen, also zwang sie sich dazu stehen zu bleiben.
„Das Flugzeug ist schon gechartert und ... uhm ... wir haben auch für dich einen Platz reserviert.“
„Für mich?“ Paula sah ihn entgeistert an.
„Ja. Nur für den Fall ... naja ... wenn ich das richtig sehe, gibt es im Moment nicht sehr viele Möglichkeiten, wo du hin kannst und ... ,“
„Ich brauche keine Allmosen oder euer Mitleid,“ entgegnete sie heftig und machte nun doch einen Schritt zur Seite.
„Ich weiß,“ hörte sie AJ sagen und das leise Seufzen, das seinen Ausspruch begleitete entging ihr dabei auch nicht. „Aber wenn du mich ausreden lassen würdest könnte ich dir auch erklären, warum ich möchte, dass du mit mir kommst.“
„DU möchtest, dass ich mit dir komme?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und hasste sich für den spöttischen Unterton in ihrer Stimme.
„Ja, stell dir vor. Mir liegt sehr viel an dir. Ich hätte dich einfach gerne bei mir und ich glaube, dass dir eine Luftverändern gut tun würde. Raus aus dem Nebel und dem Regen rein in die Sonne. Meer, Strand, ein bißchen Ruhe. Das haben wir uns doch alle verdient, findest du nicht?“
Paula schüttelte entschieden den Kopf. „Nein. Ich bleibe hier.“
„War das ein „Nein, ich habe es nicht verdient“ oder ein „Nein, ich möchte nicht mit.“?“ Hakte AJ nach.
„Such’ dir etwas aus,“ schnaubte sie.
„Paula, hör’ zu. Ich weiß, wie du dich fühlst. Wirklich. Diese ganze Sache ist fuchtbar ... schrecklich und wir alle müssen irgendwie damit fertig werden. Denkst du denn wirklich es hilft dir irgendwie weiter, wenn du alle, denen du etwas bedeutest vor den Kopf stößt?“
„Vielleicht hätte ich das schon viel früher tun sollen,“ entgegnete Paula und streckte kämpferisch das Kinn vor. „Dann wäre das hier alles nicht passiert. Marcus, Lyn und Ben würden noch leben und ich würde mich nicht ...“ Sie brach abrupt ab. Eigentlich hatte sie „ ... mich nicht so schuldig fühlen“ sagen wollen, doch das wollte sei vor AJ nicht zugeben. Er würde doch nur wieder auf sie einreden und versuchen sie umzustimmen.
AJ schüttelte den Kopf. „Ich wünschte ich wüßte, wie ich dir helfen kann.“
„Ich brauche keine Hilfe, wann kapierst du das eigentlich?“ schnauzte sie ihn an, drehte sich auf dem Absatz herum und stürmte davon. Er sollte ihre Tränen nicht sehen, sollte nicht wissen, wie sehr es sie schmerzte, ihn zu verlieren. Aber das war doch schließlich von Anfang an klar gewesen. Oder etwa nicht?

Vorsichtig streckte sie wenig später den Kopf in Kevins Zimmer. Er war wach und lächelte ihr entgegen.
„Hey, komm’ rein,“ begrüßte er sie.
„Hallo. Ich habe gehört, dir geht es schon besser,“ sagte Paula, während sie die Tür hinter sich schloss und sich auf einen Stuhl neben seinem Bett fallen lies.
„Naja, Bäume kann ich noch keine ausreißen, außerdem sind wir Männer ja dafür bekannt, dass wir eher zu der jammernden Fraktion gehören, aber ansonsten geht es eigentlich ganz gut,“ grinste er.
„Das freut mich,“ nickte Paula und wußte dann nicht mehr, was sie sagen sollte.
Kevin unterbrach schließlich das unangenehm Schweigen. „Hat AJ dich schon gefragt, ob du mitkommst?“
„Ja, hat er.“
„Und?“
„Ich bleibe hier,“ entgegnet Paula bestimmt und presste dann die Lippen fest aufeinander.
„Aha,“ sagte Kevin und musterte sie aufmerksam. „Gibt es dafür einen bestimmten Grund?“ hakte er schließlich nach.
„Wahrscheinlich gibt es millionen davon.“
„Einer würde mir schon reichen.“
„Ich ... kann einfach nicht.“
„Das zählt nicht als Grund.“
Paula seufzte. Eigentlich hatte sie gehofft, diese Diskussion mit AJ abgehakt zu haben. Dass aber auch jeder, der auch nur im entferntesten mit den Backstreet Boys zu tun hatte so härtnickig sein mußte.
„Ich kann nicht mit AJ zusammenleben,“ sagte sie also.
„Dann ziehst du eben zu mir,“ entgegnete Kevin sofort.
„Ja klar. Kristin wird sich sicherlich freuen,“ sagte Paula sarkastisch.
„Im Ernst. Ich denke, es tut dir ganz gut hier mal raus zu kommen.“
„Hast du dich mit AJ abgesprochen?“ fragte Paula misstrauisch.
„Nein. Aber es ist doch offensichtlich. Das alles hat dich wahrscheinlich von uns allen am meisten mitgenommen.“
„Und warum glaubst du, würde es mir ausgerechnet mit euch besser gehen? So werde ich doch jeden Tag daran erinnert, was passiert ist. Ich sehe vor mir, wie das Monster auf dich und Nick losgeht, ich sehe Lyn und das viele Blut und ... ,“ Paula atmete heftig und konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. So weit hatte sie gar nicht gehen wollen.
„Ich weiß, wie du dich fühlst,“ sagte Kevin sanft und legte ihr eine warme Hand auf den Arm. „Und AJ weiß das auch und Nick auch. Wir haben das zusammen durchgemacht und sind davongekommen. Was spricht also dagegen es auch zusammen hinter uns zu lassen?“
„Ich kann nicht,“ wiederholte Paula und entzog Kevin ihren Arm.
Kevin seufzte. „Du bist eine harte Nuß.“
„Ja, war ich schon immer,“ entgegnete Paula ohne nachzudenken und schüttelte dann den Kopf. „Nein, stimmt nicht. Früher war ich ... anders.“
„Ich weiß,“ nickte Kevin. „Und ich würde alles dafür geben wenn ich dir dabei helfen könnte wieder das lustige, unbeschwerte Mädchen zu werden. Aber du lässt mich ja nicht.“
„Dabei kann mir niemand helfen. Nicht du und auch nicht AJ. So sehr ich es mir auch wünsche, aber es hat keinen Sinn. Ich kann es noch nicht einmal ertragen, wenn er in meiner Nähe ist, wie soll ich dann bitte schön die nächsten Wochen mit ihm verbringen?“
„Wie gesagt, das Angebot steht. Ich habe viel Platz auf meiner Farm in Kentucky. Ich könnte dir das Reiten beibringen und Kristin würde sich sicherlich über Besuch freuen.“
„Wo ist sie überhaupt? Wollte sie nicht schon längst hier sein?“ versuchte Paula von diesem Thema abzulenken.
„Sie kommt nachher und ich freue mich schon riesig. Auch wenn der Anlass nicht gerade ... nunja ... erfreulich ist. Aber ich vermisse sie wie wahnsinnig.“
„Das kann ich mir vorstellen. Also gut ... uhm ... ich werde dann mal wieder.“
„Versprich mir, dass du es dir noch einmal überlegen wirst,“ bat Kevin.
„Die Entscheidung ist schon längst gefallen. Tut mir leid.“
„Du tust ihm damit ganz schön weh, das ist dir klar, oder?“
Paula senkte den Blick. „Er hat etwas besseres als mich verdient Kev.“
„Das ist nicht wahr und das weißt du auch,“ entgegnet Kevin bestimmt.
„Lassen wir das einfach,“ winkte Paula ab und erhob sich.
„Sehen wir uns morgen?“
„Ich denke nicht.“
„Du willst dich also auch vor dem Abschied drücken?“
„Nicht direkt drücken. Ich bin einfach nicht sehr gut darin und es ist für alle Beteiligten besser so.“
Kevin schüttelte den Kopf. „Wenn ich einigermaßen gut zu Fuß wäre, würde ich dich jetzt übers Knie legen und so lange auf dich drauf hauen, bis ich dich vom Gegenteil überzeugt hätte.“
„Gewalt ist auch keine Lösung,“ entgegnete Paula ernst, beugte sich dann zu Kevin hinunter und hauchte ihm einen Kuß auf die Wange. „Mach’s gut und werde mir wieder ganz gesund.“
„Versprochen. Und du denk bitte daran, dass wir jederzeit für dich da sind, in Ordnung? Ein Anruf genügt und wir sind alle sofort zur Stelle.“
„Klar,“ nickte Paula und glaubte kein Wort davon. Wenn die Backstreet Boys erst einmal Deutschland verlassen hatten, wäre sie nur noch ein Gesicht, das zu einer schrecklichen Erinnerung gehörte, die man lieber aus seinem Gedächtnis strich.
„Alles Gute,“ sagte Paula und wandte sich dann von dem Bett ab.
„Hey, bekomme ich wenigstens noch eine Umarmung zum Abschied?“ beschwerte sich Kevin.
Paula drehte sich herum und blickte auf ihn hinunter. „Aber nur ausnahmsweise,“ entgegnte sie und beugte sich zu ihm hinunter. Vorsichtig drückte sie ihn an sich, versuchte das Gefühl von Geborgenheit zu genießen, das er ihr immer vermittelt hatte und richtete sich auf. Seine Augen waren genau so verräterisch feucht wie ihre eigenen, doch sie lächelten tapfer.
„Mach’s gut Paula.“
„Du auch.“
Dann drehte sie sich auf dem Absatz herum und verließ Kevins Zimmer. Das war es also. Das Ende von Paula Sommer und den Backstreet Boys. So schmerzhaft hatte sie sich das gar nicht vorgestellt.

Kapitel 33