Kapitel 31

AJ versuchte nicht auf seinen dröhnenden Schädel zu achten, während er der Polizistin nachsah, die ihn bis eben über sämtliche Details dieses Abends ausgefragt hatte und nun in den hinteren Teil des Eisenbahnwaggons verschwand. Nachdem die Polizei Paulas Wohnung gesichert hatte, hatten sie sie nacheinander aus der Wohnung und hier her geführt. Kevin wurde sofort mit Blaulicht und Martinshorn in das nächste Krankenhaus gefahren, doch er, Nick und Paula waren erst einmal notdürftig verarztet worden, was eine ordentliche Beruhigungsspritze mit einschloss.
Das Innere des Eisenbahnwaggons hätte gemütlich wirken können, wenn die schrecklichen Ereignisse der letzten Stunden nicht so schwer auf ihren Seelen gelastet hätten. Die alten Bänke waren herausgerissen und durch gepolsterte, bequemere Sitzmöbel ersetzt worden. Zwei Bänke standen sich jeweils gegenüber und dazwischen war eine Tischplatte an die Wand geschraub. Am hinteren Ende befand sich die Küche, die mit einer chromglänzenden Theke vom restlichen Waggon abgetrennt worden war.
Jo, der Besitzer dieses ungewöhnlichen Imbisses, war ein freundlicher, runder Mann von Mitte fünfzig mit einer dröhnenden Stimme und einem offnen, freundlichen Lächeln, das allerding sofort verschwand, als er den Grund erfuhr, warum die Polizei ausgerechnet in seinen Laden gestürmt kam. Er hatte sofort sämtliche seiner Kunden hinausgeworfen und frischen Kaffe aufgesetzt. Die Sandwiches, die auf einer großen Platte auf der Theke standen, hatte allerdings keiner von ihnen angerührt.
Mit einem leisen Stöhnen betastete AJ die Beule auf seiner Stirn. Als er zusammen mit dem Monster zu Boden gestürzt war, hatte er sich den Kopf am Bettrand angeschlagen und war sofort in tiefe Bewußtlosigkeit gesunken. Er kam erst wieder zu sich, als die Polizei bereits Paulas Wohnung erreicht hatte. Das erste, an das er sich nach dem Aufwachen erinnerte, waren Paulas Arme, die ihn umschlugen hielten und ihr abwesender Blick, der ruhelos durch die Wohnung huschte, dabei aber nicht zu finden schien, wonach sie suchte.
Er hatte versucht sie anzusprechen, mit ihr zu reden, doch sie hatte ihn angesehen, als hätte sie keinen blassen Schimmer, wer er eigentlich war und was sie hier taten.
Nun saß sie einige Bankreihen von ihm entfernt mit dem Rücken zu ihm, in eine warme Decke gehüllt und starrte aus dem Fenster. Auch sie war von einem Polizisten befragt worden, doch so wie es von AJs Platz aus ausgesehen hatte, konnte oder wollte sie mit niemandem reden.
Er warf einen kurzen Blick hinter sich. Nick saß ein Stück von ihm entfernt und hielt einen dampfenden Becher Kaffe mit beiden Händen umfasst. Seine Lippe war angeschwollen und von getrockenetem Blut verkrustet, ein großes, weißes Pflaster zierte seine Wange und er wirkte unnatürlich blass. Er war gerade dabei die Geschehnisse dieses Abends einem älteren Polizisten in Zivil zu erzählen und AJ wollte sie dabei nicht stören.
Wieder warf er einen Blick zu Paula hinüber. Sie wirkte verloren, wie sie dort so einsam auf der Bank saß und nach draußen starrte. Unter einiger Anstrengung stemmte AJ sich in die Höhe und schlurfte die paar Schritte zu ihr hinüber. Neben ihrer Bank blieb er stehen und deutete auf den freien Platz neben ihr.
„Darf ich?“ fragte er, doch er bekam keine Antwort. Es schien sogar, als hätte sie ihn gar nicht gehört.
„Ich werte das mal als ja,“ sagte er und lies sich vorsichtig neben ihr nieder.
Für einen Moment blieb er ruhig neben ihr sitzen, wartete – oder hoffte – dass sie ihn bemerken und mit ihm reden würde, doch nichts geschah. Sie zeigte ihm weiterhin die kalte Schulter. Ihr bleiches Gesicht spiegelte sich in der Fensterscheibe und keine Gefühlsregung war davon abzulesen.
„Wie fühlst du dich?“ versuchte er es erneut, doch bekam auch diesmal keine Antwort.
Seufzend fuhr er sich durch das Haar und zuckte zusammen, als er dabei die Beule berührte. Das alles kam ihm vor wie ein schrecklicher Albtraum. Ein verrückter Massenmörder, der sie endlos lange Stunden in seiner Gewalt gehabt hatte. Ein Monster, das zwei seiner Freunde ohne mit der Wimper zu zucken getötet hatte. Als er an Marcus’ und Lyns reglose Körper dachte schloss er für einen Moment die Augen. Tränen brannten darin und er schluckte hart. Er durfte jetzt nicht daran denken. Noch nicht. Die Verzweiflung würde kommen, doch im Moment mußte er sich um Paula kümmern.
Ein erneuter Blick zu ihr hinüber lies ihn überrascht zusammenzucken. Sie hatte sich von der Scheibe abgewandt und starrte ihn nun aus großen, leeren Augen an.
„Hey,“ sagte er leise.
„Ich habe ihn umgebracht,“ flüsterte sie mit blutleeren Lippen.
„Ja, ich weiß. Und das war das einzig richtige, was du tun konntest. Du ... ,“
„Ich habe sie alle umgebracht,“ redete sie weiter, als hätte sie ihn gar nicht gehört. „Marcus, Lyn und ... und ... Ben. Ich habe sie getötet.“
„Nein Paula,“ sagte er erschrocken und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Du konntest doch nichts dafür. Das Monster hat ... ,“
„NEIN,“ entgegnete sie heftig und versuchte von ihm abzurücken. „Ich bin schuld daran. Er wollte doch nur mich.“ Tränen quollen aus ihren Augenwinkeln und rannen über ihre Wangen.
„Aber du hättest es nicht verhindern können,“ sagte AJ leise und strich ihr sanft über die Wange.
„Doch! Ich hätte ... ich hätte ... ,“ sie suchte offensichtlich nach Worten. Die Tränenflut schien gar nicht mehr aufhören zu wollen, doch sie weinte lautlos. So, als überstiege selbst ein Schluchzen ihre Kräfte.
„Du hättest nichts tun können,“ widerholte AJ eindringlich. „Es ist nicht deine Schuld. Das Monster hat sie getötet. Er ist ein böser Mensch, ein Monster. Du konntest nichs tun.“
„Aber ... ,“ ihre Unterlippe begann zu zittern und ihre großen Augen suchten seine.
„Ich weiß Baby, ich weiß,“ sagte er leise und zog sie an sich.
Ihre Schultern begannen zu zittern und sie barg den Kopf an seinem Hals.
„Ich weiß,“ widerholte er leise und strich ihr zärtlich über das Haar. In seinem Hals formte sich ein Klos so groß wie ein Fußball, während er immer weiter beruhigend auf sie einredete.
„Es tut mir so leid,“ hörte er sie flüstern.
„Das weiß ich doch. Und die anderen wissen es auch.“
Nach einer ganzen Weile versiegten schließlich ihre Tränen und nachdem sie sich noch einen Moment an ihn gekuschelt hatte, richtete sie sich schließlich auf. Mit fahrigen Bewegungen wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und zog geräuschvoll die Nase hoch.
„Was ist mit Kevin?“ fragte sie dann und starrte dabei auf ihre gefalteten Hände hinunter.
„Sie haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Wir werden nachher nach ihm sehen. Drew und ein paar andere sind bei ihm.“
Erst jetzt schien Paula so richtig aufzugehen, wo sie sich eigentlich befanden. Ruckartig fuhr sie herum und blickte sich mit großen Augen um.
„Warum ... ich meine ... warum ist hier noch niemand von euren Leuten?“ fragte sie.
„Die Polizei hat sie noch nicht zu uns gelassen. So weit ich gehört habe sitzen sie draußen im Auto und versuchen nicht zu erfrieren.“
AJ folgte Paulas Blick. Sie starrte zu Nick hinüber, der soeben seinen Bericht beendet hatte. Der Polizist schlug ihm noch einmal auf die Schulter, erhob sich dann und strebte dem Ausgang zu. Nick zog die Wolldecke fester um sich, stand dann auf und kam zu ihnen herüber.
„Hey ihr zwei,“ sagte er und schob sich auf die Bank ihnen gegenüber.
„Hey Kleiner. Alles in Ordnung bei dir?“ fragte AJ.
„Geht so. Ich fürchte, ich habe den Kater meines Lebens. Zumindest fühlt sich mein Kopf so an und wenn ich nicht ganz daneben liege, ist meine Nase gebrochen. Was wiederum gar nicht so schlimm ist. Ich habe gehört, Mädchen stehen auf sowas.“
Ein flüchtiges Lächeln huschte über AJs Gesicht. Er kannte seinen Freund zu gut um nicht zu erkennen, dass sein aufgesetztes Lächeln seine Augen nicht erreichte und das sich ein unausprechliches Grauen in die feinen Linien seines Gesichts gegraben hatten, aber das war wohl Nicks Art, mit dem hier fertig zu werden. Sie würden sich später in aller Ruhe unterhalten.
„Es tut mir so leid,“ sagte Paula leise und wagte es nicht, Nick direkt anzusehen.
„Hey, du kannst doch überhaupt nichts dafür. Dieses Schwein, dieser ... Psychopath ist an allem Schuld. Und er hatte den Tod verdient.“
„Du hast gesagt, ich soll es nicht tun,“ sagte Paula beinahe flüsternd. „Vielleicht hattest du recht.“
„Nun jaaaa,“ entgegnete Nick gedehnt. „Man sollte nicht immer auf das hören, was ich von mir gebe. Um ehrlich zu sein, und das sage ich euch beiden nur im Vertrauen, denn eigentlich bin ich ja ein guter Christ, aber ich sage euch ... der Wichser hat das bekommen, was er verdient hat. So!“
Paula sah nicht so aus, als hätten sie diese Worte in irgendeiner Weise beruhigt. Sie war weiterhin unnatürlich blass und in ihren Augen lag etwas Gehetztes, etwas Dunkles, das AJ ängstigte. Er hoffte, dass sie alle irgendwie unbeschadet aus dieser Nummer heraus kamen, doch gerade bei Paula war er sich da gar nicht so sicher.

Kapitel 32