Kapitel 30
Wie hatte dieser Pisser, dieses Nichts, dieser Niemand ihn so überrumpeln können? Das Monster konnte es einfach nicht fassen. Er hatte schon wieder einen Fehler gemacht. Und wieder war diese kleine Schlampe daran schuld. Ihre großen runden Augen, ihre feingliedrigen Hände, ihr Puppengesicht, ihre angenehme Stimme ... das alles hatte ihn eingelullt, ihn kurzzeitig in eine Welt gezogen, in der alles möglich war. Er hatte sich sogar mit dem Gedanken getragen, sie noch eine Weile am Leben zu lassen, sich mit ihr zu unterhalten, sich vielleicht noch ein wenig mit ihr zu amüsieren, immerhin hatte er die letzten 20 Jahre in einer geschlossenen Anstalt verbracht und so etwas wie Sex hatte es dort nicht gegeben.
Und jetzt? Jetzt lag er wie ein Tier am Boden, dieser blonde Wichser und die kleine Schlampe kümmerten sich um den Pisser und ihm war unglaulich kalt. Als er versuchte sich zu bewegen, spürte er die scharfe Kante der Scherbe, die sich in seinen Bauch gebohrt hatte, als er von den Füßen gerissen wurde und ungebremst auf dem Boden aufschlug. Er spürte, wie das Leben langsam aus ihm heraus ströhmte, fühlte das warme Blut, das sich unter ihm sammelte und sich mit dem Blumenwasser und dem süßen Duft der Rosen vermischte.
Seine Hand, die immer noch unter dem Bett verborgen war, umklammerte das Gemüsemesser. Noch war er nicht tot. Noch hatten sie nicht über ihn gesiegt.
Wir sollten ihn fesseln, hörte er die kleine Schlampe sagen.
Das mache ich, entgegnete Blondi und gleich darauf hörte das Monster schnelle Schritte, die sich entfernten und dann das Rascheln des Rucksacks, als er darin nach den Kabelbindern suchte.
Gut. Sollte Blondi nur kommen, er würde ihm eine nette Überraschung bereiten.
Das Monster hielt die Luft an, als der Blonde sich ihm näherte. Er spürte, wie sein Arm auf den Rücken gedreht wurde und das leise Knurren des Mannes über ihm. Na, wie gefällt dir das Arschloch?
Ein Knie bohrte sich schmerzhaft in sein Kreuz und das Monster beschloss, dass es nun Zeit zum Handeln war.
Er fasste den Griff des Messers noch etwas fester, zählte langsam bis drei und lies seinen Arm ohne Vorwarnung unter dem Bett hervorschnellen. Das Monster lag in einer ungüstigen Ausgangsposition, denn der Wichser kniete über ihm und so lange er mit dessen Knie auf den Boden genagelt war, konnte er ihn nicht erreichen. Doch das stellte für das Monster erst einmal kein größeres Problem dar.
Blondi war scheinbar so überrascht, dass das Monster bei Bewußtsein war, dass er erst reagierte, als es schon zu spät war. Das Monster rollte sich mit einem kraftvollen Stoß herum und katapulierte damit Nick von sich herunter. Blitzschnell hatte er sich auf ihn geworfen und kniete nun mit einem triumphrienden Grinsen über ihm. Nick versuchte sich zu wehren, trat nach ihm und packte mit beiden Händen seinen Arm um zu verhindern, dass das Monster ihm das Messer geradewegs ins Auge rammte.
Das Monster hörte wie durch einen Nebel Schreie um sich herum, etwas hartes traf seine Schulter, doch er schüttelte den Schmerz und das taube Gefühl ab, als hätte ihn lediglich eine Mücke gestochen. Seine gesamte Wut und sein Hass richteten sich auf dieses Milchgesicht unter ihm, das mit panischem Blick versuchte, das Messer von seinem Gesicht fernzuhalten.
Na, wie ist das Arschloch, hä? kreischte er. Gefällt dir das? Wichser!
Millimeter um Millimeter senkte sich die Spitze des Messers auf Nicks Auge hinunter.
Ist wahrscheinlich nicht so lustig blind zu sein, aber tröste dich, stieß das Monster zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor es wird nicht für lange sein. Tote müssen nichts sehen.
Nicks Augen wurden noch größer und er versuchte verzweifelt sein Gesicht außer Reichweite zu bringen, doch das konnte das Monter nicht aufhalten. Nur noch zwei Zentimeter und er würde diesen Möchtegern Popstar aufspießen wie eine lästige Fliege.
In diesem Moment hörte er einen ohrenbetäubenden Knall und im selben Moment durchfuhr das Monster ein brennender Schmerz. Da waren plötzlich frische Blutspritzer auf dem Gesicht des Wichsers unter ihm und sämtliche Kraft schien aus seinem Körper zu entweichen.
Was ... , murmelte er verständnislos und konnte nicht verhindern, dass Nick ihm einen Stoß gab, der ihn zur Seite fallen lies, und sich unter ihm hervor kämpfte.
Auf dem Rücken liegend starrte das Monster an die Decke, es fiel ihm schwer Luft zu holen, ein Rauschen wie von einem kaputten Radio hatte sich seines Gehirns bemächtigt und sein gesamter Körper fühlte sich wie gelähmt an.
Plötzlich erschien Paulas blasses Gesicht über ihm.
Hast du wirklich gedacht, du könntest einfach so meine Freunde umbringen? fragte sie mit Eiseskälte in der Stimme.
Das Monster wollte antworten, doch seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr.
Hast du gedacht, du kämst mit dem Mord an meinen Eltern davon?
Sie holte aus und trat ihm kräftig in die Seite. Doch er spürte dies schon gar nicht mehr. Das Leben zerran ihm zwischen den Fingern, die er auf seinen Bauch und Brustkorb drückte, wo zum einen immer noch die Scherbe herausragte und zum anderen ein großes Loch von der Kugel klaffte, die Paula auf ihn abgefeuert hatte.
In einem Punkt hattest du recht, sagte sie wir bringen heute das zu Ende, was vor 20 Jahren begonnen hat.
Er hörte Nick noch rufen. Nicht Paula. Tu es nicht! Doch es war bereits zu spät.
Er sah noch, wie sie die Waffe hob, doch der darauf folgende Knall war nur noch ein leichtes Klingeln in seiner Erinnerung. Der letzte Atemzug verließ seine Lungen, dann wurde es für immer still um ihn.