Kapitel 29

Als Paula die Augen öffnete wußte sie im ersten Moment nicht wo sie sich befand oder was passiert war. Um sie herum schien die Welt in dicken Nebelschwaden verborgen zu sein und als sie versuchte sich zu bewegen stellte sie mit Entsetzen fest, dass sie dies nicht konnte.
Eine Stimme sprach zu ihr, doch sie konnte die Worte nicht richtig verstehen.
„Wo bin ich? Was ist ... ,“ setzte sie an, dann schob sich ein Gesicht über sie und sie zuckte zurück.
Die Ereignisse der letzten Stunden stürmten auf sie ein und nur mit Mühe konnte sie einen Aufschrei unterdrücken.
„Hallo Paula,“ sagte das Monster und beinahe hätte sie ihm das freundliche Lächeln abgekauft. „Es ist gut, dass du aufgewacht bist. So können wir beide bewußt erleben, auf was wir 20 Jahre gewartet haben.“
Das Monster machte sich an ihrem Arm zu schaffen, bog ihn über ihren Kopf und schmerzhaft schlugen ihre Finger gegen das hölzerne Bettgestell. In dem Moment, in dem sie erkannte, was das Monster mit ihr vorhatte begann sie sich aufzubäumen.
„Nein!“ rief sie, versuchte dem Monster ihre Hand zu entziehen, während sie mit der anderen auf sein Gesicht einschlug.
Doch ihre Kräfte waren noch nicht wieder vollständig zurückgekehrt und so war es für das Monster nicht schwierig ihre Schläge abzuwehren und ihre Hand mit einem der weißen Kabelbinder an das Bett zu fesseln.
„Wehr dich nicht,“ sagte das Monster beinahe sanft. „Du kannst es nicht ändern. Du wirst mit deinem Blut meine Unsterblichkeit besiegeln und nichts und niemand kann mich aufhalten. Übrigens genau so, wie unser gemeinsamer Freund Ben. Er hat um Gnade gewinselt, als ich ihn tötete, doch hat ihm auch nicht geholfen.
Für zwei endlos erscheinenden Sekunden starrte Paula zu dem Monster auf, während ihr Verstand noch versuchte zu begreifen, was das Monster ihr eben mitgeteilt hatte. Ben war tot? Ben war tot!
„Neiiiiiin,“ schrie Paula und begann zu weinen. „Das ist nicht wahr. Sag, dass das nicht wahr ist. Das ist nicht ...“ Und dann verstummte sie plötzlich, als ihre Augen etwas erblickten, was sich ihr Gehirn weigerte zu glauben.
AJ tauchte plötzlich hinter dem Monster auf, über seinem Kopf hielt er die Bodenvase, die sie von einem Urlaub aus Thailand mitgebracht hatte. Das Blumenwasser rann ihm über Gesicht und Oberkörper, auf seiner Schulter lag noch eine der weißen Rosen, die bis vor kurzem in der Vase gesteckt hatten, Blut rann seine Arme hinunter und seine Augen blitzen mordlüstig.
Mit ungeheurer Wucht sauste die Vase herunter, gerade in dem Moment, als dem Monster aufzugehen schien, dass ich hinter seinem Rücken etwas abspielte, mit dem er nie und nimmer gerechnet hatte. Doch es war bereits zu spät.
Mit einem ekelerregenden Laut traf die harte Keramikvase auf den Kopf des Monsters. Überraschung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, bevor die Vase mit lautem Krachen in drei Teile zerbrach und zu Boden fiel.
Das Monster schwankte noch einen Moment, seine Hände tasteten hilflos in der Luft nach etwas, an dem er sich festhalten konnte. Dann riss ihn AJ von den Füßen und gemeinsam schlugen sie in Mitten der scharfkantigen Scherben auf dem Boden auf.
Für einen Moment lag Paula noch wie benommen auf dem Bett. Unzusammenhängende Gedankenfetzen trieben durch ihr Gehirn. Nichts was sie wirklich fassen konnte, aber genug um die Verzweiflung und Panik endgültig zurück zu drängen und einer maßlosen Wut Platz zu machen.
Mit der freien Hand griff Paula nach den Fesseln, die ihren Arm am Bett festhielt. Das Monster hatte nicht mehr die Zeit gehabt kräftig zuzuziehen und so fiel es Paula leicht, diese abzustreifen.
Sie setzte sich auf um auch ihre Füße zu befreien, während es vor ihrem Bett, wo das Monster und AJ liegen mußten, unheimlich still geworden war. Hektisch riss sie an ihren Fesseln und schnitt sich dabei sowohl in ihre Fußgelenke als auch in die Finger, konnte sich aber nicht befreien.
Frustriert warf sie sich zurück und tastete mit der Hand nach ihrem Nachtisch. Mit zitternden Fingern schaffte sie es nach dem dritten Versuch die Schublade aufzuziehen und hektisch durchwühlte sie den Inhalt.
Irgendwo mußte doch ... Sie hatte sie das letzte mal doch ... Bestimmt war sie da ... Es mußte einfach ...
In diesem Moment schlossen sich ihre Finger um die kleine Nagelschere und erleichtert zog sie ihre Hand aus der Schublade, richtete sich auf und mit zwei schnellen Schnitten durchtrennte sie die Fußfesseln. Sie schwang die Beine über die Bettkante, richtete sich auf und plumbste sofort zurück auf ihren Allerwertesten. Ihr war furchtbar übel und die Welt um sie herum begann sich beinahe augenblicklich zu drehen.
„Reiß dich zusammen,“ murmelte sie und kniff für einen Moment die Augen zusammen. Als sie sie wieder öffnete war zumindest die Übelkeit ein wenig erträglicher geworden.
Erneut versuchte sie auf die Füße zu kommen. Mittlerweile beseelte sie nur noch ein Gedanke: Sie mußte wissen, was mit AJ los war. Warum war er so ruhig? Warum rührte sich nichts mehr vor ihrem Bett?
Beim dritten Versuch klappte es schließlich. Schwankend stand sie vor dem Bett und hielt sich am Bettpfosten fest.
Mit kleinen, vorsichtigen Schritten ging sie um das Bett herum. Ihre Socken wurden vom Blumenwasser durchtränkt und sie achtete nicht auf die kleinen Splitter, die sich schmerzhaft in ihre Fußsohlen bohrten. Alles was sie wollte, war endlich Gewissheit zu haben.
Zu erst tauchten zwei Paar Schuhe auf, die Hosenbeine darüber waren durchnässt, nichts rührte sich.
Paula merkte nicht, wie ihr die Tränen über die Wange liefen. Sie mußte es wissen. Jetzt!
Ein weiterer Schritt gewährte ihr endlich freie Sicht auf den Boden vor ihrem Bett. AJ lag reglos auf dem Monster, die Arme immer noch um seinen Brustkorb geschlungen. Das Monster lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, eine Hand war unter dem Bett verschwunden, die andere lag zwischen den Scherben und aus einer Wunde aus seinem Unterarm quoll Blut.
Schnell lies sie sich neben den beiden in die Hocke und drehte AJs Gesicht zu sich.
„AJ?“ fragte sie mit zitternder Stimme, doch sie bekam keine Antwort. Zitternd atmete sie ein. Sie mußte ihn von dem Monster herunter bekommen, aber sie wußte, dass ihre Kräfte dafür nicht ausreichen würden.
„Paula! Hilf mir!“ hörte sie es plötzlich hinter sich und als sie herumfuhr sah sie Nick, der sich bereits auf die Knie gestemmt hatte und ein Stück in ihre Richtung krabbelte. Sein Gesicht war Blut verschmiert, sein Haar hing ihm wirr ins Gesicht und seine Hände waren immer noch auf seinem Rücken gefesselt.
„Ich komme,“ entgegnete sie, strich AJ noch einmal zärtlich über die Wange und flüsterte „ich bin gleich wieder da.“
Dann richtete sich sie auf, nahm die Schere vom Bett und eilte zu Nick hinüber. Schnell hatte sie ihn von den Fesslen befreit und half ihm dann beim Aufzustehen. Sie versuchte nicht zu genau zu Marcus oder Lyn hinüber zu sehen, sonst wäre sie vielleicht erstarrt und hätte es nicht mehr geschafft sich auch nur noch einen Millimeter zu bewegen.
Schnell trat sie auf Kevin zu, der leichenblass in den Kissen des Sofas lag und beunruhigend flach atmete. Auch seine Fesseln durchtrennte sie mit der Nagelschere, legte dann seine Füße auf das Sofas und schob ihm noch ein Kissen unter den Kopf. Die Wunde an seinem Arm hatte aufgehört zu bluten, doch sein gesamtes Hemd war inzwischen blutdurchtränkt.
„Wir holen dich hier raus,“ flüsterte sie, was Kevin lediglich mit einem angedeuten Nicken quittierte.
Nick war inzwischen zum Bett hinüber gegangen und sie sah erleichtert, wie er AJ vorsicht von dem Monster herunter zog. Er versuchte ihn hochzuheben, doch das schien seine Kräfte zu übersteigen.
„Warte, ich helfe dir,“ rief Paula und beeilte sich, Nick zu Hilfe zu kommen.
Der Spuk war vorbei. Sie würden das Monster fesseln und die Polizei alarmieren. Sie hatten es geschafft!
Paula erlaubte sich einen kurzen Moment des Glücks und der Genugtuung, der sofort von dem unvorstellbar schmerzlichen Gedanken an Bens Tod hinweggespült wurde, dann trat sie zu Nick, fasste nach AJs Füßen und gemeinsam legten sie ihn vorsichtig auf das Bett. Immernoch war er nicht bei Bewußtsein.

Kapitel 30