Kapitel 28
AJ lag mit dem Gesicht zum Boden und versuchte das Grauen zurück zu drängen, das jede Sekunde etwas mehr von seinem Denken einzunehmen schien.
Marcus ist tot. Immer wieder drehte dieser Satz Kreise in seinem Kopf. Sein langjähriger Freund, sein Begleiter in all der Zeit, in der die Backstreet Boys die Welt erobert hatten, der Mann, der niemals von seiner Seite gewichen, der in den dunkelsten Stunden seines Lebens für ihn da gewesen war, genau dieser Mann sein Freund lag irgendwo hinter ihm auf dem Boden und atmete nicht mehr.
Am liebsten wäre er auch gestorben, hätte er sich der erlösenden Dunkelheit hingegeben und damit alles hinter sich gelassen: Dieses Chaos in das sie so unvermittelt hineingestolpert waren, den Schmerz über den Verlust seines Freundes, die Angst um Kevin und Nick, die wie seine Brüder waren und die in höchster Gefahr schwebten, und um Paula, auf die es das Monster eigentlich abgesehen hatte und deren Angst, mit der sie all die Jahre gelebt haben mußte, er nun das erste Mal wirklich verstand.
Hilflos mußte er mit anhören, wie um ihn herum das Chaos ausbrach. Kevins Schrei mischte sich mit Lyns Flehen, sie nicht zu töten, gleichzeitig war da Nicks Stimme, der versuchte das Monster dazu zu bewegen aufzuhören. Dann mischte sich Paula ein und alleine der Klang ihrer Stimme lies Erleichterung über ihn hinweg spülen. Er war sich nicht sicher gewesen, ob sie überhaupt noch lebte, nachdem das Monster sie erneut von den Füßen gefegt hatte.
Lyns Geschrei war inzwischen lauter geworden und als es dann urplötzlich abbrach mußte AJ einen Schrei unterdrücken. Er konnte nur erahnen, was das Monster mit ihr angestellt hatte, aber seine Fantasie malte ihm Bilder von solcher Grausamkeit, dass er heftig schlucken und sich dazu zwingen mußte ruhig liegen zu bleiben.
Plötzlich war es unheimlich still geworden. Er hörte Kevins leises Schluchzen, aber von Nick, Paula und Lyn fehlte jedes Lebenszeichen. Angst grub sich in seine Eingeweide, sein Herz klopfte, als wolle es ihm gleich aus der Brust springen und gleichzeitig wagte er kaum zu atmen. Wenn das Monster entdeckte, dass er bei Bewußtsein war, war alles aus.
Er hörte die schweren Schritte des Monsters auf dem Dielenboden und sein undeutliches Gemurmel. ... aber niemand hört auf mich. Ich werde ihnen zeigen ... haben doch keine Ahnung ... ich bin das Monster ...
Die Schritte hielten inne, dann hörte AJ das Rascheln von Stoff und gleich darauf, wie sich ihm jemand näherte. Er versuchte flach und langsam zu atmen, hielt die Augen geschlossen und betete, dass das Monster nicht beschlossen hatte, sich jetzt um ihn zu kümmern.
Doch das Monster ging an ihm vorbei, weiter in den Raum hinein. Vorsichtig öffnete AJ seine Augen einen Spalt breit und sah gerade noch, wie das Monster Paulas regungslosen Körper auf dem Bett ablegte. Augenscheinlich war das Monster voll und ganz mit ihr beschäftigt, so dass AJ es das erste Mal wagte, ein wenig an seinen Fesseln zu ziehen. Sie waren eng und das scharfkantige Plastik schnitt ihm fast augenblicklich in die weiche Haut seiner Handgelenke.
Vorsichtig drehte er die Hände gegeneinander, zog immer wieder an dem Plastik, das sich jedoch keinen Millimeter zu bewegen schien. Doch er dachte garnicht daran jetzt aufzugeben.
Die Augen fest auf das Monster gerichtet, der sich zu Paula auf die Bettkante gesetzt hatte und reglos auf sie hinunter starrte, zog er immer wieder an dem Kabelbinder. Er fühlte, wie warmes Blut an seinen Handgelenken hinab lief und über seine Fingerspitzen langsam auf seinen Rücken tropfte. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen und er blinzelte immer wieder heftig und mit zusammen gebissenen Zähnen.
Er durfte das Monster nicht aus den Augen lassen.
Er mußte sich von diesen Fesseln befreien.
Er mußte sie alle retten.
Das Blut bedeckte seine Handgelenke mit einem glitschigen Film und er spürte, wie er ganz langsam und Stück für Stück die Fesseln weiter hinunter schieben konnte. In seine unbändige Angst mischte sich plötzlich ein neues Gefühl. So etwas wie Triumpf. Hoffnung.
Erneut biss er die Zähne zusammen, als das Plastik ein weiteres Stück nachgab. Nur noch ein kleines Stück dachte er. Nur noch ein paar Millimeter und ich bin frei.
Und dann plötzlich steckte er fest. Der Kabelbinder gab keinen Deut mehr nach. Panik stieg in ihm auf. Er riss und zerrte an seinen Fesseln und achtete dabei nicht auf den Schmerz, der in roten, heißen Wellen über ihn hinwegrollte. Wenn er kurz inne gehalten und nachgedacht hätte, dann wäre ihm wohl sofort eingefallen warum sich die Fesseln nicht mehr weiter bewegten, aber so vergeudete er kostbare Sekunden.
Plötzlich fühlte er eine Berührung an seinem Bein und vor Überraschung hätte er beinahe laut aufgeschrieen. Im letzten Moment biss er sich auf die Zunge und lag dann ganz still.
Die Ringe, hörte er ein Flüstern und erschrak, als er erkannte, dass diese Stimme, die so fremd klang, Kevin gehörte und dass ihn wohl dieser mit dem Fuß angestupst hatte um ihn zur Besinnung zu bringen.
Im selben Moment hätte er sich am liebsten gegen die Stirn geschlagen. Natürlich! Wie hatte er daran nicht denken können? Unter größter Anstrengung streifte er die vier Ringe ab, die mit ihren Totenköpfen und gekreuzten Knochen den Kabelbinder daran hinterte einfach von seinen Händen zurutschen. Geschickt fing er sie mit den Händen auf und hatte dabei riesige Angst, dass ihm einer entgleiten und ein verräterisches Geräusch machen könnte.
Und dann plötzlich waren seine Hände frei!
Mittlerweile ging sein Atem schnell und abgehackt und er betete innständig, dass das Monster nicht auf die Idee kam nach ihm zu sehen. Die kleinen Schweißperlen, die über sein Gesicht rannen, das viele Blut um seine Hände und das schnelle Auf und Ab seiner Brust hätten ihn in Null Komma Nichts verraten.
Immer noch die Hände auf dem Rücken verschränkt starrte er zu dem Monster hinüber. Mittlerweile hatte dieser einige weitere Kabelbinder hervor geholt und machte sich an Paulas Füßen zu schaffen. Er band erst den einen, dann den anderen am Bettpfosten fest und trat dann neben ihren Kopf um mit ihren Händen das gleiche zu tun. Das Monster kehrte ihm den Rücken zu und schien die Welt um ihn herum, inklusive Kevin, Nick, Lyn und AJ komplett vergessen zu haben.
AJ konnte seinen Gesichtsausdruck nicht sehen, da es in der hintere Ecke des Zimmers viel zu dunkel war, doch er hörte das anhaltende Gemurmel, dass das Monster von sich gab und es klang, als sei dieser sehr zufrieden mit sich selbst.
Vorsicht nahm AJ die Hände von seinem Rücken und der Schmerz in seinen Schultern, das Kribbeln, als das Blut wieder begann in seinen Armen zu zirkulieren und die Erleichterung, dass er sich tatsächlich wieder bewegen konnte, mobilisierte seine letzten Kraftreserven. Umständlich verstaute er die Ringe in seiner Hosentasche um die Hände frei zu bekommen. Aus den Augenwinkeln nahm er dabei einen Gegenstand wahr und als er den Kopf ein wenig drehte, sah er eine große Bodenvase, die hinter der Couch stand und ihn geradezu dazu einlud sie zu ergreifen und dem Monster über den Schädel zu schmettern.
Für einen Moment verharrte er noch auf dem Boden und überlegte sich die nächsten Schritte ganz genau, denn er würde nur eine Chance haben, so viel war klar. Er versuchte sich gegen seine Angst zu behaupten, die ihm ständig zuflüsterte einfach ruhig auf dem Boden liegen zu bleiben, sich tot zu stellen und zu hoffen, dass das Monster ihn einfach vergass.
Plötzlich vernahm ein leises Stöhnen, das aus Richtung des Bettes kam und gleich darauf die Stimme des Monsters. Ah, du bist wach.
Wo bin ich? Was ist ... , setzte Paula an, doch gleich darauf verstummte sie wieder und die Vorstellung, wie sie nun mit großen, ängstlich aufgerissenen Augen zu ihrem Peiniger aufblickte, löste endgültig AJs Erstarrung.
Vorsichtig stemmte er sich in die Höhe. Der Schmerz, der dabei durch seinen gesamten Körper raste, war ihm beinahe willkommen. Er vertrieb die letzten, wattigen Schwaden der Bewußtlosigkeit und alles um ihn herum kam ihm plötzlich unheimlich klar und deutlich vor.
Immernoch lies er das Bett nicht aus den Augen. Scheinbar war das Monster so sehr auf Paula konzentriert, dass er nichts mehr wahr nahm. AJ schob sich lautlos hinter das Sofa und griff ohne hinzusehen nach der Vase.
Sie war schwerer, als sie aussah und um ein Haar wäre sie ihm durch seine blutverschmierten Finger gerutscht. Er fing sie im letzten Moment auf und erhaschte dabei einen kurzen Blick auf Kevin, der auf der Seite lag und mit großen, fiebrig glänzenden Augen zu ihm auf sah.
Er schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln, was Kevin mit einem kurzen Nicken quittierte, dann wandte er sich um, holte noch einmal tief Luft und stürzte los.