Kapitel 27

Völlig fassungslos starrte Paula auf die Blutlache die sich rasend schnell auf dem Parkettboden ausbreitete. Immernoch lagen das Monster und Marcus ineinander verschlungen auf dem Boden und im ersten Moment konnte Paula nicht sagen, von wem das ganze Blut stammte. Doch als sich etwas unter Marcus zu regen begann, eine Hand unter ihm auftauchte und Marcus’ reglosen Körper zur Seite schob, wußte sie, wen die Kugel getroffen hatte.
Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle und aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr. Sie wollte etwas sagen, wollte Nick und Kevin daran hindern, sich auf das Monster zu stürzen, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Sie fühlte AJs Körper, der in ihren Armen zusammengesackt war, spürte die Angst, die ihren gesamten Körper erfasst hatte und sie damit zur Bewegungslosigkeit verdammte und musste dabei zu sehen, wie das Monster sich gerade in dem Moment aufrichtete, als Nick und Kevin ihn erreicht hatten.
Kevin holte aus um dem Monster die Waffe aus der Hand zu schlagen, doch das Monster war schneller. Erneut löste sich ein Schuß. Kevin schrie auf und griff sich an den Oberarm. Dunkels Blut durchtränkte in rasender Geschwindigkeit sein weißes Hemd und ungläubig starrte er mit großen Augen darauf hinunter.
„Hinsetzen,“ herrschte das Monster und machte zudem noch einen Schritt auf Nick zu, der mitten in der Bewegung erstarrt war, als der Schuß fiel.
Kevins Blick huschte zwischen der Waffe, Marcus und seinem verletzten Arm hin und her, so als versuche er sich zu entscheiden, ob er dem Befehl des Monsters folgen, oder sich einfach auf ihn stürzen sollte.
Erleichtert stellte Paula fest, dass er sich wohl für den Rückzug entschieden hatte, denn er machte zwei unbeholfene Schritte rückwärts und lies sich auf die Couch sinken. Nick blieb noch einen Moment wo er war, doch als das Monster die Waffe nun auf sein Gesicht richtete und breit zu grinsen begann, schien er sich wohl auch dafür zu entscheiden, sich erst einmal wieder zu setzen.
Lyn hatte sich an den äußersten Rand des Sofas zurück gezogen, die Arme um ihren schmalen Körper geschlungen und weinte leise.
„Darf ich bitte nach ihm sehen?“ fragte Paula leise und deutete mit zitternder Hand zu Marcus hinüber.
Die dunkeln Augen des Monsters hefteten sich sofort auf sie und drohend trat er einen Schritt auf sie zu, was Paula unwillkürlich zurückzucken lies.
„Er ist tot,“ sagte er gefährlich leise und mit so etwas wie Vergnügen in der Stimme. „Du wirst jetzt schön brav aufstehen und meinen Rucksack holen. Vergiss den Nigger. Er ist so tot, wie ihr alle es auch bald sein werdet.“
Paulas Magen drehte sich einmal um seine eigene Achse und sie mußte sich beherrschen um sich nicht einfach direkt vor ihm zu übergeben. Er ist so tot, wie ihr alle es auch bald sein werdet. Die Worte hallten in ihrem Kopf wieder und zum ersten Mal wurde ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation richtig bewußt. Bilder ihrer getöteten und verstümmelten Eltern vermischten sich mit dem Anblick von Marcus, der mit dem Gesicht nach unten in einer riesigen Blutlache lag und den Visionen der kommenden Stunden, die ihr ihr strapaziertes Hirn zeigte.
„Wird’s bald,“ knurrte das Monster und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, riss er sie am Arm in die Höhe, wodurch AJs Kopf mit einem dumpfen Laut auf dem Parkettboden aufschlug.
Für einen Moment glaubte Paula, dass sie sich nicht würde auf den Beinen halten könne, doch nachdem das Monster ihr einen kräftigen Stoß versetzte, taumelte sie in die Dunkelheit ihrer Wohnung hinein, auf der Suche nach dem Rucksack, den das Monster erwähnt hatte.
„Er steht neben dem Bett und wenn du auch nur eine falsche Bewegung machst, erschieße ich deine Freunde. Einen nach dem anderen,“ rief er ihr drohend hinterher. „Und mit deinem Betthäschen fange ich an,“ setzte er noch hinzu. Paula glaubte ihm jedes Wort und beeilte sich somit, den Rucksack zu finden.
Tatsächlich entdeckte sie ihn auf dem Boden neben dem Bett. Es kostete sie eine gehörige Portion Überwindung diese unschuldig aussehende Tasche anzufassen und mit spitzen Fingern trug sie sie hinüber zu ihrem Peiniger, der immernoch vor der Sitzgruppe stand und Nick, Kevin und Lyn mit der Waffe bedrohte.
„Stell ihn hier ab,“ sagte das Monster und deutete mit dem Kopf auf einen Hocker neben sich. „So ist es brav. Und jetzt mach ihn auf und hol die Kabelbinder heraus.“
Paula tat wie ihr geheißen. Für einen kurzen Moment wallte Hoffnung in ihr auf, als sie einen schimmernden Gegenstand erblickte. Sie dachte es sei ein Messer, doch als sie näher hinsah, war es ein Schraubenzieher, der viel zu groß war um ihn unbemerkt an sich zu nehmen. Trotzdem schloss sie für einen Moment die Hand um den runden, roten Holzgriff.
„Denk nicht einmal daran.“ Erschrocken zuckte sie zusammen, als sich erneut kaltes Metall an ihren Hinterkopf presste. „Die Kabelbinder, sonst nichts.“
Mit zitternden Fingern holte sie die weißen Plastikbänder hervor. Jedes war so lang wie ihr Unterarm, die eine Seite lief spitz zu, an der anderen befand sich eine kleine Öse mit winzigen Zacken, so dass das Band nicht mehr heraus gezogen werden konnte, wenn man es einmal durch die Öse geschoben hatte.
„Blondi zuerst,“ sagte das Monster und verlieh seinen Worten nachdruck, in dem er ihr den Lauf des Revolvers einmal kurz gegen den Hinterkopf schlug.
Paula unterdrückte den Impuls ein lautes „Aua“ von sich zu geben und mit der Hand nach der schmerzenden Stelle zu tasten, stattdessen drehte sie sich um und blickte auf Nick hinunter.
Aus seinem Gesicht war sämtliche Farbe gewichen und mit großen Augen starrte er sie an. Er hatte einen Arm um Kevin gelegt, der noch blasser als sein Freund zu sein schien und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Arm hielt. Immernoch quoll Blut zwischen seinen Fingern hervor und ein beinahe unmerkliches Zittern hatte seinen Körper erfasst.
„Die Hände auf den Rücken,“ befahl das Monster, doch Nick rührte sich keinen Millimeter. Ein grimmiger Ausdruck war auf seinem Gesicht erschienen und Paula durchflutete eine nie gekannte Panik. Er würde doch keine Dummheiten machen?
„Ich weiß nicht, was sie hier veranstalten,“ sagte Nick leise „aber ich werde gar nichts tun. Sie bringen uns doch sowieso alle um, also warum noch diese Spielchen?“
„Nick, nicht,“ murmelte Paula und schüttelte den Kopf.
„Ach scheiß drauf Paula,“ fuhr Nick auf. „Marcus ist tot. Kapierst du das nicht? Und AJ ... ich meine ... ,“ Verzweiflung schwang nun in seiner Stimme mit, während er auf den Boden hinunter deutete, wo AJ immer noch mit geschlossenen Augen lag und sich nicht rührte.
„SCHNAUZE!!“ brüllte das Monster und gab Paula einen unsanften Stoß, der sie zur Seite taumeln lies. Ohne Vorwarnung riss er Nick in die Höhe und zerrte ihn hinter sich her aus der Mitte seiner Freunde heraus.
„Die Kabelbinder,“ herrschte er Paula an, während er nun Nick die Waffe an die Schläfe hielt und ihm den Arm auf den Rücken drehte, so dass dieser vor Schmerzen aufstöhnte.
Mit unsicheren Schritten ging Paula zu den beiden hinüber.
„Du wirst ihm jetzt die Arme auf den Rücken binden und ich schwöre dir, wenn du nur eine falsche Bewegung machst, ist er tot, noch bevor sein Körper auf dem Boden aufschlägt.“
Paula spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Sie war schuld daran, dass ihre Freunde in diese Situation geraten waren. Sie hätte sich in dem Moment, als Ben ihr erzählte, dass das Monster aus der Klinik entflohen war, verstecken sollen. Es hätte ihr doch klar sein müssen, dass sie jeden, der sich in ihrer Nähe aufhielt, in Gefahr brachte.
„Es tut mir leid,“ flüsterte sei nun, als sie hinter Nick trat und vorsichtig nach seinen Händen fasste.
Nick schwieg, wehrte sich aber nicht dagegen, als Paula eines der dünnen Plastikbänder um seine Handgelenke schlang, das spitze Ende durch die Öse schob und langsam zuzog.
„Geht das so?“ fragte sie leise, denn sie wollte Nick um nichts auf der Welt wehtun. Doch natürlich lies das Monster dies nicht zu.
„Zieh fester,“ herrschte er.
„Aber ...“ Erneut hörte sie einen lauten Knall, doch die Kugel schlug diesmal knapp neben ihren Füßen in den Dielenboden ein.
„Tu verdammt noch mal was ich dir sage!“
Weinend zog sie etwas fester an dem losen Ende des Kabelbinders. Sie sah, wie sich die Haut um Nicks Handgelenken zusammenzog und das Plastik sich tief darin eingrub.
„So ist es gut,“ hörte sie das Monster hinter sich, dann packte er sie an der Schulter und schob sie wieder hinüber zur Couch.
„Jetzt die kleine Schlampe,“ sagte er.
Während Paula langsam auf Lyn zu ging, hörte sie einen dumpfen Aufprall und gleich darauf einen gequälten Laut, der von Nick zu kommen schien. Als sie herumfuhr sah sie, dass das Monster ihn zu Boden gestoßen hatte und nun grinsend auf Nick hinunter sah der versuchte, sich mit seinen gefesselten Händen wieder aufzurichten.
„Mach nur weiter,“ sagte das Monster und wedelte mit der Waffe in seiner Hand in ihre Richtung.
Bald darauf saß Lyn gefesselt neben Nick auf dem Boden. Ihre Tränen waren inzwischen versiegt, doch sie starrte appatisch vor sich hin und schien nicht mehr wirklich mitzubekommen, was um sie herum passierte.
Als nächstes sollte Paula AJ fesseln. Immernoch schien er das Bewußtsein nicht wiedererlangt zu haben und Paula hätte am liebsten laut geschrien und um sich getreten, als sie seinen leblosen Körper auf den Bauch drehte.
Sie legte ihm das Plastikband um die Handgelenke und zog zu. Dabei merkte sie, wie AJ unter ihr die Muskeln anspannte und seine Handgelenke ein winziges Stück auseinander drückte. Erleichterung durchflutete sie und so etwas wie Hoffnung keimte in ihr auf. AJ war aufgewacht, ohne dass das Monster etwas davon mitbekommen hatte. Vielleicht war dies ihre Chance? Sie biss sich auf die Lippen weil sie nicht wollte, dass sie sich durch irgendeinen Laut verriet. Am liebsten hätte sie ihn sofort gefragt, wie er sich fühlte, ob es ihm gut ging, doch schweigend arbeitete sie weiter.
Sie versuchte, nicht all zu fest zuzuziehen, doch das Monster schaute ihr auch hier über die Schulter und befahl ihr, noch fester zu ziehen. Schließlich schien er mit ihrer Arbeit zufrieden zu sein und deutete auf Kevin.
„Jetzt die Memme,“ sagte er grinsend.
„Bitte. Kevin ist verletzte,“ sagte Paula, während sie aufstand und versuchte, sich zwischen Kevin und das Monster zu stellen. „Können wir nicht ... ,“
Sie sah seine Hand eine Sekunde zu spät. Erneut wurde sie von der ungeheuren Wucht des Schlages von den Füßen gerissen und taumelte rückwärts, bis sie unsanft neben Kevin auf die Couch fiel. Dieser gab eine erstickten Laut von sich und sie konnte sehen, wie sich die Muskeln in seinem Gesicht anspannten. Sicherlich hatte er riesige Schmerzen und jede noch so kleine Bewegung machte es noch schlimmer.
„Ich will, dass du ihn fesselst und wenn ich auch nur noch einen Ton von dir höre, werde ich sämtliche Höflichkeit und Zurückhalten verlieren, das schwöre ich dir.“
Das Monster fasste hinter sich und zog aus seinem Gürtel ein Messer hervor.
Das Gemüsemesser schoss es Paula durch den Kopf. Wie ist er denn daran gekommen? Hat er es nicht in der Küche liegen lassen?
„Ich sage es jetzt ein letztes Mal,“ sagte das Monster, während er sich neben Nick in die Hocke hinunter lies und beinahe zärtlich mit der scharfen Schneide des Messers über sein Gesicht fuhr. Nick zuckte zurück, doch es war bereits zu spät. Ein dünner Schnitt zeichnete sich auf seiner Wange ab und kleine Bluttröpfchen quollen hervor.
„Fessle ihn. JETZT!“
Paula wandte sich wieder Kevin zu. Dieser hatte sich bereits herum gedreht und versuchte nun seinen verletzten Arm hinter seinen Rücken zu bringen.
„Ich schaffe es nicht allein,“ sagte er leise und versuchte sie dabei über seine Schulter hinweg anzusehen.
„Ich ... es tut mir so leid,“ flüsterte Paula und wischte sich dabei die Tränen aus dem Gesicht.
„Ich weiß. Es ist nicht deine Schuld. Aber wir sollten ... ,“ setzte Kevin an, doch das Gebrüll des Monsters unterbrach ihn. Wie aus dem Nichts war er neben ihnen aufgetaucht und mit einem hohen Sirren sauste das Messer durch die Luft. Im ersten Moment spürte Paula gar nichts, doch dann breitete sich ein schwarfes Brennen in ihrem Arm aus und ungläubig sah sie auf ihn hinunter. Ein feiner Riss war da plötzlich in ihrem Pullover und etwas warmes, klebriges lief ihren Arm hinunter.
Das Monster packte sie an den Haaren und zerrte sie auf die Füße.
„Alles muß man selber machen,“ knurrte er und gab Paula einen Stoß, der sie vorwärts stolpern lies. Mit rudernden Armen versuchte sie das Gleichgewicht zu halten und schlug dann doch der Länge nach hin. Ein bestialischer Schmerz schoss dabei durch ihren Körper und sie schrie auf.
Im selben Moment hörte sie Kevins Schrei, als das Monster brutal seine Arme auf den Rücken bog und den Kabelbinder um seine Handgelenke schlang.
„Hören sie auf!!“ kreischte plötzlich Lyn und als Paula aufsah, konnte sie durch einen roten Schleier aus Angst und Schmerzen ihr verzerrtes Gesicht erkennen.
„Hören sie endlich auf!! Ich will nicht sterben, hören sie? Ich will nicht ... ,“
Das Monster lies von Kevin ab, der wie ein nasser Sack nach vorne in die Polster des Sofas kippte und hatte mit wenigen Schritten Lyn erreicht, die sich unwillkürlich ganz klein machte.
„Lassen sie sie in Ruhe,“ schrie Nick und versuchte, nach dem Monster zu treten.
Die ganze Situation geriet außer Kontrolle, das begriff Paula in diesem Moment. Scheinbar hatten die beiden immer noch nicht erkannt, dass ihre einzige Chance darin bestand, sich ruhig zu verhalten und zu hoffen, dass sich irgendwann die Gelegenheit ergab, das Monster zu überrumpeln.
„Hört auf!“ rief sie deshalb panisch, doch es war bereits zu spät.
Das Monster versetzte Nick eine Schlag mitten ins Gesicht mit dem Griff seines Revolvers, Blut spritzte davon, Nicks Gegenwehr erstarb augenblicklich und wie ein gefällter Baum kippte er zur Seite.
Lyn hatte angefangen hoch und anhalten zu schreien. Das Geräusch ging Paula durch Mark und Bein und sie wünschte sich, dass Lyn damit aufhören möge. Doch als sie das schließlich tat, bereute Paula diesen Gedanken augenblicklich. Ohne Vorwarnung schoss die Hand des Monsters vor und das Heft des Messers bohrte sich bis zum Anschlag in Lyns Körper. Mit ungläubig aufgerissenen Augen starrte sie das Monster an, ein gurgelnder Laut kam aus ihrer Kehle und gleich darauf ergoss sich ein Blutschwall aus ihrem Mund über ihre Brust.
„Ich habe dir gesagt, du sollst die Schnauze halten,“ sagte das Monster mit Eiseskälte in der Stimme. „Nun sieh, wozu du mich gebracht hast.“
Lyns Hände öffneten und schlossen sich in schnellem Rhythmus und ihre Beine begannen unkontrolliert zu zittern. Ein letztes Röcheln war zu vernehmen, dann sackte sie in sich zusammen.
Die Welt begann sich um Paula herum zu drehen und wie aus weiter Ferne hörte sie das verzweifelte Schluchzen von Kevin, das allerdings nach und nach verblasste, bis sie nur noch ihren eigenen, rasenden Herzschlag hören konnte. Dann senkte sich endlich barmherzige Dunkelheit über sie.

Kapitel 28