Kapitel 26
Sieh dir AJ an, sagte Nick gerade zu Kevin und deutete auf seinen Freund, der hinter ihm auf der Bank im Van hockte und gedankenverloren aus dem Fenster starrte. Man kann förmlich die kleinen, roten Herzchen um ihn herum tanzen sehen.
AJ warf Nick lediglich einen kurzen Blick zu. Es war sowieso egal. Spätestens in fünfzehn Minuten würde er Paula im Arm halten und dann wußte jeder, dass die wilden Spekulationen der vergangnenen Tage tatsächlich der Wahrheit entsprachen.
Er konnte sich allerdings noch nicht so recht entscheiden, ob er froh darüber sein sollte. Zum einen war auch ihm klar, dass sie ein Versteckspiel ohne wirkliches Versteck spielten. Er wußte, dass er seine Augen kaum von Paula abwenden konnte, wenn sie mit ihm in einem Raum war und ihm war auch klar, dass das Bedürfnis sie berühren zu wollen mit jeder Sekunde stieg, die er in ihrer Nähe verbrachte.
Auf der anderen Seite wollte er aber auch nicht, dass er und Paula zukünftig für ein Paar gehalten wurden. Es war ihm bewußt, dass sie ihre Beziehung nicht über diese Tour hinaus retten konnten, auch wenn ihn dieser Gedanke mehr beunruhigte, als er sich selbst eingestand. Dass sich dann aber auch noch sämtliche Menschen in seiner Umgebung einmischten und gute Ratschläge parat haben würden, machte das Ganze nicht wirklich einfacher.
Am liebsten wäre er mit Paula auf eine einsame Insel geflüchtet. Zusammensein ohne Reue, Spaß haben ohne Verpflichtungen und vor allen Dingen ohne neugierige Blicke. Ja, das wünschte er sich. Aber das war wohl eine Wunschvorstellung, die sich nicht erfüllen lies.
Im Van waren die Spekulationen über AJ und Paula weiterhin in vollem Gange. Marcus, der den Van fuhr, hielt sich weitgehend heraus, Lyn versuchte Nick und Kevin ein wenig einzubremsen, hatte aber wenig Erfolg damit.
Er wünschte sich, dass Howie mitgekommen wäre. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass ihn dieser noch am ehesten verstehen konnte.
Ach komm schon Lyn. Ich sehe es direkt vor mir, grinste Nick. Lauter kleine AJs und Paulas werden demnächst Baylee Gesellschaft leisten und dann ist es bald vorbei mit den Männerabenden und dem Ausgehen.
Willst du etwa damit andeuten, dass Brian ein Langweiler geworden ist? fragte Kevin belustigt.
Najaaaaa. Man braucht sich hier doch nur umzusehen, entgegnete Nick mit einer ausholenden Handbewegung. Der Herr Papa ist lieber im Hotel geblieben und Howie schläft wahrscheinlich schon.
Jetzt bist du aber unfair, warf Lyn ein.
Ja, ja, ich weiß. Hey, ich liebe sie beide wie meine Brüder, aber Fakt ist doch, dass wir alle nicht jünger werden. Und wenn AJ jetzt auch noch anfängt einen auf Familie zu machen, ist es bald ganz aus.
Wer sagt dir denn, dass ich einen auf Familie machen? fragte AJ und versuchte seiner Stimme die Schärfe zu nehmen. Es passierte genau das, wovor er sich die ganze Zeit gefürchtet hatte: Die anderen planten um ihn herum eine Zukunft, die es so nicht geben würde und es war so unglaublich mühsam ihnen zu erklären warum.
Na komm schon, sagte Nick mit einem wissenden Blick. Ihr seid beide hochgradig verknallt und das brauchst du gar nicht leugnen, fügte Nick schnell hinzu als er sah, dass AJ etwas erwidern wollte.
Gut, wir haben uns sehr gern, und? Du weißt ganz genau, dass das nicht von Dauer ist.
Warum nicht? hakte Kevin nach.
Bitte Kev. Ich kann euch das nicht alles erklären. Lasst uns doch einfach in Ruhe unser Ding durchziehen. Wenn ich eure Hilfe und gute Ratschläge brauche melde ich mich schon.
Das sollte das Schlusswort sein, meldete sich Marcus zu Wort. Wir sind nämlich da.
AJs Herz machte einen Satz und als er erneut nach draußen sah, erkannte er tatsächlich die Hafenstraße wieder und den Eisenbahnwaggon, aus dessen Fenster gebliches Licht auf die Straße fiel.
Hier ist es? fragte Nick ungläubig und drückte sich die Nase an der Scheib platt.
Yep, nickte AJ.
Vielleicht hätten wir doch noch ein paar Bodyguards mitbringen sollen, sinnierte Nick, was Kevin zum Schmunzeln brachte. Hast du etwas Angst Baby?
Angst? Quatsch! entgegnete Nick heftig und öffnete die Schiebetür.
Nein, er ist ganz ruhig, meinte Kevin ironisch zu AJ und verrollte die Augen.
AJ mußte gegen seinen Willen lachen. In spätestens einer Minute findet er es total cool und will nicht mehr hier weg, das verspreche ich dir.
Nacheinander kletterten sie alle aus dem Auto und AJ ging ihnen voraus auf die Treppe an der Gebäudeseite zu. Eigentlich hatte er erwartet, dass ihm Paula auch heute die Tür öffnen würde, noch bevor sie oben angekommen waren, doch nichts rührte sich.
Nachdem er eine Weile vergeblich nach einem Klingelknopf gesucht hatte, klopfte er schließlich an die massive Metalltür.
Also ich sags euch. Wenn das wieder einer eurer seltsamen Scherze ist ... , grummelte Nick hinter ihm.
Das ist kein Scherz ... , entgegnete AJ inzwischen leicht genervt. In diesem Moment drehte sich ein Schlüssel im Schloß und er hörte, wie der Riegel zurück geschoben wurde.
AJ sah triumphierend zu Nick hinunter und wandte sich dann wieder der Tür zu, in der inzwischen Paula aufgetaucht war.
Hey, das hat ja ewig gedauert. Unser Nicky hier war bereits dabei die Beine in die Hand zu nehmen und davon zu laufen, grinste er, trat einen Schritt auf sie zu und wollte sie in die Arme nehmen, doch sie wich ihm aus und der Blick, den sie ihm dabei zuwarf, konnte er nicht deuten.
Was war passiert? Hatte sie es sich doch noch anders überlegt? Kalte Füße bekommen? Aber es war doch ihre Idee gewesen sich hier vor allen zu outen?
Immer noch irritiert betrat er die Wohnung. Er hörte, wie die anderen ihm folgten, während er sich noch wunderte, dass die Wohnung beinahe komplett im Dunkeln lag. Im hinteren Bereich erhellte eine kleine Stehlampe die Sitzgruppe, ansonsten war es stockdunkel.
Hey, mußt die Strom sparen oder sowas? fragte er.
In diesem Moment schloss Paula die Tür. Im letzetn Licht, das von draußen herein fiel, konnte AJ ihr Gesicht erkennen. Darin lag ein Ausdruck so tiefer Verzweiflung, das er erschrak.
Was ... , setzte er an, doch weiter kam er nicht. Ein Schatten bewegte sich auf Paula zu, packte sie und wirbelte sie zu ihnen herum.
Guten Abend meine Herren, hörte er eine tiefe Stimme und das Blut gefror AJ augenblicklich in den Adern. Er sah eine Bewegung des Schattens und gleich darauf flammte das Licht an der Decke auf.
Es ist mir eine Ehre sie am heutigen Abend begrüßen zu dürfen, sagte der Mann und zu AJs Entsetzen erkannte er ein Messer, dass dieser Paula an die Kehle presste.
Lyn schrie auf und versuchte in den rückwertigen Teil der Wohnung zurück zu weichen, doch sie prallte dabei gegen Marcus, der sie gerade noch auffangen konnte, bevor sie stürzte.
Na, na, sagte der Mann und schüttelte den Kopf. Wer wird denn hier gleich panisch werden? Aber entschuldigen sie meine schlechten Manieren. Darf ich mich vorstellen? Ich bin das Monster. Vielleicht haben sie ja schon einmal was von mir gehört?
Natürlich hatte er es bereits gewußt. Schon in dem Moment, als der Schatten hinter Paula aufgetaucht war hatte ein Teil seines Verstandes bereits erfasst, um wen es sich hier handlen mußte, doch als das Monster es nun aussprach, wurde ihm abwechselnd heiß und kalt und eine nie gekannte Angst erfasste ihn. Seltsamer Weise drehte sich diese Angst weniger um ihn als um Paula.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte er sie an, versuchte herauszufinden, ob dieser Mistkerl ihr wehgetan hatte. Ihre Augen schwammen in Tränen und lautlos formte sie die Worte es tut mir leid.
Paula, ist mit dir alles in Ordnung? hörte er Marcus fragen.
Mir geht es gut, antwortete Paula mit zitternder Stimme, auch wenn ihr anzusehen war, dass dies nicht der Fall war. Die Klinge des Messers bohrte sich gefährlich tief in die weiche Haut ihrer Halsbeuge und AJ mußte sich beherrschen um nicht jetzt hier auf der Stelle auf dieses Schwein loszugehen.
Nachdem die Formalitäten jetzt erledigt sind kommen wir zum Geschäftlichen, sagte das Monster und sämtliche Liebenswürdigkeit war aus seiner Stimme gewichen. AJ stellten sich sämtliche Haare auf und seine Knie begannen zu zittern.
Ich möchte, dass ihr hinüber zum Sofa geht. Schön nacheinander und langsam. Eine falsche Bewegung und euer Prinzesschen hier wird bluten wie ein abgestockenes Schwein, habe ich mich klar genug ausgedrückt?
AJ warf einen kurzen Blick hinter sich. Marcus hatte einen Arm um Lyn gelegt, die lautlos weinte, Nick stand direkt neben ihm und war unnatürlich blass im Gesicht.
Also vorwärts, befahl das Monster und machte eine auffordernde Bewegung mit dem Kopf.
Marcus war der erste, der sich umwandte und Lyn langsam zum Sofa hinüber führte. Nick stand wie festgewachsen an seinem Platz und schien in eine Art Trance verfallen zu sein. AJ fasste ihn sanft am Arm.
Komm schon Nick. Es ist besser wenn wir tun was er sagt.
Nick nickte abwesend, bewegte sich aber immer noch keinen Zentimeter, so dass AJ sich veranlasst sah ihm einen Arm um die Taille zu legen und ihn in Richtung Sitzgruppe zu drigieren.
Was ist hier los? hörte er Lyn flüstern.
Ich weiß es nicht, entgegnete Marcus und drückte sie sanft in die Polster des Sofas.
So ist es brav, sagte das Monster, der ihnen, Paula vor sich her schiebend, gefolgt war. Setz dich, sagte er dann und gab Paula einen unsanften Stoß, der sie direkt in AJs Arme beförderte. Haltsuchend klammerte sie sich an ihm fest und als sie zu ihm aufsah, sah er die Angst in ihren Augen.
Keine Sorge, sagte er leise. Ich bin bei dir.
Sie schüttelte den Kopf und wollte noch etwas sagen, doch das Monster fuhr dazwischen. Mit der flachen Hand schlug er Paula so fest ins Gesicht, dass sie zur Seite taumelte und der Länge nach auf den Couchtisch gefallen wäre, wenn Marcus sie nicht im letzten Moment aufgefangen hätte.
AJs Wut explodierte, doch bevor er auch nur eine einzige Bewegung machen konnte hatte das Monster ihn gepackt, zu Boden geschleudert und sich über ihn gekniet. Plötzlich blickte AJ in den Lauf eines Revolvers und sofort erstarb jegliche Gegenwehr. Das Atmen fiel im Schwer und ein stechender Schmerz breitete sich in seiner Seite aus.
Du bist es also, knurrte das Monster und AJ hatte nicht den blassesten Schimmer, was er meinte. Du hast sie gevögelt, hä? Ich meine ... kann man ja verstehen bei diesem ansehnlichen Stück Fleisch. Du hast nur leider eine Kleinigkeit vergessen: Sie ist mein Eigentum!
Der Griff des Revolvers traf ohne Vorwarnung seine Schläfe und noch während der Schmerz in seinem Kopf explodierte, sah er bereits bunte Sternchen vor seinen Augen tanzen.
Neiiiin, hörte er Paula rufen und dann ein Geräusch, als würde etwas schweres zu Boden stürzen. Gleich darauf wurde das Monster nach hinten gerissen und AJ konnte endlich wieder frei atmen was leider nicht dabei half, seinen Kopf wieder klar zu kriegen. Er fühlte sich benommen und versuchte unbeholfen sich aufzurichten.
Direkt vor ihm sah er Marcus, der sich auf das Monster geworfen hatte und versuchte, ihm die Waffe abzunehmen. Arme und Beine schlugen unkontrolliert um sich, ineinander verschlungen rollten die beiden von einer Seite auf die andere und es war für AJ beim besten Willen nicht zu erkenne, wer gerade die Oberhand hatte.
Plötzlich spürte er sanfte Hände, die sein Gesicht umschlossen.
Ist alles in Ordnung? hörte er Paula fragen, doch ihre Stimme schien von weit her zu kommen. I-Ich denke ... schon, brachte er heraus.
In diesem Moment löste sich ein Schuß und der ohrenbetäubende Knall hallte schmerzhaft in AJs Kopf wieder. Schreie mischten sich in das Klingeln, dass sich seiner Ohren bemächtigt hatte und irgendwie schien sich die Welt plötzlich um ihn herum zu drehen.
Das letzte was er noch bewußt mitbekam war Paulas tränenüberströmtes, vor Entsetzen verzerrtes Gesicht. Dann wurde es dunkel.