Kapitel 25

Paula hatte noch eine Weile mit den Jungs, Lyn und einem Teil der Crew zusammen gesessen und sich unterhalten. Mehrmals war ihr Blick dabei zu AJ hinüber gewandert, der sich augenscheinlich recht gut mit einem blonden Mädchen unterhielt, die, soweit Paula sich erinnern konnte, als Kostümbildnerin beschäftigt war.
Paula versuchte das Gefühl der Eifersucht zurück zu drängen, das sich bei diesem Anblick in ihr breit zu machen versuchte. Sie hatte kein Anrecht auf AJ. Wenn er sich amüsieren wollte, dann konnte er das tun. Sie hatte ihm, was das betraf, keinerlei Vorschriften zu machen. Und trotzdem … sie konnte den Gedanken einfach nicht beiseite schieben, dass sie sich noch in der vergangenen Nacht in ihrem Bett geliebt hatten und er seinen Schmerz über das Ende dieses kurzen Beisammenseins scheinbar besser überwinden konnte als sie.
Schließlich hielt sie es nicht länger aus und erhob sich.
“Wir sehen uns später,” sagte sie an Lyn gewandt, winkte den anderen, die sich im hinteren Teil der hoteleigenen Longe befanden und strebte dann dem Ausgang zu. Sie zwang sich dazu, nicht mehr zu AJ hinüber zu sehen. Ein Blick in seine Augen, oder noch schlimmer, feststellen zu müssen, dass es ihm gar nicht auffiel, dass sie ging, hätte sie zu sehr geschmerzt.
Kurz bevor sie allerdings die Longe verlassen konnte, wurde sie plötzlich am Arm festgehalten und als sie überrascht aufblickte, sah sie AJ neben sich stehen.
“Hast du einen Moment?” fragte er leise und die Anspannung in seiner Stimme entging ihr dabei nicht.
“Sicher,” nickte sie. Gemeinsam traten sie hinaus in die Lobby und wandten sich nach links in den rückwärtigen Teil, der von draußen nicht einzusehen war.
“Ich habe mir überlegt,” sagte AJ, während er sie auf eines der cremefarbenen Sofas hinunterdrückte und sich neben sie setzte “dass es vielleicht besser ist, wenn ich heute Abend nicht mitkomme.”
“Oh,” entfuhr es Paula und sie schluckte hart.
“Ja, ich weiß. Das klingt jetzt, als wollte ich dir aus dem Weg gehen weil ich irgendetwas bereue, aber so ist das nicht.”
“Wie ist es denn dann?”
“Ich weiß nicht ob ich es aushalte den ganzen Abend mit dir zu verbringen und dabei so zu tun, als sie nichts gewesen,” gab er zu.
Paula seufzte erleichtert, auch wenn das eigentlich unangebracht war. “Ich verstehe, was du meinst, aber ehrlich gesagt finde ich den Gedanken den Abend ganz ohne dich zu verbringen noch viel schrecklicher,” entgegnete sie aufrichtig und traute sich nicht so recht, ihm in die Augen zu sehen.
Nun war es an AJ zu seufzen und sie spürte, wie er den Arm sie legte.
“Gott, was machen wir hier eigentlich,” murmelte er, während er sein Gesicht in ihr Haar drückte.
“Wir sind unvernünftig,” entgegnete Paula mit klopfendem Herzen und schloss genüsslich die Augen, während AJs Lippen sanft ihren Hals küssten.
“Mehr als unvernünftig,” hörte sie ihn murmeln, während sich seine andere Hand auf ihren Oberschenkel legte.
“Und bevor du jetzt gleich über mich herfällst, sollten wir wohl lieber damit aufhören,” grinste Paula und griff nach AJs Hand, die auf ihrem Bein bedenklich weit nach oben gewandert war.
“Ja … nein … ich meine … ach … ,” AJ richtete sich wieder auf und sah sie traurig an. “Wie sollen wir denn diesen Abend hinter uns bringen, ohne dass gleich jeder merkt, was los ist?”
“Das schaffen wir nicht, so viel ist klar,” stellte Paula fest und aus einem Impuls heraus beugte sie sich zu ihm hinüber und küsste ihn sanft.
“So, jetzt kann ich gar nicht mehr denken,” stellte AJ fest und ein leichtes Lächeln spielte dabei um seine Mundwinkel.
“Das geht mir den ganzen Tag schon so, als gewöhn dich schon mal dran,” kicherte sie.
“Nun gut. Was schlägst du also vor?”
“Ganz ehrlich?”
“Ganz ehrlich,” nickte AJ.
“Vergessen wir die Heimlichtuerei. Zumindest für heute Abend. Die anderen wissen doch sowieso schon längst was los ist. Tun wir einfach so, als wären wir das ideale Paar, das zusammen mit ein paar guten Freunden einen netten Abend verbringt.”
“Du weißt was das für die Zukunft bedeutet, oder?”
“Ja, das weiß ich. Gerede, Getuschel, Gegrinse, das volle Programm. Aber ehrlich gesagt … ist mir das sowas von egal. Ich kann … ,” sie biss sich auf die Zunge und schluckte den nächsten Satz herunter. Gerade war sie dabei gewesen AJ von ihrer Eifersucht zu erzählen und das schien ihr im Moment wenig ratsam.
“Was? Was kannst du?” hakte AJ sofort nach.
“Ich kann den Gedanken einfach nicht ertragen heute Abend ohne dich zu sein,” log sie.
AJ sah sie noch einen Moment aufmerksam an, nickte dann aber. “Ich auch nicht.”
“Also abgemacht? Du fährst mit den anderen mit und das erste was du tun wirst wenn du meine Wohnung betrittst wird sein, mich in den Arm zu nehmen und mich anständig zu küssen.”
AJ lachte. “So stellst du dir das also vor, ja?”
“Ja, so stelle ich mir das vor,” schmunzelte Paula.
“Und wie glaubst du, soll ich danach einfach zur Tagesordnung übergehen? Ich werde dein Bett sehen und mir vorstellen, was wir heute Nacht alles darin getan haben und ich werde … ,” er stockte und schloss für einen Moment die Augen. “Keine gute Idee jetzt daran zu denken,” stelle er grinsend fest.
“Jetzt komm’ schon,” lachte Paula und knuffte ihn sanft in die Seite.
“Also gut. Immerhin kann ich hinterher behaupten, dass das alles nicht meine Idee gewesen ist.”
“Siehst du, war doch gar nicht so schwer.”
“Nein, aber es wird trotzdem nicht leicht werden,” stellte er wieder ernst geworden fest.
“Ich weiß,” nickte Paula.
AJ beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie. Erst sanft und zärtlich, dann fordernder und als sie sich schließlich voneinander lösten, atmeten sie beide schwer.
“Das … war jetzt … also … ,” stammelte AJ.
“Schon gut,” grinste Paula, strich ihm noch einmal sanft über den Arm und zwang sich dann aufzustehen.
“Wir sehen uns nachher,” sagte sie, während AJ ebenfalls aufstand.
“Ich kann es kaum erwarten,” nickte dieser und bevor er noch einmal auf die Idee kommen konnte sie in seine Arme zu schließen, was Paula eventuell endgültig davon abgebracht hätte in ihre Wohnung zu fahren und alles für den heutigen Abend vorzubreiten, wandte sie sich dem Ausgang zu.
“Du fehlst mir jetzt schon,” hörte sie AJ leise hinter sich sagen.
“Ja,” nickte Paula, warf ihm noch einen letzten, lächelnden Blick zu und durchquerte dann die Lobby.

Beladen mit Einkaufstüten betrat Paula einige Zeit später ihre Wohnung. Sie ärgerte sich ein wenig, dass sie nicht schon früher vom Hotel zurück gefahren war. Im Supermarkt hatte sie in einer ewig langen Schlange an der Kasse warten müssen und nun blieb ihr gerade mal eine Stunde um das Essen vorzubreiten und noch schnell zu duschen. Wenn sie das überhaupt noch schaffte.
Stöhnend setzte sie die Tüten auf der Arbeitsplatte in der Küche ab und schaltete das Licht unter der Abzugshaube ein. Inzwischen war es draußen dunkel geworden und der warme Lichtschein erhellte nur einen winzigen Teil der dunklen Wohnung.
Sie räumte die Tüten aus, entledigte sich dann auf dem Weg zur Stereoanlage ihrer Schuhe und legte eine CD ein. Ihr war nach feiern und so erklang gleich darauf die fetzige Musik von Mando Diao aus den Lautsprechern.
Leise singend verstaute sie die wenigen Sachen, öffnete den Schrank und zog einen großen Kochtopf und eine Pfanne hervor. Sie stellte beides auf dem Herd ab und wollte sich gerade herum drehen um sich den Lebensmitteln zu widmen, als sie mitten in der Bewegung inne hielt. Misstrauisch ruhte ihr Blick auf dem Messerblock, der neben dem Herd stand. In der Mitte, dort wo normaler Weise das große Gemüsemesser steckte, klaffte ein Loch.
Hatte sie es vielleicht gestern beim Spülen vergessen? Sie drehte sich herum und warf einen prüfenden Blick in die blaue Keramikspüle. Nein, hier war es nicht. Vielleicht hatte AJ ja auch das Messer aus einem ihr nicht bekannten Grund in die Spülmaschine geräumt. Ihre Hände zitterten als sie nach der Verriegelung der Spülmaschine griff. Irgendwie wußte sie, dass sich das Messer nicht darin befinden würde.
“Suchst du etwa das hier?” hörte sie plötzlich eine dunkle, männliche Stimme hinter sich und sie erstarrte augenblicklich mitten in der Bewegung. Nein, das konnte nicht sein. Nein, nein, nein. Nicht er! Nicht hier!
“Schön hast du es hier, das muß ich schon sagen. Und so ordentlich. Und was die Messer betrifft hast du wirklich Geschmack.”
Sie hörte Schritte, die langsam näher kamen und ganz vorsichtig richtete sie sich auf. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, sie zitterte am ganzen Leib und das Atmen fiel ihr schwer.
“Willst du mich denn nicht anständig begrüßen?” hörte sie die Stimme erneut und diesmal so nahe an ihrem Ohr, dass sie mit einem leisen Schrei zur Seite auswich. Doch bevor sie überhaupt daran denken konnte davon zu laufen, packte sie eine Hand am Arm.
“Na, was ist denn das für eine Begrüßung nach zwanzig Jahren, hm?” Sie hörte ein leises Scheppern, als das Messer auf die Granitplatte abgelegt wurde. Gleich darauf legte sich eine Hand unter ihr Kinn und zwang ihren Kopf nach links.
“Bitte,” flüsterte Paula und spürte, wie Tränen über ihre Wange rollten. “Bitte nicht.”
Und da stand er vor ihr. Wie ein fleischgewordener Albtraum grinste er auf sie hinunter. Er sah noch genau so aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Das dunkle Haar war kurz geschnitten, seine Augen funkelten böse in dem kantigen Gesicht und tiefe Falten hatten sich darin eingegraben.
“Aber Paula,” das Monster schüttelte nachsichtig den Kopf. “Du wußtest doch, dass dies hier passieren wird, oder?”
Sie fand nicht die Kraft zu antworten, sondern starrte immer noch wie hypnotisiert in seine Augen, die ihr jegliche Kraft aus dem Körper zu saugen schienen.
“Na komm’ schon. Du wusstest es doch. Warum bist du dann so überrascht?”
“Ich … ,” krächzte sie und schluckte hart. “Ich dachte … sie sind … wie … ,”
“Schluß jetzt mit diesem Gestammel,” donnerte das Monster und versetzte ihr einen Stoß, der sie quer durch die Küche stolpern lies.
Irgendwo in ihr riss eine Kammer mit fast vergessenen Erinnerungen auf. Es waren weniger die Bilder von damals, die über sie hinweg fluteten sondern die Emotionen, die sie so lange und so gut versteckt hatte. Die Angst von damals, die ihr Herz wie einen durchgedrehten Schmetterling hatte flattern lassen, das Gefühl, dass sich ihre Eingeweide verflüssigten und der Drang unbedingt auf die Toilette zu müssen stellten sich wieder ein, nur ungleich stärker als das damals der Fall gewesen war.
Vor zwanzig Jahren war ihr kaum Zeit geblieben klar zu denken. Sie hatte instinktiv gehandelt und war davon gerannt, doch heute hatte sie nicht diese Möglichkeit. Sie hatte die Tür eigenhändig abgeschlossen und verriegelt. Bevor sie diese wieder geöffnet hätte, hätte er sie längst wieder eingefangen.
Er war ihr gefolgt und packte sie erneut am Arm.
“Wir sollten uns setzen,” sagte er und dirigierte sie durch den Raum auf die Sitzecke zu.
Ich muß hier raus dachte sie panisch. Ich muß … oh mein Gott … AJ und die anderen! Sie werden bald hier sein, ich muß …
Das Monster beförderte sie mit einem unsanften Stoß auf eines der Sofas, zog dann eine Waffe aus seinem Hosenbund und setzte sich ihr gegenüber.
“Hier sind die Regeln,” sagte er, während er den Revolver auf sie richtete. “Kein Gezeter, kein unnötiges Geschreie, keine Fluchtversuche. Wie dir sicherlich klar ist, bringt das sowieso nichts.
Wenn die anderen gleich kommen wirst du schön brav die Tür aufmachen und sie herein lassen.”
Die anderen? Oh Gott, er wußte, dass sie verabredet waren. Er wußte … Moment …
„Sie ... sie sind mir gefolgt,“ brachte sie irgendwie heraus und die Vorstellung lies sie innerlich zu Eis erstarren. Dieses Gefühl beobachtet zu werden, das sie den ganzen Tag nicht losgelassen hatte, war also keine Einbildung gewesen.
„Schnellmerkerin,“ grinste das Monster überheblich. „Es war gar nicht so schwer. Die Backstreet Boys, ha! Noch auffälliger ging es wohl nicht, hm?“
„Lassen sie die Jungs aus dem Spiel, o.k.?“ flehte sie. „Sie haben mit uns doch gar nichts zu tun. Bitte. Machen sie mit mir was sie wollen, aber lassen sie ... ,“
„Halt’s Maul,“ brüllte das Monster und die Waffe in seiner Hand begann beinahe unmerklich zu zittern. „Diese Idioten werden dafür bezahlen, dass sie sich heimlich über mich lustig gemacht haben.“
„Aber ... ,“ setzte Paula verständnislos an. Zu spät wurde ihr bewußt, dass es nicht ratsam war dem Monster zu widersprechen.
Blitzschnell erhob er sich von seinem Platz, packte sie an den Haaren und zerrte sie vom Sofa auf den harten Dielenboden. Er drückte ihr Gesicht nach unten und presste ihre Schultern mit seinem Knie Richtung Boden. Zu ihrem Entsetzen fühlte sie das kalte Metall der Waffe plötzlich an ihrem Hinterkopf.
„Hör ganz genau zu, was ich dir jetzt sage,“ knurrte das Monster über ihr, während ihre Schultern mit gleißendem Schmerz gegen seine Behandlung protestierten. „Ich will keinen Ton über diese Pisser, dein Verhältnis zu ihnen oder sonst irgendetwas in diese Richtung von dir hören, ist das klar?“
Paula versuchte zu nicken, doch das gelang ihr nicht wirklich, da ihre Nase mittlerweile gegen den Fußboden gedrückt wurde.
„Haben wir uns verstanden?“ herrschte das Monster über ihr und sie beeilte sich zu antworten. „Ja! Ja! Ich habe verstanden.“
Für einen Moment blieb es still und Pauls biss die Zähne zusammen um vor Schmerz nicht laut aufzuschreien. Dann plötzlich wurde das Gewicht von ihren Schultern genommen und rücksichtslos riss das Monster sie an den Haaren in die Höhe. Er brachte seine Augen ganz nahe an ihre und sie fühlte sich augenblicklich wie ein Kaninchen, das von der bösartigen Schlange in Schach gehalten wurde.
„Dann halte dich auch gefälligst daran.“
Ein erneuter Stoß beförderte sie wieder auf das Sofa, wo sie zitternd und leise stöhnend liegen blieb.

Kapitel 26