Kapitel 24
Das Glück schien das Monster endgültig verlassen zu haben. Hatte sein Plan bis hierhin einwandfrei funktioniert, so bot sich ihm jetzt nicht einmal der Ansatz einer Chance, unbemerkt an Paula oder die Backstreet Boys heran zu kommen.
Abgesehen davon, dass sie den ganzen Tag von Termin zu Termin hetzten, wurde jeder ihrer Schritte von Bodyguards bewacht. Somit blieb ihm nichts anderes übrig, als sich im Hintergrund zu halten und gemeinsam mit einer handvoll Fans, die ihren Idolen durch die halbe Stadt folgten, den dunklen Vans hinterher zu fahren.
Er fragte sich mehr als einmal, ob Paula seine Anwesenheit wohl irgendwie spürte. Sie wirkte nervös, wenn sie aus dem Schutz eines Gebäudes trat, sah sich mehrmals um und hielt sich immer in der Nähe eines dunkelhäutigen Fettklosses, der scheinbar nicht nur für diese Modemagazin-Schönlinge da war, sondern auch Paula unter seine Fittiche genommen hatte.
Am frühen Nachmittag erreichte die kleine Kolonne schließlich erneut das Hotel und nachdem das Monster den Mercedes um die Ecke geparkt hatte, folgte er ihnen ins Innere. Er hatte sich vergangene Nacht ebenfalls hier ein Zimmer genommen und sich natürlich unter falschem Namen eingetragen. Selbst wenn die Polizei inzwischen wußte, dass er den Alten getötet und mit seinem Bargeld und Kreditkarten unterwegs war, würden sie zu spät feststellen, dass er sich hier in Mannheim aufhielt.
Er sah sich einen Moment in der Hotellobby um und versteckte sich dabei hinter einer ausladenden Palme. Einige Mitglieder der Crew drückten sich hier noch herum, doch von den Objekten seiner Begierde war nichts zu sehen. Missmutig seufzte er und überlegte, was er als nächstes tun sollte, als sich die Fahrstuhltüren öffneten und Paula mit einem der fünf Jungs im Schlepptau heraus trat.
Wie versteinert blieb das Monster hinter der Palme stehen, wagte kaum zu atmen, während Paula in nicht einmal zwei Metern Entfernung an ihm vorbei ging und sich dabei mit dem Mann an ihrer Seite unterhielt.
treffen uns so um acht bei mir. Marcus kann ja den Van nehmen und wenn ihr Glück habt, erinnert sich AJ sogar noch an den Weg.
Ich glaube kaum, dass AJs Orientierungssinn dafür ausreicht, schmunzelte der Mann und Paula lachte.
Ich weiß es nicht Kev. Hoffen wir einfach mal ...
Die beiden waren an ihm vorbei und das Monster stieß keuchend die angehaltene Luft aus. Gott, wie nahe sie ihm gewesen war! Er hatte sie riechen können, hätte nur die Hand ausstrecken brauchen, um sie zu berühren. Der Gedanke machte ihn leicht schwindelig und schnell lies er sich in die weichen Polster eines Sessels sinken.
Er versuchte, das eben gehörte in einen Zusammenhang zu bringen. Wenn er Paula richtig verstanden hatte, würden sie sich heute Abend bei ihr zu Hause treffen. Scheinbar war das Glück wieder zu ihm zurück gekehrt. Er würde sie alle auf einmal auf einem silbernen Tablett serviert bekommen und brauchte noch nicht einmal viel dafür zu tun.
Sicher, es war ein Risiko mehrere Menschen gleichzeit in Schach zu halten, aber das sollte eigentlich kein größeres Problem darstellen. Er hatte schon ganz andere Dinge zu stande gebracht.
Schnell warf er einen Blick auf die Uhr. Noch fünf Stunden. Das sollte reichen um noch einige Vorbereitungen zu treffen.
Als er aufstand und sich dem Ausgang zu wendete, fühlte er ein nie gekanntes Gefühl der Vorfreude und Macht durch seine Adern fließen. Heute Abend würde er dafür sorgen, dass sein Name um die Welt ging. Er würde die Backstreet Boys auslöschen und sich danach viel Zeit nehmen um sich von Paula in gebührender Weise zu verabschieden. Danach war er unsterblich, unbesiegbar und der mächtigste Mensch auf diesem Planeten. Obwohl
wahrscheinlich war er dann gar kein Mensch mehr. Er würde zu einem Gott werden, vor dem die Menschheit zitterte und er alleine würde über Leben und Tod entscheiden.
Das zufriedene Grinsen, das sich bei diesen Gedanken auf sein Gesicht legte, lies einige der wartenden Fans zurückweichen, als er mit ausgreifenden Schritten an ihnen vorbei ging.
Sie spürten das Böse, das von ihm ausging und selbst wenn einige von ihnen weniger sensible Antennen hatten, so war dieser verzerrte Ausdruck auf dem Gesicht des Mannes, der aufrecht und mit erhobenem Kopf an ihnen vorbei schritt, mehr als furchteinflößend.
Ein kollektives, erleichtertes Aufatmen ging durch die Reihen, als der Mann um die nächste Ecke verschwand. Keine fünf Sekunden später hatten sie alle diesen kurzen Augenblick der Beklemmung vergessen, denn drinnen, gut zu sehen durch die Glastür des Eingangsportals, durchquerte Nick Carter die Lobby und sofort erhob sich ein lautes Rufen und Kreischen, das von einem Blitzlichtgewitter begleitet wurde.
Er hatte sich in einem Baumarkt mit allem eingedeckt, was er die nächsten Stunden benötigte. Außerdem hatte er an einem Supermarkt gehalten und ein bißchen Proviant eingekauft. Er erinnerte sich nur zu gut an den Heißhunger auf Schokolade, der ihn immer überkam, wenn er eine große Aufgabe wie das Töten eines Menschen erledigt hatte und gerade heute wollte er sich nicht darauf verlassen, das Paula Süßigkeiten im Haus hatte.
Ihre Wohnung zu finden hatte sich allerdings als überraschend schwierig herausgestellt. Eigentlich hatte er angenommen, dass sie in einem ruhigen Vorort wohnte, doch nach einem Blick auf den Stadtplan stellte sich heraus, dass sie in der Abgeschiedenheit des Hafengebietes lebte. So weit so gut, doch die Straße, die auf seinem Zettel stand, war ewig lang und so etwas wie Hausnummern gab es hier auch nur sporadisch.
Eine halbe Stunde fuhr er hin und her und hoffte dabei, dass niemandem der dunkle Mercedes mit hannoverischem Kennzeichen auffallen würde. Er konnte ein Störung nicht gebrauchen und schon gar nicht, dass ihn ein Polizeifahrzeug anhielt um seine Papiere zu überprüfen.
Schließlich versteckte der den Wagen auf der Rückseite eines alten, heruntergekommenen Lagerhauses, das nicht so aussah, als würde es noch benutzt und machte sich zu Fuß im Licht des schwindenden Tages auf die Suche. Alles was er benötigte, hatte er in einen nagelneuen Rucksack verstaut, der mit jedem Schritt schwerer zu werden schien und je länger er herumwanderte, ohne Paulas Wohnung zu finden, desto wütender wurde er.
Dieses Miststück hatte sich wirklich eine Wohngegend am Ende der Welt ausgesucht und er empfand dies beinahe als eine persönliche Beleidigung. Warum machte sie es ihm und ihr so schwer? Sie konnte ihr Schicksal nicht ändern, das stand unumstößlich fest und durch diese unerwartete Verzögerung machte sie es nur noch schlimmer.
Tief in seinem Bewußtsein wußte er allerdings, dass er völlig irrational argumentierte. Vielleicht hatte sie ihre Wohnung tatsächlich danach ausgesucht, wie schwer oder leicht sie zu finden war, andererseits war dies hier auch eine abgeschiedene Gegend. Wenn er sie erst einmal unter seine Kontrolle gebracht hatte würde es wohl keine ungewollten Störungen durch irgendwelche neugiergen Nachbarn geben. Und ganz sicher stellte dies alles keine persönliche Beleidigung gegen ihn persönlich dar
obwohl
so genau konnte man das bei dieser miesen Schlampe ja nie wissen.
Schließlich half ihm der Zufall. Als er sicherlich zum dritten Mal an dem Imbissstand in Form eines alten Zugwaggons vorbei schritt, war die Sonne bereits untergegangen und in dem diffusen Dämmerlicht, das sich über die Fabrikgebäude legte, strahlte das Licht aus einem der Fenster direkt auf die bereits verblichene Hausnummer.
Kopfschüttelnd aber gleichzeitig voller Erregung blieb er stehen und starrte zu den dunklen Fenstern hinauf. Er war die ganze Zeit hier vorbei gegangen ohne zu wissen, wie nahe er seinem Ziel gewesen war. Wirklich unglaublich. Da weder im Erdgeschoss noch im 1. Stock Licht brannte ging er davon aus, dass Paula noch nicht zurück war und ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass es noch gute zwei Stunden bis acht Uhr waren.
Die Treppe ignorierend lief er an der schmalen Seite des Gebäudes entlang, bog dann um die Ecke und ging parallel zum Wasser an der Längsseite weiter. Die Wohnung lag sicherlich im 1. Stock, denn die Fenster des Erdgeschosses waren hier an der Rückseite zum Teil eingeschlagen oder mit Brettern vernagelt. Jede Menge bunter Graffitischmiererein zierten die Backsteinfassade und verstärkten damit, zusammen mit dem hochwuchernden Unkraut den Eindruck, dass sich hier nicht besonders oft ein Mensch her verirrte.
Nachdem er die Längsseite des Gebäudes einmal abgeschritten hatte, ging er langsam zurück und hielt schließlich an einem der eingeschlagenen Fenster inne. Er nahm seinen Rucksack von den Schultern und warf ihn durch das klaffende Loch im Fensterrahmen. Ohne große Mühe zog er sich auf einen kleinen Sims hinauf und stieg dann vorsichtig durch die Öffnung, darauf achtend, dass er sich an keinem der Glasreste verletzte.
Im Inneren sprang er behände auf den Boden, schulterte seinen Rucksack und versuchte in der Dunkelheit irgendetwas zu erkennen. Das letzte bißchen Licht von draußen erhellte nur notdürftig die alten, riesigen Maschinen, die von Staub und Spinnweben bedeckt waren. Überall lag Dreck und Gerümpel herum, Ansammlungen von Lumpen und alten Matratzen verrieten, dass sich hier ab und zu Landstreicher herum trieben, aber im Moment schien die riesige Halle leer zu sein.
Eine ganze Weile streifte er durch die verlassene Hall, bis er schließlich fand, wonach er gesucht hatte. Eine Treppe, die nicht mehr wirklich stabil aussah, führte in das obere Stockwerk. Vorsichtig tastete er sich nach oben, setzte langsam einen Fuß vor den anderen und hielt sich dabei nahe der Wand.
Am oberen Treppenabsatz befand sich eine Tür, die allerdings verschlossen war. Er lies den Rucksack von seinen Schultern gleiten, zog den Reissverschluss auf und entnahm ihm den kleinen Akkuschrauber, der die Hälfte seiner Barschaft aufgebraucht hatte.
In wenigen Sekunden hatte er das Schloss entfernt und die Tür schwang nach außen auf. Unvermittelt sah er sich einem vollgestellten Regal gegenüber und der dahinter liegende riesige Raum war mehr zu erahnen als zu sehen. Für einen Moment lauschte er in die Wohnung hinein, doch nichts rührte sich, was ihn nun endgültig davon überzeugte, dass Paula noch nicht wieder hier war. Darum bemüht so wenig Lärm wie möglich zu verursachen räumte er schnell die leichtesten Stücke aus dem Regal und schob es dann ganz langsam von seinem Platz, bis der Spalt dazwischen breit genug war, damit er sich hindurchzwängen konnte. Er verbrachte weitere zehn Minuten damit die Tür so zu schließen, das kein Spalt verriet, dass sie vor kurzem geöffnet worden war und das Regal mit samt seinem Inhalt wieder an seinen ursprünglichen Platz zurück zu schieben.
Dann erst wandte er sich der Wohnung zu. Paulas Wohnung, wie ihm ganz deutlich bewußt wurde und als wäre dies hier sein eigenes zu Hause, begann er jeden Winkel genauestens zu inspizieren.