Kapitel 23
Am nächsten Morgen weckte das penedrante Piepsen des Weckers Paula aus tiefem Schlaf. Für einen Moment hatte sie Schwierigkeiten sich zu orientieren, da sie nur sehr selten in den Genuss kam, in ihrem eigenen Bett aufzuwachen.
Dann drehte sie sich langsam auf den Rücken und aus den Augenwinkeln nahm sie einen dunklen Haarschopf neben sich wahr.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Auch das war ihr schon lange nicht mehr passiert: Neben einem Mann aufzuwachen.
Sie überlegte, ob sie sich aus dem Bett schleichen und schon einmal duschen sollte, doch sie konnte sich einfach nicht dazu durchringen. Stattdessen rutschte sie noch ein Stück an AJ heran und schlang einen Arm um seine Taille. Wohlig seufzend kuschelte sie sich an ihn und rieb ihre Nase in seinem Haar. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie jeden Morgen so aufwachen können.
Guten Morgen, hörte sie dann sein leises Gemurmel.
Guten Morgen, gab sie genau so leise zurück.
Ist es überhaupt schon Morgen? Ich fühle mich, als wäre ich gerade erst eingeschlafen, bei diesen Worten drehte er sich herum und blinzelte Paula verschlafen an.
Ja, leider ist es schon Morgen, entgenete Paula und lies sich bereitwillig in seine Arme ziehen.
AJ antwortete mit einem tiefen Seufzen und zog sie noch etwas enger an sich heran.
Eine ganze Weile lagen sie so zusammen, genossen die Nähe des anderen und versuchten nicht daran zu denken, dass sie tatsächlich irgendwann aus diesem Bett aufstehen mußten.
Wir sollten uns dann langsam fertig machen, sagte Paula schließlich, was AJ mit einem geqäulten och neeee, quittierte.
Ich möchte ja auch nicht hier weg, aber du hast heute einige Termine und Lyn bringt mich um, wenn ich dich nicht pünktlich abliefere.
Können wir nicht einfach so tun, als wäre ich kein Mitglied der Backstreet Boys? Ich meine
bleiben wir einfach hier, lassen die Welt um uns herum zusammenstürzen und kümmern uns nicht darum.
Du würdest also alle die du liebst enttäuschen?
Uhm
nein, gab AJ zu.
Na also. Komm schon. Paula wollte aufstehen, doch AJ hielt sie zurück.
Wir bleiben hier, verkündete er und schloss seine Arme noch fester um ihre Taille.
Das geht nicht, kicherte Paula und versuchte sich aus seinen Armen zu befreien.
Doch das geht, siehst du doch, grinste AJ.
In kürzester Zeit war ein Gerangel im Gange, in dem Paula versuchte aus dem Bett zu klettern, während AJ sie immer ein Stück ziehen lies, nur um sie gleich darauf lachend wieder an sich zu ziehen. Paula hatte seiner Kraft nichts entgegen zu setzen und trotzdem wehrte sie sich mit allem was sie hatte. Höchstwahrscheinlich wäre sie enttäuscht gewesen, wenn er sie einfach so hätte gehen lassen, doch in ihr stritten sich ihr Pflichtbewußtsein und die Sehnsucht, einfach hier mit ihm im Bett zu bleiben.
Schließlich hatte AJ es geschafft, sie unter sich begraben und triumphierend grinsend hockte er über ihr.
Ich sag doch, wir bleiben hier, kicherte er.
Das ist nicht fair! beschwerte sich Paula schweratmend, gab aber jede Gegenwehr auf.
Doch, das ist mehr als fair, grinste AJ, beugte sich hinunter und küsste sie.
Ich weiß nicht, Lyn
, weiter kam sie nicht, denn AJ verschloss ihren Mund erneut mit einem sanften Kuss. Inzwischen fiel es Paula immer schwerer noch einigermaßen klar zu denken.
Was ist mit Lyn? fragte er leise und sah lächelnd auf sie hinunter.
Ich
ähm
Lyn?
Sein Lächeln wurde breiter und beugte sich erneut zu ihr hinunter. Mit aufreizender Langsamkeit zog seine Zunge eine feuchte Linie über ihren Hals, das Schlüsselbein hinunter zu ihren Brüsten und jede Gegenwehr erstarb in Paula. Sie wollte ihn, sollten die anderen doch warten.
Lyn wird uns umbringen, sagte Paula zum wiederholten Mal, während sie AJ voraus in den Fahrstuhl der Tiefgarage hastete. Er blieb, wie schon die letzte halbe Stunde, stumm und folgte ihr mit schlurfendem Schritt.
Hey, alles in Ordnung? fragte Paula sanft, während sie den Knopf für das Erdgeschoss drückte.
Nein, nichts ist in Ordnung. Aber damit werde ich wohl leben müssen, gab AJ ernst zurück.
Ich weiß was du meinst, nickte Paula und noch bevor sie ihm sagen konnte wie schön diese Nacht für sie gewesen war, dass es aber leider keine Zukunft für sie beide gab, öffneten sich die Fahrstuhltüren und sie sahen sich Kevin und Lyn gegenüber, die vor den Aufzügen gewartet hatten.
Ach, das ist aber nett, dass ihr auch schon auftaucht. In zehn Minuten müssen wir bei dem verdammten Sender sein, alle sind pünktlich, außer euch beiden Herrschaften natürlich, sagte Lyn und stemmte vorwurfsvoll die Hände in die Hüften.
Tut uns leid, entgegnete Paula zerknirscht und verließ als erste die Kabine. Sie konnte die fragenden Blicke der anderen, die immer wieder zwischen ihr und AJ hin und her huschten beinahe körperlich spüren, aber sie tat so, als würde sie sie nicht bemerken. Was hätte sie auch sagen sollen? Ja, ihr habt recht. Wir waren zusammen, haben in einem Bett geschlafen und uns geliebt. Nein, das war wohl nicht wirklich ratsam.
Sie gesellten sich zum Rest der Crew, der sich in der Eingangshalle versammelt hatte. Von draußen erklangen bereits die Sprechchöre der Fans und Paula wünschte sich nichts sehnlicher, als sich einfach unsichtbar machen zu können.
AJ ging an ihr vorbei, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen und begrüßte Brian, Nick und Howie.
Sie waren überein gekommen, dass es vielleicht ganz gut war, wenn sie die nächste Zeit nicht zu offensichtlich aufeinander hockten, wobei ihnen eigentlich beiden klar war, dass man ihnen schon von weitem an der Nasenspitze ansehen konnte, was in dieser Nacht passiert war. Dass sie nun beide verspätet und zur selben Zeit auftauchten, gab den Gerüchten nur noch mehr Nahrung. Aber das war jetzt wohl nicht mehr zu ändern.
Gemeinsam gingen sie schließlich nach draußen zu den dort wartenden Vans. Für Autogramme und Fotos war diesmal keine Zeit und einige der Fans machten ihrem Unmut darüber ziemlich deutlich Luft. Aber auch das war nicht zu ändern.
Als Paula schließlich erschöpft und niedergeschlagen in einem der Vans saß, flankiert von Lyn und einer ihrer Assistentinnen, lies sie ihren Blick seufzend über die aufgebrachte Menge schweifen. War es das wirklich wert gewesen?
Doch bevor sie eine Antwort darauf finden konnte, erregte eine Gestalt ihre Aufmerksamkeit, die vom Eingangsbereicht des Hotels weglief und gleich darauf um die Ecke des Gebäudes verschwand. Ein eiskalter Schauer lief Paula über den Rücken und alarmiert richtete sie sich in ihrem Sitz auf.
Er ist hier schoss es ihr durch den Kopf. Er hat mich gefunden, wie auch immer er das angestellt hat. Das Monster ist hier! Ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust und das Atmen fiel ihr schwer. War er das wirklich gewesen? Sie hatte die Person nur von hinten gesehen, den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen und offenbar in Eile. Warum war sie dann der Meinung, dass es sich bei der Gestalt um das Monster handelte?
Lyns Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Ihr solltet wirklich aufpassen, sagte sie so leise, dass nur Paula sie hören konnte. Hier macht sich sowieso schon jeder seine Gedanken und mit solchen Auftritten wie vorhin macht ihr das ganze nicht wirklich besser.
Ich weiß, nickte Paula betreten. Wirklich, es tut mir leid. Eigentlich wollten wir pünktlich sein, aber
,
Erspar mir die Details, entgegnete Lyn schnell.
Schade. Da gäbe es nämlich einiges zu erzählen, grinste Paula.
Ich will es lieber gar nicht so genau wissen, kicherte Lyn.
Der Wagen setzte sich in Bewegung und Paula hielt konzentriert nach der Gestalt Ausschau, die sie so sehr an das Monster erinnert hatte. Als sie die Querstraße passierten, in die die Gestalt verschwunde war, konnte sie allerdings weit und breit niemanden entdecken.
Ich habe mir das sicherlich nur eingebildet dachte sie. Ich bin übermüdet und gereizt und in meinem Kopf ist sowieso nur Platz für AJ und
und überhaupt. Er hätte sich doch niemals aus dem Staub gemacht, wenn er mich erkannt hätte.
Diese Gedanken beruhigten nach und nach den Aufruhr in ihrem Kopf. Als sie die Innenstadt verließen und sich auf den Weg zum Radiosender machten, war sie bereits davon überzeugt, dass sie Gespenster sah wo keine waren.