Kapitel 22

Zur selben Zeit, als Paula und AJ friedlich und eng aneinander gekuschelt in das Reich der Träume glitten, erreichte das Monster unentdeckt die Mannheimer Innenstadt. Bis zu diesem Moment hatte er sich noch müde und ausgelaugt gefühlt. Immer wieder war sein Blick nervös zum Rückspiegel gehuscht, hatte er versucht mögliche Verfolger schon im Vorfeld zu erkennen, doch unglaublicher Weise hatte sich kein einziges Mal auch nur die Stoßstange eines Polizeifahrzeuges gezeigt.
Jetzt, als er in die hell erleuchtete Stadt eindrang, schoss das Adrenalin durch seine Adern, fühlte er sich hellwach und bereit für die große Aufgabe, die nun endlich in greifbare Nähe rückte.
An einem Infostand in der Nähe des Bahnhofs hielt er an und stieg mit steifen Gliedern aus dem Wagen aus. Er wollte sich auf dem dort aushängenden Stadtplan informieren, wo genau Paulas Wohnung lag, doch noch bevor er diesen erreicht hatte, fiel sein Blick auf eine Litfassäule, die über und über mit bunten Plakaten beklebt war. Ganz oben, gut sichtbar für jeden, der auch nur einen flüchtigen Blick riskierte, hing ein Plakat, das die Aufmerksamkeit des Monsters fesselte.
“Backstreet Boys – Never Gone Tour, 13. Oktober SAP-Arena”. Langsam trat er näher und versuchte in dem schwachen Licht einer Straßenlaterne die Gesichter der fünf Männer zu erkennen, die in schwarzen Anzügen direkt aus dem Plakat auf ihn zuzumaschieren schienen.
Als er das Gespräch des Anwalts belauscht hatte, war der Name dieser Gruppe gefallen und er hatte sich eine ganze Weile keinen Reim darauf machen können. Die Backstreet Boys … was hatten die mit Paulas Leben zu tun? Schließlich fand er in einem alten Sekretär einen Stapel Briefe, die Paula an den Alten geschrieben hatte und so langsam wurde dem Monster so einiges klar.
Sie berichtete darin von ihrer Arbeit und dem Umstand, dass ihre Firma die Backstreet Boys unter Vertrag genommen hatte. Sie erläuterte sogar ihre diversen Aufgaben, die sie für diese Boyband übernehmen würde. Bis jetzt hatte sich das Monster nicht vorstellen können, wie soetwas tatsächlich aussehen sollte, aber als er nun auf das Plakat starrte, die jungen, frischen und attraktiven Gesichter musterte, die ihm entgegenblickten, da fühlte er tief in sich eine Art Vibrieren, eine Schwingung, die ihn nervös auf seinen Nägeln herum kauen lies.
Mit diesen fünf Männern hatte sie also die letzten Wochen verbracht? Sie hatten sie berührt, waren ihr so nahe, wie er es seit zwanzig Jahren nicht mehr gewesen war und hatten ihn damit zum vollkommenen Idioten abgestempelt.
Hass flammte urplötzlich in seinen Eingeweiden auf. Ein irrationaler, alles verzehrender und punktgenau ausgerichteter Hass auf diese fünf Männer, die das bekommen hatten, was ihm seit zwanzig Jahren verweigert wurde. Er begann am ganzen Leib zu zittern, ballte die Hände zu Fäusten, bis sich seine Fingernägel schmerzhaft in die Handflächen bohrten und aus den Tiefen seines Selbst stieg ein dunkeles Knurren auf.
Er würde ihnen allen zeigen, zu was er fähig war. Sie sollten nie wieder auf die Idee kommen ihn zu verspotten oder gar zu demütigen. Er war das Monster und er würde der ganzen Welt beweisen, das er diesen Namen zu recht trug.
Ein neuer Plan nahm in seinem Kopf Gestalt an, während er immer noch vor dem Plakat stand und wie ein dünner Grashalm im Wind hin und her schwankte. Ja, er würde ihnen zeigen was es hieß, sein Eigentum zu beschmutzen.

Es war für das Monster noch nicht einmal schwer herauszufinden, in welchem der großen Hotels die Backstreet Boys abgestiegen waren. Er musste sich lediglich in der Bahnhofshalle einen Kaffee besorgen und während er noch darüber nachgrübelte, wie er den Aufenthaltsort dieser Mistkerle feststellen sollte, durchquerte er die, trotz der späten Uhrzeit gut besuchte Bahnhofshalle. Im Vorbeigehen hörte er zwei junge Frauen, die sich miteinander unterhielten und als die Worte “Backstreet Boys” fielen, hielt er mitten im Schritt inne und spitze die Ohren.
“Das sind eben die Backstreet Boys habe ich ihm gesagt. Da kommst du nicht gegen an.” Sagte die eine von beiden.
“Und dann?” Fragte die andere.
“Und dann habe ich meine Hausschlüssel und das Zugticket genommen und bin einfach gegangen.”
“Ach je, der Arme.”
“Der soll sich nicht so haben. Sag ich vielleicht was, wenn er vor dem Fernseher sitzt und Kylie Minouge angafft? Nee. Also.”
“Ja, du hast recht. Abgesehen davon, können Männer das sowieso nicht verstehen.”
“Wohl wahr. Ich habe übrigens gehört, dass sie im Maritim abgestiegen sind. Was sagst du dazu? Ich kann zwar nicht verstehen, wie man sich bei dieser Kälte davor stellen kann nur um darauf zu warten, dass einer von den fünfen seinen Kopf heraus streckt, aber … ,”
Das Monster hatte genug gehört. Mit festem Schritt wandte er sich Richtung Ausgang und strebte seinem Wagen zu, den er, unvorsichtiger Weise wie er zugeben mußte, im Halteverbot abgestellt hatte. Als er den dunklen Mercedes erreichte, hing ein weißter Zettel unter den Scheibenwischern.
“Auch noch einen Strafzettel,” murmelte er und warf den Zettel unbeachtete in den Rinnstein. Sollte sich doch der Anwalt darum kümmern. Ach nein, der war ja tot. Das Monster kicherte, als er den Wagen startete und wendete. Das hätte sich diese Missgeburt sicherlich auch nicht vorgestellt: Noch nach seinem Ableben einen Strafzettel wegen Falschparkens zu kassieren.
Gut gelaunt lenkte er den Mercedes auf die breite Ringstraße, die um die Innenstadt Mannheims herum führte. Das Maritim Hotel hatte er gesehen, als er in die Stadt gefahren war und es lag gar nicht weit von hier.
Er fand einen Parkplatz auf der Rückseite des Hotels. Alte Jugendstilbauten erhoben sich in den dunklen Nachthimmel, hohe Bäume säumten die Straßen, die um diese Uhrzeit wie leergefegt wirkten.
Als er um die Ecke des Gebäudes bog, sah er schon von weitem den erhellten Eingangsbereich des Hotels und davor eine unübersichtliches Gewimmel von Menschen, Schlafsäcken und bunten Plastikplanen, augenscheinlich das Gefolge dieser Emporkömmlinge.
Das Monster überquerte die Straße und suchte sich eine ruhige Parkbank. Seine Augen wanderten an der beeindruckenden Hotelfassade hinauf, unterzogen jedes Fenster einer genauen Untersuchung und konnten nirgends etwas finden, auf das er seinen Hass richten konnte. Von den Backstreet Boys war jedenfalls nichts zu sehen.
Er überlegte, wie er weiter vorgehen sollte, denn um hier weiter auf der Bank zu sitzen war es eindeutig zu kalt. Sein Blick schweifte über die Menge der Fans, die sich mit dicken Schlafsäcken und dampfenden Thermoskannen bewaffnet hatten. Er wollte um keinen Preis der Welt mit ihnen tauschen, aber da er in den letzten zwanzig Jahren nicht viel mehr von der Außenwelt mitbekommen hatte, als ihm die diversen Fernsehkanäle zeigten wußte er, dass diese Mädchen eine hervorragende Quelle für Infomationen über die Backstreet Boys waren.
Er erhob sich also wieder von der Bank und überquerte die Straße. Äußerlich völlig entspannt, innerlich allerdings auf der Hut, näherte er sich der ersten Gruppe von fünf Mädchen. Als er näher kam stellte er fest, dass das Durchschnittsalter der fünf höher lag, als er es bisher angenommen hatte. Hier saßen keine sechszehnjährigen Teenies, die auf die Ankunft ihrer Idole warteten, sondern beinahe erwachsene Frauen, nicht viel älter als 25 zwar, aber totzdem nicht das, was er von einer Gruppe erwartete, die so offensichtlich fünf junge, dem Reißbrett entsprungene Amerikaner anhimmelten.
“Stellt euch mal vor,” sagte eines der Mädchen gerade und schloss dabei ihre Hände um einen dampfenden Plastikbecher “sie sitzen jetzt da unten im Keller. Nicht einmal fünf Meter von uns entfernt.”
“Gruselig,” kommentierte die eine.
“Aufregend,” eine andere.
Dann entdeckten sie ihn und fünf Augenpaare, teils misstrauisch, teils freundlich lächelnd, richteten sich auf ihn.
“Guten Abend,” sagte er freundlich und blieb am Rande des Lichtkreises stehen, den der Eingangsbereich des Hotels auf das Pflaster mahlte.
“Hi,” begrüßten ihn die Mädchen und sahen weiterhin neugierig zu ihm auf. Wahrscheinlich waren sie es nicht gewohnt, dass sich jemand über dreißig für sie interessierte, es sei denn, er hatte irgendwelche klugen und überflüssigen Ratschläge auf Lager.
“Ist es nicht ein bißchen kalt um hier auf dem Boden zu hocken?” fragte er.
“Ach was,” winkte eines der Mädchen ab. Unter ihrer dunklen Wollmütze lugten einige Strähnen blonden Haares hervor und das Monster wurde damit schmerzlich an Paula erinnert. “Wir sind schlimmeres gewohnt.”
“Immerhin regnet es nicht,” warf das Mädchen ein, das eben noch darüber sinniert hatte, wie nahe sie ihren Idolen waren. Das Monster taufte sie in Gedanken “Miss Besserwisser”. Sie ging ihm jetzt schon auf die Nerven.
“Ich verstehe,” nickte das Monster. “Wie … ist denn die Lage so?” fragte er dann weiter und hoffte, dass er sich der heute geltenden Umgangssprache bediente und sich nicht zum kompletten Idioten machte.
Das einsetzende Kichern der Mädchen zerstörte allerdings seine Hoffnungen. Nun gut, dann stellte er sich eben wie ein Idiot an. Was wußten diese Küken denn schon? Wenn er wollte, konnte er sie in seiner Faust zerquetschen. Sollte er es ihnen anlasten, dass sie das nicht wußten?
“Wie die “Lage” so ist?” fragte das blonde Mädchen und grinste dabei breit. “Nun ja. Bis zum Konzert sind es noch zwei Tage, aber die Jungs sind schon da. Wir haben sie heute Nachmittag gesehen.”
“Ihr habt sie wirklich gesehen?” Aufgeregt trat das Monster einen Schritt ins Licht und er registrierte leicht belustigt, dass zwei der fünf Mädchen instinktiv vor ihm zurückwichen.
“Ja!” Das blonde Mädchen wirkte ganz aufgeregt. “Ich habe sogar Nicks Hand geschüttelt und Brian hat mich umarmt. Ist das nicht cool?”
“Sie nehmen sich eben Zeit für ihre Fans, weil sie wissen, wie wichtig wir sind,” nickte ein anderes Mädchen, das sich bis zum Hals in seinen Schlafsack eingewickelt hatte.
Scheinheilige Arschlöcher dachte das Monster, laut sagte er “ das scheinen ja wirklich anständige, junge Männer zu sein.”
Das kollektive Gekicher bestätigte ihm, dass das nicht unbedingt ein, in ihren Augen, intelligenter Satz gewesen war.
“Wenn sie heute schon da sind, was machen sie dann wohl bis zum Konzert?” fragte er weiter.
“Morgen sind einige Interviewtermine angesetzt,” erklärte Miss Besserwisser, die scheinbar immer wußte, wo genau sich ihre Angebeteten gerade aufhielten. “Erst bei Radio Regenbogen, irgendwann morgen früh um elf oder so.”
“War das nicht um zehn?” fragte eines der Mädchen nach, doch Miss Besserwisser strafte sie lediglich mit einem nachsichtigen Blick, bevor sie sich wieder dem Monster zuwandte “und danach wohl noch beim Mannheimer Morgen, wobei das wohl auch noch mit einer Preisverleihung verbunden ist. Dann sind da noch ein paar Magazine und ich glaube es sind auch ein paar Fernsehsender angereist. Aber so genau wissen wir das nicht.”
“Ich verstehe. Ihr seid wirklich gut infomiert, das muß ich schon sagen,” bemerkte das Monster und die Wangen der Mädchen begannen zu glühen.
“Ja, das ist eben das, was einen wirklichen Fan ausmacht,” lächelte das blonde Mädchen und das Monster spürte, wie die Hände in seiner Jackentasche zu zucken begannen. Je länger er sie betrachtete, um so mehr ähnelte sie Paula und nur mühsam konnte er verhindern, dass er sich einfach auf sie stürzte um ihr dieses bezaubernde Lächeln für immer aus dem Gesicht zu schneiden.
“Na, dann wünsche ich euch weiterhin viel Glück,” sagte er mit einem recht angestrengt wirkenden Lächeln im Gesicht.
“Danke, ihnen auch,” nickte Miss Besserwisser und das Monster beeilte sich, aus dem Licht herauszutreten. Mit schnellen Schritten entfernte er sich und bog um die Ecke des Gebäudes, bevor er sich schweratmend gegen die Hauswand lehnte und die Augen schloss. Seine Hände zitterten inzwischen so sehr, dass er sie aus den Taschen nahm und die Finger ineinander verschränkte.
Paula Sommer! Seine Gedanken kreisten immer wieder um diesen Namen, der Schweiß brach ihm aus allen Poren und nur mit Mühe konne er sich auf den Beinen halten. Sie war mit diesen Ausgeburten an männlichen, testosterongesteuerten Spatzenhirnen unterwegs, wurde von ihnen berührt, vielleicht sogar in den Arm genommen, wie das blonde Mädchen vor dem Hoteleingang. Das durfte nicht sein. Niemand legte seine dreckigen Finger ungestraft auf sein Eigentum!
Er zwang sich dazu, langsam und gleichmäßig zu atmen, versuchte die Wut und den Hass, der in ihm brodelte wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch, einzudämmen. Er hatte Zeit. Er würde Paula bekommen, aber vorher mußte er diesen Hupfdohlen, diesen miesen Scheißhaufen zeigen was es hieß, ungefragt in seinem Revier zu wildern. Morgen früh würde er sich diese Kerle aus der Nähe ansehen und er würde sich an ihre Fersen heften, bis seine Stunde geschlagen hatte. Er würde seine Rache bekommen und zum Aufwärmen würde er sich diese fünf Witzfiguren vom Hals schaffen.

Kapitel 23