Kapitel 21

Paula stand im Bad und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Die letzten Stunden waren einfach atemberaubend und wunderschön gewesen. Sie hatte sich AJ so nahe gefühlt, hatte das Gefühl seiner Hände und Lippen auf ihrem Körper genossen und sich keine Gedanken über das “danach” gemacht.
Um so mehr stürzte jetzt die Realität wieder auf sie ein. Diese Nacht war ein einmaliges Erlebnis, dass sich nicht wiederholen durfte. Das wußte sie und das wußte auch er. Und trotzdem … sie bereute keine einzige Sekunde.
Doch Enttäuschung und etwas, das beinahe an Verzweiflung grenzte, schob sie nach und nach in ihr Bewusstsein. Es war nicht fair, dass etwas, das sich so gut und richtig anfühlte, eben nicht gut und richtig war. Die Realität lag meilenweit von diesem Ort des Friedens entfernt und Paula war Realist genug um sich nicht in blassrosa Träumen zu verlieren.
Rigoros schob sie schließlich die dunklen Gedanken beiseite und lächelte ihrem Spiegelbild aufmunternd zu. Sie würde diese Nacht genießen, so lange sie dauerte. Morgen war noch genug Zeit, sich wieder zurück in ihren Kokon von Unantastbarkeit zurückzuziehen und die Maske der Freundschaft aufzusetzen. Heute Nacht gab es nur sie und ihn und niemand würde ihr dies jemals nehmen können.
Entschlossen löschte sie also das Licht und verließ, nur in ihrem Slip bekleidet, das Badezimmer.
Ihr Blick fiel als erstes auf die roten Vorhänge und somit auch auf das Bett mit den zerwühlten Laken, das dahinter schemenhaft zu erkennen war. Sie stellte leicht erschrocken fest, dass es leer war. Hatten seine Zweifel und die Vernunft AJ aus ihrer Wohnung getrieben?
“Ich bin hier drüben,” hörte sie plötzlich seine vertraute Stimme und Erleichterung durchflutete sie.
Als sie sich umsah entdeckte sie ihn, wie er vor der Wand mit ihren unzähligen Erinnerungsfotos stand. Er hatte sich eines der Laken um den Körper geschlungen und wirkte damit ein wenig wie ein römischer Kriegsheld. Langsam ging Paula zu ihm hinüber.
“Was machst du hier?” fragte sie und schlang ihre Arme um seine Hüften.
“Ich beschäftige mich mit dir und deiner Vergangenheit,” sagte er lächelnd und küsste sie sanft auf den Mund, was sofort ein angenehmes Kribbeln durch ihren Körper jagte.
“Und? Zu welcher Erkenntnis bist du gekommen?”
“Eigentlich zu gar keiner,” grinste er und wandte sich wieder den Fotos zu, die kreuz und quer und ohne erkennbare Reihenfolge mit Tesafilm an die Wand geklebt waren. Er zog sie fest an sich und sie lehnte sich mit dem Rücken an seine Brust.
“Erzähl mir ein bißchen davon. Wer ist das zum Beispiel?” Er deutete mit dem Finger auf ein Bild, das sie mit zwei weiteren Frauen zeigte. Sie lachten lauthals in die Kamera und Paula mußte bei dem Anblick lächeln.
“Das sind zwei Kolleginnen von der Arbeit. Wenn wir alle drei im Büro sind, kann uns eigentlich nichts und niemand stoppen. Wir sind sozusagen das Chaosteam,” erklärte Paula. “Leider kommt das recht selten vor.”
“Und das da?” sein Finger war weiter gewandert und Paula schluckte, als sie die Gesichter auf dem Foto erkannte.
“Das sind meine Eltern,” sagte sie leise und alles, was sie in den letzten Stunden erfolgreich verdrängt hatte, stürzte wieder auf sie ein. Das Monster ist frei dachte sie zum wiederholten Male und konnte nicht verhindern, dass sie ein leichtes Zittern erfasste. Sie fühlte, wie AJ sie sofort noch enger an sich zog.
“Sie sehen glücklich aus,” sagte er leise.
“Ja, das waren sie. Ich sehe sie immer noch vor mir, wie sei händchenhalten spazieren gegangen sind oder mit mir gemeinsam am Frühstückstisch saßen. Wir waren so eine Art … hm … Bilderbuchfamilie. Wir haben sicherlich auch manchmal gestritten, wobei ich als Dreikäsehoch natürlich oft den Kürzeren gezogen habe, aber sie waren immer fair, haben mich nie von obenherab behandelt.”
“Das klingt schön.”
“Ja, das war es. Bis … bis … dieses Monster in unser Leben eingebrochen ist. Und weißt du, was das Verrückteste daran ist?”
Sie spürte, wie AJ in ihrem Rücken den Kopf schüttelte.
“Er hat sich unsere Familie ganz spontan ausgesucht. Er ist einfach in die Straße gelaufen und hat an irgendeiner Tür geklingelt. Ich finde … das ist … stell dir mal vor, er hätte einfach ein anderes Haus gewählt. Oder wir hätten nicht das letzte Haus in der Straße gekauft, sondern eines am Anfang der Straße. Das alles wäre nicht passiert.”
“Es wäre euch nicht passiert,” verbesserte AJ.
“Ja,” gab Paula leise zu.
“Was ist danach geschehen?” fragte AJ weiter.
“Mit mir?”
“Hm.”
“Ben hat sich ab da um mich gekümmert,” sie deutete auf ein Foto, das vor gar nicht langer Zeit aufgenommen worden war. Ihr Freund trug Jeans und ein altes, ausgewaschenes Jeanshemd, was ihn wesentlich jünger aussehen lies, und lächelte verhalten in die Kamera, während er in einer karrierten Schürze am Herd stand und einen Kochlöffel in Richtung der Kamera schwang.
“Er war der Anwalt meiner Eltern. So lange ich denken kann, gehörte er praktisch zur Familie. Er … ich weiß auch nicht … er wußte, wie er mit mir umgehen mußte und er war auch eine ganze Zeit lang der einzige, der noch irgendwie zu mir durchdringen konnte. Er brachte mich in einer Pflegefamilie unter und es ist sicherlich nur seinem guten Zureden zu verdanken, dass ich dort bleiben konnte und nicht von einer Familie zur anderen geschoben wurde. Ich liebe ihn wie einen … Großvater oder so etwas. Er ist mein Halt wenn alles andere um mich herum zusammen bricht.”
“Er hatte es bestimmt nicht immer leicht mit dir,” schmunzelte AJ.
“Das kann man so sagen,” grinste Paula, bevor sie wieder ernst wurde. “Ich war … hm … sagen wir mal … ich war nicht gerade ein einfacher Teenager. Ich lebte - und lebe noch - in dem Bewußtsein, dass das Leben von jetzt auf nachher vorbei sein kann. Ich habe alles mögliche angestellt, habe geklaut wie ein Rabe, mir regelmäßig mit Alkohol und Drogen die Sinne vernebelt. Ich wollte … ausbrechen, jemand anderer sein. Ich wollte, dass die Bilder aufhören, in meinem Kopf zu sein.”
“Ich schätze, das hat nicht wirklich funktioniert.”
“Nein, nicht wirklich.” Paula entwand sich aus seiner Umarmung, fasste nach seiner Hand und zog ihn in Richtung des Bettes. Sie kuschelten sich aneinander, Paula legte den Kopf auf AJs Brust und genoss das Gefühl der Wärme, das sie umgab.
“Mit dem fotografischen Gedächtnis ist das so eine Sache,” redetet sie weiter. “Auf der einen Seite wirklich ein Segen, auf der anderen bleiben aber auch alle anderen Ereignisse wie Fotos in deinem Kopf vorhanden. Ich sehe immer noch das viele Blut, meine Eltern auf dem Bett … ,” Paula schluckte. “Und ich sehe ihn. Wie er aus dem Badezimmer kommt, vollkommen entspannt mit einem Handtuch in seinen Händen. Ich sehe das Tatoo auf seiner Brust, seine Augen, die für mich nichts menschliches an sich hatten. Ich kann … jede Einzelheit vor mir sehen und manchmal kann ich … diese Bilder nicht abstellen.”
Sie schwiegen eine Weile. Sie spürte, wie AJ sanft ihren Rücken streichelte und scheinbar komplett in Gedanken versunken war.
“Was denkst du?” fragte sie leise.
“Ich … frage mich, wie … naja … wie man so etwas überwinden kann. Also ich meine … danach weiter lebt. Ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, wie es wäre meine Mom zu verlieren und … ,” sie spürte, wie er den Kopf schüttelte und vorsichtig richtete sie sich in seinen Armen auf. Mit dem Ellenbogen stützte sie sich neben ihm ab und betrachtete liebevoll sein Gesicht.
“Du hast nur die Wahl vollkommen den Verstand zu verlieren, oder irgendwie weiter zu machen. Man lernt auf eine gewisse Art mit dem Schmerz zu leben, auch wenn er nie weg gehen wird.”
Seine Hand berührte zärtlich ihr Gesicht bevor er sie zu sich hinunter zog. Sanft glitten seine Lippen über ihren Mund, knabberten an ihrer Unterlippe, dann rollte er sich mit ihr zur Seite und hielt sie ganz fest.
“Ich bewundere dich dafür und ich bin stolz darauf, was du aus deinem Leben gemacht hast.”
“Danke,” brachte sie heraus und spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. “Es ist nicht leicht aber … naja … ,” sie zuckte mit den Schultern, weil sie nicht wußte, was sie noch sagen sollte. Doch das war auch gar nicht nötig. AJ küsste sie erneut, seine Hände wanderten zärtlich über ihren Körper und löschten damit für eine ganze Weile die in ihrem Kopf rotierenden Bilder aus.

Der Mercedes holperte über einen schmalen Waldweg. Nach zwanzig Jahren saß das Monster wieder hinter dem Steuer eines Autos und er war überrascht, wie wenig er verlernt hatte. Die ersten Meter waren noch etwas ungewohnt gewesen, doch nun fühlte er sich völlig sicher.
Neben ihm auf dem Beifahrersitz lagen einige Unterlagen, die er aus dem Haus des Anwalts mitgenommen hatte, außerdem hatte er eine betrechtliche Menge Bargeld, die Kreditkarte des Anwalts und eininge Kleindungsstücke eingesteckt. Zu oberst auf dem kleinen Stapel lag das Foto von Paula. Sie lächelte ihn unentwegt an und jedesmal wenn er den Kopf drehte und zu ihr hinüber blickte, erfasste ihn ein freudiges Kribbeln. Sie war zu einer überaus hübschen Frau herangereift und wenn er den Informationen, die er überall im Haus des Anwalts gefunden hatte glauben durfte, war sie inzwischen eine aufstrebende Geschäftsfrau, die sich mit den Reichen und Schönen dieses Landes vergnügte.
Natürlich hatte er auch ihre Adresse heraus gefunden. Das war eigentlich noch die leichteste Übung gewesen. Der Alte hatte sämtliche Informationen sorgfältig in ein Adressbuch notiert, angefangen bei der Adresse der ersten Pflegefamilie, bis hin zu der Wohnung, die Paula wohl inzwischen in Mannheim bezogen hatte.
Genau dorthin war er nun unterwegs. Da er wußte, dass die Polizei sämtliche Straßen rund um Hannover kontrollierte, hatte er sich etwas einfallen lassen müssen. Die Mercedes-Limousine des Anwalts war zwar nicht gerade geeignet für dieses Gelände, aber eine andere Möglichkeit gab es nicht.
Er erinnerte sich an sämtliche Schleichwege, die er früher benutzt hatte und entschied sich schließlich für diesen Weg hier. Er führte direkt hinter dem Haus des Anwalts in den Wald und würde ihn knapp hinter der Stadtgrenze wieder auf eine befestigte Straße führen. Danach mußte er sich noch durch einige kleine Dörfer und wenig befahrende Landstraßen kämpfen, bevor er es wagen konnte, die Autobahn zu benutzen.
Niemand wußte, dass er im Wagen des Anwalts unterwegs war und er hoffte, das dies auch noch eine ganze Weile so bleiben würde. Wenn sie nicht wußten wo und mit was er unterwegs war, konnten sie auch nicht nach ihm suchen.
Sein Blick wanderte erneut hinunter zu Paulas Foto und wie immer, wenn ihn ihr Lächeln streifte, überwältigte ihn der Anflug der verschiedensten Gefühle. Über dem Ganzen lag ein alles verzehrender Hass. Sie hatte dafür gesorgt, dass er die letzten zwanzig Jahre in dieser stinkenden Kloarke hatte verbringen müssen, sie war Schuld daran, dass sie ihn erniedrigt und gedemütigt hatten und sie würde dafür bezahlen.
Tief darunter, unter den ganzen Visionen von Blut, Gewalt und Befriedigung, lauerte allerdings auch etwas, das er nur sehr schwer fassen konnte. Er fühlte eine gewisse Verbundenheit, eine Sehnsucht, die er sich überhaupt nicht erklären konnte. Sie hatten nichts gemeinsam. Im Gegenteil. Sie standen auf verschiedenen Seiten. Er die strahlende Erleuchtung, sie die dunkle Bedrohung, der Dorn in seinem Fleisch. Und trotzdem …
Er zwang sich, seine Aufmerksamkeit wieder nach vorne auf den gewundenen Waldweg zu richten. “Dem Miststück werde ich es zeigen,” murmelte er und drückte das Gaspedal ein wenig weiter nach unten. Irgendetwas sagte ihm, dass er sich beeilen sollte.

Kapitel 22