Kapitel 20

AJ hatte sich bei Lyn und Marcus für diesen Abend abgemeldet und ihm war der belustigte Unterton in ihren Stimmen dabei nicht entgangen. Er konnte sich gut vorstellen, wie die anderen den restlichen Abend darüber spekulieren würden, was da genau zwischen ihm und Paula ablief. Er ärgerte sich nach wie vor darüber, konnte aber offensichtlich nichts dagegen tun.
Er lies sich von der Rezeptionistin ein Taxi rufen und bat sie, dieses in die Tiefgarage fahren zu lassen. Er wollte möglichst unentdeckt von den Fans hier verschwinden.
Noch einmal kontrollierte er sein Aussehen in dem bodenlangen Spiegel im Flur seines Hotelzimmers. Er trug einen dünnen, schwarzen Pullover und Jeans, sein Haar war im Moment so kurz, dass er sich damit nicht lange hatte aufhalten müssen und seine Hände nestelten nervös am Saum des Pullovers.
Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Das hier war kein Date im eigentlichen Sinne und trotzdem war er aufgeregt wie ein Teenager. Er versuchte sich immer wieder zu sagen, dass sie sich lediglich trafen um sich gegenseitig diese unmögliche Beziehung auszureden, dass sie nur wie Freunde gemütlich zusammen sitzen würden und er hoffte, dass es auch wirklich nur dabei blieb.
Nun ja … um ganz ehrlich zu sein … der Gedanke, sie zu küssen, sie in seinen Armen zu halten war unglaublich verführerisch und im Grunde seines Herzens wußte er, dass es ihm schwer fallen würde die Grenze zwischen Freundschaft und … ja, was eigentlich? Liebe? … nicht zu übertreten. Er hoffte einfach, dass Paula anders dachte als er, dass sie vernünftiger war und sie tatsächlich nur reden würden.
Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Das Taxi wartete wie versprochen in der Tiefgarage. Er zog seine Jacke an, löschte das Licht und trat hinaus in den Hotelflur. Mit klopfendem Herzen betrat er den Fahrstuhl und fuhr hinunter in die Tiefgarage, wo bereits ein eierschalenfarbener Mercedes auf ihn wartete. Er drückte dem Fahrer den Zettel mit Paulas Adresse in die Hand und rutschte dann tief in die Polster. Was auch immer dieser Abend bringen mochte, er war bereit.

Je länger das Taxi unterwegs war, um so mehr fragte er sich, ob der Fahrer wirklich wußte, was er tat. Sie waren erst eine Weile durch die Innenstadt gefahren, wobei ihn der Fahrer auf die ausgedehnte Fußgängerzone mit ihren unzähligen Einkaufsmöglichkeiten und das Schloss hinwies, das heute als Universität genutzt wurde.
Dann verließen sie den hellerleichteten Bereich und bogen in eine breite Straße ab, die zwischen Fabrikgebäuden und Lagerhallen hindurch führte. Etwa zu diesem Zeitpunkt wurde im mulmig.
Der Fahrer deutete gelegentlich aus dem Fenster, zeigte ihm das quadratische Gebäude der Popakademie, das so etwas wie eine Universität für Musiker sein sollte und erklärte, dass sie sich hier im Hafen befanden, der einer der wichtigsten Handelsknotenpunkte Europas darstellte.
Dann wurde das Taxi langsamer und hielt schließlich vor einer großen Lagerhalle. Daneben stand ein, zum Imbiss umgebauter Wagon eines Zuges, aus dessen Fenster gelbes Licht auf die Straße sickerte. Ansonsten war es hier beunruhigend still und menschenleer.
“Sind sie sicher, dass das hier die richtige Adresse ist?” fragte AJ und starrte mit gerunzelter Stirn hinaus in die Dunkelheit.
“Ganz sicher, Mister,” nickte der Fahrer und deutete dann auf seinen Taxameter. “Das macht fünfzehn Euro zwanzig.”
AJ kramte seine Geldbörse hervor und drückte dem Fahrer zwanzig Euro in die Hand.
“Könnten sie noch einen Moment warten?” fragte er. “Ich … muß erst einmal sehen, ob das hier tatsächlich die richtige Adresse ist.”
“Sicher,” nickte der Fahrer.
Auf wackligen Beinen stieg AJ aus und sah sich unschlüssig um. Die Lagerhalle erstreckte sich etwa fünfzig Meter nach rechts, dahinter schlossen sich ganz ähnliche Gebäude an. Eine Metalltreppe führte an der linken Seite nach oben und AJ bewegte sich unsicher darauf zu. War er hier wirklich richtig?
Als er den Fuß auf die erste Treppenstufe setzte, wurde über ihm eine Tür geöffnet.
“Hey, du hast es gleich gefunden, prima!” rief Paula und winkte ihm zu.
Er seufzte erleichtert, drehte sich dann herum und winkte dem Taxifahrer. Dieser schickte ihm einen kurzen Gruß, in dem er die Lichter seines Mercedes aufblendete und fuhr dann davon.
“Ich war mir nicht sicher, ob ich hier richtig bin,” sagte AJ, während er zu Paula die Treppe hinauf stieg.
“Ja, ich weiß. Das geht den meisten so, die mich das erste Mal besuchen,” grinste sie.
Er trat vor ihr durch die Tür, die dröhnend hinter ihm ins Schloss fiel und er hörte, wie Paula zwei Mal zuschloss und noch einen Riegel davor schob. Überrascht blieb er stehen und versuchte, das was er sah in sich aufzunehmen. Im Hintergrund spielte leise Jazzmusik und untermalte den überwältigenden Anblick, der sich ihm bot.
Paulas Wohnung bestand aus einem einzigen Raum, der allerdings so groß wie ein Fußballfeld zu sein schien. Große Sprossenfenster gingen sowohl auf die Straße, als auch gegenüber auf den Rhein hinaus. Zu seiner Linken befand sie die Küche. In einem riesigen U umschloss die Arbeitsfläche einen Küchenblock in der Mitte. Licht brannte unter der Abzugshaube und verlieh dieser Ecke damit einen heimeligen Schimmer. Wie eine Insel im ansonsten abgedunkelten Raum. Etwas weiter rechts davon befand sich ein dunkler, massiver Esstisch, der von sicherlich fast zwanzig Korbstühlen umstanden wurde. Zwei Gedecke aus weißem Porzellan, filligranen Gläsern und roten Servietten standen darauf, dazwischen flackerte, in einem ausladenden Kerzenständer, das warme Licht von Kerzen.
Weiter hinten auf der rechten Seite konnte er eine Sitzgruppe aus Sofas, riesigen Kissen und Sesseln erkennen. Auf dem dunklen, ebenfalls überdimensionalen Couchtisch brannten einige Kerzen in Windlichtern. Ganz hinten, in der linken Ecke, hingen rote, durchscheinende Vorhänge von der Decke und AJ vermutete, dass sich dahinter das Schlafzimmer befand. Im ganzen Raum standen Pflanzen, manche denkenhoch, so dass er sich vorkam, wie in einer Art Regenwald.
An beinahe jeder freien Stelle an der Wand befanden sich Regale, die mit Büchern, Cds und allerlei Krimskrams vollgestellt waren.
“Wow,” entfuhr es ihm, während seine Augen immer noch hin und her huschten und dabei immer neue Sachen entdeckten.
“Gefällt es dir?” fragte Paula und wandte sich dem Küchenbereich zu.
“Und ob! Das ist richtig cool. Ich glaube, ich werde mein Haus auf der Stelle verkaufen und mir so etwas zulegen,” entgegnete er und folgte ihr über den leicht knarrenden Dielenboden.
“Es war eine haiden Arbeit, das alles so hinzukriegen,” erklärte Paula, während sie einen prüfenden Blick in den Ofen warf. “Hier war alles ziemlich runter gekommen, als ich eingezogen bin. Die Leitungen mußten neu verlegt, die Wände frisch verputzt und der Dielenboden abgeschliffen werden und dann ist es auch gar nicht so einfach den Platz so zu nutzen, dass du nicht nur eine Hälfte des Raumes vollstellst und der Rest wie ne verlassene Bahnhofshalle wirkt.”
“Kann ich mir vorstellen,” nickte AJ, dem nun das erste Mal auffiel, wie wunderschön Paula aussah. Sie hatte ihr Haar nachlässig aufgesteckt und einige wilde Strähnen schmiegten sich an ihren schlanken Hals. Sie trug Jeans und einen Ringelpullover mit tiefem Ausschnitt und ausgestellten Ärmeln und er mußte an sich halten, um nicht sofort zu ihr zu gehen und sie in seine Arme zu schließen.
“Ich hoffe du magst Lasagne,” sagte sie nun und sah ihn lächelnd und wohl auch etwas verlegen an.
“Ich liiiiebe Lasagne,” grinste er.
“Na dann ist ja gut,” seufzte Paula theadralisch und grinste dann. “Möchtest du etwas trinken? Ich habe alkoholfreien Wein besorgt. Er schmeckt gar nicht so schlecht.”
“Alkoholfreier Wein?” AJ verzog skeptisch das Gesicht.
“Ja, ich weiß, klingt komisch. Möchtest du trotzdem probieren?”
“Ja, ich denke, ich werde es wagen,” nickte er.
Sie öffnete den Kühlschrank und förderte eine Flasche Weißwein zu Tage. Mit dieser ging sie an den Esstisch und füllte ihre beiden Gläser. Er trat zu ihr und nahm seines entgegen.
“Auf diesen Abend,” sagte Paula.
“Auf diesen Abend,” nickte AJ und stieß mit ihr an.
Der Wein schmeckte tatsächlich gar nicht so schlecht, auch wenn er eher an Traubensaft, als an richtigen Wein erinnerte, doch im Grunde war ihm das egal. Er war einfach froh, hier bei ihr zu sein. Sein wirkliches Leben schien ihm plötzlich sehr weit entfernt und er spürte, wie er sich nach langer Zeit endlich wieder zu entspannen begann. Wenn die Jungs das hier morgen sahen, würden sie sicherlich in Begeisterungsstürme ausbrechen.

Sie hatten das wirklich köstliche Essen verspeißt, eine weiter Flasche alkoholfreien Weins geöffnet und saßen nun gemeinsam auf einem der roten Sofas. AJ hatte irgendwann im Verlauf des Abends die Schuhe ausgezogen und saß nun im Schneidersitz Paula gegenüber, die ein dunkelblaues Kissen an ihre Brust drückte und seinen Erzählungen von der vergangenen Tour lauschte.
Irgendwie schien es ihnen wohl sicherer zu sein, sich erst einmal über die Arbeit auszutauschen. Paula hatte ihm während des Essens erzählt, wie sie hier in Mannheim gelandet war, berichtete ihm über ihre Arbeit, in der sie vollkommen aufzugehen schien und hörte ihm aufmerksam zu, als er von den Anfängen der Band erzählte und wie sie sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt hatten.
Als er nun endete und einen weiteren Schluck aus seinem Glas nahm, wanderte ihr Blick versonnen hinaus aus dem Fenster, hinter dem nichts als Schwärze zu erkennen war und er fragte sich, ob nun wohl die Stunde der Wahrheit gekommen war.
“Ist es nicht seltsam, dass wir jetzt zusammen hier sind?” fragte sie und sah ihn wieder direkt an.
“Ich weiß nicht. Ist es seltsam?”
“Naja, es ist eigentlich nicht meine Art, berufliches und privates zu vermischen.”
“Und trotzdem bin ich hier,” stellte AJ fest.
“Eben. Trotzdem bist du hier. Es ist seltsam.”
“Hm. Ich weiß nicht. Wenn man jemanden kennenlernt, den man mag, dann ist es doch unerheblich, auf welche Weise man sich getroffen hat, oder?”
“Ich weiß nicht,” Paula schüttelte nachdenklich den Kopf. “Es kann alles ziemlich kompliziert machen. Wenn ich jemanden auf der Straße oder in einer Kneipe kennenlerne und nach einer Weile feststelle, dass das alles nicht so gut läuft, dann kann ich ihm aus dem Weg gehen. In dem Moment, wo man zusammen arbeitet, ist das ziemlich schwierig.”
“Macht dir das Angst?”
“Ein wenig, ja. Aber das … das ist nicht der Grund warum wir … also … ,” sie stockte und senkte den Blick.
AJs Herz hatte bei ihren Worten einen erschrockenen Satz gemacht. Jetzt war es also soweit. Das Schlimme war, dass er nicht wirklich ausdrücken konnte, was er dachte und fühlte und ihm schon gar keine Erklärung für den Kuss einfiel.
“Du weißt, dass das mit uns nicht gut gehen kann, oder?” fragte sie nun leise.
“Ja, irgendwie weiß ich es, aber andererseits, will ich das wohl nicht wahr haben,” entgegnete er.
“Was ist das überhaupt? Ich meine … sind wir verliebt?” sie sah nun wieder zu ihm auf und ihre Wangen überzog eine sanfte Röte.
“Verliebt? Nein, ich denke nicht. Oder?”
“Nein, ich glaube auch nicht, aber … ,” sie stockte erneut, deshalb beendet er ihren Satz. “ …. aber es liegt im Bereich des Möglichen.”
Sie nickte statt einer Antwort.
Er seufzte und versuchte sich seine nächsten Worte im Kopf zurecht zu legen. “Ich finde es sehr schwierig mir darüber klar zu werden, was ich will oder nicht will. Du bist … eine attraktive Frau, die mir, ehrlich gesagt, schon ein wenig den Kopf verdreht hat.”
Sie schien während seinen Worten immer kleiner auf ihrem Platz zu werden, deshalb sprach er schnell weiter. “Auf der anderen Seite ist es vollkommen ausgeschlossen, dass wir soetwas wie eine Beziehung führen. Ich denke, das weißt du auch, oder?”
“Natürlich. Ich mag dich, weißt du? Und das ist schon Ewigkeiten nicht mehr vorgekommen. Dass ich … ich meine … dass ich jemanden … einen Mann … kennengelernt habe, mit dem ich gerne zusammen bin und an den ich … denken muß, wenn er nicht da ist. Und genau wie dir ist mir klar, dass das alles keinen Sinn hat. Wir sind sehr verschieden, wir leben auf unterschiedlichen Kontinenten. Es kann nicht funktionieren.”
“Eben, es kann nicht funktionieren,” nickte AJ und spürte die Traurigkeit, die bei ihren Worten ihn ihm hochgekrochen kam.
“Es kann nicht funktionieren,” flüsterte Paula mehr zu sich selbst und AJ sah zu ihr hinüber. Sie hatte den Kopf gesenkt und spielte mit einem Zipfel des Kissens.
“Nein, kann es nicht,” sagte er leise und rückte, aus einem Impuls heraus, ein Stück an sie heran. Er wollte sie trösten, denn sie sah so aus, wie er sich fühlte. Niedergeschmettert, traurig, enttäuscht.
“Niemals,” nickte sie und bewegte sich ebenfalls ein Stück auf ihn zu.
“Wir sollten … uns keine Illusionen machen,” sagte AJ und schob sich noch ein Stück weiter auf sie zu. Ihre Knie berührten sich bereits und sein Atem hatte sich beschleunigt. Was sie hier taten war vollkommen verrückt.
“Vielleicht wäre es besser, wenn wir uns nur noch beruflich sehen,” flüsterte Paula und griff vorsichtig nach seiner Hand.
“Ja, das wäre sicherlich besser,” entgegnete er, während er ihre Finger an seine Lippen hob und einen federleichten Kuß darauf hauchte.
“Es war nur … ein Strohfeuer, nichts weiter.”
“Genau, sonst nichts,” konnte er noch sagen, bevor sich ihre Lippen fanden. Paulas Kissen war auf dem Boden gelandet, stattdessen schlang sie nun ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn näher zu sich heran. Sie schmeckte herrlich süß nach dem Wein, ihr Körper fühlte sich verführerisch warm und weich unter seinen tastenden Händen an und als er sie nun ganz zu sich heranzog und sie gemeinsam nach hinten auf das Sofa sanken, konnte er ihren wilden Herzschlag an seiner Brust spüren.
Ihre Zunge schob sich forschend in seinen Mund und seine Arme schlossen sich noch fester um sie. Egal wie unvernünftig oder unmöglich das hier auch war, er wollte in ihrer Nähe sein, wollte sie in seinen Armen halten, wollte ihren Geruch in sich aufnehmen und sie nie wieder gehen lassen.
Als ihre warme Hand sich vorsichtig unter seinen Pullover schob und über seinen Bauch hinauf zu seiner Brust wanderte, stöhnte er leise auf. Das hier war genau so richtig, wie es falsch war. Dann hörte er endgültig auf zu denken und überlies sich ganz seinen Gefühlen für diese atemberaubende Frau.

Kapitel 21