Kapitel 19

Der Bus verließ die A5 und Paula konnte im Vorbeifahren das Schild “Mannheim 15 km” lesen. Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen und ihr Herz begann ein paar Takte schneller zu schlagen. Sie war zu Hause!
Ihr Augen streiften den bekannten Autobahnabschnitt, registrierten die vertrauten Firmennamen, deren Gebäude in Sichtweite vorbeirauschten und genoss das Gefühl, nach langer Abwesenheit wieder hier zu sein.
Sie war vor fünf Jahren in diese Stadt gezogen, weil sie ein Jobangebot erhielt, das sie nicht ablehnen konnte. B&B Promotions war damals noch eine kleine Firma mit gerade mal fünf Angestellten gewesen und gerade das reizte Paula ungemein.
Jeder hatte sie belächelt, als sie von der international bekannten Event-Agentur, bei der sie bisher gearbeitet hatte, in dieses “Provinznest”, wie sie es nannten, gewechselt war. Sie alle hatten B&B Promotions und Paulas Fähigkeiten unterschätzt.
Innerhalb von drei Jahren verdreifachte sich nicht nur der Umsatz des Unternehmens, das mittlerweile fast fünfzig Mitarbeiter zählte, es wurde auch zu einem Geheimtip unter den Größen im Showbiz, da das Engagement und der Einfallsreichtum von B&B Promotions seines Gleichen suchte. Paula war maßgeblich an diesem Erfolg beteiligt und inzwischen hatte sie Freiheiten, von denen andere in dieser Branche nur träumen konnten.
Als B&B Promotions neue Räume in Frankfurt bezog und weiter expandierte, hatte Paula keine Sekunde überlegen müssen. Sie blieb ihrer Firma treu, aber sie konnte diese Stadt, die sie ins Herz geschlossen hatte, nicht verlassen, auch wenn dies bedeutete, dass sie eine Stunde Fahrzeit in ihr Büro in Kauf nehmen musste.
In der Ferne tauchte die Brücke auf, an dessen Fassade das Mannheimer Wappen prangte und als sie darunter hindurch gefahren waren, erhob sich das Planetarium - die Sternwarte Mannheims - vor ihr in den Nachmittagshimmel.
Natürlich war es kein Zufall, dass die Tour der Backstreet Boys auch hier Halt machte. Zum einen war durch den Bau der neuen SAP Arena, in der die Jungs in drei Tagen auftreten sollten, eine Location entstanden, die Paula unbedingt besuchen wollte und zum anderen war es einfach ein wundervolles Gefühl, wenigstens zwei Nächte in ihrer eigenen Wohnung verbringen zu können. Es standen zwar einige Termine an - diverse Interviews und Fotoshootings – doch das alles sollte ohne größere Mühe zu bewerkstelligen sein.
Der Bus fuhr die baumbestandene Allee hinunter, die am Wasserturm, dem Wahrzeichen von Mannheim, endete und beschrieb dann einen Halbkreis um den kunstvoll angelegten, kleinen Park mit den Springbrunnen und Blumenrabatten, der den Turm umgab, um gleich darauf vor dem trutzig aufragenden Maritim-Hotel anzuhalten.
Schon von weitem konnten sie die Menschenmasse sehen, die sich vor dem Hotel versammelt hatten. Abgesperrt durch ein brusthohes Metallgitter standen die zumeist weiblichen Fans rechts und links neben dem Eingang und begannen hysterisch zu kreischen, als der Bus mit leisem Zischen zum Stehen kam.
Es entstand das übliche Gedrängel im Bus. Taschen wurden aus den Gepäckfächern geholt, die Security bahnte sich einen Weg zum forderen Einstieg, um den Weg für die fünf Backstreet Boys freizumachen, die bereits mit einem breiten Grinsen im Mittelgang standen und offensichtlich sehr zufrieden mit dem Empfang waren, den man ihnen hier bot.
Auf Grund des Menschnansturms und der knapp bemessenen Parkfläche vor dem Hotel, waren die drei Busse gezwungen, mitten auf der Straße zu halten und so bildete sich dahinter eine lange Autoschlange, die sich hupend und quälend langsam am Bus vorbei schob.
“O.k. Jungs, machen wir ein bißchen Tempo,” rief Paula um den anschwellenden Lärm im Bus zu übertönen und winkte Marcus zu, der am Eingang stand und darauf wartete, dass die Türen des Busses sich öffneten.
Als sie mit einem Zischen auseinanderglitten, wurde der Jubel von draußen noch lauter, die ersten Blitzlichter flammten auf und die Menge drängte unaufhaltsam vorwärts gegen die Absperrung.
Nacheinander kletterten alle aus dem Bus. Die Bodyguards achteten darauf, dass niemand ihren Schützlingen zu nahe kam, während sich der Rest der Crew bemühte, so schnell wie möglich den Eingang und damit den schützenden Eingangsbereich des Hotels zu erreichen.
Paula wartete einen Moment im Bus, bis auch der Letzte ausgestiegen war und ging dann langsam den Mittelgang hinunter.
“Wir sehen uns morgen früh um zehn, ja?” sagte sie zu dem Fahrer und lächelte ihm freundlich zu.
“Klar, wird gemacht,” nickte dieser und Paula wandte sich dem Ausstieg zu.
Einen Moment zögerte sie, ihre Augen suchten die Umgebung ab und sie spürte, wie ihr Herz zu rasen und ihre Knie zu zittern begannen.
Er kann noch gar nicht hier sein redete sie sich selbst gut zu. Selbst wenn er einen Weg gefunden hat, aus Hannover heraus zu kommen, kann er noch gar nicht hier sein. Doch die Worten beruhigten sie nicht im geringsten und wenn sie genauer darüber nachdachte war es sehr wohl möglich, dass das Monster bereits hier auf sie wartete.
Er war vergangene Nacht aus der Anstalt geflohen. Von Hannover bis Mannheim waren es gut vier Stunden mit dem Auto. Er konnte also durchaus bereits irgendwo in dieser Menge stehen, sie belauern und auf eine günstige Gelegenheit hoffen.
Plötzlich stand Marcus vor ihr. “Na komm’ Prinzessin, es sind nur ein paar Meter,” sagte er und streckte ihr aufmunternd lächelnd die Hand entgegen.
“Ja, ich weiß. Es ist wirklich lächerlich … ,” sie schüttelte den Kopf, stieg endlich aus dem Bus und ignorierte dabei die helfende Hand. Sie kam schon klar, sie brauchte keinen Babysitter, auch wenn AJ und Marcus da ganz anderer Meinung waren. Denn mal ehrlich: Selbst wenn das Monster in dieser Menge lauern sollte, was konnte er ihr schon anhaben? Hier waren jede Menge Menschen und sie wußte, dass er sie hier ganz sicher nicht angreifen würde. Sicher, ein gezielter Schuß aus dem Schutz der Menschenmasse heraus, würde sie sicherlich nicht überleben, aber sie bildete sich ein zu wissen, wie das Monster dachte. Er würde es nicht wagen. Er wollte seinen Spaß, seine Rache, etwas, auf das er seit zwanzig Jahren wartete. Er würde es nicht hier vor all diesen Augen tun. Er würde sich Zeit lassen.
Langsam ging sie das kurze Stück durch die hysterische Menschenmasse, lächelte im Vorbeigehen AJ zu, der kurz von einem Notizblock aufsah, in den er gerade seinen Namen schreiben wollte und erreichte ohne Probleme das rettende Eingangsprotal.
Automatisch suchten ihre Augen die große Empfangshalle ab. War er bereits hier drin? Hatte er sich hier versteckt und wartete auf sie?
Zielstrebig ging sie auf die Rezeption zu, um die sich bereits Lyn mit einem Teil der Crew geschart hatte und vom Hotelmanager begrüßt wurde. Er deutetet gerade Richtung Fahrstuhl und setzte sich in Bewegung.
“Lyn?” rief Paula schnell und schob sich an sie heran.
“Ja?” Lyn drehte sich lächelnd zu ihr herum.
“Ich verschwinde dann.”
“Ach ja richtig. Du bist ja Heimschläferin,” grinste sie.
“Genau. Falls irgendetwas ist, du hast ja meine Telefonnummer. Ich kann in weniger als zehn Minuten hier sein.”
“Mach dir mal keinen Kopf,” beruhigte Lyn sie. “Heute Abend passiert sowieso nicht mehr viel. Wir werden gemütlich auspacken und dann etwas essen. Wenn ich den Manager hier richtig verstanden habe, haben sie uns dafür das gesamte Kellergeschoss reserviert. Falls du es dir also noch anders überlegen solltest, komm’ doch noch vorbei.”
“Wir werden sehen,” nickte Paula unverbindlich und wußte, dass sie heute Abend ihre Wohnung ganz sicher nicht mehr verlassen würde.
“In Ordnung. Dann viel Spaß und bis morgen.”
“Wir sehen uns beim Frühstück,” nickte Paula lächelnd. Sie sah der Karavane, die nun unaufhaltsam Richtung Fahrstuhl ströhmte noch einen Moment nach, dann drehte sie sich herum und strebte erneut dem Ausgang zu. Wieder hinaus in die ungeschützte Welt dachte sie und ein kalter Schauer lief ihr dabei über den Rücken.
Die Backstreet Boys hatten sich inzwischen von ihren Fans losgerissen und betraten nacheinander die Hotellobby. AJ hatte sie als erster erreicht.
“Alles in Ordnung?” fragte er leise und berührte sie sanft am Arm.
“Ja, alles bestens. Ich werde mir jetzt ein Taxi nehmen und nach Hause fahren.”
“Ich finde es immer noch gemein, dass du uns alleine lässt,” beschwerte sich Nick, der unvermittelt neben ihnen aufgetaucht war. AJ und sie waren zusammen mit Marcus darüber überein gekommen, niemandem von der Sache mit dem Monster zu erzählen. Es reichte, wenn sie sich den Kopf darüber zerbrachen.
“Lass sie doch,” sagte Kevin und blieb kurz neben ihnen stehen. “Hör’ nicht auf ihn. Ich wünsche dir einen erholsamen Abend ohne uns Nervensägen, wir sehen uns morgen, ja?”
“Sicher,” lächelte Paula. Kevin nickte, schnappte sich dann Nick und dirigierte ihn in Richtung der Aufzüge.
Brian und Howie wünschten ihr im Vorbeigehen ebenfalls viel Spaß und beeilten sich dann, den Fahrstuhl noch zu erwischen, den Kevin und Nick gerade mit einem Teil der Security betraten.
Plötzlich war es in der Lobby still geworden, nur die Rufe von draußen drangen gedämpft zu ihnen herein und Paula sah sich den besorgten Gesichtern von Marcus und AJ gegenüber.
“Ich halte es nach wie vor für keine gute Idee, dass du alleine nach Hause fährst,” sagte Marcus gerade mit gerunzelter Stirn.
“Ich weiß. Aber … ich kann dort am besten nachdenken und entspannen. Ich … muß mir, glaube ich, erst einmal richtig darüber klar werden, was da gerade alles mit mir passiert.”
“Das verstehe ich ja,” nickte Marcus. “Aber trotzdem …. ,”
“Lass sie,” sagte AJ sanft. “Sie muß wissen, was für sie das beste ist.”
Paula warf ihm einen dankbaren Blick zu.
“Ich habe mir überlegt … also wenn ihr Lust habt … könnte ich morgen Abend eine Kleinigkeit für uns alle kochen. Ich habe die anderen schon gefragt. Brian und Howie möchten wohl lieber im Hotel bleiben, aber Kevin, Nick und Lyn würden gerne kommen.”
“Ich bin dabei,” sagte AJ sofort.
“Und ich sowieso,” grinste Marcus. “Wenn es etwas zu esssen gibt, kann ich ja gar nicht ablehnen,” dabei tätschelte er sich seinen voluminösen Bauch und schmatzte lautstark, was Paula zum Lachen brachte.
“Nun gut,” sagte er dann. “Ich werde mal nachsehen, was oben so läuft. AJ, kommst du?”
“Gib mir noch einen Moment, ja? Ich komme gleich nach.”
“In Ordnung,” nickte Marcus, warf noch einen schnellen Blick in die Runde um sich zu versichern, dass niemand in der Nähe war, der seinem Schützling gefährlich werden konnte und wandte sich dann ebenfalls dem Fahrstuhl zu.
Paula und AJ sahen ihm schweigend nach, dann räusperte AJ sich verhalten.
“Du freust dich auf zu Hause, hm?”
“Und wie. Es ist Ewigkeiten her, dass ich in meiner Wohnung war.”
“Sicherheit,” stellte AJ fest.
“Ja, Sicherheit und … vertraute Dinge um mich herum.”
AJ nickte.
“Du bist auch nicht so ganz glücklich darüber, oder?”
“Ja und nein. Ich gönne es dir wirklich, aber ich teile auch Marcus’ Bedenken. Du bist dort ohne Schutz und der Gedanke macht mich etwas nervös. Was ist wenn … ,”
“Hey,” unterbrach ihn Paula, bevor er weiter reden konnte und eventuell das Monster erwähnte. “Ich komme schon zurecht. Das bin ich mein ganzes Leben. Ich lasse mir von diesem Mistkerl nicht mein Leben bestimmen.”
“Ich weiß,” nickte AJ mit einem angedeuteten Lächeln. “Vielleicht ist es auch einfach nur der Gedanken, dass ich den heutigen Abend nicht mit dir verbringen kann. Ich werde dich … vermissen.”
Paula senkte verlegen den Blick zu Boden. “Du solltest dich daran gewöhnen. Die Deutschlandtour ist bald zu Ende und … ,”
“Ja, ja, ich weiß,” unterbrach AJ sie. “Aber … ach egal. Ich werde dann mal …,”
“Nein,” Paula hielt AJ, der bereits im Begriff war zu gehen, am Arm fest. “Lass uns darüber reden, ja?”
“Ich weiß nicht, ob das etwas bringt,” entgegnete er, ohne sie anzusehen.
“Natürlich bringt es nichts, aber ich glaube … ich würde mich wohler fühlen, wenn wir … nun ja … einfach ein paar Dinge geklärt hätten.”
“Zum Beispiel?”
“Zum Beispiel die Sache mit dem Kuss.” Paula war selbst überrascht über ihr Direktheit. Hatte sie nicht schon genug andere Probleme? Warum mußte sie sich jetzt auch noch auf eine Diskussion über Gefühle einlassen, die bei AJ vielleicht gar nicht vorhanden waren?
AJ schwieg eine ganze Weile, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Von draußen waren immer noch laute “AJ” Rufe zu hören, Blitzlichter zuckten hin und wieder auf und Paula wurde sich bewußt, dass sie hier nicht gerade an einem idealen Ort standen. Alles was sie taten, konnte von draußen beobachtet werden und ihr wurde augenblicklich flau im Magen.
“O.k., vielleicht war das doch keine so gute Idee,” sagte sie deshalb. “Ich … ,”
“Du hast recht,” nickte AJ und sah nun endlich zu ihr auf. Seinen Augen war nicht anzusehen, was er dachte. Sie ruhten ruhig und unergründlich auf ihrem Gesicht und Paulas Magen krampfte sich zusammen. “Wir sollten darüber reden, aber nicht hier,” dabei machte er eine knappe Kopfbewegung Richtung Eingang und somit zu den draußen stehenden Fans.
“Ja,” nickte Paula und dann, ohne die Worte irgendwie aufhalten zu können fügte sie hinzu. “Wir könnten das heute Abend bei mir zu Hause besprechen, was meinst du?”
“Uhm … bei dir zu Hause?” Um seine Lippen spielte erneut ein unergründliches Lächeln.
“J-Ja. Ich meine … da sind wir ungestört und … nun ja … also … ach vergiss es. Dumme Idee.”
“Nein, nein. Ganz und garnicht dumm. Wann soll ich da sein?”
“Um acht? Ich schreibe dir die Adresse auf.” Sie zog einen Notizblock und einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche hervor und notierte Adresse und Telefonnummer. “Hier.”
AJ nahm den Zettel an sich, warf einen kurzen Blick darauf und verstaute ihn dann in seiner Hosentasche.
“Also heute Abend um acht. Ich freu’ mich.”
“Ich auch,” lächelte Paula und spürte, dass dies die volle Wahrheit war.
AJ schien noch etwas sagen zu wollen, dann schüttelte er den Kopf, lächelte sie an und nickte ihr noch einmal zu, bevor er ebenfalls Richtung Aufzug verschwand.
Du hast ihn tatsächlich zu dir nach Hause eingeladen? Dachte Paula und schüttelte entgeistert über sich selbst den Kopf. Warum tust du sowas? Es ist doch sonnenklar, dass das entsetzlich schief gehen wird.
Doch das Lächeln, das bei dem Gedanken an AJ und sie alleine in ihrer Wohnung auf ihrem Gesicht erschien, lies sich nicht abschalten. Ihr Herz klopfte aufgeregt vor Vorfreude in ihrer Brust und sie mußte an sich halten um nicht laut vor sich hin zu jubeln.
Du bist vollkommen verrückt schallt sie sich selbst und wandte sich dann dem Ausgang zu. Es gab noch einiges für heute Abend vorzubereiten.

Kapitel 20