Kapitel 18

Das Monster hatte sich lautlos einen Überblick über das Erdgeschoß von Ben Willmes Villa verschafft. Während ihn die gedämpfte Stimme des Anwalts aus dem Arbeitszimmer begleitete, war er duch das geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer geschlichen und hatte nur einmal kurz inne gehalten, als er das gerahmte Foto in der Kirschholz Schrankwand entdeckt hatte. Wie hypnotisiert hatte er davor gestanden und in die blauen Augen der jungen Frau geblickt, die ihn freundlich anlächelte. Das war also das kleine Miststück? Sah sie jetzt so aus? Es konnte gar kein Zweifel bestehen, aber sie jetzt so erwachsen zu sehen, irritierte ihn ein wenig. Natürlich hatte er gewußt, dass sie inzwischen keine sieben Jahre alt mehr war und trotzdem war sie in seiner Fantasie immer ein kleines Mädchen mit blonden Locken geblieben.
Er zwang sich schließlich förmlich dazu, weiter zu gehen. Er hatte nachher noch genug Zeit, sich mit dem Bild und allen anderen, in diesem Haus verbrogenen Hinweise auf Paula zu beschäftigen.
Durch das angrenzende Eßzimmer gelangte er schließlich in die Küche, in der eine aufgeschlagene Zeitung auf dem Tisch lag und eine noch dampfende Tasse Kaffe daneben stand. Geräuschlos schlich er an den Messerblock heran und zog eines der langen Küchenmesser hervor. Für einen Moment betrachtete er den in der Sonne glänzenden Stahl wie einen lange schmerzlich vermissten Freund, dann steckte er sich das Messer in den Hosenbund und ging dann leise durch den langen Flur, bis er die offen stehende Tür zum Arbeitszimmer erreichte, hinter der Willmes immer noch telefonierte.
Sein Gesprächspartner schien inzwischen gewechselt zu haben und als das Monster erkannte, wer sich am anderen Ende der Leitung befinden musste, begann sein Herz vor Aufregung und Triumphgefühl heftig zu klopfen.
Gerade fing dieser Pisser wieder an zu reden und was er sagte, fand das Monster mehr als interessant und bestätigte ihm gleichzeit, dass die Polizei noch dümmer war, als er dachte.
“Du hast erst einmal nichts zu befürchten. Die Polizei ist sich sicher, dass er nicht aus der Stadt hinaus kann. Sie überwachen die Bahnhöfe, den Flugplatz und die Ausfallstraßen. Glaub mir, bis heute Abend haben sie ihn sicherlich geschnappt … Nein. Ich … Gott, es tut mir so leid. Ich wünschte, ich könnte dir aufbauendere Dinge sagen … Das weiß ich. Außerdem hättest Du es sicherlich sowieso irgendwann aus den Nachrichten erfahren. Trotzdem mache ich mir Sorgen.”
Ach je, der Herr Anwalt machte sich Sorgen, wie niedlich. Das Monster musste ein Kichern unterdrücken. Er fragte sich ernsthaft, wie sie ihn überhaupt hatten hinter Gittern bringen können, wenn sie alle so offensichtlich verblödet waren, dass es schon beinahe weh tat.
“Ich werde noch eingige Nachforschungen anstellen,” hörte er den Anwalt sagen und konzentrierte sich wieder auf dessen Stimme. “Ich kenne noch ein paar Leute bei der Zeitung. Mal hören, was die zu sagen haben … Das verstehe ich. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn du jemanden in deiner Nähe einweihen würdest. Vielleicht können sie dir einen gewissen Schutz zur Verfügung stellen … So etwas in der Richtung, ja.”
War er wirklich der Meinung, dass es irgendeinen wirksamen Schutz gegen ihn, das Monster, gab? Erneut musste er sich zusammen reißen um nicht laut los zu lachen.
“Ja, das verstehe ich. Trotzdem wäre mir wohler wenn ich wüßte, dass dort jemand auf dich aufpasst … Ich hoffe, du hast recht …”
Wieder mußte er sich beinahe kneifen, als er sich bewußt machte, mit wem Willmes da am anderen Ende der Leitung sprach. Paula! Er war ihr in diesem Moment so nahe, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr und trotzdem so unendlich weit von ihr entfernt. Er konnte ihr nicht die Hände um den schmalen Hals legen, konnte ihren Rücken nicht mit einem Küchenmesser zerfetzen, konnte sie nicht bluten lassen für das, was sie ihm angetan hatte.
Vor Wut und Enttäuschung ballte er die Fäuste. Es wurde Zeit, dass der dämliche Anwalt endlich auflegte. Er wollte doch schließlich zu seiner eigenen Hinrichtung nicht zu spät kommen, oder?
“Versprochen. Ich hab dich lieb Schnuppe, das weißt du, oder?”
Gott, jetzt wurde er auch noch rührselig. Er hatte von dem knallharten Arschloch, dass er im Gerichtssaal kennen gelernt hatte, wirklich etwas mehr erwartet. Doch eigentlich war es egal. Am Ende bettelten sie immer, das war nun einmal ein Naturgesetzt.
“Pass auf deine jungen Hüpfer auf und melde dich heute Abend wenn du Zeit hast, ja? … Dann eben die Backstreet Boys … “
Backstreet Boys? Das Monster war für einen Moment irritiert, bis die nächsten Worte von Willmes in sein Gehirn eindrangen.
“Das klingt doch gut. Die vertraute Umgebung und deine eigenen vier Wände werden dir sicherlich gut tun. Also mach’s gut, ja?”
Sie war also auf dem Weg nach Hause, in ihre eigenen vier Wände. Und wie er den Besserwisser-Anwalt kannte, hatte er die Adresse sicherlich in irgendeinem Adressbuch notiert. Es war beinahe unheimlich, wie viel Glück das Monster hatte. Vielleicht war es aber auch Schicksal. Selbst dem Schicksal mußte es doch gegen den Strich gehen, dass Paula nicht wie vorgesehen gestorben war, sondern noch äußerst lebendig herum lief.
Endlich hörte das Monster, wie im Arbeitszimmer der Telefonhörer auf die Gabel gelegt wurde. Um dem Anwalt keine Zeit zu geben, den Hörer erneut aufzunehmen, trat das Monster schnell um den Türrahmen herum und zog in der gleichen Bewegung die Pistole hervor, die er dem Wachmann abgenommen hatte.
Für einen kurzen Moment blendete ihn das Licht, das gleißend durch die Fenster herein fiel, doch gleich darauf gewöhnten sich seine Augen an die neue Umgebung und sie fixierten kalt, aber mit einer gewissen Vorfreude Ben Willmes, der wie vom Donner gerührt vor seinem Schreibtisch stand und ihn anstarrte. Es war ihm anzusehen, dass er ihn sofort wiedererkannt hatte und das erfüllte das Monster beinahe mit soetwas wie Stolz.
“Ist dies nicht ein herrlicher Morgen?” fragte das Monster und entsicherte die Waffe.
“Ich weiß nicht, was sie darunter verstehen Hanthes,” entgegnete Willmes und das Monster ärgerte sich ein wenig über die Ruhe in dessen Stimme. “Aber ich halte dies keineswegs für einen herrlichen Morgen.”
“Oooooch, habe ich ihnen etwa den Tag vermießt,” entgegnete das Monster sarkastisch und schob sich Schritt für Schritt auf den Anwalt zu.
“Könnte man so sagen,” nickte Willmes und erst jetzt bemerkte das Monster, wie dessen Hand suchend über die Tischplatte des Schreibtisch tastete und sich immer weiter auf einen spitzen Brieföffner zubewegte.
“Sie müssen mich für ziemlich dämlich halten, was?” meinte das Monster und ohne eine Vorwarnung zog er den Abzug durch. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall und die Kugel traf Willmes zielsicher in den rechten Oberschenkeln. Dieser schrie auf und knickte mit einem lauten Poltern in die Knie und dann zur Seite. Hilflos lag er auf dem Boden, hielt sich seinen verletzten Oberschenkel, aus dem bereits das Blut hervorquoll und starrte, nun mit eindeutig ängstlichem Blick zu ihm auf.
Das Monster schüttelte nachsichtig den Kopf, verstaute den Revolver wieder in seiner Jackentasche und lies sich neben dem immer noch stöhnenden Anwalt in die Hocke sinken.
“Kommen wir zum Geschäftlichen,” sagte er und zog in einer fast beiläufig wirkenden Geste das Messer hervor. Willmes Augen wurden beim Anblick des Messers noch größer und wanderten hektisch von der glatten Klinge zum Gesicht des Monsters und wieder zurück.
“Was haben sie damit vor?” presste er durch seine zusammengebissenen Zähne hervor.
“Nun, wonach sieht es denn aus?” grinste das Monster und fuhr Willmes mit der glatten Seite beinahe zärtlich über die Wange. Willmes zuckte zurück und in seinen Augen flackerte nun echte Panik.
“I-Ich weiß nicht … sie … sie wissen sicherlich, dass die Polizei bereits nach ihnen sucht. Mich umzubringen wird ihnen auch nichts nützen.”
“Die Polizei?” das Monster lachte verächtlich. “Die Polizei hat noch nicht einmal eine Ahnung davon, wie ich aus dieser beschissenen Klinik entkommen konnte. Wieso, glauben sie, sollten sie dann wissen wo ich bin oder wie sie mich schnappen können?”
Willmes schwieg, sein Gesicht war aschfahl und seine Augen lagen tief in den Höhlen. Hatte das Monster vorher nur eine ungefähre Ahnung seines Alters gehabt, so war diesem alten, ausgezehrten Mann nun ganz deutlich die vielen Jahre anzusehen. Er war alt und verbraucht und wurde hier nicht mehr gebraucht.
“Wissen sie,” sagte das Monster, während er langsam seine Jacke auszug, den Pullover abstreifte und sich dann auch noch das T-Shirt über den Kopf zog, so dass sein nackter, muskulöser Oberkörper mit dem Eichhörnchen-Tattoo zum Vorschein kam. “Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Sehr viel Zeit sogar. Ziemlich genau zwanzig Jahre. Es steht schon seit einer ganzen Weile fest, wie sie sterben werden und ich freue mich, dass dieser Zeitpunkt endlich gekommen ist.”
In diesem Moment schien der Alte wohl zu beschließen, dass er nicht kampflos aufgeben wollte. Mit einer Kraft, von der das Monster keine Ahnung hatte, wo diese plötzlich herkam, rammte er ihm den unverletzten Fuß in die Magengrube, das Monster knickte mit einem überraschten Laut in die Knie, das Messer glitt ihm aus der Hand und fiel klirrend zu Boden. Noch bevor das Monster richtig begriff was los war, hatte sich der Anwalt stöhnend in die Höhe gestemmt und humpelte so schnell ihn sein unverletztes Bein tragen konnte durch das Arbeitszimmer auf die rettende Tür zu.
Mit einem hasserfüllten Schrei sprang das Monster in die Höhe, schnappte sich das Messer und hastete Willmes hinterher. Noch bevor dieser ganz auf den Flur hinaus getreten war, hatte das Monster ihn erreicht. Er packte Willmes an der Schulter, wirbelte ihn herum, so dass sich dieser den Kopf mit einem dumpfen Laut am Türrahmen anschlug und rammte ihm das Messer bis zum Heft in den Bauch.
“Du hast es immer noch nicht verstanden, oder?” zischte das Monster, während er sein Gesicht ganz nahe an das des Anwalts heran brachte. Dieser gab einen röchelnden Laut von sich und versuchte, mit schlaffen Armen nach dem Monster zu schlagen, doch sämtliche Kraft schien aus seinem alten Körper gewichen zu sein, so dass die Fausthiebe für das Monster nicht mehr wie ein Streicheln war.
“Ich bin DAS MONSTER,” er riss das Messer aus Willmes heraus und stach erneut zu, dieses Mal etwas tiefer und der Anwalt heulte auf, als er sein Geschlechtsteil, oder wohl vielmehr das vertrocknete, verschrumpelte Etwas, das nach so vielen Jahren noch übrig geblieben war, durchbohrte. “Ich bin UNBESIEGBAR. Ich werde EWIG leben. DU allerdings NICHT.”
Damit hob er erneut den Arm und mit einer einzigen, fließenden Bewegung durchtrennte er Ben Willmes die Halsschlagader, den Kehlkopf und schnitt ihm dabei auch noch ein Stück seines Ohres ab.
Sofort schoss das Blut heiß und brodelnd hervor. In einer druckvollen Fontäne benetzte es das Gesicht des Monsters, seine Arme, seinen Oberkörper, es spritze sogar auf seine Schuhe. Es lief in dicken, roten Strömen am Türrahmen herunter, sprenkelte die Decke des Flures mit einem unregelmäßigen Muster und bildetet eine große, dunkelrote Lache auf dem Boden.
Ben Willmes gurgelte, griff sich mit ungläubig aufgerissenen Augen an den Hals, während zwischen seinen Fingern immer noch das Blut hervor sprudelte. Das Monster lies von ihm ab, trat schwer atmend einige Schritte zurück und betrachtete sein Werk.
Ja, das war es. Der Strom, der Leben oder Tod bedeutete. Blut, die Quelle allen Lebens, das Elexier, dass den Sauerstoff zum Herzen transportierte und uns damit existieren lies. Und es befand sich überall. An seinem Körper, an den Wänden, in der Luft, die er einatmete. Es erfüllte ihn mit Stärke, Macht und Unsterblichkeit.
Vor ihm rutschte Ben Willmes langsam am Türrahmen herunter. Noch bevor sein Kopf mit einem dumpfen Laut auf dem Boden aufschlug, waren seine Augen gebrochen, das Röcheln hatte aufgehört und seine Brust hob und senkte sich nicht mehr unter seinen panischen Atemzügen.
Das Monster ging neben ihm auf die Knie, betrachtete für einen Moment das vor Todesangst verzerrte Gesicht des Anwalts und drehte ihn dann auf den Rücken. Mit einem einzigen, kräftigen Ruck zerriss er das Hemd des Anwalts und begann, ganz in sich versunken und liese vor sich hin summend ein kompliziertes Muster mit dem Messer auf Ben Willmes Rücken zu ritzen.
Siehst du Mutter dachte er ich kann das auch. Noch perfekter als du. Mein Muster ist für die Ewigkeit in Blut geschrieben. Es wird die Menschen an mich erinnern. Es macht mich unsterblich. Ein leises Kichern begleitete seine Gedanken. Für eine ganze Weile verließ er diesen unwirtlichen, feindlichen Planeten und begab sich auf die Reise des Blutes, mit dessen Strom er mitschwamm und in dem er sich geborgen fühlte.

Kapitel 19