Kapitel 17

Paula öffnete die Augen und sah zu AJ auf. Sie konnte sich nicht entscheiden ob sie froh war, ihn zu sehen, oder ob sie lieber alleine sein wollte. Die Wut, die sich seit dem Telefonat mit Ben langsam in ihr aufgestaut hatte, hatte sie selbst überrascht. Als AJ sie fand, war sie kurz davor gewesen irgendetwas kurz und klein zu schlagen. Sie wollte schreien, sie wollte um sich treten, sie wollte das Monster töten! Doch stattdessen hatte sie, zur Unbeweglichkeit verdammt, in dieser Ecke gehockt und ihren Tränen der Wut freien Lauf gelassen.
Beinahe hätte sie AJ angegriffen, hätte sie ihm die Augen ausgekratzt, hätte sie ihm weh getan. Dabei konnte er am aller wenigsten für ihr Gefühlschaos.
Nun saß er geduldig neben ihr und wartete darauf, dass sie wieder in der Lage war zu sprechen. Er wirkte auf sie wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung: die Ruhe selbst, verlässlich und für sie da.
Doch das konnte ihnen beiden zum Verhängnis werden. Wie nahe sollte sie ihn noch an sich heran lassen? Wie tief durfte sie ihn in diese Geschichte mit hinein ziehen? Reichte es nicht, wenn sie sich Sorgen machte, schlaflose Nächte verbrachte und immer wieder ängstlich über die Schulter blickte?
Er konnte so etwas nicht gebrauchen, hatte eine Tour zu absolvieren, für die er alle Kräfte benötigte. Zudem hatte er genug eigene Probleme, ohne dass er sich auch noch um ihre kümmern musste.
“Danke,” brachte sie schließlich heraus und richtete sich langsam auf.
“Keine Ursache,” entgegnete er.
Sie schwieg, suchte stattdessen, nur um etwas zu tun zu haben, in ihrer Hosentasche nach einem Gummiband und band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen.
“Du wirst es mir nicht erzählen, hm?” fragte er und so etwas wie Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit.
“Es ist besser für dich, glaub mir,” entgegnete sie und wagte es nicht, ihn dabei anzusehen.
“Woher willst du das wissen?”
“Weil ich dich und mich und diese ganze Situation kenne. Es bringt nichts, wenn du dir auch noch Sorgen machst.”
“Und du glaubst, nur weil du schweigst, mache ich mir die nicht?”
Es war eine berechtigte Frage, auf die Paula erst einmal keine Antwort einfiel.
“Weißt du,” fuhr AJ fort, stützte sich mit den Händen hinter seinem Rücken auf und streckte die Beine von sich “jeder hat gesehen, dass irgendetwas dich zu Tode erschreckt hat. Man konnte in deinem Gesicht lesen, wie in einem Buch. Jeder fragt sich jetzt natürlich, was los ist. Meinst du nicht, dass die Ungewissheit schlimmer ist, als die Wahrheit?”
“Normaler Weise würde ich dir Recht geben, aber in diesem Fall …,”
“Nein Paula,” unterbrach er sie. “Es gibt kein “in diesem Fall” oder “das ist etwas anderes” oder “es ist besser so”. Es gibt die Wahrheit und sonst nichts. Ich denke, wir sind alle erwachsen genug, um damit umgehen zu können.”
Paula gab ein verächtliches Schnauben von sich. “Erwachsen? Was heißt das schon? Es gibt Dinge auf dieser Welt, für die ist man niemals erwachsen genug. Dinge, die dich im Schlaf verfolgen, Dinge, die dich Nachts mit rasendem Herzklopfen aus deinen Träumen aufschrecken lassen, Dinge, die dir das Herz zerquetschen, wenn du nur flüchtig daran denkst.”
“Was ist passiert?” fragte AJ erneut, richtete sich wieder auf und legte Paula eine Hand auf die Schulter. “Sag es mir,” forderte er eindringlich und sie spürte, wie ihr schon wieder Tränen in die Augen stiegen. Sie sah ihn lange an und spürte, dass sie nicht mehr die Kraft hatte, um sich gegen ihn zu wehren. Er wollte die Wahrheit? Nun gut, dann würde er sie wohl bekommen. Ob er damit aber glücklich werden würde, stand auf einem anderen Blatt.
Die ersten Worten kamen noch sehr leise und stockend über ihre Lippen, doch je länger sie redete, um so sicherer wurde sie.
“Erinnerst du dich, ich habe dir erzählt, dass meine Eltern gestorben sind.” Aus den Augenwinkeln sah sie, wie AJ nickte.
“Nun, sie sind leider nicht bei einem Unfall ums Leben gekommen und sie sind auch nicht einfach Nachts in ihren Betten friedlich eingeschlafen. Sie … wurden ermordet. Von einem Typen, der sich selbst das Monster nennt, was leider ziemlich nahe an der Wahrheit liegt.”
Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und sah, dass er zwar ihre Worte verstanden, aber noch nicht die gesamte Tragweite dieser Mitteilung begriffen hatte. Wie sollte er auch?
“Dieser Typ ist gestern aus der psychatrischen Klinik abgehauen. Er läuft irgendwo da draußen frei herum und … nun ja … der Verdacht liegt nahe, dass er nach mir sucht.”
“Wieso?” AJs Stimme klang rau und angespannt.
“Ich … habe … also damals … ich … war erst sieben. Ich kam am Nachmittag von einer Freundin nach Hause und … ,” Paula schluckte und schloss die Augen. “Ich habe sie gefunden … meine Eltern meine ich … sie waren … ,” Paula schluckte erneut und schüttelte dann den Kopf. “Dieser Typ war noch im Haus. Er ist die Treppe hinunter gefallen, als er mir hinterher gejagt ist. Sonst, wer weiß, würde ich heute wahrscheinlich nicht hier sitzen. Ich glaube, er macht einzig und alleine mich für sein Scheitern verantwortlich und demnach … nun ja … sinnt er seit zwanzig Jahren auf Rache. Und jetzt, so sieht es zumindest aus, ist dieser Zeitpunkt gekommen.”
Erneut warf sie einen kurzen Blick zu ihm hinüber. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Brust hob und senkte sich unter seinen hektischen Atemzügen und um die Nase herum war er auffällig blass geworden. Scheinbar hatte er jetzt begriffen, um was es hier eigentlich ging und Paula fühlte beinahe so etwas wie Genugtuung darüber.
“Wo ist er jetzt? “ fragte AJ weiter. “Ich meine … in welcher Stadt liegt diese Klinik?”
“In Hannover.”
“Das ist ein ganzes Stück von hier entfernt, oder?”
“Ja, das ist es. Aber … ich weiß nicht. Ich glaube, er lässt sich davon nicht aufhalten. Und selbst wenn, in zwei Wochen sind wir sowieso dort. Ich laufe ihm also direkt in die Arme und niemand kann daran etwas ändern. Es sei denn, ich lasse mir wieder mein Leben von ihm bestimmen, kündige meinen Job, verkrieche mich zu Hause und warte ab, ob sie ihn jemals fassen. Wenn nicht, werde ich den Rest meines Lebens in Angst leben.”
“Ziehst du das ernsthaft in Erwägung?”
“Nein,” Paula schüttelte entschieden den Kopf. “Es hat sehr lange gedauert, bis ich wieder einigermaßen normal leben konnte. Ich habe mir ein Leben und eine Karriere aufgebaut, darin hat er keinen Platz und er wird mir das nicht kaputt machen, nur weil er in meinen Gedanken herum geistert.”
Sie schwiegen beide und Paula wagte es nun endlich, AJ direkt anzusehen. Sein Blick ruhte nachdenklich auf ihrem Gesicht und in seinen Augen war tiefe Bestürzung und auch eine gewisse Angst zu lesen.
“Was denkst du jetzt?” fragte Paula leise.
Er befeuchtete seine Lippen mit der Zunge und senkte den Blick, was Paula das schlimmste ahnen lies. Doch er sagte ganz ruhig “ich denke, dass dieser Mistkerl es nicht verdient hat, frei zu sein oder überhaupt noch zu atmen. Ich bewundere dich, für deinen Mut und deine Stärke und ich hoffe und bete, dass sie ihn schnell wieder einsperren. Außerdem bin ich froh, dass du es mir erzählt hast, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass ich zukünftig überall Monster sehen werde, die dich beobachten und dir weh tun wollen.”
“Glaubst du … es ist richtig, weiterhin meinen Job zu machen? Ich meine … vielleicht bringe ich euch alle in Gefahr, wer weiß? Vielleicht wäre es besser … ,”
“Nein,” unterbrach AJ sie bestimmt. “Wir lassen uns von so einer Missgeburt nicht das Leben kaputt machen. Du machst deine Arbeit sehr gut und es kann nicht sein, dass du für die Taten eines anderen bestraft wirst.”
Paula musste lächeln. “Dein Gerechtigkeitssinn in allen Ehren, aber ich glaube, du unterschätzt das Ganze ein wenig.”
“Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wir leben seit Jahren in der Öffentlichkeit. Wir sind es gewohnt, von Security umgeben zu sein, die uns Menschen vom Hals halten, die in unserer unmittelbaren Umgebung nichts zu suchen haben. Ich denke, wir sollten Marcus informieren und er soll zusammen mit seinen Leuten entscheiden, was zu tun ist.”
Paula war nicht wirklich davon überzeugt, damit das richtige zu tun, aber sie war andererseits auch nicht bereit, sich zu verkriechen und abzuwarten, bis der Sturm über sie hinweg gezogen war. Also nickte sie langsam.
AJ legte ihr lächelnd einen Arm um die Schulter und zog sie an sich. “Wir schaffen das schon, wirst sehen.”
Paula legte ihren Kopf an seine Schulter und für einen Moment, verschwanden alle Gedanken an das Monster und ihre Vergangenheit aus ihrem Kopf. Da war nur er und das angenehme Gefühl seiner Arme um ihren Körper. Eine trügerische Sicherheit, wie sie sich eingestehen musste, aber vielleicht der einzige Weg, mit dieser Situation umzugehen.

Kapitel 18