Kapitel 16
Die gesamte Mannschaft der Backstreet Boys hatte sich in einem der großen Tagungsräume des Hotels versammelt. Einige sahen noch nicht ganz wach und etwas verkatert aus. Die Party am vorangegangenen Abend schien ein voller Erfolg gewesen zu sein und so war die Geräuschkulisse, die das üppige Frühstück begleitete, eher gedämpft.
Paula saß zwischen Lyn und Howie und löffelte mit Genuss ihr Müsli in sich hinein. Sie fühlte sich ausgeruht und auf eine sehr angenehme Art beschwingt. Immer wieder schweifte ihr Blick hinüber zur anderen Seite des Tisches, wo AJ saß und schweigend an seinem Kaffe nippte oder an seinem Brötchen knabberte.
Sie versuchte zu ergründen, was da gestern Abend vor ihrer Zimmertür geschehen war. Hatte er sich nur einen, zugegeben recht seltsamen Scherz mit ihr erlaubt, als er sie so unerwartet küsste? Oder steckte etwa mehr dahinter? Ab und an trafen sich ihre Blicke und jedes Mal erschien ein leises Lächeln um AJs Mundwinkel. Von Reue war auf seiner Seite zumindest nichts zu spüren und das beruhigte sie auf eine schwer zu erklärende Weise.
Sie wußte, dass sie sich keinen Illusionen hingeben brauchte: AJ und sie würden nie ein Paar abgeben, dafür waren sie zu unterschiedlich, lebten ihre Leben auf verschiedenen Seiten. Doch das Kribbeln, das sie gestern Abend erfasst hatte, das überwältigende Gefühl seiner sanften Lippen auf ihren, hatte sie die ganze Nacht nicht los gelassen.
Es war ein wundervolles Gefühl für jemanden so wichtig zu sein, einen Menschen gefunden zu haben, der ihr zu hörte, sie verstand und der ihr in dieser kurzen Zeit so nahe gekommen war. Das dies eigentlich schon ein Schritt zu weit war, daran verschwendete sie keinen Gedanken. Alles kam, wie es kommen sollte und sich hinterher darüber zu ärgern oder es gar zu bereuen, brachte ihr doch nur schlaflose Nächte ein. Sie hatte gelernt, das Leben so zu nehmen wie es kam und gestern Abend war zur Abwechslung einmal eine erfreuliche Überraschung gewesen.
Als ihr Handy klingelte, legte sie den Löffel aus der Hand und kramte das kleine Telefon aus ihrer Handtasche hervor. Als sie die Nummer des Anrufers erkannte, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht und gut gelaunt meldete sie sich.
Guten Morgen Ben. Was machst du denn schon so früh auf den Beinen?
Sie schob ihren Stuhl zurück, stand auf und lehnte sich in einer ruhigen Ecke an die Wand. Natürlich konnten die Anwesenden in diesem Raum sowieso kein Wort in dieser, für sie so fremden Sprache verstehen, doch bei ihrem Gespräch von allen Augen beobachtet zu werden, empfand Paula auch nicht gerade als angenehm.
Bens Stimme klang ungewohnt ernst und alarmiert richtete Paula sich auf.
Guten Morgen Schnuppe. Wie geht es dir?
Mir geht es gut, aber du klingst etwas angespannt.
Ja, das mag sein, hörte sie ihren Freund am anderen Ende der Leitung und sie runzelte die Stirn.
Was ist denn los? fragte sie.
Ich denke, du solltest dich besser erst einmal setzen, entgegnete Ben und leicht verwirrt und mit steifen Gliedern näherte sie sich wieder ihrem Stuhl, zog ihn ein wenig abseits von den anderen und lies sich vorsichtig darauf nieder.
O.k., sagte sie dann und war sich gar nicht sicher, ob sie hören wollte, was Ben ihr zu sagen hatte. Ihr Herz krampfte sich ängstlich bei dem Gedanken zusammen, dass er ihr vielleicht von einer schweren Krankheit erzählen wollte. Ben war leider keine 17 mehr und in der Vergangenheit hatte sein Herz ihm bereits mehr als einmal Probleme bereitet. Seit er seinen Beruf aufgegeben hatte, war dies merklich besser geworden, aber vielleicht
Es geht um Harald Hanthes, hörte sie ihn in ihre Gedanken hinein sagen und sie fühlte, wie sämtliches Blut aus ihrem Gesicht wich.
Was? brachte sie beinahe flüsternd hervor.
Er ist wohl irgendwann heute Nacht aus der Klinik geflohen. Sie haben es heute morgen im Radio gebracht.
Was? fragte Paula erneut, einfach weil ihr Gehirn nicht im Stande war, diese monströse Nachricht sofort zu verdauen.
Ich habe mit Komissar Stelter gesprochen. Erinnerst du dich an ihn?
Vor Paulas geistigem Auge tauchte ein rotgesichtiger, beleibter Mann mit einem Kranz rötlicher Haare und beruhigend breiten, kräftigen Händen auf. Er hatte damals beim Tod ihrer Eltern die Ermittlungen geleitet und sie erinnnerte sich, dass er auf sie immer sehr beruhigend gewirkt hatte. Er war bedächtig, überlegt und sich seiner Position gegenüber Paula und den Medien sehr wohl bewußt gewesen.
Ich erinnere mich an ihn, entgegnete sie also.
Nun, er sagt, es ist noch nicht ganz klar, wie Hanthes entkommen konnte. Es wurde keine Tür aufgebrochen, sämtliche Fenster sind intakt. Allerdings vermissen sie eine der Schwestern.
Ist sie
, hauchte Paula und wagte nicht, den Satz zu ende zu sprechen.
Sie wissen es nicht, aber
, Ben stockte.
Was aber, Ben?
Aber ein Wachmann wurde heute morgen tot aufgefunden.
Das Blut rauschte in ihren Ohren, ihr Herz hämmerte heftig gegen ihre Rippen und sie hatte das Gefühl nicht mehr richtig atmen zu können.
Wie
ist er
gestorben? fragte sie, obwohl sie es eigentlich gar nicht wissen wollte, doch die schrecklichen Bilder, die in ihrem Kopf kreisten, ließen sich nicht verscheuchen. Blut, das von Wänden tropfte, die gebrochenen Augen eines Mannes, der nichts ahnend von diesem Monster überfallen wurde und wahrscheinlich Frau und Kinder zurück lies.
Er
hat ihm das Genick gebrochen.
Paula fühlte ein irrationale Erleichterung, die über sie hinweg flutete und schämte sich augenblicklich dafür. Der Mann war tot, ob nun mit einem schnellen Genickbruch oder einem weniger schnellen Blutbad spielte jetzt sowieso keine Rolle mehr.
Sie schwiegen beide eine ganze Weile, bis Ben sich wieder zu Wort meldete.
Du hast erst einmal nichts zu befürchten. Die Polizei ist sich sicher, dass er nicht aus der Stadt hinaus kann. Sie überwachen die Bahnhöfe, den Flugplatz und die Ausfallstraßen. Glaub mir, bis heute Abend haben sie ihn sicherlich geschnappt.
Aber du bist dir nicht sicher, stimmts flüsterte Paula und musste sich dabei beherrschen, das Telefon nicht einfach durch ihre zittrigen Finger fallen zu lassen.
Nein. Ich
Gott, es tut mir so leid. Ich wünschte, ich könnte dir aufbauendere Dinge sagen.
Es ist
schon gut so, Ben. Du weißt, dass ich mit der Wahrheit besser leben kann.
Das weiß ich. Außerdem hättest Du es sicherlich sowieso irgendwann aus den Nachrichten erfahren. Trotzdem mache ich mir Sorgen.
Ich weiß Ben, aber das mußt du nicht. Ich bin hier sicher, wie du schon sagtest und
nun ja
sie werden ihn sicherlich bald schnappen.
Ganz bestimmt.
Sie klangen beide nicht sehr überzeugt von ihren eigenen Worten, doch es schien ihnen der einzige Weg zu sein, mit dieser Nachricht umzugehen. Die Hoffnung wurde aufrecht erhalten, um jeden Preis. Genau so wie vor zwanzig Jahren, als sie hofften, dass das Monster für immer hinter Gittern gesperrt würde.
Ich werde noch eingige Nachforschungen anstellen, hörte sie Ben sagen. Ich kenne noch ein paar Leute bei der Zeitung. Mal hören, was die zu sagen haben.
Mach das. Ich
weiß noch nicht, was ich tun werde. Ich glaube, ich muß das erste einmal verdauen.
Das versehe ich. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn du jemanden in deiner Nähe einweihen würdest. Vielleicht können sie dir einen gewissen Schutz zur Verfügung stellen.
Du meinst, einen Bodyguard für mich?
So etwas in der Richtung, ja, stimmte ihr Ben zu.
Nein Ben, tut mir leid. Aber das geht nicht und das will ich auch gar nicht. Ich habe mir geschworen, mich von diesem Mistkerl nicht mehr einschüchtern zu lassen, ganz abgesehen davon, dass gar keine Kapazitäten für einen umfassenden Schutz vorhanden sind. Immerhin sind die Leute nicht wegen mir hier, du verstehst?
Ja, das verstehe ich. Trotzdem wäre mir wohler wenn ich wüßte, dass dort jemand auf dich aufpasst.
Ein zaghaftes Lächeln erschien auf Paulas Gesicht. Ich weiß Ben, aber du weißt, dass ich das nicht brauche. Er wird sowieso nicht hier auftauchen und wenn, wird er es nicht wagen in aller Öffentlichkeit auf mich loszugehen.
Ich hoffe, du hast recht, hörte sie ihn seufzen und ihr Lächeln vertiefte sich.
Mach dir keine Sorgen, o.k.? Ich bin hier bestens aufgehoben.
In Ordnung Schnuppe. Ich werde dann mal ein paar Telefonate führen.
Ist gut.
Wie fühlst du dich?
Ich
weiß nicht so genau, gab Paula zu. Ich habe Angst und ich bin wütend und ein kleiner Teil von mir hofft, dass er hier auftaucht und ich ihn dann fertig machen kann. Ein anderer wiederrum hofft, dass er so schnell wie möglich wieder hinter Gitter kommt und der Spuk damit ein Ende hat.
Sie hörte Ben seufzen. Versprich mir, dass du auf dich aufpasst, ja?
Ich verspreche es. Ich muß dann auch Schluß machen. Sei vorsichtig, ja? Und melde dich wieder.
Versprochen. Ich hab dich lieb Schnuppe, das weißt du, oder?
Ja, das weiß ich Ben, entgegnete Paula etwas verwirrt. Normaler Weise war Ben kein Mensch, der seine Gefühle in Worten ausdrückte. Doch vielleicht war dies eine Ausnahmesituation, die ihn zu diesem ungewöhnlichen Verhalten brachte. Ich hab dich auch lieb, entgegnete sie deshalb.
Also dann, er klang ein wenig verlegen. Pass auf deine jungen Hüpfer auf und melde dich heute Abend wenn du Zeit hast, ja?
Ja, das mache ich. Und es sind keine jungen Hüpfer, sondern die Backstreet Boys, lächelte Paula schwach.
Dann eben die Backstreet Boys.
Wir fahren heute Mittag weiter nach Mannheim. Nach Hause so zu sagen und ich freue mich schon auf meine Wohnung.
Das klingt doch gut. Die vertraute Umgebung und deine eigenen vier Wände werden dir sicherlich gut tun. Also machs gut, ja?
Du auch.
Sie verabschiedeten sich und unendlich langsam klappte Paula ihr Handy zu. Wie aus weiter Ferne drang das Gemurmel der anderen wieder an ihr Ohr, auch wenn sie nicht verstand, was eigentlich gesprochen wurde. Zu sehr rasten die Gedanken in ihrem Kopf.
Das Monster war frei. Alleine dieser Gedanke jagte einen unangenehmen Schauer über ihren Rücken. Plötzlich war sie nicht mehr 27 sondern 7 und spürte erneut den Verlust ihrer Eltern, ihres zu Hauses, der heilen Welt in der sie bisher gelebt hatte und der Sicherheit, der sie sich fälschlicher Weise hingegeben hatte.
Er ist frei dachte sie erneut und ein leichtes Zittern erfasste ihren Körper. Er läuft irgendwo da draußen herum und wird wieder morden. Das Zittern verstärkte sich. Und er wird nicht eher ruhen, bis er auch mich getötet hat.
Diese Erkenntnis raubte ihr für einen Moment die Luft zum Atmen. War es so? Hatte er es auf sie abgesehen?
Mit einem Ruck stand sie auf und wäre dabei beinahe mit AJ zusammen gestoßen.
Alles in Ordnung? fragte er besorgt, während er sie am Arm festhielt, damit sie nicht stürzte.
Ja, alles bestens, presste Paula hervor, entwandt sich aus seinem Griff und stürmte davon.
Völlig perplex starrte AJ ihr hinterher. Er hatte sie nicht mehr aus den Augen gelassen, nachdem sie sich auf den Stuhl gesetzt hatte und ihr Gesicht plötzlich kalkweiß geworden war. Er ärgerte sich, dass seine Deutschkenntnisse so mieserabel waren. Er hatte kein Wort verstanden, aber ihre Körperhaltung, die großen, fiebrig glänzenden Augen und das Zittern ihrer Hände hatte ihn in höchste Alarmbereitschaft versetzt.
Was ist denn mit Paula los? hörte er Lyn neben sich und als er sich umsah, entdeckte er in ihrem Gesicht den selben Ausdruck von Besorgnis, wie in Howies und Kevins, die sich zu ihnen gesellt hatten.
Ich habe keine Ahnung, sagte AJ wahrheitsgemäß.
Irgendetwas muß passiert sein, stellte Howie fest sie sah aus, als hätte sie ein Gespenst gesehen.
Soll ich oder gehst du? fragte Kevin an AJ gewandt und dieser nickte sofort.
Ich gehe.
Viel Glück, sagte Lyn und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
Sag ihr, dass wir für sie da sind, fügte Kevin hinzu.
Mach ich, und ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und strebte dem Ausgang zu. Er hoffte, dass er sie finden würde. Das Hotel war riesig und wenn sie allein sein wollte, fanden sich sicherlich genug Orte, an denen er sie niemals finden würde.
Er schaute sich einen Moment aufmerksam in der Lobby um, entschied, dass sie hier ganz sicher nicht mehr war und beschloss, es als erstes in ihrem Zimmer zu probieren.
Es schien ewig zu dauern, bis der Fahrstuhl endlich kam und während der Fahrt hinauf in den zehnten Stock trommelte er ungeduldig mit den Fingern gegen die Fahrstuhlwand. Er war mehr als beunruhigt. Diese Ausweichtaktik passte so gar nicht zu Paula. Normaler Weise hatte sie ihm immer ehrlich geantwortet, war ihm nie ausgewichen, hatte selbst schlimme Erlebnisse aus ihrem Leben mit ihm geteilt.
Als der Fahrstuhl schließlich zum Stehen kam, hastete er in den langen Hotelflur hinaus, noch bevor sich die Türen ganz geöffnet hatten. Er wandte sich nach links und rannte beinahe den verlassen vor ihm liegenden Flur hinunter. Er war bereits an der kleinen Nische vorbei, die auf halben Weg zwischen dem Fahrstuhl und Paulas Zimmer lag, als er das Schluchzen hörte. Wie angewurzelt blieb er stehen, drehte sich einmal um sich selbst um zu lokalisieren, aus welcher Richtung dieses Geräusch kam und ging dann langsam zu der Niesche zurück. Ein kurzer Gang weitete sich am Ende zu einem etwa 15 Quadratmeter großen Raum. Vor einer breiten Glasfront standen ein Tisch und zwei bequeme Sessel und rechts daneben, an der Wand auf dem Boden hockte Paula, hatte die Knie angezogen, den Kopf darauf gelegt und weinte zum Stein erweichen.
Schnell ging er zu ihr, lies sich in die Hocke hinunter und legte ihr die Hand auf den Arm.
Hey, sagte er leise.
G-Geh w-weg, schluchzte sie, sah ihn dabei allerdings nicht an.
Was ist denn nur passiert? fragte er und lies sich neben ihr an der Wand nieder, ganz bewußt ihre Bitte ignorierend.
D-Das geht dich n-nichts a-an, kam es heftig zurück. Immer noch ruhte ihr Kopf auf ihren Knien und ihre Arme umfassten diese noch fester.
Vielleicht kann ich dir helfen, versuchte er es noch einmal, während er ihr sanft über den Rücken strich.
NEIN, ihr Kopf fuhr in die Höhe und sie funkelte ihn aus rotgeweinten Augen an. Mir kann niemand helfen. Geht das in deinen Schädel hinein? Niemand!
Er war überrascht von der Heftigkeit, mit denen sie ihre Worte hervor stieß. Für einen Moment hatte er den Eindruck, dass sie vor lauter aufgestauter Wut gleich explodieren würde und das verunsicherte ihn um so mehr. Er war davon ausgegangen, dass sie vor Schmerz weinte, dass ihr jemand weh getan oder ihr eine schmerzliche Mitteilung gemacht hatte, doch nun erkannte er, dass sie vor unterdrücktem Zorn beinahe dabei war die Kontrolle zu verlieren.
Entschlossen stand er auf. Komm mit, sagte er, fasste nach ihrer Hand und kümmerte sich nicht um ihren Protest.
Irgendwie schaffte er es, sie aus der Niesche hinaus und in das Treppenhaus zu zerren, dort stieg er mit der sich heftig wehrenden Paula im Schlepptau zwei Stockwerke hinauf und war froh, dass er die Verwünschungen, die sie ihm in deutscher Sprache an den Kopf warf nicht verstehen konnte.
Im zwölften Stock angekommen trat er durch eine Tür und zerrte Paula hinter sich her durch einen kurzen Flur und an dessen Ende durch eine milchige Glastür. Unvermittelt standen sie in einem Fitnessraum.
Was soll das? giftete Paula hinter ihm, während sie mit beiden Händen versuchte, den Griff um ihr Handgelenk zu lösen. Lass mich sofort los McLean oder ich schwöre, du bist ein toter Mann.
Gleich, entgegnete er, durchquerte den Fitnessraum und vorbei an den vielen, chromglänzenden Geräten und einigen Besuchern, die ihnen mit offenen Mündern hinterher starrten, erreichte er schließlich eine weitere Tür. Er stieß sie auf, zog Paula hinter sich her und platzierte sie direkt vor einem der drei von der Decke hängenden, roten Sandsäcke. Jetzt endlich lies er sie los und ging sofort hinter dem Sandsack in Deckung, als sie begann mit den Fäusten auf ihn einzuschlagen.
Geschickt brachte er den Sandsack zwischen sich und Paula und die Hiebe, die eigentlich ihm zugedacht waren, trafen klatschend das harte, feste Leder.
Du Mistkerl, brüllte sie, versuchte aber nicht mehr, ihn zu treffen sondern hämmerte mit abgehackten, schnellen Bewegungen auf den Sandsack ein.
Er hörte sie wieder in ihrer Muttersprach fluchen, während er sich mit aller Kraft gegen den Sandsack stemmte. Immer wieder schlug sie auf diesen ein, schrie und weinte dabei und wurde erst leiser, als ihr schließlich die Luft vor Anstregung ausging.
Noch ein paar, eher halbherzige Schläge trafen den Sandsack, dann sah er, wie sie in die Knie einknickte und sich schwer atmend auf den Boden sinken lies. Vorsichtig lies er den Sandsack los und trat einen Schritt auf Paula zu. Sie lag flach mit dem Rücken auf den Boden, die Augen hatte sie geschlossen, ihre Brust hob und senkte sich unter ihren hektischen Atemzügen und aus ihrem geöffneten Mund entwich keuchend die Luft.
Für einen flüchtigen Moment dachte er daran, dass er diese Lippen in der vergangenen Nacht geküsst hatte. Eine spontane Handlung, die ihn mehr verwirrte, als er es für möglich gehalten hätte. Sie hatte sich so wundervoll angefühlt, ihre Lippen, die seinen Kuß beinahe schüchtern erwidert hatten, ihr verwirrter aber auch irgendwie entrückter Blick, der ihn bis in seine Träume verfolgt hatte
er schüttelte den Kopf. Das war das letzte, woran er jetzt denken sollte.
Vorsichtig lies er sich neben sie auf den Boden im Schneidersitz nieder und strich ihr ein paar Strähnen ihrer dunklen Locken aus dem schweißüberströmten Gesicht.
Geht es dir jetzt besser? fragte er leise und Paula nickte, ohne die Augen zu öffnen.
Willst du mir jetzt erzählen, was passiert ist?
Sie schlug die Augen auf und sah ihn an. Ihr Blick war ruhig, sämtliche Anspannung schien daraus gewichen zu sein, doch die kühle Gewissheit, dieser entschlossene Ausdruck darin, machten ihm beinahe Angst. Plötzlich war er sich gar nicht mehr so sicher, ob er wirklich wissen wollte, was da eben passiert war. Was konnte in ihr nur so eine ungeheure Wut auslösen? Und das auch noch bei einem Menschen wie Paula, die normaler Weise sehr beherrscht, konzentriert und rational an ein Problem heran ging?